13. März 2025
Aufruf gegen den Sondierungswahnsinn der neuen Regierung: Gegen die astronomische Aufrüstung!
Mit abgewählten Mehrheiten treiben die neuen Regierungsparteien CDU/CSU und SPD in einem demokratieverachtenden Coup die Militarisierung Deutschlands voran. Mit einer Grundgesetzänderung soll noch in dieser Woche die Schuldenbremse für Verteidigung aufgehoben und endlose Milliarden Euro Kriegskredite ermöglicht werden – nicht für Soziales oder Bildung, sondern für die Kriegsvorbereitung.
Das milliardenschwere Aufrüstungsprogramm und das kreditfinanzierte Infrastrukturprogramm sind zwei Seiten derselben Medaille: Laut Sondierungsergebnis soll 1% des Wehretats unter die Schuldenbremse fallen, um einen erheblichen Teil des künftigen Bundeshaushalts gegen Sozialausgaben aufzurechnen und Kürzungen zu rechtfertigen. Damit stellt die geplante Grundgesetzänderung faktisch eine Verschärfung der Schuldenbremse dar: Während Sozialausgaben weiter unter Finanzvorbehalt stehen, können zusätzliche Rüstungsvorhaben unbegrenzt über Kriegskredite finanziert werden. Die dringend benötigten Infrastrukturinvestitionen dienen dabei nicht einer nachhaltigen, sozialen und ökologischen Transformation der Industrie, sondern werden in den zivilen Ausbau militärischer Mobilmachung gelenkt – etwa durch Schienennetze und Krankenhäuser, die vorrangig der Verlegung und Versorgung von Truppen dienen. Das Finanzkapital wird in den Krieg umgeleitet – ein Raubbau an unserer Zukunft.
Ziel ist die Errichtung einer Kriegswirtschaft, und die dafür notwendige Transformation der Bundeswehr zur „kriegstüchtigen“ Streitmacht. Die geschürte Angst vor Russland soll den Rüstungswahnsinn legitimieren – während mit der Raketenstationierung gezielt Drohgebärden gegen Russland aufgebaut werden. Dabei ist die militärische Überlegenheit der NATO, wenn nur die europäischen NATO-Staaten auf sich allein gestellt blieben, unbestreitbar und jetzt sollen von der EU nochmal 800 Milliarden Euro Schulden für denselben Aufrüstungszweck bereitgestellt werden.
Dieser Aufrüstungskurs dient allein den Herrschenden in Europa, die den Krieg in der Ukraine für ihre Großmachtambitionen am Leben halten wollen, während sie gleichzeitig den Völkermord in Gaza nicht nur duldeten, sondern aktiv unterstützen. Dabei nehmen sie einen Krieg mit Russland in den nächsten fünf Jahren bewusst in Kauf und bereiten ihn strategisch und besonders ideologisch vor.
Die Imperialisten der Welt zeigen ihre wahre Fratze: Das Recht des Stärkeren soll die antifaschistischen Errungenschaften des Völkerrechts ersetzen. Für uns – die Mehrheit der arbeitenden Klasse – bedeutet er nichts anderes als eine gigantische Umverteilung von unten nach oben, durch Rüstung, Krieg und soziale Verelendung.
Die Kürzungen im sozialen Bereich werden zu einer weiteren Prekarisierung der Arbeiter*innenjugend am unteren Rand der Gesellschaft führen. Der einzige Ausweg aus der Verwahrlosung soll das Militär sein, sowohl als sicherer Arbeitgeber als auch als Möglichkeit einer kaum mehr zu bewerkstelligenden Studienfinanzierung. Die parallel dazu eingesetzte Wehrpflicht-Debatte zeigt: Neben wirtschaftlichem Zwang wird auch ideologischer Druck genutzt, um eine neue Kriegsbereitschaft zu formen. Doch bislang gibt es in der Jugend wenig Zustimmung für eine solche nationale Mobilmachung.
Auch die Hochschulen sollen nicht mehr der breiten Bevölkerung offenstehen, sondern nun wieder der Elitenförderung dienen und die Wissenschaft wieder einmal, diesmal aber mit neuer Qualität und noch größerem Anteil, dem Imperialismus dienen. Dem stehen die Zivilklauseln im Weg, die nun auch eine der Regierungsparteien offen verbieten will.
Die Auseinandersetzung um die Aufrüstung spitzt sich also um die Jugend und die Hochschulen zu. Die Rüstungsindustrie benötigt dringend unsere Köpfe und unsere Tätigkeiten. Das heißt, wenn wir uns wehren, wenn wir unsere Tätigkeiten nicht der Kriegsforschung widmen und an den Zivilklauseln halten, wenn wir die soziale Schließung der Hochschulen verhindern und uns nicht als Arbeiter*innenjugend spalten lassen, verunmöglichen wir den Kriegskurs!
Das Friedensgebot im Grundgesetz ist eine antifaschistische Konsequenz: Nie wieder Krieg, nie wieder Militarismus als Staatsräson. Dies erfordert aktive Abrüstung und zivile Konfliktlösung statt endloser Aufrüstungsspiralen. Rüstungsausgaben binden Mittel, die für Bildung, Klimaschutz und öffentliche Infrastruktur fehlen – gesellschaftlicher Fortschritt wird blockiert. Stattdessen braucht es eine echte Zeitenwende: Abrüstung, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung.
Also kämpfen wir mit einer langfristigen Organisierung an unserem Lebensschwerpunkt:
mit Bafög für Alle gegen die Elitenbildung zu Kriegszwecken!
mit Zivilklauseln und kritischer Wissenschaft gegen die Vereinnahmung für Kriegsforschung!
Wir rufen alle Studierenden auf, lokale Aktionen vom 13.03. bis 18.03.25 zu organisieren und sich den Ostermärschen anzuschließen!
29. Januar 2025
Pressemitteilung zur beschlossenen Antisemitismusresolution im Bundestag
Als sozialistisch-demokratischer Studierendenverband stehen wir klar gegen jede Form von Diskriminierung und halten somit auch die Bekämpfung von Antisemitismus für wichtig. Doch der von SPD, Grünen, FDP und CDU/ CSU vorgelegte Antrag wird diesem Anspruch nicht gerecht, weshalb wir seine Verabschiedung entschieden kritisieren.
“Unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Antisemitismus findet mit dieser Resolution ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit und Verengung des Diskurses statt!” – Julius aus dem BuVo. Dieser gefährdet nicht nur kritische Wissenschaftler*innen, sondern bedroht auch die Hochschulautonomie und untergräbt unsere Arbeit als Studierendenverband.
Die Verwendung der IHRA-Antisemitismusdefinition als einzige Grundlage, nach welcher zukünftig die Vergabe von Forschungsgeldern auf Antisemitismus überprüft werden soll, stellt einen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit dar. Die Arbeitsdefinition der IHRA gilt wissenschaftlich als hochgradig umstritten [1] und ihre Verwendung wird von vielen Menschenrechtsorganisationen kritisiert [2], da sich unter ihr jegliche Kritik am Staat Israel und seiner Politik fassen lassen.
In einer Zeit, in welcher das genozidale Bestreben Israels im Gazastreifen Gegenstand einer Anklage vor dem ISTGH und zahlreicher Berichte der Vereinten Nationen ist, kann die IHRA-Definition genutzt werden, um kritische Stimmen an den Universitäten zu unterdrücken. Die verfassungswidrige Räumung des Protestcamps an der Freien Universität Berlins oder die Stark-Watzinger-Affäre waren nur ein Vorgeschmack darauf, wie sich der Diskursraum für all jene verdichtet, welche sich nicht bedingungslos hinter die deutsche Staatsräson stellen.
Dadurch wird diese Resolution ihrem eigenen Anspruch, nämlich dem Erhalt von Universitäten als Orte des kritischen Diskurses und der Vergabe von Fördergeldern alleine auf Basis der wissenschaftlichen Exzellenz, nicht gerecht und wurde deshalb zu Recht von der Hochschulrektorenkonferenz kritisiert [3].
Darüber hinaus fokussiert sich der Antrag lediglich auf Antisemitismus und setzt sich überhaupt nicht mit der Zunahme antimuslimischen und anti-arabischen Rassismus seit dem 07. Oktober auseinander. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass nur die Geschichte Israels Gegenstand von Unterricht und Forschung sein soll und die Geschichte Palästinas, sowie anderer Länder in der Region keine Rolle spielen soll, wie die Allianz für kritische und solidarische Wissenschaft zu Recht kritisiert [4].
Aus diesen Gründen halten wir die Verabschiedung der Antisemitismus-Resolution für gefährlich und fordern nachdrücklich den Erhalt von Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie, sowie eine Ausfinanzierung der Hochschulen und Rücknahme der Reprresionen, da dies die Grundlage für einen offenen kritischen Diskurs über Antisemitismus darstellt.
22. August 2024
Aufruf: Hinaus zum Antikriegstag!
Getrieben von ökonomischem Expansions- und geopolitischem Machtstreben überfiel am 01. September 1939 das faschistische Deutschland Polen und überzog damit die Menschheit mit dem Zweiten Weltkrieg, der das Leben von über 65 Millionen Menschen beendete, darunter mehr als 27 Millionen Sowjetbürger. Der Krieg war von langer Hand vorbereitet mit enormer Aufrüstung, der Aufkündigung von Abrüstungsverträgen, dem Umbau zu einer Kriegswirtschaft, der Verfolgung von sozialistischen Kräften, Pazifist:innen und Jüd:innen sowie rassistischer Hetze. Einer antifaschistischen Allianz gelang es, den Krieg zu beenden und – als Lehre aus den zwei Weltkriegen – systemübergreifend die UN-Charta und die Verfassung der UNESCO hervorzubringen, damit die Menschheit ihre Geschicke selbst in die Hand nimmt. Angesichts der aktuellen kriegerischen Eskalationen weltweit und der Militarisierung ist es umso notwendiger, diese Lehren zu verwirklichen.
Mit dem Abstieg und der Herausforderung des US-Imperialismus und dem Aufstieg der Länder des globalen Südens sowie Chinas verschärft sich die Konkurrenz der ehemals US-hegemonialen Weltordnung. Gegen diesen Abstieg rüsten BRD und NATO-Staaten auf, um kriegerisch die Führung in der Weltordnung durchzusetzen: zur Sicherung des privilegierten Zugangs westlicher Konzerne zu Rohstoffen, Absatzmärkten und billigen Arbeitskräften. Zum ersten Mal seit Ende des Kalten Krieges wird für 2026 die Stationierung von US-Raketen in der BRD vorgesehen. Diese Raketen zielen Richtung Russland. Die Bundesregierung nimmt damit sehenden Auges die Eskalation bis zum Atomkrieg in Kauf.
Begleitet wird diese Eskalation durch immer neue Waffenlieferungen. Diese beschränken sich nicht auf die Ukraine. Durch die Lieferung deutscher Waffen wird auch der Genozid, die Hungerkrise, die vollständige Vernichtung ziviler Infrastruktur und die Zerstörung des Bildungswesen in Gaza befeuert. Entgegen dem gilt es Völkerverständigung sowie die Menschenrechte zu realisieren. Deshalb sagen wir “Nein” zu Waffenlieferungen, Auslandseinsätzen, “Kriegstüchtigkeit” und der „Abschreckung“ als Machtmittel in der internationalen Weltordnung. Statt internationaler Gewalt braucht es gewaltigen Internationalismus für die Lösung der Menschheitsherausforderungen des Hungers, der Armut, dem Klima- und Umweltschutz sowie der Geschlechtergerechtigkeit. Zur Beendigung des Krieges in der Ukraine braucht es Diplomatie und Kooperation als Grundlage für soziale Entwicklungsmöglichkeiten.
Der Krieg nach innen durch die Verrohung aller zivilgesellschaftlicher Bereiche durch die Bundesregierung geht damit einher, dass die Errungenschaften aus „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“ vergessen gemacht werden sollen, um den Menschen auf allgemeine Feindschaft, Konkurrenz, wirtschaftliche Verwertbarkeit und Leistungsfähigkeit umzupolen – darunter sind die Anstrengungen zur Wiedereinführung der Wehrpflicht zu verstehen. Im Interesse aller Menschen und menschlich ist das Zusammenleben selbstbestimmt, solidarisch und auf Augenhöhe zu gestalten. Die Kriegsvorbereitungen zielen auf dsa Gegenteil, dem müssen wir uns geeint entgegenstellen. Der (finanzielle) Aufwand, der gerade für die Aufrüstung betrieben wird, muss in Bildung, Kultur, Gesundheit, Wohnraum, Klima und öffentliche Räume umgewidmet werden.
Der Kampf für soziale Verbesserung in den Bildungseinrichtungen ist ein entscheidender Faktor im Kampf für den Frieden und Sozialismus. Ihre Neugestaltung schafft eine soziale Grundlage für die kritische Meinungsbildung. Mit vollem Magen lässt sich besser studieren! Dies ermöglicht erst die volle Wahrnehmung der eigenen Interessen sowie eine oppositionelle und widerständige Haltung gegen die herrschenden Verhältnisse von Austerität, Gehorsam und Kriegstüchtigkeit.
Anstatt die intellektuelle Kraft, die aus den Hochschulen hervorgeht, für die Militärforschung zu verschwenden, wollen wir diese als entscheidenden Beitrag zur Lösung der globalen Krisen einsetzen.
Hierfür gilt es, die Wissenschaftskooperationen nach zivilen Maßstäben auszubauen – mit Russland, China, Palästina und Israel. Im Falle Israels heißt das konkret: Stopp von Rüstungskooperationen. Stopp von ideologischer, juristischer, geschichtswissenschaftlicher Legitimierung von Völkermord und Ungleichheit und stattdessen eine friedenspolitische Neuausrichtung für Völkerverständigung und einen gerechten und sozialen Frieden. Die Wissenschaftsfreiheit muss dabei stets im Zusammenschluss mit der Verwirklichung des Friedensgebots und der Würde des Menschen begriffen werden. Vorstößen des Bundesforschungsministeriums oder der bayerischen Landesregierung zur Militarisierung der Hochschulen stellen wir uns entschieden entgegen. Für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft für alle haben wir unsere Kreativität und Denkkraft in die menschen- und friedensorientierte Forschung zu stecken.
In diesem Sinne: Hinaus zum Antikriegstag! Kommt mit uns am 01.09.24 auf die Straße und lasst uns ein starkes Zeichen für den Frieden setzen. Wir alle sind diejenigen, auf die es ankommt, eine wirkliche Perspektive zu entwickeln und zu erwirken! BAföG für alle, statt Profite für wenige als Teil einer sozialen Wende. Wir kämpfen für: Internationale Wissenschaftskooperationen als Teil konkreter Völkerverständigung. Friedensbildung als Teil von ziviler Emanzipation. Wissenschaft, die immer dem Frieden und nie dem Krieg dienlich ist als Leitwissenschaft für einen wirklichen Beitrag zur Lösung der gesellschaftlichen Krisen. Das ist die einzige Existenzberechtigung für Universitäten, Lehrende und Lernende. Dafür laden wir alle ein, mit uns an den Hochschulen zu kämpfen!
08. Juli 2024
Waffenstillstand jetzt! Stoppt die Ausweitung des Krieges im Nahen Osten!
Auf dem 34. Bundeskongress von Die Linke.SDS haben wir per Dringlichkeitsbeschluss das folgende Statement verabschiedet:
Als Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband fordern wir alle Gliederungen der Partei, des Jugend- und Studierendenverbands sowie alle Mitglieder auf, sich in einer neuen Qualität und vollkommenen Entschlossenheit für einen sofortigen Waffenstillstand im Nahen Osten einzusetzen. Der fortlaufende Genozid und die absolute Zerstörung aller zivilisatorischen Grundlagen, resultiert durch die Besatzungsökonomie und Apartheid in Israel. Jetzt wurde eine eskalative Ausweitung des israelischen Kriegs auf den Libanon angekündigt.
Ranghohe Armeevertreter haben eine Offensive im Libanon „genehmigt und freigegeben“, teilte die Armee mit. Der israelische Außenminister Israel Katz drohte der Hisbollah mit ihrer Zerstörung in einem umfassenden Krieg (“all-out war”).
Die Gefahr einer weiteren Ausweitung des Krieges zu einem atomaren Flächenbrand droht, wenn keine Deeskalation erkämpft wird. Statt weiteren Waffenlieferungen muss ein umfassendes Waffenembargo gegen Israel und ein Stopp aller Rüstungsexporte aus Deutschland durchgesetzt werden. DIE LINKE wird aufgefordert, sich entschieden und öffentlichkeitswirksam für einen Stopp aller deutschen Waffenlieferungen nach Israel einzusetzen.
08. Mai 2024
BAföG statt Rüstung – Für eine wirkliche Reform der Ausbildungsförderung statt weiterer Elendsverwaltung
Im Bundestag läuft gerade die sogenannte “BAföG-Reform” an. Die Ampel-Regierung hat bereits einen Entwurf vorgelegt, der nun an verschiedenen Stellen diskutiert wird. Gleichzeitig geht es an den Hochschulen in Deutschland rund. In Berlin soll mit der Wiedereinführung des Ordnungsrechts an den Hochschulen die Möglichkeit zu Zwangsexmatrikulationen geschaffen werden, um politisch unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. In Hessen und Bayern arbeiten die unionsgeführten Regierungen an der Aufweichung bzw. Abschaffung der Zivilklauseln, um Rüstungsindustrie und Bundeswehr Zugang zu Forschung und Lehre zu verschaffen. Damit sollen auch Wissenschaft und Studierende “kriegstüchtig” gemacht werden. “Kanonen statt Butter”, wie Ifo-Präsident Clemens Fuest kürzlich in (wohl unbewusster) Anlehnung an den Nazi-Funktionär Rudolf Hess sagte. Das ist aktuell die Devise der Bundesregierung. Zugunsten der Sicherung und Erweiterung der globalen Einflussgebiete strebt der deutsche Staat seit Ausrufen der “Zeitenwende” die umfassende – materielle wie ideologische – Militarisierung der Gesellschaft an. Bei der Butter, d.h. Sozial- und Bildungsausgaben, Umweltschutz und öffentlicher Infrastruktur, usw., muss daher gespart werden.
Dies zeigt sich auch beim BAföG. Im Koalitionsvertrag von 2021 wurde noch die große Reform der Ausbildungsförderung versprochen. Dass daraus nichts wird, war schon abzusehen, als die Bundesregierung ankündigte, im Bundeshaushalt 2024 den BAföG-Topf um rund ein Viertel zu kürzen (von 2,7 Mrd. auf 2,0 Mrd. Euro). Doch das Bildungsministerium unter Stark-Watzinger (FDP) will nun nicht mal die mickrigen 160 Millionen, die im Haushalt der BAföG-Reform zugesprochen wurden, ausgeben. Im Referentenentwurf sind nur 60 Millionen veranschlagt. Zwar enthält dieser auch positive Teilerfolge für Studierende und Schüler*innen, die jedoch völlig unzureichend bleiben:
- Ab Herbst 2024 sollen die Elternfreibeträge um 5% angehoben werden. Der wirkliche Reformschritt der Elternunabhängigkeit für die Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung emanzipatorisch vom Elternhaus und für die Stärkung der öffentlichen, demokratischen Finanzierung der Bildung bleibt offen zu erkämpfen.
- Die Förderungsdauer wird um ein “Flexibilitätssemester” auf 7 Semester erhöht. Dauerhaftes, leistungs-unabhängiges BAföG zur Realisierung des Rechts auf Bildung und sinnvollen Lernens ist dagegen die reale Verbesserungsperspektive.
- Eine einmalige “Studienstarthilfe” von 1000 Euro, die Studienanfänger*innen aus armen Familien auf Antrag einen Monat vor Semesterbeginn ausgezahlt werden soll.
Doch im Ganzen kann nicht von einer wirklichen “Reform” gesprochen werden. Vielmehr wird das Elend weiter verwaltet, zu dem das BAföG – bei seiner Einführung 1971 ein Meilenstein für die soziale Öffnung der Hochschulen für Arbeiterkinder – in den letzten Jahrzehnten gemacht wurde. In wichtigen Punkten stellt der Entwurf eine Verschlechterung dar:
- Die monatliche Rückzahlungsrate des Darlehensanteil soll von 130 auf 150 Euro steigen.
- Die maximale Rückzahlungssumme soll von 10.010 auf 11.550 Euro erhöht werden.
- Zudem gibt es keine Erhöhung der Bedarfssätze sowie der Wohnungspauschale trotz anhaltender Inflation bei Konsumgütern und Mietpreisen!
Nachdem schon viele Vertreter studentischer Interessen wie das Deutsche Studierendenwerk, der fzs und die GEW den Vorstoß kritisierten, machte nun auch der Bundesrat einen vorsichtigen Schritt in diese Richtung, wobei die Sorge um Rechtssicherheit und die Belastung der Sachbearbeiter*innen im Vordergrund stehen:
- Die Bedarfssätze müssten dem Existenzminimum entsprechen und die Wohnkostenpauschale erhöht werden.
- Statt des “Flexibilitätssemesters” soll die Förderungshöchstdauer um zwei Semester erhöht werden sowie die “Studienstarthilfe” allen Empfänger*innen ausgezahlt werden.
- Es gab jedoch keine Kritik an der Verschlechterung der Rückzahlungsmodalitäten.
Für die Länder ist es einfach, die mangelnde Zahlungsbereitschaft des Bundes zu kritisieren. Doch wenn es um notwendige Maßnahmen im eigenen Verantwortungsbereich geht, sind die Länder still. Es muss auch die Ausfinanzierung der Hochschulen und der Studierendenwerke gesichert werden!
Von Mut zur Reform kann daher weder beim Bund, noch bei den Ländern die Rede sein. Dabei kennen die Politiker*innen doch genauso gut wie wir alle die Zahlen: 38% der Studierenden leben unter der Armutsgrenze, unter allein- oder in WGs lebenden Studierenden sogar 76%. Dass die BAföG-Sätze, und speziell die Wohnungspauschale in Großstädten, nicht mal annähernd zum Leben reichen, wird regelmäßig von Forschungsinstituten belegt und sogar bald vor dem Bundesverfassungsgericht diskutiert. Ohnehin erhalten aufgrund der strikten Förderkriterien heute nur noch rund 12% der Studierenden BAföG. Bei der Einführung 1972 waren es noch 45%! Man könnte also meinen, die Bildung wäre der Regierung einfach egal. Doch das wäre falsch. Tatsächlich sorgt sich der Staat immer sehr um die Lage an den Hochschulen, wenn Studierende oder Wissenschaftler*innen aufmüpfig werden, wie die angestrebte Reform des Berliner Hochschulgesetzes zeigt. Bildung und Wissenschaft müssen aus Sicht des Staats ihren Zweck erfüllen, d.h. fleißige, gehorsame Arbeitskräfte produzieren und Innovationen, die dem deutschen Kapital in der Markt- und Staatenkonkurrenz einen Vorteil verschaffen. Die Unterfinanzierung der Hochschulen ist kein Unfall, sondern eine Methode, um die Abhängigkeit und Not der Studierenden wie auch des Lehrpersonals zu verschärfen und damit Konformität zu fördern. Wenn wir eine wirkliche Reform des BAföGs wollen, können wir daher nicht auf die Almosen der Regierung warten. Wirkliche Reformen wurden immer erkämpft!
Das zeigt u.a. die Geschichte des BAföGs, dessen Einführung 1971 wesentlich auf dem Druck der Studierendenbewegung basierte. Dabei betrachteten die Studierenden damals das BAföG als Fortschritt, aber lediglich als einen aus dem Kompromiss geborenen Teilerfolg. Bereits der historische SDS der 60er Jahre forderte ein umfassendes “Studienhonorar”, das Schüler*innen ab 18, Auszubildenden und Studierenden ermöglichen sollte, sich ohne Existenzsorgen auf ihre Bildung zu konzentrieren. Die Bildungsgewerkschaft GEW vertritt diese Forderung bis heute. Ihr zugrunde liegt die Idee, dass es nicht der Sinn von Bildung ist, individuelle Vorteile auf dem Arbeitsmarkt zu erlangen. Bildung ist eine soziale und materielle Produktivkraft, ohne die beim heutigen Entwicklungsstand nichts laufen würde und die daher ausreichend öffentlich finanziert werden muss, damit alle Menschen Zugang zu ihr haben. Nur so kann die Wissenschaft sich den realen Menschheitsproblemen widmen und dabei zur Befreiung von Krieg, Umweltzerstörung und sozialem Elend beitragen – statt diese aktiv zu fördern!
In diesem Sinne streiten wir als SDS für eine wirkliche Reform: BAföG für Alle! Das heißt, dass jede und jeder vom Regelsatz gut leben und lernen kann und dass dieser allen Studierenden, Auszubildenden und Schüler:innen (die nicht mehr bei den Eltern wohnen) zukommt – unabhängig von Alter, Herkunft, Studiendauer und Einkommen der Eltern. Deshalb fordern wir:
- Erhöhung der Bedarfssätze von dem aktuellen Höchstsatz von 934 Euro auf flächendeckend mindestens 1200 Euro inklusive automatischer Steigerung mit der Inflation, weil damit erst das Recht auf Sozialstaat, menschenwürdige Mindestsicherung und Bildung realisiert wird.
- Erhöhung der Wohnpauschale, weil die Mieten enorm nach oben gesetzt wurden.
- Massive Erhöhung der Elternfreibeträge, damit die öffentliche Finanzierung und die emanzipatorische Persönlichkeitsentwicklung gestärkt wird.
- Verlängerung der Förderungsdauer, damit wir diskutieren, forschen und lernen können.
- Reduktion des Darlehensanteils, hin zum Vollzuschuss!
- BAföG für Alle statt bürokratische und erniedrigende Antragsstellung!
Mischt euch mit ein!
08. Mai 2024
BAföG statt Rüstung – Für eine wirkliche Reform der Ausbildungsförderung statt weiterer Elendsverwaltung
Im Bundestag läuft gerade die sogenannte “BAföG-Reform” an. Die Ampel-Regierung hat bereits einen Entwurf vorgelegt, der nun an verschiedenen Stellen diskutiert wird. Gleichzeitig geht es an den Hochschulen in Deutschland rund. In Berlin soll mit der Wiedereinführung des Ordnungsrechts an den Hochschulen die Möglichkeit zu Zwangsexmatrikulationen geschaffen werden, um politisch unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. In Hessen und Bayern arbeiten die unionsgeführten Regierungen an der Aufweichung bzw. Abschaffung der Zivilklauseln, um Rüstungsindustrie und Bundeswehr Zugang zu Forschung und Lehre zu verschaffen. Damit sollen auch Wissenschaft und Studierende “kriegstüchtig” gemacht werden. “Kanonen statt Butter”, wie Ifo-Präsident Clemens Fuest kürzlich in (wohl unbewusster) Anlehnung an den Nazi-Funktionär Rudolf Hess sagte. Das ist aktuell die Devise der Bundesregierung. Zugunsten der Sicherung und Erweiterung der globalen Einflussgebiete strebt der deutsche Staat seit Ausrufen der “Zeitenwende” die umfassende – materielle wie ideologische – Militarisierung der Gesellschaft an. Bei der Butter, d.h. Sozial- und Bildungsausgaben, Umweltschutz und öffentlicher Infrastruktur, usw., muss daher gespart werden.
Dies zeigt sich auch beim BAföG. Im Koalitionsvertrag von 2021 wurde noch die große Reform der Ausbildungsförderung versprochen. Dass daraus nichts wird, war schon abzusehen, als die Bundesregierung ankündigte, im Bundeshaushalt 2024 den BAföG-Topf um rund ein Viertel zu kürzen (von 2,7 Mrd. auf 2,0 Mrd. Euro). Doch das Bildungsministerium unter Stark-Watzinger (FDP) will nun nicht mal die mickrigen 160 Millionen, die im Haushalt der BAföG-Reform zugesprochen wurden, ausgeben. Im Referentenentwurf sind nur 60 Millionen veranschlagt. Zwar enthält dieser auch positive Teilerfolge für Studierende und Schüler*innen, die jedoch völlig unzureichend bleiben:
- Ab Herbst 2024 sollen die Elternfreibeträge um 5% angehoben werden. Der wirkliche Reformschritt der Elternunabhängigkeit für die Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung emanzipatorisch vom Elternhaus und für die Stärkung der öffentlichen, demokratischen Finanzierung der Bildung bleibt offen zu erkämpfen.
- Die Förderungsdauer wird um ein “Flexibilitätssemester” auf 7 Semester erhöht. Dauerhaftes, leistungs-unabhängiges BAföG zur Realisierung des Rechts auf Bildung und sinnvollen Lernens ist dagegen die reale Verbesserungsperspektive.
- Eine einmalige “Studienstarthilfe” von 1000 Euro, die Studienanfänger*innen aus armen Familien auf Antrag einen Monat vor Semesterbeginn ausgezahlt werden soll.
Doch im Ganzen kann nicht von einer wirklichen “Reform” gesprochen werden. Vielmehr wird das Elend weiter verwaltet, zu dem das BAföG – bei seiner Einführung 1971 ein Meilenstein für die soziale Öffnung der Hochschulen für Arbeiterkinder – in den letzten Jahrzehnten gemacht wurde. In wichtigen Punkten stellt der Entwurf eine Verschlechterung dar:
- Die monatliche Rückzahlungsrate des Darlehensanteil soll von 130 auf 150 Euro steigen.
- Die maximale Rückzahlungssumme soll von 10.010 auf 11.550 Euro erhöht werden.
- Zudem gibt es keine Erhöhung der Bedarfssätze sowie der Wohnungspauschale trotz anhaltender Inflation bei Konsumgütern und Mietpreisen!
Nachdem schon viele Vertreter studentischer Interessen wie das Deutsche Studierendenwerk, der fzs und die GEW den Vorstoß kritisierten, machte nun auch der Bundesrat einen vorsichtigen Schritt in diese Richtung, wobei die Sorge um Rechtssicherheit und die Belastung der Sachbearbeiter*innen im Vordergrund stehen:
- Die Bedarfssätze müssten dem Existenzminimum entsprechen und die Wohnkostenpauschale erhöht werden.
- Statt des “Flexibilitätssemesters” soll die Förderungshöchstdauer um zwei Semester erhöht werden sowie die “Studienstarthilfe” allen Empfänger*innen ausgezahlt werden.
- Es gab jedoch keine Kritik an der Verschlechterung der Rückzahlungsmodalitäten.
Für die Länder ist es einfach, die mangelnde Zahlungsbereitschaft des Bundes zu kritisieren. Doch wenn es um notwendige Maßnahmen im eigenen Verantwortungsbereich geht, sind die Länder still. Es muss auch die Ausfinanzierung der Hochschulen und der Studierendenwerke gesichert werden!
Von Mut zur Reform kann daher weder beim Bund, noch bei den Ländern die Rede sein. Dabei kennen die Politiker*innen doch genauso gut wie wir alle die Zahlen: 38% der Studierenden leben unter der Armutsgrenze, unter allein- oder in WGs lebenden Studierenden sogar 76%. Dass die BAföG-Sätze, und speziell die Wohnungspauschale in Großstädten, nicht mal annähernd zum Leben reichen, wird regelmäßig von Forschungsinstituten belegt und sogar bald vor dem Bundesverfassungsgericht diskutiert. Ohnehin erhalten aufgrund der strikten Förderkriterien heute nur noch rund 12% der Studierenden BAföG. Bei der Einführung 1972 waren es noch 45%! Man könnte also meinen, die Bildung wäre der Regierung einfach egal. Doch das wäre falsch. Tatsächlich sorgt sich der Staat immer sehr um die Lage an den Hochschulen, wenn Studierende oder Wissenschaftler*innen aufmüpfig werden, wie die angestrebte Reform des Berliner Hochschulgesetzes zeigt. Bildung und Wissenschaft müssen aus Sicht des Staats ihren Zweck erfüllen, d.h. fleißige, gehorsame Arbeitskräfte produzieren und Innovationen, die dem deutschen Kapital in der Markt- und Staatenkonkurrenz einen Vorteil verschaffen. Die Unterfinanzierung der Hochschulen ist kein Unfall, sondern eine Methode, um die Abhängigkeit und Not der Studierenden wie auch des Lehrpersonals zu verschärfen und damit Konformität zu fördern. Wenn wir eine wirkliche Reform des BAföGs wollen, können wir daher nicht auf die Almosen der Regierung warten. Wirkliche Reformen wurden immer erkämpft!
Das zeigt u.a. die Geschichte des BAföGs, dessen Einführung 1971 wesentlich auf dem Druck der Studierendenbewegung basierte. Dabei betrachteten die Studierenden damals das BAföG als Fortschritt, aber lediglich als einen aus dem Kompromiss geborenen Teilerfolg. Bereits der historische SDS der 60er Jahre forderte ein umfassendes “Studienhonorar”, das Schüler*innen ab 18, Auszubildenden und Studierenden ermöglichen sollte, sich ohne Existenzsorgen auf ihre Bildung zu konzentrieren. Die Bildungsgewerkschaft GEW vertritt diese Forderung bis heute. Ihr zugrunde liegt die Idee, dass es nicht der Sinn von Bildung ist, individuelle Vorteile auf dem Arbeitsmarkt zu erlangen. Bildung ist eine soziale und materielle Produktivkraft, ohne die beim heutigen Entwicklungsstand nichts laufen würde und die daher ausreichend öffentlich finanziert werden muss, damit alle Menschen Zugang zu ihr haben. Nur so kann die Wissenschaft sich den realen Menschheitsproblemen widmen und dabei zur Befreiung von Krieg, Umweltzerstörung und sozialem Elend beitragen – statt diese aktiv zu fördern!
In diesem Sinne streiten wir als SDS für eine wirkliche Reform: BAföG für Alle! Das heißt, dass jede und jeder vom Regelsatz gut leben und lernen kann und dass dieser allen Studierenden, Auszubildenden und Schüler:innen (die nicht mehr bei den Eltern wohnen) zukommt – unabhängig von Alter, Herkunft, Studiendauer und Einkommen der Eltern. Deshalb fordern wir:
- Erhöhung der Bedarfssätze von dem aktuellen Höchstsatz von 934 Euro auf flächendeckend mindestens 1200 Euro inklusive automatischer Steigerung mit der Inflation, weil damit erst das Recht auf Sozialstaat, menschenwürdige Mindestsicherung und Bildung realisiert wird.
- Erhöhung der Wohnpauschale, weil die Mieten enorm nach oben gesetzt wurden.
- Massive Erhöhung der Elternfreibeträge, damit die öffentliche Finanzierung und die emanzipatorische Persönlichkeitsentwicklung gestärkt wird.
- Verlängerung der Förderungsdauer, damit wir diskutieren, forschen und lernen können.
- Reduktion des Darlehensanteils, hin zum Vollzuschuss!
- BAföG für Alle statt bürokratische und erniedrigende Antragsstellung!
Mischt euch mit ein!
04. März 2024
Gemeinsame Pressemeldung von Die Linke.SDS und der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost zum Beschluss des fzs
Am vergangenen Wochenende hat der fzs, der “freie Zusammenschluss von Student*innenschaften”, auf seiner 73. Mitgliederversammlung einen Antrag beschlossen mit dem Titel “Aufforderung an die Hochschulleitungen gegen Antisemitismus vorzugehen und Juden:Jüdinnen vor Übergriffen zu schützen”. Dieser Antrag widmet sich formal dem Kampf gegen Antisemitismus, ist aber in seiner politischen Intention klar gegen alle Personen, Organisationen und Wissenschaftler:innen gerichtet, die sich kritisch zum Krieg und angehenden Genozid in Gaza äußern. Wir, der bundesweite Studierendenverband Die Linke.SDS und die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, lehnen diesen Angriff auf uns und die Wissenschaftsfreiheit entschieden ab. Die vom fzs verwendete Antisemitismusdefinition eröffnet die Möglichkeit, Personen, die die deutsche oder die israelische Regierung für ihre eskalierende Politik kritisieren, als Antisemiten zu brandmarken. Das Völkerrecht, welches als Ergebnis von internationalen und systemübergreifenden Lehren aus dem 2. Weltkrieg geschaffen worden ist, gilt auch für Israel. Darauf hinzuweisen, wie Menschenrechtsorganisationen sowie UN-Institutionen unter dem Eindruck des fürchterlichen Massakers im Gaza-Streifen tun, darf nicht pauschal als antisemitisch definiert werden. Im Gegenteil, als Teil der Studierendenschaften tragen wir Verantwortung dafür, von Rassismus und Antisemitismus betroffene Kommilliton:innen, darunter jüdische und muslimische Studierende, effektiv vor Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zu schützen und etwaigen Vorkommnissen entgegen zu arbeiten.
Wir leben in Zeiten von erneuter Beteiligung Deutschlands an einem angehenden Genozid. Diese Brutalisierung der politischen Realitätenschadet allen: Gleichzeitig steigender Rassismus und Antisemitismus sind die Konsequenz. Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss sich daher gegen jede Menschenfeindlichkeit wenden!
Der Internationale Gerichtshof hat mit dem Urteil vom 26. Januar 2024 der Klage Südafrikas hinsichtlich gebotener Maßnahmen zur Verhinderung eines drohenden Genozids in Gaza stattgegeben und Israel zu entsprechenden präventiven Maßnahmen verpflichtet. Der Eintritt Deutschlands als Drittpartei in dieses Verfahren und die militärische Unterstützung Israels vonseiten Deutschlands, aber auch anderer Staaten, nahm die Regierung Nicaraguas zum Anlass, am 02.03.2024 eine Klage gegen Deutschland am Internationalen Gerichtshof einzureichen. Der zentrale Anklagepunkt ist die Beihilfe zum Genozid, mit Betonung auf die Entscheidung Deutschlands dem UN-Hilfswerk UNRWA die finanziellen Mittel zu entziehen, die dringend benötigt werden, um eine Hungerkatastrophe im Gaza-Streifen zu verhindern. Gerade in Deutschland müssen die Konsequenzen aus der Befreiung vom Faschismus wach gehalten werden. Das Friedensgebot und die Universalität der Menschenrechte wollen wir auch gegen Widerstände zur Geltung bringen.
Dass sich nun die offizielle Vertretung der bundesweiten ASten dafür entscheidet, sich zu diesen vom Internationalen Gerichtshof anerkannten Fakten nicht zu äußern und die Rolle Deutschlands darin nicht zu thematisieren, nehmen wir mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis. Zudem wenden wir uns entschieden gegen den versuchten Ausschluss von friedensmotivierten Stimmen vom Campus.
Wir fordern den fzs daher auf, diesen Beschluss zurückzunehmen. Als bundesweite Zusammenschlüsse und als friedensbewegte Studierende werden wir die Auseinandersetzung für einen sofortigen Waffenstillstand, Abrüstung und eine Aufarbeitung von Kriegsverbrechen, Genozid und Apartheid auch an den Universitäten offensiv weiterführen und für Zivilklauseln und ein Wissenschaftsverständnis kämpfen, welches sich an Frieden und Völkerverständigung orientiert.”
Gezeichnet: Die Linke.SDS und die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost
28. Februar 2024
Gegen die Privatisierung und Militarisierung der Hochschulen, für Frieden und Sozialismus – Solidarität mit den Studierendenprotesten in Griechenland
[You can find the English and Greek version by clicking the hyperlink in the title.]
Wir erklären unsere Solidarität mit dem rechtmäßigen Kampf der griechischen Studierenden, Schüler*innen und Arbeiter*innen gegen die Privatisierung der Hochschulen!
Seit Anfang des Jahres ziehen in Griechenland Woche für Woche tausende Studierende auf die Straßen Athens und anderer Großstädte, um ihr Recht auf gute Bildung für alle zu verteidigen. Dieses Recht steht nämlich gerade unter Beschuss. Die griechische Regierung plant, das in Artikel 16 der griechischen Verfassung verankerte Verbot privater Hochschulen – eine historische, weil weltweit einmalige Errungenschaft – aufzuheben. Die Folgen wären vorhersehbar: weitere Unterfinanzierung der staatlichen Hochschulen, die die Masse der griechischen Bevölkerung besucht, während die kleine griechische Oberschicht ihre Kinder auf private Eliteuniversitäten schicken kann. Richtig und wichtig also, dass seit Januar zahlreiche Hochschulen von den aufbegehrenden Studierenden besetzt gehalten werden und der Druck auf den Straßen nicht abbricht!
Geschichte hochschulpolitischer Kämpfe in Griechenland
Kämpfe um die Hochschulen sind keine Neuheit in Griechenland. Vor einigen Wochen erst jährte sich zum 50. Mal die Besetzung der Polytechnio Athen durch Studierende, die sich durch die Unterstützung von Schüler*innen und Arbeiter*innen schnell zum Aufstand gegen die Militärdiktatur ausweitete, bevor die Besetzung brutal (24 Tote) niedergeschlagen wurde. Doch der Widerstand konnte nicht unten gehalten werden, die Militärdiktatur wurde 1974 gestürzt. Als Lehre aus den Gewalttaten an der Polytechnio wurde später die Polizeipräsenz an Hochschulen verboten, die als “UNI-Asyl” in die Geschichte einging. Als die griechische Regierung 2021 eine Änderung des Hochschulgesetz anstrebte, um Langzeitstudierende exmatrikulieren und eine “Campuspolizei” schaffen zu können, mobilisierten die Studierenden bereits zu großen Protesten. Die gesammelte Kampferfahrung zahlt sich aus: Während der aktuellen Proteste kann die Studierendenbewegung auf den gebildeten Strukturen an den Hochschulen und Fakultäten aufbauen. Auch die aktuellen Privatisierungspläne der griechischen Regierung sind nicht neu, sondern lediglich eine Fortsetzung der Ereignisse von 2006/07. Den Höhepunkt bildeten damals wie heute landesweite Besetzungen an insgesamt 457 Fakultäten. An den Vollversammlungen der Studierendenverbände nahmen etwa 80-100.000 Studierende teil. So konnte die Studierendenbewegung den Kampf für gute Bildung für Alle nach Besetzungen und Protesten gewinnen!
Die Rolle der BRD für die Unterfinanzierung der griechischen Hochschulen
Was ist seitdem passiert? Im Anschluss an die globale Finanzkrise befand sich die griechische Regierung in Schwierigkeiten, ihre Staatsschulden zu finanzieren. Griechenlands Schuldner (vor allem auch deutsche Banken) antworteten, anstelle z.B. von Schuldenerlass, mit aufgezwungener Austeritätspolitik – vermittelt über die Bundesregierung, die EU sowie den Internationalen Währungsfonds. Die Folge: Sozialstaatsabbau, Unterfinanzierung der öffentlichen Daseinsvorsorge (u.a. in der Bildung) sowie hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere unter der Jugend. Unter solchen Bedingungen wollen die griechische Elite sowie Teile der Mittelschichten natürlich nicht studieren und gehen daher ins Ausland (“Brain drain”). Das ist der Hintergrund der Privatisierungspläne, mit der die Regierung einige Inseln akademischer Qualität schaffen will, um die staatlichen Hochschulen weiter unbekümmert aushungern zu können. Das deutsche Kapital hat hieran seinen Anteil!
Parallelen zu Deutschland: Militarisierung und Kapitaloffensive auf die Hochschulen
Aber das ist nicht alles: Trotz verordnetem Austeritätszwang haben die Regierungen in Griechenland seit 2015 kontinuierlich aufgerüstet. Eine Verschärfung dieser Politik erleben wir heute durch die massive Militarisierung seit Beginn des Ukraine-Krieges, verbunden mit einem verstärkten Sozialabbau. Dabei gibt es Bestrebungen der Herrschenden, diese Militarisierung auch mittels der Hochschulen durchzusetzen und zu legitimieren. Das System der Unterfinanzierung und Drittmittelforschung zwingt die Universitäten nicht selten, Gelder für Projektfinanzierungen anzunehmen, die aus den Geldbeuteln der Rüstungskonzerne und Militärbündnisse wie der NATO kommen. Ein Aufruf von Akademiker:innen aus den griechischen Universitäten mit hunderten von Unterschriften kritisiert aus diesem Grund nicht nur die Verfassungswidrigkeit des Gesetzes, sondern auch, dass es Unternehmen die Möglichkeit bietet, unter Umgehung der verfassungsrechtlichen Vorschriften Universitätsgesellschaften oder Zweigstellen ausländischer Einrichtungen in Griechenland zu gründen. So spricht auch die International campaign to support the student movement struggling for Public & Free Education in Greece von “partnerships with the private sector and multinational companies in the pretext of connecting them to the market and reciprocal “collaborations”. While war becomes an organic element of capitalism, Greek universities cooperate with the war industry and NATO, turning their research from social needs to those of the killing machines.”
Ähnliches können wir auch in Deutschland beobachten. Der in sog. “Zivilklauseln” festgeschriebenen Verpflichtung vieler deutscher Hochschulen, Forschung und Lehre an friedlichen und zivilen Zwecken zu orientieren, haben Rüstungslobbyisten und ihre politischen Vertreter wie Friedrich Merz und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, aber selbst die Bildungsministerin, den Kampf angesagt. In Bayern und Hessen nimmt die staatliche Offensive zur militärischen Indienstnahme der Hochschulen bereits Fahrt auf. Dagegen gilt es in diesen Zeiten geopolitischer Eskalation die Zivilklauseln, als Ergebnis vorhergegangener studentischer Bewegungen und Proteste für Frieden und Abrüstung, zu verteidigen und auszuweiten.
Was können wir dabei von unseren Genoss:innen in Griechenland lernen?
In den Protestjahren 2006/2007 waren die linken Kräfte an den griechischen Universitäten dazu gezwungen zusammenzuarbeiten, um gegen die rechte Studierendenorganisation der Nea Dimokratia eine Mehrheit in den Vollversammlungen zu erhalten. Die Fakultäten, die keine linken Fraktionen bilden konnten, gründeten unabhängige und progressive Gruppen von Studierenden, um die Koordinationsräte zu besetzen und Besetzungen durch Vollversammlungen abzusichern. Die wöchentlichen Ergebnisse der Versammlungen in den benachbarten Fakultäten und im ganzen Land gingen unter den politisierten Studierenden um wie ein Lauffeuer. Digitalisierte Besetzungskarten zeigten den Stand der Kämpfe, an denen sich alle beteiligten. Die Macht, die die Studierendenbewegung (auch heute noch!) entfalten kann, zeigt sich nicht zuletzt im Agieren der Regierung: Die sorgte dafür, dass der aktuelle Gesetzentwurf zur Hochschulprivatisierung kurz vor der Prüfungsphase vorgelegt wird, um die Mobilisierungen zu schwächen und eine Spaltung zwischen Studierenden und Gesellschaft zu erzeugen.
Gegen diesen Druck haben die Studierenden es geschafft, die Fakultätsbesetzungen seit mehr als fünf Wochen zu halten und bei der öffentlichen Anhörung am 8. Februar in Athen und anderen Großstädten zehntausende Demonstrierende auf die Straße zu bringen. Durch die statusgruppen-übergreifende Mobilisierung gelang es zudem, mit der Unterstützung gewerkschaftlich organisierter Hochschulbeschäftigter den Server der Universität Athen lahmzulegen und damit die digitalen Prüfungen zu verhindern. Die Bestrebungen der griechischen Studierendenbewegung, den Kontakt zu Schüler*innen und Lohnarbeitenden herzustellen, hat Tradition und Aktualität. So bildete sich auch bei den aktuellen Bauernprotesten trotz versuchter Spaltungen ein Bündnis verschiedener Bevölkerungsgruppen: Lohnarbeitende, Arbeitslose, Bauern, Studierende und Schüler*innen unterstützten die Proteste. Die Botschaft ist klar: Wir sind die Mehrheit und wir stehen zusammen!
Von den Kampferfahrungen unserer griechischen Genoss:innen – in der Organisation an Hochschule und Fachbereich, im Aufbau von Protesten und der Knüpfung von Bündnissen – können und sollten wir lernen. Die Auseinandersetzung um eine ausfinanzierte, allen zugängliche Bildung und der Kampf gegen die Militarisierung verbindet unsere Kämpfe europaweit. Daher wollen wir ihre Erfahrungen in unseren Kämpfen an deutschen Hochschulen aufgreifen: für Friedensforschung und Zivilklauseln, für ein Bafög für Alle und im Aufbau einer Massenbewegung für eine sozialistische Alternative am Campus und darüber hinaus!
13. Oktober 2023
Statement des SDS-Bundesvorstands zur Situation in Israel/Palästina
Die Ereignisse in Israel und Palästina erschüttern uns zutiefst. Wir betrauern die Toten, unsere Gedanken sind bei all denjenigen, die in den letzten Tagen auf beiden Seiten Angehörige oder Freund*innen verloren haben oder sich derzeit um deren Wohl sorgen müssen. Wir stehen auch an der Seite unserer Genoss*innen in der Diaspora und all derer, die in den nächsten Tagen und Wochen zunehmende Repression, Kriminalisierung oder Angriffe fürchten müssen. Auch nach einigen Tagen können wir nur versuchen, die richtigen Worte zu finden. Mit Blick auf die Eskalation vor Ort, die Situation der Menschen in der Diaspora und der Linken hierzulande sehen wir es aber als geboten an, uns zur aktuellen Situation zu äußern.
Was ist geschehen?
Am vergangenen Samstag ist es zum größten Angriff der Hamas und assoziierter Kämpfer auf Israel gekommen. Erstmals haben dutzende Kämpfer den Zaun um Gaza niedergerissen und durchbrochen. Den Menschen in Gaza ist damit erstmals der Ausbruch aus dem Freiluftgefängnis gelungen, was für viele Palästinenser*innen überhaupt eine Möglichkeit des Widerstands gegen die Unterdrücker bedeutet hat. Daraufhin folgten Kämpfe, unter anderem in israelischen Grenzstädten sowie ein Angriff auf ein Festival in der Nähe von Re’im. Die Angreifer haben dabei hunderte Menschen umgebracht und entführt. Die vielfach dokumentierten Gräueltaten und Kriegsverbrechen, die mit dem Angriff einhergingen, verurteilen wir entschieden. Am selben Tag des Angriffs hat Israel mit der Bombardierung des Gazastreifens in einem nie dagewesenen Ausmaß begonnen.
Hintergrund: Besatzung & Siedlungskolonialismus
Es ist wichtig, diese Ergebnisse in ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext zu betrachten. Diese Kontextualisierung dient keinesfalls dazu, die derzeitigen Verbrechen zu rechtfertigen, sondern dazu, die Gesamtsituation einzuordnen und Möglichkeiten eines Endes der Gewalt vor Ort aufzuzeigen. Denn die Gewalt der letzten Tage ist nicht aus dem Nichts entstanden, sondern folgt, wenn auch nicht mit Notwendigkeit, auf die jahrelange Unterdrückung von Palästinenser*innen und der gewaltvollen Besatzungspolitik durch Israel. Dies wird in der Berichterstattung und Stellungnahmen hierzulande zu oft ausgeblendet. Besonders drastisch ist die Lage in Gaza. Seit 2007 ist der Gazastreifen von Israel zu Lande, zu Wasser und aus der Luft vollständig abgeriegelt, es gibt keinen annähernd menschenwürdigen Zugang zu Trinkwasser, Lebensmitteln, Energie, medizinischer Versorgung, geschweige denn Bildung. Die Menschen in Gaza, von denen über die Hälfte minderjährig sind, leben seit Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen im größten Freiluftgefängnis der Welt. Und immer wieder sind sie Luftangriffen ausgesetzt, bei denen Familien ihr Zuhause und Zivilist*innen ihr Leben verlieren.
Die Bildung der rechtsradikalen Regierung in Israel hat unterdes die Siedler*innen weiter radikalisiert, indem sie unter anderem die vollständige völkerrechtswidrige Annexion des Westjordanlands in Aussicht stellte. Die Palästinenser*innen sind willkürlichen Demütigungen, Übergriffen, ungerechtfertigten Inhaftierungen und Vertreibungen aus ihren Wohnhäusern ausgesetzt. Israelisches Militär und militante Siedler*innen dringen in Ortschaften ein, greifen die Bewohner*innen an und töten Zivilist*innen.
Solidarisierung mit dem palästinensischen Befreiungskampf
Die derzeitige Gewalteskalation ist ein Resultat jahrzehntelanger israelischer Besatzungspolitik. Als Sozialist*innen und Internationalist*innen stehen wir klar an der Seite des palästinensischen Befreiungskampfes. Die Palästinenser*innen haben das Recht auf Widerstand und (auch bewaffnete) Verteidigung gegen ihre Unterdrückung. Dennoch halten wir eine militärische Lösung des Konflikts weder für möglich noch für friedensbringend. Unzählige vorausgegangene Formen des Protests wurden von Israel und seinen westlichen Partnerstaaten kriminalisiert, diplomatische Bemühungen blieben unbeantwortet, palästinensische Symbole wurden verboten und Demonstrationen niedergeknüppelt.
Wir stehen ein für den Aufbau einer breiten palästinasolidarischen Bewegung, die sich für ein Ende der Gewalt auf beiden Seiten einsetzt und um eine politische Lösung kämpft, um die Gewaltspirale zu durchbrechen.
Hamas
Auch der Aufstieg der zutiefst reaktionären Hamas selbst ist das Resultat der gewaltvollen Besatzungspolitik der letzten 75 Jahre. Faktoren wie die erdrückende Machtasymmetrie zwischen dem israelischen Staat und den Palästinenser*innen, der Unwille das siedlungskoloniale Projekt als Voraussetzung für einen Friedensprozess zu stoppen und die Korrumpierung zuvor entscheidender Akteure wie der Fatah haben die Position der Hamas heute überhaupt erst möglich gemacht. Die Hamas sind keine progressive Befreiungsarmee und wir stellen uns entschieden gegen die von ihnen verübten, unentschuldbaren Kriegsverbrechen.
Aus unserer Sicht kann nur ein Ende der Besatzung und ein freies Leben in Würde für alle Menschen vor Ort zu einem dauerhaften Ende der Gewalt führen.
Folgen
Über 300.000 Reservist*innen sind seit der Kriegserklärung Netanjahus eingezogen worden. Zwei Tage nach Beginn des Angriffs sprach der israelische Verteidigungsminister, Yoav Gallant, davon, gegen “menschliche Tiere” zu kämpfen und befahl die vollständige Blockade Gazas. Seitdem sind 2,2 Millionen Palästinenser*innen, darunter über eine Million Kinder, von der Versorgung mit Nahrung, Medikamenten, Elektrizität und Wasser abgeschottet. “Wir werden erst alles plattmachen und dann werden die Truppen hineingehen”, kündigt der ehemalige Geheimdienstchef im israelischen Fernsehen an. Netanjahu spricht davon, Gaza in “menschenleeres Gebiet” zu verwandeln. Erst heute morgen forderte das israelische Militär über 1,1 Millionen Menschen auf, die nördlichen Gebiete vor einer drohenden Bodenoffensive zu verlassen – eine Fluchtbewegung, die in den Augen der UN “ohne verheerende humanitäre Folgen unmöglich” ist. Während der CDU-Generalsekretär Linnemann im DLF fordert, diese „unschönen Bilder auszuhalten“, stellen wir uns entschieden dagegen. Durch die andauernden Bombardierungen, die fehlenden Fluchtmöglichkeiten und die vollständige Blockade des Lebensnotwendigen bereitet der israelische Staat gerade einen Genozid an der palästinensischen Zivilbevölkerung vor, unter Duldung der westlichen Großmächte und unter mehrheitlichem Schweigen der Öffentlichkeit. Menschenrechte und ein sicheres Leben gilt es nicht selektiv zu verteidigen, sondern umfassend für alle.
Reaktionen in Deutschland
Die Eskalation der Gewalt vor Ort ruft nachvollziehbarer Weise zahlreiche Reaktionen auch in Deutschland hervor. Wir stehen als Sozialist*innen selbstverständlich gegen Rassismus und Antisemtismus und bekämpfen solche menschenverachtenden Ideologien, wo immer sie in Erscheinung treten.
Auch deswegen ist es wichtig zum Schutz von Jüd*innen aufzurufen und gleichzeitig das enorm repressive Vorgehen des deutschen Staates gegenüber Einzelpersonen und Gruppen, die sich in Deutschland für die palästinensische Befreiung einsetzen, zu kritisieren. Die Repression gegen den palästinensischen Befreiungskampf kennen wir nicht zuletzt von den Verboten der Demonstrationen rund um das Nakba-Gedenken der letzten zwei Jahre. In den letzten Tagen reagierte die Berliner Polizei auf “Free Palestine”-Rufe oder das Tragen einer Kufiya mit gewaltvollen Verhaftungen. Forderungen nach der Schließung von Zentren für islamische Kultur werden laut und der rassistische Diskurs, der in den letzten Monaten neue Höhen erreichte, setzt sich fort. Die gestern im Bundestag verabschiedete Resolution aller Parteien soll Ausweisungen und die Entziehung von Staatsbürgerschaften aufgrund von Palästina-Solidarität möglich machen und ist Zeichen einer massiven Verschärfung der Repression gegen Palästinenser*innen, die, bei Entzug der Staatsbürgerschaft, keinen Ort mehr haben, an den sie zurückkehren können. Die Kriminalisierung setzt dabei alle Menschen, die auf die Situation vor Ort aufmerksam machen wollen, unter rassistischen Generalverdacht. Während Aiwanger vor wenigen Wochen nicht aus der CSU-Koalition geschmissen wurde, trotz handfester Antisemitismus-Vorwürfe, die AfD immer neue Höchstwerte erreicht und Neonazis auf deutschen Straßen laufen, wird nun wieder die rassistische Warnung vor “importierten Antisemitismus” laut. Antisemitismus ist ein ernsthaftes Problem in dieser Gesellschaft und muss entsprechend bekämpft werden. Der Verweis auf die angeblich “Anderen” oder die Solidarität mit Israel (und damit auch mit dem aktuellen Kriegsverbrechen), ersetzen die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung mit dem Thema nicht. Gleiches gilt selbstverständlich für Rassismus in seinen verschiedenen Ausdrucksformen.
Was tun als Linke hierzulande
Als gesellschaftliche Linke hierzulande ist es unsere Aufgabe, klar an der Seite aller Unterdrückten zu stehen. Dabei sollten wir uns viel stärker an der palästinensischen, jüdischen und israelischen Linken orientieren als an deutscher Staatsräson und israelischen Staatsapparaten.
Für all die Personen, die aufgrund eines deutschen Passes oder sicheren Aufenthaltsstatus nicht von Ausweisung und Abschiebung bedroht sind, gilt es sich in den kommenden Wochen solidarisch zu zeigen und ihre Stimme deutlicher gegen die staatliche Repression und die Unterdrückung der Palästinenser*innen zu erheben und sich gleichzeitig dafür einzusetzen, dass die deutsche Regierung die israelische Besatzung nicht länger finanziell, diplomatisch und ideell unterstützt.
Ebenso gilt es, sich selbstverständlich solidarisch mit Jüdinnen und Juden zu zeigen, die vor antisemitischen Ausschreitungen sowie einem fortschreitenden Rechtsruck bedroht sind und vor diesen geschützt sein müssen.
Den Kampf gegen antipalästinensische, antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus führen wir zusammen und kämpfen für ein sicheres Leben aller marginalisierten Gruppen und eine befreite Gesellschaft.
23. April 2023
Pressemitteilung: Universitätspräsidium untersagt Veranstaltung zu antimuslimischem Rassismus, aus Angst „Ansehen der Philipps-Universität Marburg zu beeinträchtigen“ – Protest angekündigt!
Am Freitag den 21.04.2023 musste die Feier des muslimischen Eid-Gebets und Fests im Georg-Gaßmann-Stadion wegen einer Bombendrohung evakuiert werden. Am selben Tag kündigte die Universitätsleitung die Raumbelegung zur Veranstaltung „Antimuslimischer Rassismus“ der Gruppe ‚Seebrücke Marburg‘ sowie der Hochschulgruppe SDS im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ der Universitätsstadt Marburg. Zwei Meldungen – ein Tag in Marburg.
Die Universitätsleitung begründete die Raumkündigung damit, dass „nicht auszuschließen ist, dass die Veranstaltung das Ansehen der Philipps-Universität Marburg beeinträchtigen könnte“. Von Seiten der Universitätsleitung ließ man sich für einen politischen Streit innerhalb der Studierendenschaft instrumentalisieren, in dem es um die undifferenzierte Gleichsetzung von BDS mit Antisemitismus geht. In der Stellungnahme des SDS an die Universitätsleitung (s.u.) wird Bezug genommen zu dem Vorwurf. Ähnliche Vorwürfe in anderen Orten wurden bereits von zwei deutschen Gerichten verhandelt und als nicht begründet angesehen1.
Der SDS weist daraufhin: „Kernbestandteil des antimuslimischen Rassismus, der von AfD und anderen neurechten Akteur:innen vertreten wird, ist das Narrativ vom sogenannten ‚importierten Antisemitismus‘, der besonders auf muslimische Menschen projeziert wird“.
„Der Beschluss des Universitätspräsidiums, bestätigt nur die Dringlichkeit unserer Veranstaltung. Dass einer rassismusbetroffenen Person seitens des Präsidiums die Plattform genommen wird, sich wissenschaftlich mit dem virulenten Phänomen des Rassismus auseinanderzusetzen, ist ein Skandal“, heißt es in einem Statement des SDS. Wir bekräftigen, dass die Universität ein Raum der wissenschaftlichen Diskussion ist. Die Austragung von Meinungsverschiedenheiten in Forschungsgegenständen sehen wir daher an der Universität richtig platziert.
Deshalb rufen wir alle Menschen, die sich ehrlich gegen antimuslimischen Rassismus einsetzen oder etwas darüber lernen möchten, auf, an unserer Kundgebung „Antimuslimischen Rassismus ernstnehmen“ am Montag den 24.04.2023 um 17:45 Uhr am Firmaneiplatz in Marburg, beim ursprünglichen Veranstaltungsort, teilzunehmen. Anschließend an die Kundgebung möchten wir die Veranstaltung in einem alternativen Raum in der Nähe fortführen.
Mit freundlichen Grüßen
der Bundesvorstand von Die Linke.SDS
1 Das Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sieht BDS-Maßnahmen als eindeutig gedeckt durch die Meinungs- und Vereinigungsfreiheit im Einklang mit der EU-Grundrechtecharta: https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-8-2016-005122-ASW_EN.html
Die gleiche Position vertritt der UN-Berichterstatter für die Menschenrechtspakte: https://www.ohchr.org/en/news/2019/04/un-experts-call-israel-overturn-deportation-human-rights-watch-director?LangID=E&NewsID=24516
Das Verwaltungsgericht Oldenburg sah in ähnlich gelagerten Fällen eine Verletzung der Versammlungsfreiheit: https://verwaltungsgericht-oldenburg.niedersachsen.de/aktuelles/vg-oldenburg-haelt-aufhebung-der-entscheidung-zur-ueberlassung-eines-vortragssaals-im-pfl-fuer-eine-vortragsveranstaltung-der-bds-im-mai-2016-durch-die-stadt-oldenburg-fuer-rechtswidrig-169355.html
Das niedersächsische Oberverwaltungsgericht urteilte, die Beweislast für die Antisemitismus-Vorwürfe liege bei der Partei, die einen solchen Vorwurf erhebt. Das Gericht fand keine Anhaltspunkte dafür, dass die BDS-Initiative antisemitisch ist oder den Grundsätzen der freiheitlich demokratischen Ordnung in Deutschland widerspricht: Beschluss des 10. Senats des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts am 27.3.2019, Beschluss 10 ME 48/19, 3 B 709/19 (Abschrift, nicht online).
Statement an den Universitätspräsidenten Nauss
Hallo sehr geehrter Herr Nauss,
Ein ehrliches Danke für diese Informationen. Diesen schwerwiegenden Vorwurf nehmen wir sehr ernst, da wir uns als SDS grundsätzlich gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen. Wir teilen dabei die Auffassung der von Ihnen genannten zivilgesellschaftlichen Monitoringeinrichtung ausdrücklich nicht. Unsere Auffassung wird innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses (inter-)national auch geteilt und ist daher weiterhin Gegenstand der Forschung.1
Bezüglich der Veranstaltung möchten wir deshalb unsere Auffassung mit Ihnen teilen:
1. Wir sind gegen jede Form von Antisemitismus, gehen dagegen bei Demonstrationen auf die Straße und betreiben Aufklärung innerhalb der Studierendenschaft. Wir setzen uns sogar dagegen ein, dass die Philipps-Universität Marburg Gelder annimmt von Juristischen Personen, die der Mittäterschaft an Holocaust und Vernichtung mitschuldig sind, bis Reperationen und Entschädigungen gezahlt wurden. Dazu zählen die Nachfolgeunternehmen der IG Farben, namentlich Agfa, Basf, Bayer etc. Daher treten wir als SDS, wie Sie wissen, für eine Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit der Universität ein (siehe beschlossener Antrag des 11. Senats vom 30.03.2022, TOP – 33 Antrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Philipps-Universität Marburg [Unterlage Nr. 11-223]).
2. Wir sind schockiert darüber, dass unsere Veranstaltung zu antimuslimischem Rassismus gemeinsam mit der Seebrücke Marburg als antisemitisch verurteilt wird. Diese Veranstaltung findet im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus der Stadt Marburg statt. Unsere Intention war es die Perspektive von Geflüchteten unter (Post-)Kolonialen Gesichtspunkten zu behandeln und dabei auch die Situation in Deutschland zu diskutieren. Der von Ihnen genannte Vorwurf des Antisemitismus entspricht in diesem Fall dem Narrativ der „Neuen Rechten“, wonach der Antisemitismus aus „muslimischen Ländern importiert“ sei. Daher haben wir große Bedenken, wenn dieser Zusammenhang in Hinblick auf unsere Veranstaltung überhaupt hergestellt wird. Es bestätigt unsere Veranstaltung, die der Fragestellung nachgeht: Was ist überhaupt antimuslimischer Rassismus.
3. Silencing von Geflüchteten
Gerade in Deutschland werden die Stimmen von Rassismus betroffenen Menschen im Diskurs häufig mundtot gemacht. Diese Perspektive wird, leider auch im (außer-)curricularen Kontext der Universität, noch zu wenig behandelt. Wir verstehen die Philipps-Universität Marburg als diversen und offenen Raum, in dem sich auch marginalisierte Gruppen zu Wort melden können, ohne Angst vor Diffamierung haben zu müssen. Wir hoffen, dass Sie unser Verständnis der Universität als vielfältigen Raum der Diskussion teilen.
Die Universität ist ein Raum der (wissenschaftlichen) Diskussion. Die Austragung von Meinungsverschiedenheiten in Forschungsgegenständen sehen wir daher an der Universität richtig platziert. Deshalb laden wir Sie, das Unipräsidium und auch die RIAS ein, bei unserer Veranstaltung teilzunehmen und in einer gemeinsamen (gern auch kritischen!) Diskussion über antimuslimischen Rassismus Fortschritte zu erzielen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sollten Ihrerseits weiterhin Unsicherheiten bestehen, sind wir gerne bereit ein ausgereiftes Sicherheits- und Moderationskonzept für die Veranstaltung zu teilen sowie parlamentarische Beobachter als öffentliche Begleitung aus dem hessischen Landtag hinzuzuziehen (Dr. Ulrich Wilken, Landtagsvizepräsident).
Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag,
Viele Grüße
Aktivist*innen von Die Linke.SDS
1 Vgl. Antisemitismus-Definition „The Jerusalem Declaration: https://jerusalemdeclaration.org/;
vgl. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung „Der BDS-Beschluss ist keine Eingriffsberechtigung in die Tätigkeit von Kulturinstitutionen“: https://www.antisemitismusbeauftragter.de/SharedDocs/interviews/Webs/BAS/DE/2021/BZ_Haustein_BDS.html
vgl. „Von Jüdischen Und Israelischen Wissenschaftler An Deutsche Parteien Zu ‚BDS‘: https://de.scribd.com/document/410140639/Aufruf-von-Judischen-und-Israelischen-Wissenschaftler-an-Deutsche-Parteien-zu-BDS )
19. Februar 2023
Statement des Bundesvorstands zum ‚Manifest für den Frieden‘
Am 24. Februar jährt sich der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Millionen Menschen sind auf der Flucht, Hunderttausende haben bereits ihr Leben verloren, und es ist kein Ende in Sicht. Insbesondere die Zivilbevölkerung leidet unter den Auswirkungen des Krieges, nicht zuletzt, weil russische Truppen gezielt Infrastruktur zerstört haben. Es muss alles dafür getan werden, dass das Leid und Sterben aufhört und dieser Krieg so schnell wie möglich endet. Wir stehen zum Selbstverteidigungsrecht der Ukraine. Zugleich lehnen wir den militaristischen Tunnelblick der Bundesregierung ab und stehen für zivile Alternativen zu einem langen Abnutzungskrieg. Ein erster Schritt muss es sein, genug Druck auf die Bundesregierung aufzubauen, damit sie die Eskalationsspirale der Waffenlieferungen verlässt und endlich ernst gemeinte diplomatische Initiativen vorantreibt.
Das „Manifest für den Frieden“ – welches innerhalb weniger Tage von über 500.000 Menschen unterschrieben wurde – geht dieser wichtigen Richtung nach. Es fordert den Bundeskanzler auf, die weitere Eskalation des Krieges mit immer neuen und schweren Waffen zu stoppen und sich an „die Spitze einer starken Allianz für einen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen zu setzen.“
Auch der Großteil der Bevölkerung lehnt die Waffenlieferungen und eine weitere Eskalation des Krieges ab. 58% der Bevölkerung spricht sich für Verhandlungen aus. Unter den jungen Menschen (18–34 Jahre) liegt die Ablehnung der Waffenlieferungen bei 54%. Das „Manifest für den Frieden“ schafft es, sich als ihre Stimme zu repräsentieren.
Trotz der Aussage der Initiator:innen, dass Rechtsextreme auf Friedenskundgebungen „nichts zu suchen“ haben, zeigen jedoch auch Politiker:innen der AfD und das rechtsextreme Magazin Compact Interesse an dem Aufruf. Diese Entwicklung ist nicht neu. Die AfD probiert seit geraumer Zeit, sich als friedenspolitische Kraft im Krieg in der Ukraine zu inszenieren. Dabei eignet sie sich Positionen der LINKEN an, um diese mit Nationalismus zu unterwandern. Denn ihre Kritik an Krieg und Waffenlieferungen entstammt nicht einer antiimperialistischen Haltung – im Gegenteil. Die AfD möchte lediglich den deutschen Imperialismus extremer vorantreiben. Aus diesem Grund ist sie für die massive Aufrüstung der Bundeswehr, die Anschaffung von bewaffneten Drohnen und allgemein Befürworterin von Rüstungsexporten – nur eben in andere Kriegs– und Krisengebiete, geleitet von rein deutschen nationalistischen Interessen.
Warum wir vor Ort sein werden:
Wir unterschätzen die Gefahr einer rechten Präsenz nicht. Da aber die Friedensbewegung auf antifaschistischer Tradition beruht, gibt es für Rechtsextreme auf der Kundgebung (und in der Friedensbewegung generell) keinen Platz. Als Die Linke.SDS werden wir sie ihnen nicht überlassen: Ihre reaktionären und nationalistischen Positionen ebnen erst den Weg für militärische Macht– und Kriegspolitik. Somit fordern wir die Organisator:innen der Kundgebung sowie alle Anwesenden dazu auf, möglich anwesenden Rechten und ihren potentiellen Äußerungen, Plakaten und Symbolik entschieden entgegenzutreten und diese des Platzes zu verweisen. Darüber hinaus muss der Versuch von Regierung und breiten Medien, Initiativen für Diplomatie und Friedenspolitik als Verrat oder sogar fünfte Kolonne Moskaus zu diffamieren, entschlossen angegangen werden.
Kriege werden mit Waffen begonnen und mit Verhandlungen beendet. Die Bundesregierung hat keine nennenswerten diplomatischen Initiativen ins Leben gerufen, sondern sich durch die Lieferung von immer mehr schweren Waffen in einem militärischen Tunnelblick verrannt und sich dadurch Steine in den Weg gelegt. Laut dem ehemaligen israelischen Premierminister Naftali Bennett haben der britische Ex–Premier Boris Johnson sowie US–Präsident Joe Biden sogar einen möglichen Friedensbeschluss im März 2022 durch Einwirken auf die Ukraine verhindert. Damit macht sich der Westen mitschuldig an der zunehmenden Eskalation.
Wir stehen daher an der Seite derer, die die Logik des Krieges durchbrechen wollen. Das schließt auch alle mit ein, die sich durch zivilen Widerstand, gewaltfreie Aktionen, Desertion oder Kriegsdienstverweigerung gegen den Krieg stellen. Dafür ist es auch wichtig, dass alle Menschen, die sich dem Krieg entziehen möchten, Schutz durch humanitäre Visa und Asyl finden können. Was es braucht, ist keine militaristische, sondern eine zivile Zeitenwende. Von der Investition des Milliarden Euro schweren Aufrüstungsprogrammes in Soziales, Bildung und Umwelt bis zu einer 180–Grad–Wende in der Außenpolitik. Das heißt in der internationalen Politik die Abkehr von Blockbildung und Konfrontationspolitik sowie Einsatz für Multilateralismus, Rüstungskontrolle und Diplomatie.
Wir als Die Linke.SDS unterstützen die Zielsetzungen des „Manifests für den Frieden“. Breite Initiativen und Mobilisierungen für Verhandlungen und gegen weitere Waffenlieferungen sind das Gebot der Stunde. Deshalb werden wir auf der Demonstration mit weiteren Inhalten anwesend sein. Nur eine starke antimilitaristische Linke vor Ort kann den Druck für diplomatische Offensiven ausüben. Wir ringen um den weiteren Aufbau einer starken, internationalistischen sowie antifaschistischen Friedensbewegung. Für uns ist klar: Nur progressive Kräfte können einen echten Frieden erringen. Denn wo die Linke stark ist, sind die Rechten chancenlos.
Wir fordern:
1. Sofortigen Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine
2. Diplomatische Offensive Deutschlands unter Einbindung der EU und Chinas
3. Keine Rüstungsexporte – vor allem nicht in Kriegs– und Krisengebiete
4. Sofortige Aufnahme aller Deserteure, Kriegsverweigerer und aller Menschen, die vor
Krieg fliehen
5. Den sofortigen Stopp der militärischen Aufrüstung Deutschlands – 100 Milliarden für
Soziales, Bildung, Gesundheit und Umwelt, statt für Militarisierung
Solidarische Grüße,
Euer Bundesvorstand
»Tant que la vie continue, le combat continue!«*
Sozialistische Politik in Zeiten von Klimakrise, Krieg und Inflation.
Leitantrag zum 30. Bundeskongress. Beschlossen am 18. Juni 2022.
In einer repräsentativen Befragung aus dem Frühjahr diesen Jahres berichtet die Hälfte der in Deutschland befragten 14-29-Jährigen von einem stressigen Alltag, ein Drittel von Antriebslosigkeit und Erschöpfung. Fast 30% leiden nach eigenen Angaben unter Depression. Nur acht Prozent haben die Hoffnung, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen. Der Jugend scheint die Hoffnung abhanden zu kommen. Angesichts dessen, was auf der Welt passiert, ist das wenig verwunderlich. Als größte Sorgen geben die befragten Jugendlichen die Klimakrise, den Krieg und die zunehmende Inflation an. Es ist also nicht nur daher gesagt, dass die Welt, in der wir leben, die Menschen krank macht. Wenn wir nicht nur die Symptome bekämpfen wollen, muss das System in seinen Grundstrukturen verändert werden.
Mit diesem Text versuchen wir diese zentralen politischen Entwicklungen und Herausforderungen von Studierenden zu verstehen und diskutieren, wo sozialistische Politik ansetzen muss, wenn sie der Hoffnungslosigkeit eine überzeugende Vision der Überwindung des Kapitalismus entgegenstellen will. Krisen scheint es zur Zeit an allen Ecken und Enden zu geben. Wer soll da den Überblick behalten? Uns ist bewusst, dass die Analyse unserer Zeit nie vollständig und abgeschlossen sein kann. Doch die dringend notwendige Veränderung dieser Welt fordert uns heraus, auch als junge Sozialist:innen zu versuchen, gemeinsam ein Gespür für diese Zeit zu bekommen. Nur so wissen wir, wo unsere Kraft und Energie am besten eingesetzt werden können.
Im Folgenden blicken wir daher schlaglichtartig auf die drei großen Sorgen der Jugend: Die Klimakrise, den Krieg und die Inflation als Ausdruck zunehmender sozialer Verwerfungen, die auch an den Hochschulen zu spüren sind. Dabei gehen wir auch auf die Rolle der gesellschaftlichen Linken im Allgemeinen und der LINKEN im Besonderen ein, um Vorschläge für unsere Schwerpunktsetzung als Die Linke.SDS zu machen. Im Widerspruch von steigendem Autoritarismus, Aufrüstung, Konkurrenzpropaganda und Armut ist der Kampf um soziale Gleichheit und internationaler Gerechtigkeit dringend wie nie. Die Erkenntnis, dass es uns in diesem System allen schlecht geht, lässt uns als Sozialist:innen nicht pessimistisch werden, sondern treibt uns an, diese Verhältnisse zusammen mit unseren Genoss:innen, Kommiliton:innen, Kolleg:innen und Freund:innen zu überwinden. An den Hochschulen wie in den restlichen Teilen der Gesellschaft liegt es in unserer Hand, auf die Herausforderungen unserer Zeit die richtigen Antworten zu finden und Lösungen zu entwickeln.
Sozialismus und Kapitalozän
2050 wird Berlin ein Klima wie heute Toulouse haben. Der jüngste IPCC Bericht stellte fest: Das 1,5 Grad Ziel wird nicht erreicht. Im Gegenteil: Die jetzige Politik bringt uns sogar auf 3,2° Erderwärmung. Es kommt zu Extremwettereignissen, Dürren und Ernteausfällen. Auch ein Anstieg des Meeresspiegels, der besonders kleine Inseln und Küstengebiete bedroht, wird nicht abwendbar sein. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten eine Milliarde Menschen in Küstengebieten ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. Wenn es zu einer Erderwärmung von 1,7 bis 1,8 Grad kommt, wird die Hälfte der Weltbevölkerung lebensbedrohlicher Hitze und Feuchtigkeit ausgesetzt sein. Bei einem Temperaturanstieg von 1,6 Grad werden 8% der landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr nutzbar sein. Dementsprechend mahnt der IPCC-Bericht zu schnellen und grundsätzlichen Maßnahmen: »Jede weitere Verzögerung bei konzertierten globalen Maßnahmen wird ein kurzes und sich schnell schließendes Zeitfenster zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft verpassen.«
Wir befinden uns auf dem Weg in ein Zeitalter der Katastrophen, doch trotzdem scheint niemand die »Notbremse« ziehen zu wollen, als welche Walter Benjamin die Revolution bezeichnete. Die Differenz zwischen Notwendigkeit von Maßnahmen und den leeren Versprechen der Politik könnte nicht größer sein. Die Klimakrise soll individualistisch und technologisch gelöst werden. Das klammert bewusst die Akteur:innen aus, die für die Krise verantwortlich sind. Denn die Klimakrise ist nicht vom Himmel gefallen und es sind auch nicht alle Menschen gleich verantwortlich. Der britische Historiker Adam Tooze bringt es auf den Punkt: »Wenngleich es wahr ist, dass der Klimawandel von Menschen verursacht wird, verursachen ihn nicht die Menschen im Allgemeinen. Das ökonomische System und diejenigen, die es verwalten und von ihm profitieren, verursachen den Klimawandel. Die krisenhafte Epoche, in der wir uns befinden, sollte das Kapitalozän genannt werden.«
Das System, in dem wir leben, hat die Klimakrise erst hervorgebracht und ist der Motor, der sie immer weiter antreibt. Der Kapitalismus opfert sukzessiv seine eigenen Lebensgrundlagen für den Profit. Er strebt ein unendliches Wachstum an, das es auf einer Erde mit endlichen Ressourcen nicht geben kann. Diesen Widerspruch würde selbst ein vollkommener Umstieg auf erneuerbare Energien und Rohstoffe nicht ändern, denn im Kapitalismus wird nicht nur nach unendlichem Wachstum gestrebt – durch die kapitalistische Konkurrenz muss auch immer schneller immer mehr Wachstum generiert werden. Kurz gesagt: Das Kapital muss in diesem System schneller akkumulieren als erneuerbare Rohstoffe nachwachsen können. Es gibt daher keinen sanften Weg aus dem Kapitalozän. Reformen des Bestehenden reichen nicht aus. Was wir brauchen ist ein »System Change«, einen radikalen Bruch mit dem System. Die »Notbremse« muss betätigt werden.
Dieser radikale Bruch ist unter den aktuellen Kräfteverhältnissen noch nicht absehbar. Stattdessen bestimmt die ökologisch-ökonomische Zangenkrise** die gesellschaftliche Auseinandersetzung. Unter den aktuellen Herrschaftsverhältnissen käme es zu weiteren schwerwiegenden sozialen Problemen, wenn das Wachstum begrenzt und weniger Profit
erwirtschaftet werden würde. Die Folgen, die mit dem fehlenden Profit einhergehen würden, würden auf dem Rücken der lohnarbeitenden Bevölkerung ausgetragen werden – in Form von Massenentlassungen, einer Arbeitsintensivierung ohne Lohnerhöhung oder einem späteren Renteneintrittsalter. In Anbetracht der Klimakrise ist eine Eingrenzung der
Wachstumsbestrebungen dringend notwendig. Doch das würde unter den aktuellen Kräfteverhältnissen zu einer Verschlechterung der Lebensumstände der lohnarbeitenden Bevölkerung führen. Wir befinden uns in einer Krise der Mensch-Natur-Beziehungen, für die es im bestehenden System keine Lösung geben kann.
Es lassen sich wenige präsente und gute Antworten auf diese Krise finden. Die neue Bundesregierung schmückt sich damit nun endlich effektivere Umweltpolitik zu betreiben und versucht hinter ihrem neuen Hegemonieprojekt eines grünen Kapitalismus verschiedene Bevölkerungsteile zu vereinen. Aber in der Realität sind die Maßnahmen, die ergriffen werden, schlussendlich Maßnahmen für den Systemerhalt unter einem grünen Deckmantel und somit zum Scheitern verurteilt.
Die linken Kräfte in Deutschland haben dem Hegemonieprojekt eines grünen Kapitalismus bisher zu wenig entgegenzusetzen. Es ist klar, dass unsere Vorstellung von einem guten Leben für alle jetzt und in Zukunft immer unter Berücksichtigung der Klimakrise geprägt sein muss. Das heißt, wir müssen Antworten darauf entwickeln, wie mit einem zu erwartenden
Temperaturanstieg konkret umzugehen ist und was dies für die praktische Umgestaltung von gesellschaftlicher Infrastruktur bedeutet. Wir müssen also besser darin werden, unsere Vorstellung von einem guten Leben, das zwar nach dem Kapitalismus aber unter den Folgen der Klimakrise stattfindet, zu konkretisieren. Gleichzeitig fehlt es uns an Stärke, um die
Forderungen, die wir gemeinsam entwickeln, auch wirklich durchzusetzen. Nur wenn wir gesellschaftliche Mehrheiten für einen Klimaschutz der 99% gewinnen, wird sich dies ändern.
Grüner Kapitalismus bedeutet, dass unzureichender Klimaschutz auf Kosten der arbeitenden Klasse betrieben wird. Dagegen müssen wir einen Ansatz stärken, der soziale und ökologische Fragen immer zusammen denkt. Das ist in der Theorie jedoch leichter gesagt als in der Praxis getan. Es gibt sie, die zarten Pflänzchen einer Vision des Ökosozialismus, in der sich ÖPNV-Beschäftige mit FFF-Aktivist:innen oder Bosch-Beschäftigte mit Klimaaktivist:innen vernetzen. Doch diese Beispiele sind bisher mehr Ausnahme als Regel. Vielmehr steckt die Klimabewegung ähnlich wie die LINKE in einer schwierigen Phase. Es gibt wenige Antworten auf die Frage, wie es weitergehen soll. Die Forderung nach Klimagerechtigkeit und die damit einhergehende Einbeziehung der sozialen Frage wird zwar breit geteilt, aber wie diese praktisch umgesetzt wird, ist weiterhin offen.
Es wird daher Zeit, neue Wege zu gehen und sich in Milieus zu wagen, die sich der Klimabewegung gerade noch fern fühlen. Das bedeutet für uns an den Hochschulen: Die Klimabewegung als Mehrheitsbewegung aufbauen, echte Klimastreiks organisieren, Zusammenarbeit mit Gewerkschaften suchen und so Stück für Stück eine ökosozialistische Alternative zum Kapitalozän »sprechbar« machen. Darum veranstalten wir als Die Linke.SDS Ende Oktober den “System Change”-Kongress in Leipzig, der uns genau diesen Austauschraum bieten wird, in welchem wir unsere Ideen und Vorschläge zur Debatte stellen können.
Um die Klimakrise aufzuhalten, braucht es den radikalen Bruch mit dem Kapitalozän. Dieser wird nicht allein durch den nächsten Klimastreik ausgelöst werden. Die Notbremse kann einzig und allein von einer organisierten Arbeiter:innenklasse betätigt werden. Es ist an uns als Sozialist:innen verbindende Bündnisse zwischen Klimabewegung und Arbeiter:innen, die materielle Stärke entfalten können, aufzubauen.
Der Ukraine-Krieg und die Folgen
Die Klimakrise hat nicht nur enormen Einfluss auf soziale Auseinandersetzungen, sondern trägt auch zur Zuspitzung der geopolitischen Lage bei – denn auch Russland befindet sich im
Griff der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise. 43% der wirtschaftlichen Leistung Russlands stammen aus dem Export fossiler Energieträger. Je schneller Russlands Abnehmerstaaten die Energiewende vollziehen – welche dringend notwendig ist, um die Menschheit nicht über die Klippe zu stürzen –, desto wertloser werden die russischen Öl und
Gasvorkommen. Die Zukunftsszenarien der herrschenden Klasse in Russland sehen entsprechend finster aus. Wenn die grundlegende Umstrukturierung der russischen Wirtschaft ausbleibt, bleiben den Herrschenden in Russland deshalb perspektivisch in erster
Linie die Machtressource des Militär und die Bereitschaft brutale Angriffskriege zu führen, um ihre imperiale Stellung in der Weltordnung nicht zu verlieren. Diese bleiben aber nur dann anwendbar, solange die Gegner vom russischen Öl und Gas abhängig sind. Der Angriffskrieg sorgt zudem auch in den westlichen Ländern für Instabilität – steigende Preise
führen zu einer geringeren Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Die Folgen treffen in erster Linie die breite Bevölkerung und die dringend notwendige Nachhaltigkeitsrevolution wird erneut zu einem fernen Zukunftsszenario. Der Angriffskrieg Russlands hat den wirtschaftspolitischen Hintergrund, neue Wirtschaftsräume zu erobern und alte Wirtschaftszweige abzusichern.
Als Die Linke.SDS verurteilen wir den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg des russischen Regimes. Wir sind solidarisch mit den Menschen in der Ukraine, egal ob sie fliehen oder sich gegen die Besatzungsmacht verteidigen. Die russische Regierung verfolgt imperialistische Interessen, rechtfertigt den Krieg mit einer Reihe von Lügen und nationalistischer Propaganda und nimmt das Leid von Millionen in der Ukraine und darüber hinaus in Kauf. Die Antwort von sozialistischen Studierenden kann nur sein, alles dafür zu tun, dass der Krieg schnell endet und Solidarität mit all jenen zu üben, die vor dem Krieg fliehen oder sich ihm unter Einsatz des eigenen Lebens entgegenstellen.
Es handelt sich bei dem aktuellen Krieg dennoch um eine sehr viel komplexere Lage, als die bürgerliche Erzählung es behauptet. Denn zu dem legitimen Kampf der Ukrainer:innen um Selbstbestimmung tritt zunehmend ein inter-imperialistischer Konflikt hinzu. Deshalb suchen viele Linke nach Orientierung, kontroverse Debatten auch innerhalb der bekannten Lager sind die Folge. Klar ist: Die USA unterstützen die Ukraine nicht, um die demokratischen Werte des Westens vor den autokratischen Bestrebungen Putins zu verteidigen. Sie verfolgen imperialistische Interessen, das Schicksal der Menschen in der Ukraine ist zweitrangig. Bei dem Krieg in der Ukraine handelt es sich daher auch um einen Krieg des globalen Kapitalismus, der bedeutende Umbrüche in der politischen Weltlage zur Folge haben wird.
Die unmittelbaren Konsequenzen des Krieges sind bereits jetzt verheerend: Tausende Tote und Menschen auf der Flucht, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde. Russlands Beschlagnahmung und Blockade von Nahrungsmittelexporten tragen – neben Getreidespekulation, Klimakrise und neokolonialen Abhängigkeiten – weltweit zu Versorgungsengpässen und Hunger bei.
Weltweit wirken die Kriegshandlungen in der Ukraine auf die imperialistischen Blöcke. Die USA können von dem Krieg profitieren, da sie die russische Wirtschaft mit Sanktionen schwächen und das russische Militär stellvertretend durch die vom Westen militärisch ausgestatteten ukrainischen Streitkräfte ausbluten lassen können. Die EU, als enger Partner der USA, wird weiter auf sie angewiesen sein, da sie sich perspektivisch wohl eher an amerikanischer statt russischer Energie orientieren muss. Mit der verschärften imperialistischen Konkurrenz kommt es zu einer »neuen/alten Blockkonfrontation« (Solty).
Die imperialistischen Zentren rüsten auf. Mit den Waffenlieferungen der NATO-Staaten an die Ukraine und der Ausbildung ukrainischer Soldat:innen sind diese letztlich eine Kriegspartei geworden. Die Gefahr eines Atomkrieges steigt damit massiv an. Von der weltweiten Aufrüstungsspirale, in der wir uns bereits befinden, profitiert am Ende vor allem die Rüstungsindustrie. Die klimaschädliche Produktion wird enorm vorangetrieben, was zu einer Verschärfung der Klimakrise führt – eine globale Zusammenarbeit, um gemeinsame Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise auf den Weg zu bringen, wird unmöglich. Um
sich von russischen Brennstoffen unabhängig zu machen, würden in Folge neuer Abkommen die weltweiten Bohrungen nach fossilen Brennstoffen wieder zunehmen, sodass der fossile Kapitalismus ungehindert weiter unsere Lebensgrundlage zerstören kann.
In Anbetracht der ökonomisch-ökologischen Zangenkrise nutzen die imperialistischen Akteure die neue Weltlage außerdem dazu, weiter aufzurüsten und sich auf künftige Kriege um Ressourcen vorzubereiten. Denn bei einer weiteren Zuspitzung der Klimakrise werden die mächtigen Staaten zunehmend Ressourcen monopolisieren, andere Staaten zur Versorgung der eigenen Bevölkerung ausbeuten und die Bewegungsfreiheit massiv einschränken. In Zukunft ist damit zu rechnen, dass es zu weiteren Eskalationsstufen kommen wird, während die Menschheitsfragen des Hungers, der sozialen Ungleichheit und der Bedrohung der Existenz des Planeten – der Klimakrise – unbeantwortet bleiben.
Aufrüstung und Inflation
Mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und der damit einhergehenden Krise der Weltordnung schlägt auch die Bundesregierung Deutschlands einen neuen Kurs ein. Mit 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr und der damit einhergehenden Steigerung der Rüstungsausgaben auf das NATO-2%-Ziel steht die »Zeitenwende« der Ampel im Zeichen von Aufrüstung und einer neuen Sicherheitspolitik. Damit sehen wir uns mit der »fundamentalen Abkehr von den Prinzipien deutscher Außenpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs« und einem neuen deutschen Militarismus konfrontiert. Mit der geplanten Aufrüstung könnte Deutschland weltweit auf Platz 3 der Staaten mit den höchsten Militärausgaben landen – und verfolgt damit eindeutig imperialistische Interessen, auch innerhalb der NATO. Doch den Menschen in der Ukraine wird damit nicht geholfen. Genauso macht die neue Hochrüstung Deutschlands die Welt nicht sicherer, sondern bereitet auf künftige militärische Auseinandersetzungen vor. Dass diese Entscheidung ohne vorherige breite öffentliche Debatte und demokratische Meinungsbildung getroffen wurde, kennzeichnet ebenfalls die autoritäre Politik der Regierungsparteien.
Der neue Kurs der Ampel ändert auch die Ausgangsbedingungen, in denen Linke Politik machen. Eine linke friedenspolitische Perspektive gerät zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen wird der öffentliche Diskurs von einer militärischen Logik dominiert, die sich in der derzeitigen Lage als alternativlos präsentiert. Linke werden gar als Verräter diffamiert, weil sie versuchen Deeskalation voranzutreiben. Diese Entwicklungen erschweren es linken Kräften ungemein, in der derzeitigen gesellschaftlichen Stimmung anschlussfähige Forderungen auf die Straße zu bringen. Gleichzeitig ist die aktuelle Situation auch ein Ausdruck der Schwäche der Linken: Trotz stellenweise breiter Ablehnung oder mindestens Skepsis gegenüber der Lieferung schwerer Waffen aus Angst vor einer direkten, möglicherweise atomaren Konfrontation zwischen Russland und der NATO gelingt es linken Kräften bisher kaum, eine breite Friedensbewegung zu mobilisieren.
Zugleich hat der russische Angriffskrieg erneut die fehlende antiimperialistische Grundeinstellung in breiten Teilen der gesellschaftlichen Linken aufgezeigt: Während manche den Imperialismus Russlands nicht als solchen erkennen, führt ein fehlendes Verständnis über den Imperialismus der NATO bei anderen zu einer unkritischen Unterstützung der Politik der Bundesregierung. Dabei braucht es gerade jetzt eine vereinte linke Friedensbewegung, die sich mit allen Unterdrückten von Krieg, Militarismus und Imperialismus solidarisiert, immer zunächst die Rolle der eigenen Regierung problematisiert und mit aller Kraft antiimperialistische und sozialistische Bewegungen weltweit stärkt.
Bereits jetzt wird von den Regierungsparteien deutlich gemacht, dass die Militärausgaben auf Kosten sozialer Projekte gehen werden. So wird wegen des Bundeswehr-Sondervermögens »das ein oder andere in der Legislaturperiode (…) nicht realisier[t]« werden können. Das ist ein Schlag ins Gesicht für progressive Bewegungen, die seit Jahren Investitionen in Sozialstaat, Klima, Gesundheit, Bildung und vieles mehr fordern und die stets mit der Begründung abgewiesen worden, dafür sei kein Geld da. Und am Ende wird sich der Staat das Geld, welches jetzt in die Aufrüstung fließt, durch Einsparungen in eben jenen Bereichen zurückholen.
Parallel zur durchfinanzierten Aufrüstung steigen die Lebensmittel- und Energiepreise. Mit 7,9% ist die Inflationsrate im Mai so hoch gewesen wie seit über 30 Jahren nicht mehr – und ein Ende des starken Preisauftriebs ist derzeit nicht in Sicht. Während damit zu rechnen ist, dass ein Großteil der Kosten an die Endverbraucher:innen weitergegeben wird, werden Unternehmen in der Öl- und Gasförderung enorm vom Krieg und der Inflation profitieren. Finanzminister Lindner lehnt allerdings eine Übergewinnsteuer für Kriegsprofiteure, wie sie
bereits von LINKEN und Grünen gefordert und in einigen Ländern umgesetzt wurde, ab – stattdessen werden »die Bürgerinnen und Bürger das bezahlen«. Darum will Lindner dafür sorgen, dass die Menschen auch »Lust haben zu arbeiten und ‘ne Überstunde zu machen«. Die Folgen der derzeit steigenden Energie- und Lebensmittelpreise sind nur ein Vorgeschmack auf mögliche Ressourcenkrisen der Zukunft. Umso entscheidender ist es, dass sich neue soziale Proteste formieren. Pandemie, Klimakollaps, Krieg und Inflation sind nicht vom Himmel gefallen – sie sind vom Kapitalismus produzierte Krisen, die von der herrschenden Klasse von oben und auf Kosten der breiten Bevölkerung bearbeitet werden. Hier ist die LINKE gefordert, die Widersprüche in der Krisenbearbeitung der Herrschenden aufzuzeigen, soziale Forderungen nach vorne zu stellen und Menschen in Verteilungskämpfen zusammenzubringen. Die Inflation ist eine Entwicklung, die die Mehrheit der Menschen unmittelbar betrifft. Doch die Regierung bringt lieber ein 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr statt wirkungsvolle Entlastungspakete auf den Weg. Die klassenpolitischen Dimensionen sind da. Wir müssen sie nur sichtbar
machen und sozialistische Alternativen ausbuchstabieren.
Auch wir als Studierende spüren die Folgen dieser Krisen und Verwerfungen. In Deutschland ist fast jede:r dritte Studierende von Armut betroffen – die Armutsquote unter Studierenden ist damit fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Mit der Corona-Pandemie, dem Wegfall zahlreicher studentischer Nebenjobs und der Schließung der Mensen verschlechterte sich die finanzielle Lage vieler Studierender in den letzten zwei Jahren bereits enorm – und auch von der aktuellen Inflation sind Studierende besonders stark betroffen. Die Ampel-Reform des BAföG gleicht nicht einmal die Inflation aus, eine großzügige Erhöhung und Ausweitung wäre weiterhin dringend geboten. Diese Position vertritt auch der fzs, dessen Mobilisierungskraft aber schwach ist. Für uns muss sich analog zur LINKEN die Frage stellen, ob und wie aus dieser sozialen Krise an den Hochschulen Protest und schließlich progressive Veränderung erwachsen können.
»Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens«
Die Lage ist ernst. Das zeigt die Analyse der objektiven Zustände und das weiß auch die junge Generation. Der Klimawandel bereitet mehr als der Hälfte dieser Generation große Sorgen, und drei Viertel blicken mit Furcht auf die Zukunft. Gleichzeitig nimmt das Vertrauen in das Regierungshandeln rapide ab. Der Glaube, dass die Machthabenden in der Lage seien, die Zustände in den Griff zu bekommen, schwindet.
Was bedeutet das für uns? Eine einfache Antwort gibt es sicher nicht und doch ist uns als Sozialist:innen bewusst: Es ist nicht alles verloren. Aus einer historisch-materialistischen Analyse heraus wissen wir, dass die Welt veränderbar ist. Was es braucht, ist eine neue Radikalität der Ehrlichkeit: Die Zustände so zu benennen, wie sie sind und das System, welches die Vielfachkrise zu verschulden hat, in Verantwortung zu nehmen. Doch dort
dürfen wir nicht stehen bleiben.
Die Schwäche der gesellschaftlichen Linken und der Partei zeigt: So wie es ist, darf es nicht bleiben. Es braucht eine grundlegende Erneuerung linker Politik – Erneuerung heißt aber nicht Anpassung an die veränderten Zustände, sondern Einstehen für die grundlegenden Pfeiler einer linken Überzeugung. Eine Organisation, die sich viel auf die Fahne schreibt, aber diese progressiven Ansätze weder in der eigenen Organisation umsetzen noch in die Gestaltung der Gesellschaft einbringen kann, verliert an Glaubwürdigkeit.
Die Ampel-Koalition als »Modernisierungskoalition des Übergangs« (Candeias) ist nicht frei von Widersprüchen. Diese aufzuzeigen und anzugreifen wird Aufgabe einer nach vorne gerichteten, modernen sozialistischen Politik sein. Es ist davon auszugehen, dass die Ampel-Regierung die gesellschaftliche Erwartung zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen und Krisen früher oder später enttäuschen wird. Für die LINKE gilt es, darauf vorbereitet zu sein und den anhaltenden Wunsch nach Veränderung anhand von konkreten Visionen und realen Durchsetzungsperspektiven in gemeinsame Kämpfe zu übertragen. Unser politisches Agieren müssen wir auf das Ziel ausrichten materielle Macht
aufzubauen, die am Ende in der Lage ist, Strukturen anzugreifen und grundlegende Veränderungen voranzutreiben. Denn immerhin zwei Drittel der Jugendlichen haben das Gefühl in einer Generation zu leben, die politisch etwas verändern möchte. Hier können wir als Studierendenverband ansetzen und all den jungen Menschen, die etwas verändern wollen, eine politische Heimat anbieten. Dafür müssen wir ihre Ängste und Sorgen ernst nehmen, diese in die objektiven Zustände einordnen und dem Gefühl der Lähmung eine Perspektive kollektiver Ermächtigung entgegensetzen.
Dabei könnten die Aufgaben, die vor uns liegen, nicht größer sein. Aber trotz des Katastrophenszenarios, das auf uns zurollt, dürfen wir nicht kopflos agieren. Der Ernst der Lage erfordert von uns, nicht überstürzt zu handeln, sondern wohlüberlegt und gut vorbereitet in Kämpfe zu gehen. Voraussichtlich werden wir dennoch einige der anstehenden Kämpfe verlieren. Umso wichtiger ist es, dass unsere Organisation in der Lage ist, persönliche Resignation, Enttäuschung und Frustration aufzufangen und eine gemeinsame Vision der Veränderung aufrechtzuerhalten.
Wir wissen: Es erscheint naheliegend, anhand der objektiven Zustände zu verzweifeln und aufgeben zu wollen, und doch – gerade in von Krisen geprägten Zeiten ist das Potential für Veränderung groß. Die politische Lage ist bereits fragil: Krieg, soziale Verwerfungen und die sich verschärfenden Klimafolgen werden den Unmut in der Bevölkerung immens verstärken. Es wird neue Möglichkeitsfenster geben, um sozialistischen Ideen neuen Aufwind zu verschaffen – wir müssen sie nur erkennen und nutzen lernen. Der Kapitalismus produziert und reproduziert fortwährend Ungerechtigkeiten und Leid – die Wut darüber kann uns
antreiben weiterzumachen.
Aufgeben war noch nie weniger eine Option. Denn »Tant que la vie continue, le combat continue!«.
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* So reagierte Jean-Luc Melenchon darauf, dass er knapp den Einzug in die Stichwahl bei der französischen Präsident:innenwahl verpasste. Auf deutsch: »Solange das Leben weitergeht, geht auch der Kampf weiter.«
** Als »ökologisch-ökonomische Zangenkrise« beschreibt Klaus Dörre die »historisch neuartige Ausprägung«, die das »strukturelle Wachstumsdilemma kapitalistischer Gesellschaften« im Kapitalozän erfährt. Da die Generierung von Wirtschaftswachstum, das »wichtigste Mittel zur Überwindung ökonomischer Stagnation und zur Pazifizierung sozialer Konflikte im Kapitalismus«, auf seinen heutigen, ressourcen- und energieintensiven fossilen Grundlagen »zunehmend destruktiv und deshalb gesellschaftszerstörend« wirke, befinde sich die Gesellschaft im »Zangengriff von Ökonomie und Ökologie«: Mehr Wachstum verursacht
ökologische Katastrophen, weniger Wachstum sozialen Konflikte. Klaus Dörre: Gesellschaft in der Zangenkrise. Vom Klassen- zum sozial-ökologischen Transformationskonflikt, in: Dörre, Holzschuh, Köster, Sattel (Hrsg.): Abschied von Kohle und Auto? Sozial-ökologische Transformationskonflikte um Energie und Mobilität, Frankfurt 2020.
21. April 2022
#LinkeMeToo
Statement des Bundesvorstands von Die Linke.SDS
Vorbemerkung: Wir haben seit dem Ostermontag an diesem Statement gearbeitet. Wir wollten uns so schnell wie möglich, aber auch so ernsthaft und überlegt wie nötig zu dem Thema zu äußern. Ein paar Tage haben wir auch deshalb gebraucht, weil die Schilderungen sexualisierter Gewalt Mitglieder des Bundesvorstandes aufgrund eigener Erfahrungen in einer Weise belasten, die es erschwert, innerhalb weniger Tage die richtigen Worte zu finden.
Solidarität mit allen Betroffenen sexualisierter Gewalt
Die Schilderungen im SPIEGEL-Artikel haben uns erschüttert und wütend gemacht. Auch wenn wir wissen, wie allgegenwärtig sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft und damit auch in unserem Umfeld und unseren Organisationen ist – schwarz auf weiß zu lesen, was Genoss:innen erleben mussten und müssen, aber auch was vermeintliche Genoss:innen getan haben und tun, tut weh.
Unsere Solidarität gilt allen, denen sexualisierte Gewalt widerfahren ist. Sie gilt den Genoss:innen in Hessen, aber natürlich auch in allen anderen Regionen. Denn wir wissen: Sexualisierte Gewalt findet auch in unseren Organisationen statt und nicht zum ersten Mal ist das auch öffentlich bekannt gemacht worden. Umso tragischer ist es, dass wir in der LINKEN bisher noch kein breit getragenes und wirkungsvolles Verfahren für den Umgang mit Sexismus in all seinen Formen gefunden haben. Darunter leiden in erster Linie die Betroffenen, die sich teilweise Strukturen gegenüber sehen, die eher Hindernisse als Unterstützung darstellen.
Jetzt ist der Moment, um grundlegende Veränderung auf den Weg zu bringen. Wir begrüßen, dass die Partei hier jetzt erste Maßnahmen ergreift. Die Verantwortung, dass aus Beschlüssen und Bekenntnissen auch reale Veränderungen werden, liegt bei uns allen.
Aufklärung und Aufarbeitung
Für den Moment steht natürlich die Aufklärung und Aufarbeitung dessen, was in Hessen passiert ist, im Vordergrund. Fest steht, dass dieser Prozess sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren muss. Dies muss in Zusammenarbeit mit externen Beratungsstellen oder anderen Expert*innen im Bereich sexualisierter Gewalt geschehen. Wir stellen uns gegen jegliche Versuche machtpolitischer Vereinnahmung dieser Vorfälle und verurteilen diese zutiefst.
Es gibt in der Linken seit vielen Jahren Debatten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen. Denn für sozialistische Organisationen gelten nicht dieselben Maßstäbe wie etwa vor einem staatlichen Gericht. Unsere Organisationen sollen Orte der Ermutigung und der Emanzipation sein. Orte, an denen wir gemeinsam daran arbeiten, die Gesellschaft zu verändern. Unser Anspruch sollte weit über dem von anderen Parteien liegen.
Außerdem wissen wir, dass in unserer Gesellschaft Betroffenen oft nicht geglaubt wird oder ihre Betroffenheit relativiert wird. Das darf uns nicht passieren. Der Schutz und die Arbeit mit Betroffenen muss im Vordergrund stehen. Gleichzeitig muss unser Umgang mit gewaltausübenden Personen über eine Strafe oder Ähnliches hinaus gehen. Das Auftreten von sexualisierter Gewalt kann nur minimiert werden, wenn gewaltausübenden Personen aufgezeigt wird, inwiefern ihr Verhalten gewaltvoll ist. Nur dadurch können erlernte gewaltvolle Verhaltensmuster verändert werden, die sonst außerhalb der Partei ausgeübt werden. Die Bereitschaft für einen individuellen Veränderungsprozess sowie das Mitwirken an der Veränderung der Organisation gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse sind elementare Bestandteile einer feministischen Praxis.Wenn diese Bereitschaft nicht gegeben ist, muss es Möglichkeiten geben gewaltausübende Personen auszuschließen.
In der Linken wird ein Umgang in dieser Form als Ansatz transformativer Gerechtigkeit – »transformative justice« – diskutiert. An diesem Ansatz, in dessen Zentrum die gemeinsame und grundlegende Veränderung der Gesellschaft steht, orientieren auch wir uns in der Entwicklung eines kollektiven und demokratisch legitimierten Umgangs mit Gewalt und Diskriminierung innerhalb unseres Verbands. Wir halten diese Perspektive auch im Hinblick auf die Partei für eine sinnvolle Orientierung.
Was bedeutet es, eine feministische Partei zu sein?
Verfahren im Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt zu etablieren, die breite Anerkennung in der Partei erfahren und gleichzeitig ihren Zweck erfüllen, ist eine unserer Aufgaben. Feministische Partei zu sein bedeutet jedoch noch viel mehr. Für uns geht mit dem Anspruch sozialistische Mitgliederpartei zu sein auch die Herausforderung einher, dass wir als Genoss:innen gemeinsam versuchen, nicht nur das ABC sozialistischer Politik sondern auch einen solidarischen Umgang jenseits patriarchaler und anderen unterdrückenden Verhaltensweisen zu erlernen.
Feministische Partei zu sein fängt somit schon beim Aufbau von lebendigen und einladenden Ortsverbänden und Basisorganisationen an. Hier können FINTA-Personen insgesamt gefördert und in ihren Ansprüchen bestärkt werden, was nicht bedeutet sie schnell in Amt & Würden zu bringen um Quoten zu erfüllen, strukturelle Probleme aber unangetastet zu lassen. Nachhaltige Sensibilisierung für Sexismus und andere Formen von Diskriminierungen muss auf jeder Ebene der Parteistrukturen stattfinden. Mitarbeiter:innen, Abgeordnete und andere Funktionär:innen müssen in die Pflicht genommen werden ihre Zeit und ihre Ressourcen in den Aufbau und in die Erhaltung von Strukturen einzusetzen, welche dem bestehendem Sexismus und den patriarchalen Machtgefällen entgegenwirken. Zu einer feministischen Praxis muss gehören sich Machtgefällen bewusst zu werden, ihren Missbrauch zu verhindern und sie soweit wie möglich abzubauen. Dafür braucht es sowohl auf kommunaler als auch auf Landes- und Bundesebene kompetente ansprechbare (Vertrauens-)Personen, an die sich in Fällen von Sexismus und sexualisierter Gewalt gewendet werden kann.
Feministische Partei zu sein ist ein andauernder Prozess, denn solange wir die Gesellschaft nicht grundlegend verändert haben, prägt sie uns und fordert damit heraus, dass wir uns gegen alle Verhältnisse von Ausbeutung und Unterdrückung wehren – kollektiv wie individuell.
Zur Debatte
Im Anschluss an die SPIEGEL-Veröffentlichung dreht sich in der Debatte vieles darum, wer jetzt alles zurücktreten muss. Das ist nicht förderlich. Wenn sich Betroffene dazu gezwungen sehen, an die Öffentlichkeit zu gehen, dann ist eindeutig, dass in der Partei einiges schief gelaufen ist und Konsequenzen daraus gezogen werden müssen. Dass für manche jetzt die entscheidende Frage zu sein scheint, was Janine Wissler getan hat und was nicht und ob sie zurücktritt, halten wir für ein Teil des Problems. Ja, auch die jetzige Parteivorsitzende steht in der Verantwortung, mögliche Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten und für die Zukunft jetzt die richtigen Schritte in die Wege zu leiten. Das kann aber nur in einem kollektiven Prozess passieren, in dem wir erstens Schutz für Betroffene organisieren und ihre Perspektive in den Vordergrund stellen, zweitens die Beschuldigten zur Verantwortungsübernahme bringen und ggf. Konsequenzen ziehen und drittens als LINKE-Mitglieder Verantwortung für die Partei und jeden Ort in ihr übernehmen und so gleichzeitig die Gesellschaft verbessern. Es liegt an uns, diesen Prozess solidarisch und unter Einbezug verschiedener Perspektiven und Erfahrungen zu gestalten. Dabei müssen Einsicht und Verantwortungsübernahme im Mittelpunkt stehen, denn nur so können wir nachhaltige Strukturen aufbauen und einen echten Kulturwandel innerhalb der Partei erwirken.
Wir als Bundesvorstand wollen von nun an weiterhin Druck auf die Partei ausüben, damit die angekündigten Konsequenzen auch umgesetzt werden. Außerdem arbeiten wir an der Umsetzung der Forderungen innerhalb von Die Linke.SDS. Bereits auf dem vergangenen 29. Bundeskongress hatten wir beschlossen, bis zum 30. Bundeskongress Konzepte für den Umgang mit Diskriminierung im Verband zu erarbeiten.
18. März 2022
Für den Erhalt und den Ausbau internationaler Wissenschaftskooperation!
Der Angriffskrieg der russischen Armee in der Ukraine muss sofort beendet werden. Damit dieser Krieg nicht zu einem atomaren Weltkrieg zugespitzt und das Leid sofort beendet wird, muss umso dringlicher die Spirale der Gewalt aus Abschottung, Abschreckung, Aufrüstung, Provokation und Eskalation durchbrochen werden. Doch die NATO, EU und ihre Mitgliedsregierungen schüren die bisherige Eskalation mit Aufrüstungen, Waffenlieferung, Ausdehnung der Macht- und Einflusssphäre gen Osten brandgefährlich weiter. Brutale Sanktionen treffen die globale Zivilbevölkerung. Kein Menschenleben wird dadurch in der Ukraine gerettet, im Gegenteil wird weiter Öl ins Feuer gegossen.
Dagegen: Wir sind der Überzeugung, dass zivile internationale Kooperation die notwendige und einzige Alternative zum Krieg ist – in Kultur, Bildung und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Deswegen streiten wir als dielinke.SDS für internationalen Wissenschaftsaustausch, Völkerverständigung, Abrüstung und menschenwürdige Aufnahme geflüchteter Menschen. Wir sehen uns in der Verantwortung, jetzt erst Recht Orte der internationalen Zusammenarbeit zu schaffen und zu stärken.
Wir rufen die Mitglieder der Hochschulen auf, die internationale wissenschaftliche Kooperation, insbesondere mit Kolleg:innen und Kommiliton:innen aus Russland und der Ukraine, zu suchen und zu intensivieren und so zu einer rationalen Verständigung und friedensstiftenden zivilen Entwicklung beizutragen. Wir fordern außerdem die Wissenschaftsminister:innen, die Bundes- und Landesregierungen, den DAAD, die Hochschulleitungen auf, sofortige Wiederaufnahme der Kooperationsaktivitäten mit russischen Hochschulen und anderen Wissenschaftseinrichtungen zu ermöglichen und aktiv zu befördern. Damit zur Herausbildung gleichberechtigter und verbindlicher kultureller, wirtschaftlicher und politischer Partnerschaften beigetragen wird. Das ermöglicht soziale, demokratische Progression in allen beteiligten Ländern und wirkt friedensbildend.
Wir stellen uns an die Seite der russischen Wissenschaftler:innen für den Frieden:
»Wissenschaftliche Forschung ist ohne eine umfassende Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern nicht denkbar. Die Isolierung Russlands von der Welt bedeutet eine weitere kulturelle und technologische Degradierung unseres Landes, die keine positiven Perspektiven bietet. Ein Krieg mit der Ukraine ist ein Schritt ins Nirgendwo. (…) Wir fordern die sofortige Einstellung aller Militäraktionen gegen die Ukraine. Wir fordern die Achtung der Souveränität und territorialen Integrität des ukrainischen Staates. Wir fordern Frieden für unsere Länder. Lassen Sie uns Wissenschaft betreiben, nicht Krieg!«
Wir kämpfen dafür, dass das angekündigte 100 Mrd. Euro Aufrüstungspaket in ein soziales, ziviles Investitionsprogramm umgewidmet wird. Die Hochschulen können, wie alle demokratischen öffentlichen Bereiche, die Mittel zur umfassenden Erfüllung wissenschaftlicher Arbeit und Bildung zum Allgemeinwohl sehr gut gebrauchen.
Wir wirken in den Hochschulen für Solidarität mit ukrainischen und russischen Kommiliton:innen sowie allen internationalen Studierenden. Aufgrund des Krieges fallen aktuell finanzielle Unterstützungen weg. Gerade zum Semesterbeginn setzen wir uns für einen sozialverträglichen Umgang mit der Zahlung von Semesterbeiträgen und Studiengebühren ein, bis zu ihrer Abschaffung. Geflüchtete Menschen, unabhängig ihres Passes, Hautfarbe oder Herkunft, sollen zügig in die Hochschulen und Studium aufgenommen werden.
Wir intensivieren unsere Arbeit für und mit Zivilklauseln für rein zivile Wissenschaft zu Kriegs- und Friedensursachen. Aufklärung und Verständigung ist die Alternative zu Kriegspolitik und -propaganda: Mit Vernunft Frieden schaffen!
28. Februar 2022
Nein zum Krieg um die Ukraine!
Stoppt die Invasion!
Statement des Bundesvorstands von Die Linke.SDS
Mit dem Beginn der Invasion am frühen Donnerstagmorgen hat Russlands Präsident Putin einen Völkerrechtsbruch begangen. Durch diesen Krieg wird das Leben von Tausenden und Millionen von Menschen gefährdet. Unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine, die jetzt um ihr Leben fürchten. Jetzt muss alles getan werden, damit die Lage sich wieder beruhigt und so wenig Menschen wie möglich zu Schaden kommen.
Das russische Regime behauptet, der Vormarsch sei eine „Friedensmission“. Das ist mehr als zynisch. In Wirklichkeit geht es darum, die russische Vorherrschaft über die Ukraine und die Region wiederherzustellen. Der russische Imperialismus steht dem westlichen in keinen Punkten nach: Es geht darum, die eigenen Kapitalinteressen zu sichern und gegen die Interessen des Westens zu erkämpfen. Putin sprach in seiner Kriegserklärung davon, dass die Ukraine schon immer ein Teil Russlands gewesen sei, verkennt damit jedoch das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das nach der Oktoberrevolution verankert wurde. Dieser Krieg und auch die Stimmungsmache gegen eine selbstbestimmte Ukraine hat zwei wesentliche Effekte: 1) die geopolitisch, sowie ressourcenreiche Ukraine in den eigenen Machtkorpus zu integrieren und 2) Stimmen der Opposition auszublenden. Der militärische Angriff seitens russischer Regierung ist ein klarer Ausdruck der Interessen der Herrschenden und ist aufs Schärfste zu verurteilen. Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand und die Rückkehr an den Verhandlungstisch!
Unsere Solidarität gilt der ukrainischen Bevölkerung, sowie den Demonstrant:innen und Kriegsgegner:innen in Russland und Menschen, die aufgrund der aktuellen Geschehnisse aus ihrem Zuhause fliehen müssen.
Auf die Straße für Frieden und Abrüstung!
In einem gemeinsamen Statement von Jusos und Grüne Jugend mit der Jungen Union und den jungen Liberalen heißt es: „Als junge Generation, die den Kalten Krieg nicht selbst erlebt hat, ist es auch unsere Verantwortung, den Frieden in Europa zu bewahren und Krieg zu verhindern.“ Für uns bedeutet die Verantwortung, den Frieden als „wertvollste(s) Gut“ zu bewahren, allerdings nicht, gemeinsam mit den politischen Kräften der Aufrüstung und Militarisierung für Frieden zu demonstrieren. Es ist höchste Zeit, dass unsere Generation wieder gegen Waffenexporte und für Abrüstung auf die Straße geht, und das nicht nur für den auf europäischem Boden. Wo war der Einsatz gegen den Krieg der Türkei in Syrien und der Bundeswehr in Afghanistan? Unsere Forderung nach Frieden muss sich auch an die NATO richten. Auch sie besitzt keine weiße Weste, führt Kriege und hat Kriege geführt, auch in Europa. Wenn Olaf Scholz behauptet, es gäbe seit 75 Jahren keinen Krieg mehr in Europa, dann vergisst er unter anderem Jugoslawien – Rot-Grün hat Deutschland in diesen Krieg geführt.
Wir leben in einem imperialistischen System mit zueinander in Konkurrenz stehenden Kapitalinteressen. Diese Interessen werden zur Not durch kriegerische Handlungen der Nationalstaaten oder Militärbündnisse durchgesetzt. Die Konsequenzen beobachten wir durchgehend weltweit.
Die Ukraine wird hier zu einem Spielball imperialistischer Großmächte, sowie es andere Staaten zuvor wurden und immer noch sind.
Die Leidtragenden des aktuellen kriegerischen Konflikts sind nicht diejenigen, die ihn anzetteln und befeuern, sondern die Menschen in der Ukraine, die um die Zerstörung ihrer Heimat oder gar die Auslöschung ihres Lebens fürchten müssen; diejenigen, die fliehen und alles zurücklassen müssen; die Menschen in Russland, die unter Repressionen und Sanktionen leiden; Menschen die ihr Leben oder ihre Unversehrtheit verlieren und auch all diejenigen, die aufgrund hoher Rüstungsausgaben in ihren Ländern auf grundlegende Sozialleistungen und damit auf ein Leben in Würde verzichten müssen. Und all das, weil einige wenige profitieren. Und diese wenigen riskieren einen Krieg, in dem es um Kapitalinteressen, fossile Brennstoffe und Rüstungsprofite geht!
Russland , und damit ist die politische und ökonomische Elite gemeint, ist in dieser Situation der akute Aggressor. Das ist eindeutig. Eine weitere Deeskalation wird es dennoch nur geben, wenn auch die NATO mit ihrer Politik unter Druck gerät durch eine neue Friedensbewegung voller junger Menschen. Waffen- und Rüstungslieferungen sowie Kriegsvorbereitungen, wie wir sie seit gestern seitens der Bundesregierung beobachten können, führen nicht zur Deeskalation und bringen keinen Frieden, sondern steigern weiter die Kriegsgefahr! Dass die Bundesregierung nun aktiv Waffen liefert, ist unhaltbar, dort Helfen auch keine beschwichtigenden Ausreden seitens der Regierung, dass man von den Verbündeten dazu gedrängt wird. Ebenso soll das Militärbudget erhöht werden, was eine Eskalation noch weiter vorantreibt. Wir müssen uns ganz klar gegen den Militarismus der Regierung stellen. Unsere Antwort kann nur eins sein: antikapitalistisch, antimilitaristisch und friedensbewegt!
Der politische Druck lässt sich nur gemeinsam von unten aufbauen! Wir rufen alle Menschen dazu auf, sich an den zahlreichen Kundgebungen für den Frieden, einen Waffenstillstand und Abrüstung zu beteiligen!
Für den Moment sind für uns folgende Forderungen zentral:
- Sofortiger Abzug der russischen Truppen aus der Ukraine!
- Solidarität mit den Ukrainer:innen und den Demonstrant:innen und Kriegsgegner:innen in Russland
- Keine Eskalation, keine Intervention der NATO!
- Waffenstillstand und Verhandlungen jetzt!
- Abrüstung vor allem von Atomwaffen
- Asyl für desertierende Soldaten
- Offene Grenzen ohne Selektierung – Aufnahme aller Geflüchteten!
- ein Zurück zur Rüstungskontrolle und Abrüstungsverhandlungen
- Kürzung statt Erhöhung des deutschen Rüstungshaushaltes – Investitionen in Bildung und Soziales!
- keine Osterweiterung der Nato, keine weitere Waffenlieferung in Krisengebiete
20. Oktober 2021
Zwischen Wahlniederlage und Aufbruchstimmung:
Was kann die studentische Linke zu einem Comeback der LINKEN beitragen?
Statement des Bundesvorstands von Die Linke.SDS nach der Bundestagswahl und zum Semesterstart.
Wenige Wochen nach dem enttäuschenden Ergebnis der LINKEN bei der Wahl kehren wir Studierende endlich wieder an den Campus zurück. Was erwartet uns? Vor welchen Herausforderungen stehen wir? Und vor allem: Wie bauen wir die klein und groß geschriebene Linke (wieder) auf? Um diese Fragen zu beantworten, diskutieren wir in diesem Text zunächst den Wahlausgang mit besonderem Blick auf das Abschneiden der LINKEN. Anschließend widmen wir uns der Stärke von FDP und Grünen bei jungen Leuten und bringen diese in Zusammenhang mit der Lage an den Hochschulen. Zum Abschluss machen wir Vorschläge für Handlungsfelder, in denen wir als studentische Linke jetzt Schritte nach vorn machen können.
Merkels Nachfolge und der »progressive Neoliberalismus«
Die Frage »Wer wird Kanzler:in?« dominierte den Wahlkampf. Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz standen sich allerdings zu nahe, als dass es zu einer echten Polarisierung kommen konnte (vgl. Janis Ehling in der LuXemburg). Alle drei kämpften um das politische Zentrum. Im Vordergrund standen »Personalisierung, individuelle Schwächen der Kandidatin und der Kandidaten sowie reale oder vermeintliche Intrigen und Skandale« (Klaus Dörre im Jacobin), nicht die wichtigen Fragen unserer Zeit »Wie lösen wir die Klimakrise?« und »Wer bezahlt die Kosten des notwendigen Wandels und der Corona-Pandemie?«. Gleichwohl bemerkenswert ist die Krise des Konservatismus. Wohin die Neuaufstellung der Union nach ihrem schlechtesten Wahlergebnis führen wird ist zwar noch unklar, eine Öffnung nach rechts, wie sie Vincent Streichhahn in der LuXemburg diskutiert, halten wir jedenfalls ebenso für möglich wie eine Verjüngung und eine Art »modernen« Konservatismus. Ein Zurück zu alten Zeiten, wie Friedrich Merz vorschlägt, »bleibt aus der Perspektive eines ideellen Gesamtkapitalisten weit hinter den Erfordernissen einer tragfähigen Post-Corona-Agenda zurück«, wie Dörre richtigerweise schreibt. »Sie legt die Union auf Positionen fest, die selbst in der Wirtschaft auf Ablehnung stoßen und im imperialen Kräftemessen zwischen China und den USA in die Isolation führen müssen.«
Für uns steht fest, dass auch die Ampel nur das »Wie« des »Weiter So« verhandelt, nicht das »Ob«. Der »neue Aufbruch«, den Christian Lindner ankündigt, das »fortschrittliche Zentrum« und der »Neuanfang«, den sich 51% der Deutschen von einem Ampel-Bündnis erhoffen, wird kaum mehr sein als ein grünes Update des Status Quo. Als »progressiven Neoliberalismus« hat die neue Bundessprecherin der Grünen Jugend Sarah-Lee Heinrich die Ampel in Anlehnung an den Begriff von Nancy Fraser passenderweise bezeichnet – ein im Kern neoliberales Projekt, das sich fortschrittlich gibt, die sozialen Spaltungen aber verschärfen wird, eine Regierung, die bereits als »fortschritlich« gilt, »wenn die Führungsetagen von Unternehmen diverser besetzt werden, die Büros am Abend aber trotzdem migrantische Frauen für beschissene Löhne sauber machen müssen«.
Die kommenden vier Jahre werden von weiteren Klimakatastrophen und Verteilungskämpfen geprägt sein. Die Kosten der Klima- und Coronakrise werden von der kommenden Regierung mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Mehrheit der Bevölkerung abgewälzt werden. Dagegen Protest organisieren kann nur eine starke LINKE, die Menschen für einen sozial-ökologischen Systemwechsel begeistert. Doch davon sind wir aktuell weit entfernt.
Niederlage der LINKEN: Taktische Fehler und große Aufgaben
Wir sind noch wie selbstverständlich mit einer LINKEN im Bundestag politisch aktiv geworden. Dass das aber eben keine Selbstverständlichkeit ist, mussten wir am Wahlsonntag schmerzlich feststellen. Eine sozialistische Partei aufzubauen, die wirklich im Alltag von Millionen verankert ist, ist eine riesengroße Aufgabe. DIE LINKE ist bisher keine Partei in diesem Sinne, sie bietet uns aber die Möglichkeit, eine solche zu schaffen, weil sie Zehntausende links der Sozialdemokratie vereint. Heute steht auch diese Möglichkeit auf dem Spiel und diesen Trend umzudrehen ist die große Aufgabe vor der wir stehen, wenn wir uns als Sozialist:innen verstehen.
Wie konnte es dazu kommen? Warum hat DIE LINKE bei der Wahl überhaupt so viel Zustimmung verloren? Wir sehen mehrere Gründe. Zunächst stimmt es, dass wir in der Zuspitzung auf Scholz gegen Laschet und anfangs auch Baerbock zerrieben worden sind. Wer beerbt Merkel und wird Merkel 2.0? Das war die zentrale Frage. Mit unseren zentralen Botschaften haben wir als LINKE kaum Gehör finden können. Mediale Aufmerksamkeit bekamen wir erst als die Union Angst vor einem »Linksrutsch« schürte.
Zweitens aber reagierte die Parteispitze auf dieses wenig wahrscheinliche Szenario einer R2G-Regierung unter anderem mit dem sogenannten »Sofortprogramm«. Während wir die taktische Idee dahinter – Grüne und SPD herausfordern, zeigen, dass wir LINKE Veränderung wollen – nachvollziehen können, so war die Ausführung in unseren Augen schwach. SPD und Grüne wurden nicht herausgefordert. Vielmehr sah es so aus, als ob DIE LINKE so gerne regieren wollen würde, dass ihr der Inhalt einer Koalition gar nicht mehr so wichtig ist. Rote Haltelinien und positive »Wendepunkte«, wie sie im Programm eigentlich verankert sind, waren nicht klar erkennbar. Bitter ist dieser Eindruck eines »Lagerwahlkampfes«, der durch verschiedene Interviews und »Hintergrundgespräche« etwa von Dietmar Bartsch und Susanne Hennig-Wellsow noch verstärkt wurde, insbesondere deshalb, weil das Sofortprogramm ohne Zustimmung des Parteivorstands vorgestellt wurde. Es war demnach ein taktischer Fehler von wenigen, der hätte verhindert werden können.
Doch nicht nur der viel zu freundliche Umgang mit SPD und Grünen hat geschadet. Als LINKE haben wir drittens in zentralen Fragen unserer Zeit nicht mit einer Stimme gesprochen. Wir hätten die Grünen an ihren großen Aufbruchsversprechungen messen können, hätten uns für Klimaschutz gegen Konzerninteressen, konsequenten Antirassismus und Antifaschismus, die Abschaffung von Frontex und für Frieden stark machen können. Stattdessen haben wir über »Lifestyle-Linke« diskutiert, weil Sahra Wagenknecht überall erzählt hat, dass wir wie die Grünen sind und die »einfachen Leute« verprellen. Es stimmt, dass wir manche Menschen nicht (mehr) erreichen. Es wird aber nicht besser, wenn wir das nicht gemeinsam angehen sondern großen Medienkonzernen immer wieder sagen, wie blöd DIE LINKE eigentlich ist. Egal ob es Hintergrundgespräche mit der FAZ oder Interviews mit der WELT sind – unsere Bewegung wird nicht durch Interviews aufgebaut, nicht über eine Öffentlichkeit, die uns eher feindlich gegenüber steht.
Viertens und entscheidend ist unseres Erachtens aber die weiterhin fehlende Verankerung der LINKEN im Alltag von Millionen. Auch wenn wir zu den scheinbar glorreichen Zeiten der Partei noch in die Schule gegangen sind, haben wir verstanden, dass das gesellschaftliche Lager, dass die LINKE damals wählte, sich verändert hat. Es ist nicht gelungen, die guten Wahlergebnisse auch in Mitgliedschaft und Verankerung zu übersetzen. So entstanden Apparate und Ressourcen, von denen auch wir profitieren, die in der Realität aber auch zum Problem werden können. Sie simulieren Stärke, die wir nicht haben. Das hat die Wahl deutlich gemacht. DIE LINKE macht fast nie den Unterschied. Doch sie müsste es sein, die Kämpfe im Viertel, im Betrieb und auf den Straßen antreibt und zu Erfolgen führt.
Um die Zukunft der LINKEN als sozialistische Mitgliederpartei zu sichern, brauchen wir daher einen Fokus auf wirkliche Verankerung und einen Aufbau der Partei von unten. Dass das nicht leicht wird und ist, wissen wir selber aus unserer Arbeit an den Hochschulen allzu gut. Aber es gibt keine Alternative zu diesem Weg. Die über 200.000 Haustürgespräche waren ein guter erster Schritt. Gleiches gilt für einzelne Organizing-Projekte. Trotzdem arbeitet die Mehrheit der Kreisverbände nachwievor vor allem für den Sitzungssozialismus, führt kaum Gespräche, baut nicht systematisch auf. Das zu ändern hat nun höchste Priorität und die über 2000 Eintritte kurz nach der Wahl deuten das Potential einer Mitgliederpartei an.
FDP und Grüne statt LINKE: Was ist mit unserer Generation los?
Diese neuen Mitglieder sind wie in den letzten Jahren zu mehr als zwei Drittel junge Leute. Bei der Wahl bekamen allerdings Grüne und FDP die meisten Stimmen von Erstwähler:innen. Nur ein kleiner überzeugter Teil der jüngeren Generationen versteht sich als der LINKEN nahe. Daran müssen wir arbeiten.
Erfreulich ist jedoch zunächst die Tatsache, dass auch die AfD im bundesweiten Durchschnitt wenig Zustimmung innerhalb der Jugend bekommt. Auch wenn das in manchen Regionen und Bundesländern wie Sachsen anders aussieht, so zeigt dies doch, dass es der Jungen Alternative und Vorfeldorganisationen wie der Identitären Bewegung nicht gelingt, sich breit zu verankern. Erfreulich ist auch, dass die Erstwähler:innen kein »Weiter so« wollen. Den Regierungsparteien gaben sie nur wenig Stimmen. Doch der Veränderungswille polarisiert sich zwischen FDP und Grünen, die sich laut Instagram nun zwar annähern, häufig aber als scharfe Gegner:innen dargestellt werden. Als LINKE spielen wir mit 8% nur eine Nebenrolle. Wie ist das zu verstehen?
Blicken wir auf die FDP. Sie profitierte sicherlich von ihrer Ablehnung von zahlreichen Corona-Maßnahmen. Viele Schüler:innen und Studierende erlebten den Staat als einen Akteur, der Präsenzlehre und Freizeit verhindert, aber gleichzeitig wenig Alternativen und Perspektiven bietet. Während solidarische Alternativen zur digitalen Lehre bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Prüfungsdrucks fehlten, bot die FDP eine scheinbar attraktive Lösung an: Weniger Einschränkungen, mehr jede:r für sich. Der Krautreporter Bent Freiwald hat junge FDP-Wähler:innen nach ihren Motiven befragt. Die Antworten drücken einen Mischung aus Staatsmisstrauen und dem Versuch einer Abgrenzung zum grün-linken Milieu um Fridays For Future aus. Zu erwähnen ist schließlich auch die Präsenz der FDP in sozialen Medien und eine gewisse Beliebtheit, die sie in YouTube- und Gaming-Kreisen erfährt, wie der Journalist Raphael Knipping berichtet. Man mag das starke Ergebnis der FDP unter den fast 3 Millionen Erstwähler:innen so besser nachvollziehen können. Es ist dennoch Ausdruck einer neoliberalen Ellenbogen-Mentalität, die unseren Vorstellungen einer solidarischen Gesellschaft diametral entgegensteht.
Etwas relevanter für DIE LINKE ist daher der Blick auf junge Grüne-Wähler:innen. Warum so viele junge Menschen, die Veränderung wollen – die »Generation Greta« –, grün statt links wählen, hat der Jugendforscher Max Lill bereits im Mai diesen Jahres in der LuXemburg diskutiert. Er argumentiert, dass die Grünen mit ihrem »pragmatischen Idealismus« auf Zuspruch treffen, weil sie reale Bedürfnisse nach Sicherheit unter Jugendlichen adressieren. Dieses sogenannte »Re-Grounding« sei eine Reaktion auf zunehmende Unsicherheit bezüglich der eigenen Zukunft sowie gestiegenen Leistungsdruck in Schule und Studium. Wie können diese Bedürfnisse von links angesprochen werden? Wie können die hohen Zustimmungswerte zu Umverteilung, Klimaschutz und anderen progressiven Forderungen für einen Aufschwung sozialistischer Ideen und Politik genutzt werden? Diese Fragen müssen uns jetzt noch mehr beschäftigen. Hoffnungsvoll stimmt uns an dieser Stelle die weiterhin große Mobilisierungskraft der Fridays For Future-Demonstrationen kurz vor der Wahl. Mit 620.000 Menschen bundesweit war der Klimastreik deutlich stärker als andere große Mobilisierungen. FFF hat so wohl auch dazu beigetragen, die Grünen in die Regierung zu bringen. Doch die Hoffnung auf gute Klimapolitik wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell verfliegen. Daraus kann Frustration für die vielen jungen Klimaaktivist:innen entstehen, die von links aufgefangen werden muss.
Die Hochschulen öffnen – und jetzt?
In den Haustürgesprächen – einer der wenigen Möglichkeiten, die uns in den vergangenen Monaten zur Verfügung standen, um mit nicht-organisierten Studierenden in Kontakt zu treten – erzählten viele unserer Kommiliton:innen nicht nur vom Klimawandel und hohen Mieten, sondern häufig auch von ihrer Vereinzelung und Isolation in anderthalb Jahren digitaler Lehre. Die Unzufriedenheit über die mangelnde Berücksichtigung studentischer Interessen formierte sich aber erst im Juli diesen Jahres z.B. unter #UnisAuf in einer Protestbewegung, auch weil von links bis dahin kaum sinnvolle Angebote entwickelt wurden. So waren es nicht-organisierte Erstsemester, die Kundgebungen organisierten und die politisch eben vor allem an Einem interessiert waren – der Öffnung der Hochschulen. Dabei wurde wenig differenziert, welche Hochschulgruppen sich in die Proteste einbringen – wir waren genauso willkommen wie der Freie Campus, die liberale Hochschulgruppe. Dem anschließenden Versuch, die Proteste nun stärker von links zu prägen, wurde vielerorts mit den Öffnungsankündigungen der Hochschulleitungen schnell der Wind aus den Segeln genommen.
Mit dem Semesterstart und der damit einhergehenden Öffnung der Hochschulen kann jetzt auch die studentische Linke wieder eingreifen.Junge Studierende betreten das erste Mal die Universität, suchen Austausch, Informationen und Anschluss. An dieses Gefühl knüpfen wir und andere Gruppen bundesweit mit Kritischen Einführungs- und Orientierungswochen an. Wir als studentische Linke sind jetzt gefragt unseren Beitrag dazu zu leisten, die gesamtgesellschaftliche Linke und damit auch DIE LINKE wieder zu stärken. Wir sehen drei Felder, in denen wir jetzt erfolgreich sein können:
1) Den Campus als politischen Raum zurückerobern.
Die Hochschulen sind nicht der entscheidende Ort gesellschaftlicher Veränderung. Und doch können von ihnen Impulse über den Campus hinaus ausgehen. Im Wintersemester bedeutet das an den Hochschulen: Viel Raum für Debatte schaffen, Kundgebungen organisieren, zeigen, dass wir uns den Campus als Wirkungsort nicht so schnell nehmen lassen. Die verschiedenen Formen alternativer Einführungswochen können dabei nur der Anfang sein. Je nach Konfliktlage vor Ort können Vollversammlungen, Sit-Ins etc. sinnvoll sein, um den Campus wieder mit Politik zu füllen und vereinzelte kritische Studierende gegen das Zentrum zu sammeln. Auch grundsätzliche politische Bildungsangebote gilt es auf die Beine zu stellen. Wir werden mit unseren »marxistischen Montagen« zeitnah ein erstes Format auf den Weg bringen. Verstärken wollen wir auch den systematischen Aufbau an Fachhochschulen, an denen politisches Engagement häufig noch verhindert wird. Zuletzt bundesweite Proteste sollten verstärkt mobilisiert werden. Bereits am 22. Oktober findet der Zentralstreik von FFF in Berlin statt. Im Dezember lädt die AfD zum Bundesparteitag nach WIesbaden – eine Möglichkeit, die schwelenden Konflikte durch politischen Druck von außen zu verstärken und die Partei weiter zu schwächen.
2) Gewerkschaftlichen Aufbruch in Studium & Forschung unterstützen.
Die Kolleg:innen von TV Stud Hamburg haben indes schon damit begonnen den Campus zurück zu erobern und gleich zu Beginn des Semesters einen Hörsaal besetzt. Sie starten damit in die Tarifrunde der Länder, in der die Hochschulen zu den größten Betrieben gehören und in welcher nun auch der Tarifvertrag für studentische Beschäftigte verhandelt wird. Gemeinsam mit der Aufmerksamkeit rund um #ichbinhanna erneuern die TV Stud Initiativen die Hochschulpolitik in Deutschland, bringen Studierende und Beschäftigte zusammen, setzten auf systematischen Machtaufbau und Streiks. In der Kombination aus Streiks an den Hochschulen und Solidaritätsaktionen mit Auseinandersetzungen in den Universitätskliniken, die ebenfalls Teil dieser Tarifrunde sind, liegt das Potential, die soziale Frage und gewerkschaftliche Organisierung an den Hochschulen populärer zu machen. Das sollte unser Ziel sein.
3) Ökosozialistische Vision bekannt machen.
Entscheidend wird sein, wie es uns als studentischer Linken und Die Linke.SDS gelingen wird, Anziehungspunkt für die vielen jungen Leute zu werden, die das Voranschreiten der Klimakrise nicht weiter akzeptieren wollen. Dem Vertrauen auf Mechanismen des Marktes, Innovationen in der Technik und allen anderen Formen von systemimmanenten Strategien für den ökologischen Umbau müssen wir eine ökosozialistische Vision entgegenstellen, die sowohl durch etwas Utopisches als auch durch konkret durchsetzbare Projekte überzeugt. Den Anfang haben wir vergangenes Jahr in der Zusammenarbeit von Fridays For Future und ver.di gemacht. Im kommenden Jahr laden wir als Die Linke.SDS zu einer großen Organizing-Akademie ein, auf der wir weitere Projekte verabreden und eine Kultur der organisierenden Politik verallgemeinern wollen. Die studentische Linke, davon sind wir überzeugt, muss weiterhin aktiv das Bündnis mit Beschäftigten suchen und auf gesellschaftliche Mehrheiten für einen sozial-ökologischen Systemwechsel orientieren.
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26. Bundeskongress (Juni 2020)
/in Bundeskongress /von Martin WählerInhaltsverzeichnis
Teil 1
A1. Leitantrag
A5. Gegen die Kriminalisierung und Diskreditierung von Palästina- Solidarität
A7. Online Veranstaltungsreihe „Rassismus – Polizei – Gewalt“
A8. Seminar zur Geschichte der Arbeiter*innenbewegung
A1. Leitantrag
Salopp formuliert, waren die letzten Monate für die Gesellschaft ein Crashkurs der Kapitalismuskritik. Eine Pandemie verstärkt die wirtschaftliche Krise und verdeutlicht, wo das kapitalistische System unmenschliche Verhältnisse produziert, die sich in Krisenzeiten verschärfen und dass dieses System weder nachhaltig noch krisenfest ist.
Die Krise – Bestandsaufnahme
Menschen im Niedriglohnsektor, die sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen, wie Pflege und Handel, Alleinerziehende, FINT (Frauen/Intersexuelle Personen/Nicht- binäre Personen/Trans- Personen), Kinder und alte Menschen, aber auch Kulturschaffende, Gastronomiemitarbeiter*innen und Solo-/Scheinselbständige bleiben in dieser Situation auf der Strecke. Trotz der politischen Auseinandersetzung, welche Berufe als systemrelevant erachtet werden, ändert sich an den prekären Arbeitsverhältnissen nichts, im Gegenteil, sie werden weiterhin schlecht bezahlt und müssen in der Corona-Krise längere Arbeitszeiten hinnehmen, oft ohne einen ausreichenden Schutz vor Infektionen. Es zeigt sich aber auch, dass in diesen Berufsgruppen gerade die FINT* die Systemtragenden unserer Gesellschaft sind.
Versagen der Regierung
Von der neoliberalen Regierung ist nichts Progressives zu erwarten – sie ist Teil der Krise. In doppelter Aufstandsbekämpfung werden Waffendeals und die Rettung von Fluglinien gegen den Willen der in Isolation geschickten Bevölkerung durchgedrückt. Eine progressive Krisenbewältigung müssen wir selber in die Hand nehmen. Mit dem Ende der Schuldenbremse schaffen wir die Möglichkeit dringend benötigter Investitionen in u. a. die Rekommunalisierung und damit Demokratisierung der Krankenhäuser, welche aktiv gegen Corona-Pandemie hilft.
Während die Bundesregierung Rettungsschirme für die Konzerne spannt, werden die Schwächsten unserer Gesellschaft im Regen stehen gelassen. Während die einen ins Homeoffice geschickt werden, verlieren die Anderen ihren Job oder erhalten Kurzarbeiter*innengeld, das für viele nicht alle Kosten deckt.
Der Ausnahmezustand wurde dafür genutzt das Arbeitszeitgesetz auszuhöhlen und für systemrelevante Berufe eine Arbeitszeit bis zu 12 Stunden einzuführen. Das ist eine historische Zäsur, der unter massiver Gewalt erkämpfte 8 Stunden Tag wurde ausgesetzt. Wir sind uns bewusst, dass sich durch die autoritäre Krisenreaktion die Kampfbedingungen der Arbeiter*innenklasse massiv verschlechtert haben. Dem gilt es mit dem Kampf um Wirtschaftsdemokratie zu begegnen.
Mit dem Lockdown werden aber auch Türen geschlossen, hinter denen nicht selten häusliche Gewalt passiert. Das Zuhause wird zur Verschleierung und Einrede von Eigenverantwortung romantisierend zum Schutzraum verklärt, entgegen der durchzusetzenden gesellschaftlichen Lösungen durch Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge. Obdachlose Menschen bleiben wiederum vor geschlossenen Türen stehen, weil Wohnungsloseninitiativen eben nicht einer Profitlogik entsprechen und damit nicht fortgeführt werden können. Ganz unverhohlen nennt die Regierung das Konjunkturpaket eine „mutige Antwort“ oder behauptet einfach nur es habe„Wumms“. Im Paket taucht nicht einmal das Wort Studierende auf, „Unternehmen“ 34 mal.
Auch das bereits kaputt gesparte Gesundheitssystem ist auf die Krise nicht vorbereitet. Schon vorher gab es in den Kliniken einen Pflegenotstand und Pflegekräfte, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und Überlastung litten. Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderung können von ihren Familienangehörigen nicht besucht werden, was eine zusätzliche psychische Belastung darstellt.
Queere Menschen, POCs, Migrant*innen und Menschen mit Be_Hinderung bekommen dabei die Folgen einer unterfinanzierten öffentlichen Daseinsvorsorge, Diskriminierung auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und auch Gewalt am stärksten zu spüren. Die Krise trifft sie am härtesten. Und auch ihre Not wird von der Bundesregierung ignoriert.
Bildungssystem in Not
Die Corona-Krise verschärft die bereits prekäre Situation von Auszubildenden, Studierenden und Wissenschaftler*innen. Befristete Arbeitsverträge, Jobverlust und finanzielle Notlagen sind ein Teil ihrer Lebensrealität.
Wegen bisher bewusster (bildungs-)wissenschaftlicher Kritik an der Digitalisierung der Hochschulbildung, weil Onlinelehre niemals lebendige Lernprozesse in Präsenz ersetzen kann, herrscht in dem zwangsverordneten Online-Semester eine Unsicherheit über die Ausgestaltung des gesamten Studiums. Durch Mängel in der technischen Ausstattung und beim Zugang zum Internet werden die bestehenden Exklusionstendenzen verschärft. Die Hochschulen benötigen keine durch Bertelsmann und Co KG begleitete Digitalisierungsstrategie, sondern eine Humanisierungstrategie.
Das online-Semester bedeutet Mehraufwand, der von oben nach unten gegeben wird. Studentische Hilfskräfte und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, die vorher schon über ihre vertraglichen Arbeitszeit arbeiten mussten, werden nun noch stärker unter Druck gesetzt. Ebenso stehen Lehrstühle, die schon vorher nicht viele Mittel hatten, nun noch schlechter da.
Das von den Jugendorganisationen und Studierendenvertretungen vorangetriebene Solidarsemester und Kann-Semester, als Antwort der Jugendverbände auf die Krise, finden beim Bildungsministerium kein Gehör. Stattdessen werden sie nach langer Stille mit Hilfsangeboten wie zinsfreien Darlehen abgespeist, die sie in eine Schuldenfalle treiben. Es folgt auch keine überall gültige Aussetzung der Regelstudienzeit, die Auswirkungen auf Finanzierung durch BAföG, Stipendien, Studienkredite etc. hat.
Politische Präsenz: Notwendig
Durch den Lockdown kommt es aber auch zur Einschränkung politischer Teilhabe an Hochschulen und anderen politischen Räumen. Gewerkschaftliche Arbeit wird erschwert, da gerade Streiks nicht möglich sind, Demonstrationen, wie von FFF, fallen aus. Das Bündnis „Seebrücke“ konnte mit seiner Kampagne LeaveNoOneBehind eine breite Masse erreichen und wurde zum Vorreiter für Onlineproteste, dennoch können auch diese keine gemeinschaftliche Solidarität auf den Straßenersetzen. Die darauffolgenden Hygienedemos, ausgelöst durch Verschwörungen und Desinformationen, wurden von Rechten genutzt, um ihre perfiden Parolen zu verbreiten.
Internationale Solidarität sichern
Die Corona-Krise bedeutet auch eine Krise der internationalen Solidarität. Die fehlende Reaktion der EU auf die Missstände im Geflüchtetenlager Moria und fehlende Maßnahmen, die zur Rettung der Geflüchteten beitragen, sind ein Ausdruck eines menschenverachtenden Systems. Denn diese Menschen werden der Corona Pandemie schutzlos ausgesetzt. Auch trifft die Coronakrise unterschiedliche Staaten unterschiedlichen stark. Auch innerhalb Europas ist zu erwarten, dass aufgrund der durch EU-Austeritätspolitik aufgelegten Sparauflagen z.B. Italien oder Spanien wirtschaftlich überproportional betroffen sein werden.
Fluchtgründe sind neben einer politischen sowie wirtschaftlichen Destabilisation vor allem durch Konflikte und Kriege bedingt. Während in Deutschland der Betrieb von Unternehmen durch den Lockdown größtenteils eingeschränkt wurde, ging die Produktion in den Rüstungsschmieden wie Rheinmetall oder Krauss-Maffei-Wegmann weiter. Eine deutsche und europäische Friedenspolitik ist nur auf lange Zeit möglich, deshalb müssen Fluchtursachen konsequent bekämpft werden. Dies bedeutet bspw. ein Ende der Rüstungsexporte – vor allem an Drittstaaten sowie an Länder die an Konflikten und Kriegen beteiligt sind.
Das Coronavirus breitet sich global aus, aber bekämpft wird es v.a. auf staatlicher Ebene und einige Staaten nutzen das Virus sogar als Waffe gegeneinander. Die USA beispielsweise haben während der Pandemie die Wirtschaftssanktionen gegen Staaten wie Kuba, Venezuela, Syrien und Iran verschärft, wodurch die Ausbreitung des Virus begünstigt wird. Auch Kriegsdrohungen und provokative Manöver setzen sie und die NATO fort, z.B. gegen Venezuela, Russland und China.
Hoffnung auf Solidarität
Einen Hoffnungsschimmer bilden die vielen Solidaritäts-Initiativen inmitten der Corona Pandemie. Unsere Bildungsveranstaltungen, bei denen hunderte Genoss*innen und Interessierte zuschauten, die weitergehende Arbeit einiger Genoss*innen in der Vernetzung mit ÖPNV-Beschäftigten und nicht zuletzt die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA sowie die weltweite Kampagne #BlackLivesMatter. Es ist wichtiger denn je unseren Beitrag für die Rechte der Black, Indigenous People Of Color, Geflüchteten, von Rassismus Betroffenen und Migrant*innen zu leisten. Was ist unsere Rolle in dieser neuen Sachlage, was unsere Antwort?
Die Linke.SDS und seine Rolle Ein Hochschulpolitischer Verband
Geschlossene Hochschulen erschweren es uns als Studierendenverband massiv, unsere volle Wirkungskraft zu entfalten. Der drohenden politischen Isolierung konnten wir zunächst durch ein Angebot von Videokonferenzen entgegnen. Ebenso ein Bildungsangebot über zoom konnten wir schneller als andere Organisationen realisieren und anbieten. Die große Reichweite in das studentische Milieu und die rege Teilnahme an den Bildungsveranstaltungen bestätigten unsere Anstrengungen. Auch Social-Media-Auftritte bzw.unsere journalistische Arbeit gehören seit jeher zur öffentlichkeitswirksamen politischen Arbeit für uns. Diese nun auszubauen kann nicht ausbleiben und ist notwendig.
Dennoch: Als sozialistisch-demokratischerStudierendenverband mit mehr als 60 Basisgruppen – allesamt verankert an Universitäten und Hochschulen – bleibt unser großes Arbeitsfeld der Campus. Die reale Abwesenheit am Campus stellt unsere Basisgruppen vor Schwierigkeiten. Die kommende Krise, in der schon jetzt mehr als 40 % der Studierenden ihren Job verloren haben und der Bund und die Länder kaum helfen, wird Spannungen verschärfen und macht unsere politische Anwesenheit dringend nötig!
Während Kinos, Restaurants oder Fitnessstudios bereits von den Lockerungen profitierten (und bei vielen Fabriken die Produktion nie stoppte),planen zahlreiche Hochschulen schon mit Schließungen im kommenden Semester. Aber Hochschulen sind Orte der Wissenschaft, des Miteinanders, des Austauschs und der politischen Teilhabe. Eine dauerhafte Schließung lässt diese Orte absterben, und sie weiterhin zu schlichten Lernfabriken verkommen. Und wo Studierende nur zu Hause und vor Computern sitzen, lassen sie sich nur erschwert erreichen!
Es gilt: Weiter machen!
Erstis über kritische Einführungstage oder -wochen zu erreichen, ist in der nächsten Zeit nicht mehr möglich. Sie sind aber wichtiger Bestandteilunserer Verankerung und Gewinnung von Neumitgliedern. Als Aktive in Fachschaften, StuRä und ASten mit einem Politikverständnis, das die Interessen der Mehrheit der Studierendenschaft vertreten will, ist Sichtbarkeit, Austausch und Bildungsarbeit am Campus außerdem unvermeidlich.
Das sind nur Beispiele, die aufzeigen, welche Notwendigkeit eine Neuorientierung für uns darstellt. Eine Öffnung der Hochschulen ist wichtiger Bestandteil unserer Verankerung und Organisierung. Öffnungsforderungen sind aber nicht gleichzusetzen mit der Forderung „Zurück in die Normalität“.
Als Die Linke.SDS stellen wir uns deshalb hinter die Forderungen des Bündnisses #Solidarsemester. Denn Online-Lehre kann und darf die Präsenzlehre nicht ablösen. Blended-Learning, d. h. die Integration digitaler Lehre in Präsenzlehrangebote, sollte mittel- bis langfristig ausgebaut werden.“ Wir erweiterten diese Forderungen mit unseren eigenen sieben zur aktuellen Lage. Wie z.B. dem Erlass von Mieten oder von Semesterticketbeiträgen.
Als SDS sollten wir unsere Erfahrungen an den Hochschulen und unsere wissenschaftspolitische Kenntnis dafür nutzen, innerhalb der Solidarsemesterkampagne die aktuellen Punkte bezogen auf die Corona Krise mit den Hintergründen des Bildungssystems zu verbinden. Nur wenn wir, etwa am Beispiel der Prüfungsordnungen, die Forderung nach zusätzlichen Freiversuchen im Sommersemester mit der allgemeinen Kritik am sich intensivierenden Bologona-Prozess verbinden, gelingt es uns nachhaltig eine solidarische Hochschulpolitik voranzutreiben.
Die Linke.SDS muss sich der Herausforderung der Krise und einer weitgehenden Digitalisierung stellen. Wie erreichen wir hierbei Kommiliton*innen? Wie sieht Hochschulpolitik und Widerstandspraxis in der Zukunft aus?
Diese Fragen zu beantworten, ist der Schlüssel kommende Kämpfe an die Hochschulen und an den Campus zu tragen. Ihre Beantwortung muss für uns oberste Priorität haben!
Drei-Punkte-Perspektive
Der Anstrengung gegen die Klimakrise, die Ausweitung und Verstärkung queer-feministischer Kämpfe, die Auseinandersetzungen rund um das Solidarsemester, die großen antirassistischen Demonstrationen weltweit unter #BlackLivesMatter haben nicht nur riesiges Mobilisierungs-, sondernOrganisierungspotential.DieKämpfewerdensichinZukunftzuspitzenundausweiten. Als Verband müssen wir die Stimmen der Leidtragenden der Krise, auch und vor allem marginalisierter Gruppen, hören und weitertragen, um mindestens unterstützender Teil ihrer Kämpfe zu werden. Unsere Mitmenschen können das kapitalistische System nicht mehr ertragen, dort müssen wir sie abholen! Drei Punkte, wie das aussehen kann:
1. Die Größe und auch der Umfang der Krise ist uns noch nicht bewusst. Dass wir noch keine passgenauen Antworten für die derzeitigen Herausforderungen haben, ist nicht schlecht. Schlecht wäre, nicht zu handeln. Deshalb wollen wir den internen Austauschinnerhalb des Verbandes stärken. Formate wie die Strategiedebatte, die zoom Bildungsveranstaltungen, aber eben auch reale Zusammentreffen wie Sommerakademien oder Verbandswochenenden geben dringend nötigen Raum für sozialistische Visionen und deren Ausgestaltung. Sie sollen auch in Zukunft erhalten und ausgebaut werden. Hier können wir lernen, wie wir für brennende Probleme Lösungen finden. Wir wollen mehr Ortsgruppen und Genoss*innen in gemeinsame Projekte (landes- oder bundesweit) einbinden, Hürden bei Wissenshierarchien abbauen und mehr Transparenz über die Bundesebene schaffen. Nur ein Verband mit solidarischer und vor allem vitaler Debattenkultur kann mit Mut auf die kommende Zeit blicken.
2. Trotz aller Schwierigkeiten der Onlinelehre erreichen wir eine Menge Menschen. Als Studierendenverband müssen wir uns überlegen, wie wir uns für die öffnen, die nun und in den kommenden Monaten nach Antworten suchen. Eine davon sollte ein einfaches und überzeugendes Konzept zur Organisierung sein. Es kann einen wichtigen Unterschied hinsichtlich der kommenden Kämpfe machen, ob Die Linke.SDS bundesweit 650 Aktive oder eben 1000 hat.
3. Jetzt schon zu wissen, was in den nächsten Monaten passieren wird, ist unmöglich. Umso wichtiger ist der ständige Austausch und die Kooperation mit der Linksjugend, den Gewerkschaften und den verschiedensten bewegungspolitischen Akteuren. Durch ständige Vernetzung und Austausch haben wir ein Ohr an der Gegenwart. Beim Reagieren auf die Krise ist ein gemeinschaftliches Handeln unverzichtbar,_lasst_es_uns_also_anpacken.
Schluss
Als Sozialist*innen wissen wir, dass die Welt sich nicht ändert. Sie wird verändert. Von Menschen. Egal ob Rassismus oder Ausbeutung, die Menschen spüren in Zeiten der Corona Krise die Widersprüche und die Unmenschlichkeit des kapitalistischen Systems noch stärker als sonst. Nie war es wichtiger für eine Welt frei von Ausbeutung, Krieg und Diskriminierung zu kämpfen.
A5. Gegen die Kriminalisierung und Diskreditierung von Palästina- Solidarität
Die Linke.SDS veröffentlicht folgende Stellungnahme über ihre Social Media Kanäle und schließt sich dem Beschluss des Parteivorstands vom 6.6.2020 „Nein zur Annexion des Westjordanlandes“ an.
Gegen die Kriminalisierung und Diskreditierung von Palästina-Solidarität
Antisemitismus ist weltweit und in Deutschland ein gravierendes Problem, das beweist nicht erst der rechtsradikale Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle im Oktober 2019, bei dem es fast zu einem Blutbad an Jüd*innen gekommen ist. Als Antifaschist*innen stellen wir uns wo wir nur können Faschist*innen und antisemitischen Einstellungen im Alltag in den Weg, denn es ist für uns eine Pflicht, dass sich das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte in Form des Holocausts niemals wiederholt. Auch wäre es eine Illusion zu behaupten, dass es Antisemitismus innerhalb der radikalen Linken nicht geben würde, weswegen erhöhte Sensibilität und Selbstreflexion in Bezug auf Antisemitismus in unseren eigenen Reihen eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Was uns aber auch besorgt ist der zunehmende Missbrauch des Antisemitismus-Begriffs, um pro- palästinensische Stimmen zu kriminalisieren und Kritik an Israels völkerrechtswidriger Besatzungs- und Siedlungspolitik mundtot zu machen. Eine Politik, die, ginge es nach der Regierung Netanjahu/Gantz, palästinensisches Land im Westjordanland entgegen des Völkerrechts enteignen und annektieren will (siehe hierfür Beschluss des Parteivorstandes Die Linke 6.6.20).
Mitte November 2019 entschied die Hochschulrektorenkonferenz die Antisemitismusdefinition der „International Holocaust Remembrance Alliance“ zu übernehmen und die pro-palästinensische Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) als antisemitisch einzustufen sowie aus Hochschulen zu verbannen. Die Antisemitismusdefinition der „International Holocaust Remembrance Alliance“ wird von über 40 jüdischen Organisationen für ihre Vermischung von Antisemitismus und legitimer Kritik an Israel kritisiert. Im Bundestag wurde 2019 eine Resolution verabschiedet, die die BDS-Kampagne als antisemitisch brandmarkt und ihre repressive Kriminalisierung forciert. Dieser Bundestagsbeschluss wurde von 240 namhaften israelischen und jüdischen Akademiker*innen in einer Stellungnahme scharf verurteilt.
Auch wir verurteilen die zunehmende Kriminalisierung und Diskreditierung von pro- palästinensischen Gruppen und Bewegungen wie BDS. Ob Boykottaufrufe gegen Israel sinnvoll sind oder nicht, ist in erster Linie eine strategische Frage, die sicher diskutabel ist, aber wir halten es für falsch diese mit Antisemitismus gleichzusetzen. Auch die Forderung nach einem vollständigen Rückkehrrecht von palästinensischen Geflüchteten nach Israel hat mit Antisemitismus nichts zu tun. Zudem finden wir es erschreckend, wie sich große Teile der Linken in der BRD, vor allem aus dem sogenannten „antideutschen“ Spektrum, an solchen Hetzkampagnen gegen linke Jüd*innen und pro-palästinensischen Aktivist*innen beteiligen und sich damit zum Handlanger einer rechten israelischen Regierung machen. Es ist eine gefährliche Entwicklung, die auch grundlegende demokratische Grundrechte immer mehr bedroht. Exemplarisch ist da z.B. auch die Hetzkampagne gegen den Historiker Achille Mbembe.
Diese Art der Palästinadiskreditierung steht im Widerspruch zu linken Zielsetzungen wie der Durchsetzung von Menschenrechten oder dem Kampf gegen Aufrüstung und Besetzung. Ohne damit den Anspruch zu erheben, den Nahostkonflikt von Deutschland aus lösen zu wollen, sollten wir deshalb als sozialistischer und internationalistischer Richtungsverband innerhalb der Partei gegen solche Stimmen in der LINKEN argumentieren, um innerhalb der LINKEN eine friedensorientierte Haltung zur Lage im Nahen Osten zu stärken, die die Durchsetzung von würdigen Lebensbedingungen aller dort lebenden Menschen zum Ziel hat.
Um die Annexionsplänen der rechten Netanjahu/Gantz-Regierung zu verhindern, wäre gemeinsame internationale Solidarität mit den Palästinenser*innen gerade jetzt sehr wichtig. Sie wird aber durch das Vorgehen der genannten Akteur*innen immer wieder untergraben, bzw. sabotiert.
Vor allem wird dadurch aber fatalerweise vom wirklich wichtigen Kampf gegen echten Antisemitismus in der zunehmend erstarkenden Rechten abgelenkt, der dringender ist denn je.
A7. Online Veranstaltungsreihe „Rassismus – Polizei – Gewalt“
Der Bundeskongress beschließt die Durchführung einer online Veranstaltungsreihe zum Themenzusammenhang Rassismus und Polizeigewalt mit dem Titel „Rassismus – Polizei – Gewalt“. Die Veranstaltungsreihe zielt darauf ab, die Kritik an der Polizei vonseiten der Black Lives Matter Bewegung als Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus und Polizeigewalt in Deutschland zu nehmen. Die Veranstaltungsreihe soll sich auch mit den historischen Gründen für die starken rechten bis rechtsradikalen Tendenzen befassen, die in autoritären Strukturen wie der Polizei nicht zufällig sind. Neben den Problemen sollen dabei auch Ansätze zur Lösung wie „Defund the Police“ thematisiert werden, im Sinne einer emanzipatorischen Umgestaltung der Gesellschaft. Um der Aktualität der Thematik gerecht zu werden, wird die Veranstaltungsreihe so bald wie möglich durchgeführt.
A8. Seminar Geschichte der Arbeiter*innenbewegung
Die Linke. SDS organisiert im Jahr 2020 bzw. 2021 ein Seminar zum Thema „Geschichte der Arbeiter*innenbewegung“.
Zur Notwendigkeit:
Als Sozialist*innen sollten wir uns intensiver als bisher mit der Geschichte linker Kämpfe und Bewegungen auseinandersetzen. Nicht nur um diese Geschichte als würdiges Erbe zu erhalten, sondern auch um zu studieren, wie in den vergangenen Jahrhunderten die Arbeiter*innenklasse sich formiert, organisiert hat und Kämpfe gegen die Herrschenden geschlagen, verloren, aber auch gewonnen hat, um damit Erkenntnisse für die Analyse gegenwärtiger und zukünftiger Verhältnisse, sowie Handlungsinspirationen für aktuelle Auseinandersetzungen mit dem Kapital zu gewinnen. Die Aufarbeitung theoretischer Erkenntnisse und die Einordnung in ihre jeweilige Zeit kann uns helfen, bei der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Kapitalismus besser zu werden. Die Beschäftigung mit politischen Debatten innerhalb der Arbeiter*innenbewegung kann uns Impulse geben, als SDS im hier und jetzt progressive Ideen in linke Gruppierungen einzubringen.
Zum Konzept:
Nach Möglichkeit sollte das Seminar einen Bezug von allgemein bekannte Arbeiterkämpfe zu Kämpfen von marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen, wie FINT*, Migrant*innen, LGBTQIA* etc. setzen. Gerade aufgrund aktueller Auseinandersetzungen lohnt sich hier ein Blick, inwiefern gemeinsame Kämpfe in der Vergangenheit stattgefunden haben, geglückt sind – oder aus welchen Gründen und Versäumnissen sie gescheitert sind.
Das Seminar wollen wir abwechslungsreich gestalten – Mit Inputs aus den Reihen von SDS-Genoss*innen (aber auch externen Referent*innen), Diskussionsrunden, Workshops und Rollenspielen.
Da wir das persönliche Zusammenkommen für unverzichtbar halten, wollen wir das Seminar möglichst als Präsenzseminar abhalten. Für Genoss*innen aus gesundheitlichen Risikogruppen müssen aber auch Möglichkeiten zur Beteiligung, zum Beispiel über Video-Streaming oder ein späterer Ausweichtermin, bereitgestellt werden.
Aus zeitlichen Gründen kann die Geschichte nicht als Ganzes in einem Wochenende behandelt werden. Wir wollen dennoch versuchen, einen möglichst großen Zeitrahmen abzudecken und die materialistischen Grundlagen der Entwicklung als Ganzen zu verstehen. Das schließt das Behandeln speziellerer, vielleicht noch nicht ins Auge gerückte Aspekte nicht aus.
Themen/Abschnitte, die behandelt werden könnten:
Arbeiter*innenbewegung im 19. Jahrhundert:
– Ludditenaufstand, Aufstand der Schlesischen Weber und weitere → Maschinenstürmerei
– Herausbildung als politische Bewegung: Bund der Kommunisten/Kölner Kommunistenprozess, 1. Internationale, Gründung ADAV, SDAP, Fusion zur SAP, Gothaer Programm (Kritik daran)
– Pariser Kommune
– Sozialistengesetze, Revisionismusstreit, Bernstein <-> Luxemburg
– 1. Weltkrieg, USPD/MSPD,
– Novemberrevolution, KPD, Sparakusaufstand; Russische Revolution etc.
– Weimarer Republik (KPD, KPD-O, …) und Zwischenkriegszeit
– Arbeiter*innenbewegung im Faschismus
– Nachkriegszeit, Antikoloniale Bewegung und Kalter Krieg
– Arbeiter*innenbewegung/Linke Bewegungen im außereuropäischen Raum (z.B. USA; …)
– Niedergang Kommunistischer Parteien (Italien, Frarkreich …)
A10. Solidarisierung und Unterstützung #BlackLivesMatter
Die Linke.SDS solidarisiert sich mit den Demonstrationen und Aufständen der Black Lives Matter- Bewegung. Wir rufen unsere Basisgruppen dazu auf, den lokalen Bündnissen Unterstützung anzubieten und die Demos in Solidarität zu besuchen. Wir weisen darauf hin, dass struktureller Rassismus und rassistische Polizeigewalt auch in Deutschland Probleme sind und rufen dazu auf, diese Zustände überall und jederzeit zu bekämpfen. Der Bundesarbeitskreis Antirassismus strebt eine bundesweite Vernetzung zu dem Thema an, um Erfahrungen auszutauschen und einen Umgang mit der Bewegung zu entwickeln, der die Bedürfnisse der Schwarzen und rassifizierten Akivist*innen respektiert und sie in ihrem Anliegen unterstützt.
A12. Kinderbetreuung bei Bundeskongressen
Ab dem nächsten Präsenz-BuKo wird bei Bedarf eine Kinderbetreuung eingerichtet. Der Bedarf wird durch direkte Nachfrage im Vorfeld des BuKo bei den Ortsgruppen ermittelt.
A16. Seminar Social Media von Links
Die politische Linke muss auch digitale Plattformen vermehrt bedienen, um mehr Menschen zu erreichen. Die intensivierte Betreuung von Online-Angeboten wie Facebook, instagram, darf dabei nicht als eine Abkehr von Öffentlichkeitsarbeit in Präsenzform verstanden, werden, sondern als eine Ergänzung dieser. Das persönliche Zusammenkommen, das Ansprechen und der gleichberechtigte Austausch mit Studierenden auf der Straße, auf dem Campus oder im Hörsaal muss immer Kern linker Aktionsarbeit bleiben. Doch eine geschickt angegangene digitale Arbeit ist unverzichtbar für Linke Medienarbeit. Über digitale Aktion erreicht man zusätzliche Menschen, die man ansonsten auf dem Campus nicht angetroffen hätte. Über das digitale Teilen von vergangenen oder kommenden Veranstaltungen und Demonstrationen lässt sich über linke Aktionsarbeit aufklären und zu linker Aktionsarbeit mobilisieren. Auch kann über Online-Präsenz über unsere politischen Inhalte aufgeklärt werden.
Um das zu erreichen, müssen wir uns selbst schulen und digital kompetenter werden. Dazu bietet ein Seminar, das sich mit verschiedenen Plattformen und wie man auf ihnen am besten agiert, beschäftigt, die ideale Gelegenheit.
Zum grundlegenden Konzept:
Dieses Semester soll besonders praktisch sein und die theoretische Grundlage mit Praxis-Übungen vereinen.
Ein grober Zeitrahmen könnte zum Beispiel so aussehen:
Freitag:
Früher Nachmittag: Ankunft
Früher Abend: Einführung in Social-Media Abeit
Abend: Socalising
Samstag:
Vormittag: Einführung in Photoshop
Mittag: Online-Journalismus
Abend: Reflexion des bisherigen Seminars, Austausch von Erfahrungen, Socialising
Sonntag:
Vormittag: Konkretes Erstellen von Posts
Mittag: Vorstellen der Ergebnisse des Vormittags, Austausch darüber
Nachmittag: Austausch über Ergebnisse des Seminars und Schluss
A17. Internationalismus und Solidarität ist unsere Antwort auf die Krise
Die Krise ist im Kapitalismus immanent
Wie bereits im Rahmen der Strategiedebatte der LINKEN in Kassel und unserer Vorbereitung im SDS-Seminar „Links blinken, rechts abbiegen? Keine Option für die LINKE!“ festgestellt, bleibt die Analyse aktueller denn je, dass das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sich in einer tiefen Krise befindet. Während die kapitalistischen Produktionsverhältnisse destruktiv die eigenen Produktivkräfte untergraben, wird auch jegliche Weiterentwicklung gehemmt. Sichtbar ist diese allgemeine Tendenz nicht nur in Form der politisch-ökonomischen Krise, sondern auch in ihrer destruktiven Wirkung auf Mensch und Natur. Aus dieser Situation heraus stellt sich die Frage nach „Sozialismus oder Barbarei“ neu, wenn neoliberale Parteien versuchen mithilfe reaktionärer Politiken die eigene Hegemonie zu stärken. Im Krisenmoment benutzt die herrschende Klasse die Gunst der Stunde, um autoritäre Maßnahmen zu intensivieren. Die Frage des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems spitzt sich in der Coronakrise zu, was sich in einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft äußert. Dabei verbündet sich die neoliberale TINA-Ideologie („There Is No Alternative“) immer offensichtlicher mit autoritären und faschistischen Kräften, die durch eine Law-and-Order-Politik, Militarisierung und Autoritarismus nach Innen und Außen den Status Quo zu verteidigen versuchen. Gleichzeitig wird jeglicher Kollektivismus abgelöst durch eine Atomisierung der Gesellschaft (verstärkt durch Corona) in allen Lebensräumen nach dem Prinzip Margaret Thatchers: „There is no society. There are individual men and women and there are families“. Dieser neoliberalen Vereinzelungsstrategie müssen wir uns entgegenstellen und als SDS aus unserer gesellschaftlichen Situation heraus kritische Wissenschaften stärken, um mit gemeinwohlorientierten linken Antworten entgegenzuwirken. Linke Gegenmacht benötigt in dieser Situation mehr denn je eine internationalistische, friedensbewegte und emanzipatorische Antwort der unterdrückten Klasse. Rechter Kurs der Herrschenden als Krisenbewältigungsstrategie Durch die Pandemie ist die Fragilität des Systems noch offener zu Tage getreten. Die bisherige Krisenbearbeitung der Herrschenden ist geprägt von einem verstärkt rechten Kurs: d.h. Abschottung, Nationalismus, Autoritarismus und faschistische Tendenzen, wachsende Aufrüstung und Gewaltanwendung, die alle nach innen und außen wirken. Unter den Nationalstaaten verschärft sich die Konkurrenz untereinander, wodurch die Weltordnung in der Tendenz immer mehr als Summe der bilateralen Verträge geprägt wird. Auf der einen Seite legt dieser rechte Kurs die Interessensgegensätze der kapitalistischen „Metropolen“ offen, aber auf der anderen Seite schafft dies auch neue Konflikte mit aufgestiegenen und ehemaligen Schwellenländern: Instex, das North-Stream-2 Projekt, der Kampf um 5G-Netze und die gigantischen deutschen Exportüberschüsse sind dabei u.a. Konfliktfelder. Teil der Bewältigungsstrategie ist auch die verstärkte Ausbeutung neokolonialistischer Manier. „Compact with Africa“, IWF-Spardiktate und die Regenwaldabholzung sind Ausdruck der Abwälzungsspirale der ökonomisch-ökologischen Krise auf „Dritte Welt“-Länder. Auf der anderen Seite ist ein autoritärer Staatsumbau nach Innen im Dienste dieses Imperialismus zu erkennen: In der BRD ist das etwa an der neuen Gebührenordnung der Bundespolizei, der zunehmenden Militarisierung der Polizei, den Polizeiaufgabengesetzen, den weitreichenden Befugnisse des Verfassungsschutzes und dessen Kampf gegen linke Kräfte wie dem VVN-BdA und Ende-Gelände zu erkennen. Alternativen und kritische Wissenschaften stärken als antifaschistische Strategie International zeigen sich aber auch hoffnungsvolle Alternativen: Während die USA durch Senkungen und Streichungen der Mitgliedsbeiträge die WHO misskreditierte, schickte Kuba im Sinne des Internationalismus Ärzte in die ganze Welt – inklusive Italien. Diese gilt es aufzugreifen und zu stärken. Im Kampf um eine Alternative abseits der neoliberalen, autoritären und rechten Strategie nimmt der gesellschaftliche Antikommunismus gegen die Linke in den USA, Lateinamerika und auch der EU eine besondere Stellung ein, wenn es um die Verhinderung fortschrittlicher Wirtschafts-, Gesellschafts- und/oder Bildungspolitik geht. Gegen diese Rechtsentwicklung national und international müssen wir nicht nur eine Praxis der internationalen Solidarität und des Friedens, sondern auch eine solidarische und demokratische Gesellschaft durch kritische Wissenschaften entgegenstellen. Statt das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte zu gewinnen, müssen wir das Vertrauen in eine vollwertige Demokratie stärken. Dieses Vertrauen wurde durch den neoliberalen Rückzug und der Sparpolitik des Staates innerhalb der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zerstört und legte damit den ideologischen und sozialen Nährboden für irrationale und faschistische Kräfte. Grundlage demokratischer Beteiligung muss die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe sein. Diese ist eng mit der sozialen Frage verknüpft und stellt oft die Grundvoraussetzung dafür dar. Ideologisch und aufklärerisch gilt es diese Kämpfe in den Universitäten anzugehen und den universitären Raum verstärkt als Teil des Klassenkampfes zu verstehen. Handlungsfähigkeit stärken – kritische Wissenschaften als Ausweg aus der Unmündigkeit Während der Corona-Pandemie und der Klimakrise ist die gesellschaftliche Bedeutung der Wissenschaften deutlich geworden. Doch wissenschaftliche Gegenstände sind oftmals durchsetzt von Interessen, die die Wissenschaften dahinter beeinflussen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften („Leopoldina“) fordert die Abschaffung des Solidaritätsbeitrags für Reiche. Auch in Bezug auf dem Klimawandel haben z.B. ExxonMobile und Koch Family Foundations offensiv „Wissenschaften“ für ihre wirtschaftlichen Interessen finanziert, die den Klimawandel als „natürliche“ Entwicklung sehen. Deshalb gilt es für uns als kritische Wissenschaftler*Innen zu bestimmen, welche Lösungsansätze kulturell, psychologisch, ökonomisch und gesellschaftlich notwendig sind, um den Kapitalismus zu überwinden und solidarische sowie internationalistische Lösungsansätze zu erforschen. Die Corona-Pandemie zeigt, dass internationale wissenschaftliche Kooperation möglich ist und politische Schranken dazu überwunden werden können. Unsere Aufgabe als SDS besteht darin, an unserem zentralen Ort der Universität die notwendige kritische Wissenschaft für Internationalismus und sozialem Fortschritt zu erstreiten.
Exemplarische Konsequenzen:
Der Bundesvorstand wird damit beauftragt, rechtzeitig Vorlagen für (Stupa/Stura-)Anträge, Flugblätter oder Veranstaltungen zur Anregung lokaler Praxis an die Hochschulgruppen zu versenden bzw. die Verbreit(er)ung bereits bestehender Aktivitäten zu koordinieren.
A21. Neue Fahnen für den Verband
Entwurfideen werden bis Anfang August in der SDS-Cloud gesammelt. Bis Ende August fällt der BuVo einen Beschluss über das Design auf Grundlage einer Abstimmung per E-Mail. Die Fahnen werden dann im September bestellt und mit der Semesterverschickung an die Gruppen geschickt.
Bei 63 Gruppen bundesweit ergeben sich Kosten von ca. 2200€. Zum Beispiel folgende Fahnen können bestellt werden:
https://www.mrdesign.de/stockfahne-150-cm-x-100-cm
Die Druckdaten werden jeder Gruppe zugänglich gemacht, sodass die Gruppen bei Bedarf einzelne Fahnen nachbestellen können.
Der Bundeskongress beschließt die Durchführung eines Seminars zum Thema Kritische Männlichkeit. Vorrangiges Ziel des Seminars ist die Aneignung von Methoden zur Reflexion und Bearbeitung problematischer, als männlich codierten Rollen und Verhaltensweisen, insbesondere in politischen Gruppen. Darüber hinaus kann das Seminar aber auch zur Wissensaneignung über Kritische Männerforschung und dem Zusammenhang von Männlichkeiten, Autoritarismus und Faschismus dienen. Das Seminar soll offen für alle sein. Das Seminar soll als Multiplikator*Innenschulung funktionieren.
Auf dem Seminar soll eine differenzierte Positionierung ausgearbeitet werden, die dem darauffolgenden Bundeskongress vorgelegt werden soll.
Die Linke. SDS organisiert eine verbandsinterne Diskussion zum Thema „Demokratie in
einem sozialistischen Studierendenverband“. Jede*r Genoss*in, der*die an der Vorbereitung der Diskussion mithelfen möchte, kann das tun. Vor der Debatte wird genügend Zeit gegeben, um schriftliche Beiträge beim Vorbereitungs-Team einzureichen. Den Autor*innen wird bei der Diskussion Zeit gegeben, ihre Papiere einzubringen. Die Diskussion wird (anonymisiert) protokolliert und für den Verband aufbewahrt. Sie findet rechtzeitig vor dem nächsten Bundeskongress statt, damit die Teilnehmer*innen der Diskussion aus den Erkenntnissen der Debatten ggf. Konsequenzen in Form von Anträgen für den BuKo ziehen können. Zur weiteren Verständigung über gemeinsame
Projekte und zum Austausch zwischen Bundesarbeitskreisen und zwischen Lokalgruppen
wird außerdem baldigst das im März ausgefallene Verbandstreffen in Präsenz
nachgeholt.
Warum eine Debatte über unsere Demokratie wichtig ist
Die Zuspitzung der sozialen Widersprüche verändert die politischen Kampfbedingungen. Wir müssen sie möglichst breit und zugleich tiefgehend diskutieren – und dann möglichst koordiniert und geschlossen handeln. Das geht umso besser, je ‚demokratischer‘ wir sind:
Wir befinden uns in einer Weltwirtschaftskrise. Durch Massenentlassungen, Kurzarbeit und Krankheit nimmt die Prekarisierung der Bevölkerung zu. Leidensdruck bringt Menschen schneller in Bewegung, siehe Demos gegen Polizeigewalt, aber auch ‚Hygiene-Demos‘. Konflikte vor der Krise spitzen sich zu, z.B. Pflegenotstand, und latente werden manifest, z.B. Wissenschaftsskepsis. Wir Studis sind mittendrin, durch digitale Mehrbelastung im Studium, Entdemokratisierung der Hochschulen, Wegfallen von Bafög und Lohnarbeit. Wir müssen kämpfen: gegen Demokratie- und Sozialabbau, gegen Irrationalismus, (häusliche) Gewalt, Krieg, Rassismus und Faschisierung.
Die Lage ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Um uns einen Überblick zu verschaffen, müssen wir möglichst gut bescheid wissen, wie die Lage in den Basisgruppen ist: Was die (schlimmsten) Missstände sind, wo die (härtesten) Auseinandersetzungen gerade geführt werden. Dafür müssen wir uns möglichst breit übereinander informieren. Um die Wirren des Alltags zu verstehen und zu den richtigen Handlungen, Forderungen und Losungen zu finden, müssen wir einander sagen, wie wir die Lage einschätzen – und was wir von der Einschätzung des Gegenüber halten. Wir müssen durch Streit inhaltlich vorankommen – und dafür auf dem Bundeskongress möglichst lange und ‚klug‘ miteinander diskutieren. Um die Verhältnisse zu verändern, müssen wir nach dem Diskutieren etwas beschließen und uns danach richten. Dafür müssen wir zu Ergebnissen kommen, hinter denen wir stehen, uns nach Beschluss zu Aktionen verabreden und die politische Arbeit gut verteilen.
Warum diese Debatte dringlich ist
Wir informieren uns nicht so gut, wie wir könnten; wir diskutieren nicht so gut, wie wir könnten; und wir koordinieren uns nicht so gut, wie wir könnten.Das Wissen darüber, welche Gruppe gerade was macht, an welchen Themen besonders knabbert und mit welchen Schwierigkeiten konfrontiert ist, ist fragmentarisch und ungleich verteilt. Wir erfahren voneinander durch Facebook-Posts (seltener Emails) über lokale/regionale/bundesweite Aktionen, reden und schreiben miteinander (meistens mehr mit denen, die wir ‚mögen‘ als mit denen, die wir ’nicht mögen‘); wir sitzen in World-Cafes, wo wir zu vorgegebenen Fragestellungen kurz Gedanken austauschen – die Mitschriften werden nicht besprochen und auch nicht immer vorgestellt. Wir erfahren über – statt voneinander, durch Erzählungen, Lästereien etc. Was das Wissen über einander nicht nur ungleich verteilt, sondern auch schmälert. Was bei Basisgruppen abgeht, wissen diese am besten. Wir gelangen in Bundeskongressdebatten selten dahin, zwischen verschiedenen Positionen eine alle Anwesenden bereichernde Synthese zu finden. Oft kommen wir gerade dazu, einzelne Positionen vorzustellen und bestenfalls ein Gegenargument zu formulieren – schlimmstenfalls werden Strohmänner aufgestellt, Themen mit anderen Themen argumentativ begründet und Stimmungen geschürt. Der Bundeskongress wäre überfrachtet, wenn hier alles ausdiskutiert werden sollte – umso wichtiger sind weitere Debattenräume (Seminare, Arbeitskreise, Sommerakademie) und Debattenmedien (Critica, Podcast, r.i.p. innerverbandliches Debattenorgan). Seit einigen Semestern wird zunehmend über unangenehme Debattenkultur geklagt – über Grobheit einerseits, über falsche Höflichkeit andererseits. Streit und Polemik waren wichtig für die Bewusstseinsbildung der Arbeiterbewegung (Marx – Bakunin, Bernstein – Luxemburg, Kautsky – Lenin, …), aber das ist eine Kunst und die besseren Streitenden lernen etwas voneinander.
Antragsdebatten enden häufig nicht damit, dass erste Verabredungen getroffen, Interessenten versammelt oder zumindest Emaillisten rumgereicht werden. Oft gehen Anträge den Umweg über den Bundesvorstand, der für die Vorhaben mühselig Leute zusammentrommeln oder selbst rödeln muss. Ein Mitglied des Bundesvorstands meinte auf dem letzten BuKo, dass der BuVo nicht das alleinige ausführende Organ von Beschlüssen sei, und Antragssteller mehr Initiative übernehmen sollten. In den letzten Semestern hat zudem die Anzahl der Anträge, die auf dem BuKo beschlossen werden, abgenommen. Das schmälert zusätzlich die Mobilisierung für viele Anliegen.
Was debattiert werden könnte
jeder Gruppe tendenziell die gleichen Informationschancen hat?
gründlicher dokumentieren? Wie können wir Zeitverluste durch Strohmänner,
Aggressionen und falsche Höflichkeit einsparen?
Kräfte bündeln, politische Arbeit besser verteilen und Ergebnisse sichern?
Studierendenverband? Was unterscheidet sie von neoliberaler Demokratie?
erproben?
Wir haben die Zeit dafür
Wenn wir einander besser informieren, können wir uns in kommenden Debatten Missverständnisse und bei kommenden Aktionen umständliches Leutezusammensuchen ersparen. Auch geben wir damit Genoss*innen, die noch nicht so viel auf Bundesebene gemacht haben und weniger Anschluss an Strömungen u.dgl. haben, die Möglichkeit, sich und ihre Anliegen leichter einzubringen. Wenn wir klüger debattieren, sparen wir nicht nur Zeit, sondern auch Nerven – und damit wiederum Reproduktionszeit. Bessere Verbandsmobi spart auch Zeit. Metaphorisch gesprochen: Wir müssen mit unserem Fahrrad noch eine weite Strecke zurücklegen – aber kurz anzuhalten, um die Kette zu ölen, ist sicher nicht der Grund, warum wir nicht am Ziel ankommen.
A11. Mehrheiten kennen keine Abkürzungen
Zurzeit beobachten wir, wie die Bundesregierung versucht den Übergang in eine »neue Normalität« der Krise zu organisieren. Die Schockmomente, das »Fahren auf Sicht« sollen ein Ende haben. Planungssicherheit – das ist es, was die Unternehmen brauchen. Teil jener neuen Normalität ist die Erwartung einer Weltwirtschaftskrise, einer »Rezession historischen Ausmaßes« — schlimmer als 2008, etwa wie 1929, vielleicht aber auch deutlich heftiger. Dass die Krise kommt ist klar. Wie sie kommt, unklar. Wer die »Rechnung« für die Konjunkturprogramme zahlen soll, steht allerdings schon fest: Alle, nur nicht diejenigen, die bisher profitieren – vom System und von der Krise. Für unsere Generation steht dabei viel auf dem Spiel. Wir kennen zwar sowieso nur Krisen, haben uns fast daran gewöhnt. Doch in diesen turbulenten Zeiten scheint unsere Zukunft noch düsterer als zuvor.
Das Gute: Dieser »Triumph der Ungerechtigkeit« wird nicht mehr akzeptiert. Der rassistische Mord an George Floyd hat in den USA das Fass zum Überlaufen gebracht. Der Aufstand und die globale Solidarität, die er erfährt, sind ein Ausdruck des Zornes über die rassistischen Verhältnisse, aber auch der Hoffnung auf eine andere Welt. In der ersten Reihe stehen dabei diejenigen, die in besonderer Weise von den gegenwärtigen Krisen betroffen sind.
Mit ihrem Diskussionsbeitrag vom 15.5. haben die beiden Vorsitzenden unserer Partei, Katja Kipping und Bernd Riexinger, gemeinsam mit Jörg Schindler und Harald Wolf Vorschläge zur strategischen Positionierung der LINKEN in dieser gesellschaftlichen Umbruchphase gemacht. Die Zeitenwende, in der wir uns befinden, könne nur mit einer mehrheitlich getragenen Perspektive eines sozialen – das heißt unbedingt auch antirassistischen – und ökologischen Systemwechsels, einem linken Green New Deal beantwortet werden. In der öffentlichen Debatte wurde dieser Vorschlag weitestgehend gleichgesetzt mit der Hoffnung auf eine rot-rot-grüne Regierung. Zu Unrecht, wie wir finden, auch wenn die Autorin und Autoren diese Verkürzung ihrer Gedanken letztlich selbst zu verschulden haben.
Die Linke.SDS ist bereit den »Kampf um andere Mehrheiten« aufzunehmen. Die Linke.SDS möchte für die Perspektive eines linken Green New Deals werben. Aber wir wollen auch, dass wir uns klar darüber werden, was das bedeutet. In einem Satz: Was es bedeutet, andere Mehrheiten zu organisieren.
Keine Abkürzung nehmen
Wer gesellschaftliche Mehrheiten mit rechnerisch-parlamentarischen verwechselt wird keine Veränderung durchsetzen, der nimmt eine Abkürzung. Glücklicherweise geben sich die Vier weit entfernt von dieser Vorstellung. Ihnen geht es um die »Mehrheit für ein politisch linkes Gegenprojekt«, welches an der Regierung »vor allem dann wesentliche Verbesserungen durchsetzen« könne, »wenn es aus der Gesellschaft Druck bekommt, einen tatsächlichen progressiven Wandel einzuleiten«. Als Beispiel dient der Berliner Mietendeckel, mal wieder. Bei der richtigen Euphorie über ein Regierungsprojekt für die Mieter*innenbewegung, übersehen sie aber die andere Seite der Medaille: Die grüne Privatisierung der Berliner S-Bahn gegen die Interessen der Klimabewegung und der Beschäftigten, Ramelows Alleingang in Thüringen gegen die antifaschistische Bewegung, die Fortsetzung von Abschiebungen gegen die antirassistische Bewegung. Weder in Bremen noch in Thüringen und auch nicht in Berlin kann DIE LINKE behaupten als Teil der Regierung eine antikapitalistische Alternative aufzubauen.
Wenn »außerparlamentarische(r) gesellschaftliche(r) Druck und die politische Mobilisierung« entscheidend dafür sind, »die Verhältnisse nach links zu rücken«, dann ist es unsere Aufgabe zu diskutieren, wie wir diese stärken können. »Weder abstrakte Konstellationsdebatten noch eine abstrakte Verweigerung der Diskussion um gesellschaftliche Mehrheiten helfen (uns) wirklich weiter«. Stimmt. Wir ergänzen: Unvollständige Selbstreflexion und unkritische Auswertung der eigenen Regierungspraxis auch nicht. Wir wünschen uns eine LINKE, die den Menschen den Spiegel vorhält und sagt, was tatsächlich möglich ist und wie. Denn bevor wir von einem Politikwechsel sprechen, müssen wir uns bewusst sein, dass dieser zu massiven gesellschaftlichen Konflikten führen muss, wenn er Hand und Fuß haben soll. Man stelle sich alle 30 DAX-Unternehmen – nicht nur die »Deutsche Wohnen« – vor, die sich uns gemeinsam öffentlichkeitswirksam entgegenstellen. Das ist der Maßstab. Er zeigt, dass die gesellschaftliche Linke noch lange nicht in dieser Liga angekommen ist. Und bevor wir dort nicht sind, führen uns Gedankenspiele über SPD und Grünen in die Irre. R2G unter den jetzigen Kräfteverhältnissen ist dann der Versuch einer Abkürzung zur (vermeintlichen) Mehrheit und kein Meilenstein auf dem Weg dorthin.
Die eigenen Stärken und Schwächen kennen
DIE LINKE sollte stattdessen versuchen das »Wie« zu füllen. Wenn parlamentarische Mehrheiten kein ausreichender Indikator für gesellschaftliche Mehrheiten sind, so gibt es dennoch Wege, die eigene Stärke zu testen. Im linken Organizing spricht man in diesem Zusammenhang von »Strukturtests«, Tests der eigenen »Handlungsmacht« sowie der des Gegners. In gewisser Weise war der Mietendeckel ein solcher. Bisher scheint unsere Stärke – die gut organisierten Mieter*innen in Berlin – auszureichen. Das Volksbegehren zu »Deutsche Wohnen & Co enteignen« kann die nächste Stufe sein.
Im SDS haben wir im vergangenen Jahr angefangen in diesem Sinne Mehrheiten zu organisieren – für Klimagerechtigkeit und innerhalb der Hochschule. Wir sind systematisch vorgegangen, haben immer wieder überprüft wo wir stehen, unsere Ziele dementsprechend angepasst. Nach Klimastreikwochen im ganzen Land mussten wir dennoch feststellen: Wir haben noch keine Mehrheit für wirkliche Klimagerechtigkeit an den Hochschulen, zumindest nicht in dem Sinne, dass eine Mehrheit der Studierendenschaft dazu bereit wäre, sich für die eigenen Ziele selbst zu bewegen. Dennoch haben wir unsere Verankerung verbessert. Wie stark die studentische Klimagerechtigkeitsbewegung mittlerweile ist, werden wir erfahren, wenn die Tarifverhandlungen im Nahverkehr beginnen. Seit Monaten bauen wir Verbindungen zwischen den Kolleg*innen und jungen Aktivist*innen auf. Gemeinsam wollen wir einen großen Schritt Richtung Verkehrswende erkämpfen.
Ein Blick auf die Bewegung in den USA und die Dynamiken, die sie nun auch hier in Gang bringt, zeigt uns gleichzeitig unsere Schwächen auf. An den Orten, wo die Wut sich Bahn bricht, sind wir weiterhin zu wenig. Es ist richtig und wichtig, wenn wir von Rassismus Betroffenen eine Plattform in unseren Organisationen bieten. Doch wir müssen DIE LINKE auch zu einem Instrument weiterentwickeln, mit dem Veränderung im Sinne der Unterdrückten tatsächlich durchgesetzt werden kann. Das gilt auch für uns als SDS. Seit unserer Gründung sind wir zwar fester Bestandteil vieler antifaschistischer Bündnisse und antirassistischer Proteste. Doch wir sind im Durchschnitt weißer als die Studierendenschaft. Ein neuer Aufbruch kann nur gelingen, wenn sich das ändert. Es braucht dafür unteilbare Solidarität, aber auch eine offene Auseinandersetzung mit den zahlreichen Hürden und Schwierigkeiten, die unsere Strukturen für Nicht-Weiße haben.
Mehrheiten organisieren
Gesellschaftlichen Mehrheiten zu organisieren ist kräftezehrende Arbeit, aber es gibt gesellschaftliche Dynamiken, die uns jetzt zu Gute kommen. Die »neue Normalität« kann ein Aufwachen im Schlimmeren werden, ein Ausblick auf eine düstere Zukunft. Sie muss es aber nicht sein. Wir glauben, dass wir in dieser »Zeitenwende« die einmalige Möglichkeit haben, die Generation, die seit 2015 die Fahne der unteilbaren Solidarität hochgehalten hat, die AfD überall und konsequent bekämpft hat und die Frage nach der Zukunft unseres Planeten zu dem Thema des letzten Jahres gemacht hat, die auch jetzt wieder Hunderttausende gegen Rassismus auf die Straße bringt, für die Perspektive eines sozial-ökologischen Systemwechsels zu gewinnen.
Doch dafür braucht es nicht nur viel Mut und Zuversicht, sondern auch Ehrlichkeit. Das heißt: Genau zu sagen, welche Veränderungen durch wessen Bewegung möglich sind und dazu einladen, diese gemeinsam als Mehrheit – mit der Selbstaktivität der Vielen – durchzusetzen. Erst dann können wir über Regierungs- und Politikwechsel sprechen. Eine Abkürzung gibt es nicht.
A13. Keine*n opfern, alle bilden! Schluss mit der marktorientierten Normalität.
Eine linke Antwort auf COVID19 kann nur sein, jeder Überlegung, die – explizit ausgesprochen oder nicht – wirtschaftliche Kosten gegen Menschenleben stellt, entgegenzutreten. Lasst uns für ein Konzept kämpfen, dass dem Ziel möglichst weniger Erkrankungen folgt, dabei mehr Schutzräume und Hilfszahlungen einrichtet und die Macht von Arbeiter*innen als wesentliches Instrument begreift. Wir müssen uns jetzt als konfrontativ-gestaltende Kraft für eine sozialökologische Transformation verstehen.
Felix Bartels fasste in der Jungen Welt passend zusammen, dass „die konsequente Umsetzung des Lockdowns […] Voraussetzung seiner Aufhebung“[1] ist. Katja Kipping führte hierzu weiter aus: „Was uns Lindner, Laschet und Co. als Exitstrategie verkaufen, führt nicht raus aus der Coronakrise, sondern rein in eine zweite Infektionswelle. Dies birgt große Gefahren für Gesundheit wie Wirtschaft“[2].
Beide Aussagen sind nun schon einige Wochen alt und die erwartete zweite Welle kam bisher glücklicherweise nicht. Mögliche Gründe hierfür sind das hohe Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung bei der weiteren Einhaltung der Kontaktbeschränkung, die weiterhin verbotenen Großveranstaltungen, die Fortführung der Arbeit im Homeoffice in vielen Bereichen oder die Tatsache, dass sich im Sommer vieles ins Freie verlagern lässt und hier eine wesentlich geringere Ansteckungsgefahr besteht.
Mit umfassender Sicherheit können wir heute noch nicht sagen welche Maßnahmen, welche Wirkung haben. Vor allem aber können wir eine zweite Welle noch immer nicht ausschließen. Weitere Lockerungen oder auch der Übergang in kältere Jahreszeiten könnten zu einem erneuten Ausbruch und steigenden Todeszahlen führen. Dies gilt auch, wenn es regional keine Infizierten gibt, da ein kompletter Ausschluss von überregionaler Mobilität weder umsetzbar ist noch sinnvoll wäre. Wir halten dementsprechend die Analyse von Katja Kipping weiterhin für richtig und schließen uns in der Frage zur Strategie im Umgang mit der aktuellen Corona-Krise weiterhin ihrer Haltung an: Ein vorschnelles Ende der momentanen Einschränkungen führt zu einer Verschärfung der Pandemie, mit dem direkten Ergebnis, dass die schwächsten Bevölkerungsteile mehr getroffen und getötet würden.
Die Befürworter*innen der Lockerungen spielen im Gegensatz dazu im Interesse des Kapitals auf Risiko, allerdings nicht mit ihrem Geld oder Eigentum, sondern mit den Lungen anderer Leute. Dies führt in der Konsequenz zu einer Zweiteilung des Lebens, in der die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Bekämpfung des Virus ins Private und Individuelle ausgelagert wird, während Konzerne und Kapital möglichst wenig Verantwortung und Einschränkungen tragen müssen. Diese Strategie nimmt unabsehbare gesundheitliche Folgen für einen Großteil der Bevölkerung zumindest in Kauf. Es kann dementsprechend nicht unsere Position sein, grundsätzlich nach Lockerungen zur vermeintlichen Entlastung der Bevölkerung zu rufen. Zur Eindämmung des Virus sind Einschränkungen zum Schutz der gesamten, aber vor allem der armen und kranken, gesundheitlich schlecht versorgten Bevölkerung unumgänglich.
Dies gilt auch in Bezug auf die Studierendenschaft. So wohnen finanziell schlechter gestellte Studierende aufgrund der hohen Mieten eher in Außenbezirken, müssen also wahrscheinlicher öffentliche Verkehrsmittel mit schlechter Belüftung und dementsprechend erhöhtem Infektionsrisiko nutzen, um überhaupt an die Hochschule zu kommen. Weiter steigt das Infektionsrisiko durch beengte Wohnverhältnisse und Nebenjobs, in denen eine umfangreiche Kontaktvermeidung nicht möglich ist.
Gleichzeitig ist aber offensichtlich, dass auch unter einem Lockdown die schwächsten Bevölkerungsteile am meisten leiden. Die Schwächsten, das meint hier diejenigen, die aufgrund ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess am wenigsten selbstbestimmte Möglichkeiten haben und sich der Anordnungen von Chef*in, CDU-Regierung und Ausländer*innenbehörde fügen müssen. Zumindest, solange sie sich nicht genügend dagegen organisieren.
Das durch den Lockdown hervorgerufene weltweite Elend ist groß. Der große Unterschied ist allerdings, dass wir hier die Möglichkeit haben, einen gesellschaftlichen und politischen Umgang zu finden, um effektiv gegen das durch die Einschränkungen verursachte Leid anzukämpfen. Wir müssen uns hierzu bewusst machen, dass die Einschränkungen vor allem bereits bestehende Probleme verstärken. Die schlechte Ausstattung des Gesundheitssystems und belastenden Arbeitsbedingungen von Pflegekräften, die strukturell gesellschaftliche und ökonomische Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen, Trans-Personen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder psychischen Erkrankungen, die mangelnde internationale Solidarität und der grauenvolle Umgang mit Schutzsuchenden an den Grenzen Europas – all diese Probleme bestanden schon lange vor der Pandemie und werden jetzt durch diese zusätzliche verstärkt.
Richtige Politik kann direkt einen nachteilsausgleichenden, antidiskriminierenden und solidarischen Umgang mit den aktuell bestehenden Einschränkungen leisten. Sie tut es nur (noch) nicht. Damit sie es tut, müssen wir das Tauziehen mit den neoliberalen und konservativen Kräften, die das Kapital verteidigen, gewinnen. Wir müssen in diesem Zusammenhang radikal bleiben und die zugrundeliegende Klassengesellschaft angreifen.
Wir müssen uns verständigen und eine gemeinsame Strategie verfolgen. Wir müssen konkret ausdefinieren, was ein nachteilsausgleichender, antidiskriminierender und solidarischer Umgang mit den aktuell bestehenden Einschränkungen bedeutet. Unsere Vorschläge sollen dabei immer mit dem Bewusstsein formuliert werden, dass es kein Zurück zum Davor geben kann. Weder das “Davor” noch “Die Normalität” sind etwas, zudem wir zurück wollen – wir wollen voran. Dabei darf eine kritische Begleitung moderner Policies nicht fehlen. Die Nutzung von Corona-Tracing-Apps muss nicht nur höchsten Standards des Datenschutzes genügen. Wir müssen politisch und
gesellschaftlich verhindern, dass die Wirtschaft das Nichtvorhandensein weitere
Regeln ausnutzt, um durch Zutrittsbeschränkungen bei Nichtnutzung der App Menschen
sozial zu exkludieren. Und damit als Blaupause der Regierungen für die Umsetzung im
öffentlichen Raum generell dienen könnte. Die Corona-Krise betont alle Krisenherde an den Hochschulen – Zeit die Grundfesten der Lernfabrik zu erschüttern und auf ihren Trümmern eine ‚Utopie Hochschule‘ zu errichten. Es liegt jetzt an uns ein Gegenmodell ins Spiel zu bringen, das auf auskömmlicher Finanzierung, transparenter Mitbestimmung und freier Gestaltung von Lehre und Forschung baut.
Fahrplan für mögliche Teilöffnungen
Es ist uns bewusst, dass Online-Lehre die Präsenzlehre nicht vollumfänglich ersetzen kann. Trotzdem halten wir dieses Format zumindest bis ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse zum Virus, dessen Eindämmung und potentielle Ansteckungsgefahren vorhanden sind aus den oben genannten Gründen für den einzig gangbaren Weg.
Wir wollen an dieser Stelle betonen, dass, wenn im Folgenden von Präsenzlehre gesprochen wird, dies nicht die Pflicht zur Anwesenheit bedeutet, sondern nur die Möglichkeit des physischen Zusammentreffens heißen soll.
Die durch die Online-Lehre entstehende zusätzliche Belastung für Studierende und Angestellte der Hochschulen muss möglichst gering gehalten werden, weshalb wir Entlastungen und gewisse Ausnahmen ausdrücklich befürworten und auch einfordern. Die Vereinsamung und Vereinzelung durch die Einschränkungen trifft uns alle. Um dies zumindest in Teilen abzuwenden, halten wir es für sinnvoll, während dem Sommersemester den universitären Austausch in Kleingruppen im Freien zu ermöglichen und zu bestärken, da hier die Ansteckungsgefahr mit ausreichendem Abstand erheblich minimiert ist. [3] Auch die Möglichkeit der Einrichtung von Open-Air-Arbeitsräumen als Ersatz für die momentan geschlossenen Bibliotheken ist denkbar und würde massiv der Gefahr der Vereinsamung und Vereinzelung von Studierenden im Home-Office entgegenwirken. Diese beiden Möglichkeiten sind gute Übergangslösungen, allerdings spätestens in kälteren Jahreszeiten nicht länger umsetzbar.
Trotzdem sollte für einige Kurse und Studierende auch im Wintersemester Präsenzlehre möglich sein. Das hierbei entstehende Risiko ist in Hinblick auf eine mögliche zweite Infektionswelle im Herbst größer, weshalb schon jetzt an umfangreichen Hygienemaßnahem, zusätzlichen Räumen, sowie die Einrichtung von Belüftungssystemen in den Lehrräumen gearbeitet werden muss. Um in manchen Fachbereichen überhaupt die Fortführung des Studiums und der Forschung zu ermöglichen, gibt es bereits und sollte es auch weiterhin Präsenzlehre für bestimmte Lehrangebote geben. So sind beispielsweise Praktika, Labortätigkeiten und auch Sprachkurse (insbesondere Kurse wie Deutsch als Fremdsprache) nur sehr schwer bis gar nicht online realisierbar. Gerade die Sprachkurse werden momentan noch nicht oder nur online abgehalten. In Bezug vor allem auf die Kurse “Deutsch als Fremdsprache” erfahren ausländische Studierende und Geflüchtete eine mehrfache Belastung. Der oft mit erheblichen Kosten und auch emotionalen Herausforderungen (Heimweh, Kulturschock etc.) verbundene Aufenthalt in Deutschland dient nun weder dazu, die Menschen und Kultur umfangreich kennen zu lernen und sich auszutauschen, noch kann diese außergewöhnliche Situation genutzt werden, um sich intensiv auf die Sprachkurse zu konzentrieren. Gleichzeitig ist die Gefahr der Vereinsamung gerade für vor Kurzem nach Deutschland gekommene Kommiliton*innen höher.
Grundsätzlich gilt, dass bei der Frage, für welche Mitglieder der Hochschule es Ausnahmen der Beschränkungen geben sollte, der Fokus vor allem auf die Mitglieder gerichtet sein muss, die mehrfach belastet sind. Vor allem für Studierende mit besonderer Belastung durch körperliche oder psychische Beeinträchtigungen, die die Teilnahme an Online-Lehre erschweren bis unmöglich machen, muss Präsenzlehre ermöglicht werden. Weiter muss Studierenden, die auf engem Raum mit unzureichenden Arbeitsplätzen leben, der Zugang zu Arbeitsplätzen an den Hochschulen erleichtert werden. Zu einem inklusiven Studium gehört in der Pandemiezeit insbesondere ein ausgearbeitetes Konzept zum Schutz von Risikogruppen: Allen Studierenden, denen, da sie wenn möglich Präsenz und Pendeln, Partys und Politikgremien vermeiden, durch eine reine Öffnung ohne entsprechende Maßnahmen nicht geholfen ist, muss ein barrierefreier Zugang hierzu ermöglicht werden.
Unser Kompass muss immer sein: Um unverhältnismäßige Nachteile für Einzelne zu vermeiden, müssen wir den Austausch mit vielen suchen, um dafür zu sorgen, dass keine Stimme ungehört bleibt. Nur so können wir weiter ausdefinieren, für welche Gruppen von Studierenden Präsenzlehre unbedingt stattfinden muss.
Wir wollen hierzu nochmal hervorheben: Es macht keinen Sinn nach dem Gieskannenprinzip allen Hochschulmitgliedern – ungeachtet der Verhältnisse, in denen sie sich befinden – gleichen Teilzugang zur Präsenzlehre und universitären Arbeitsplätzen zu ermöglichen, denn dies greift bestehenden Verteilungsungerechtigkeiten und Diskriminierungen nicht an, sondern führt sie fort.
Solange das Virus nicht kontrollierbar ist und dementsprechend der universitäre Alltag nicht einkehren kann, dürfen weder für Studierenden, noch für Lohnabhängige und Forschende an den Hochschulen krisenbedingte Nachteile entstehen. Sowohl eine höhere Arbeitsbelastung, als auch finanzielle Einbußen sind dringend abzuwenden. Dementsprechend werden über das Sommersemester hinaus weitere Solidarsemester, Anpassungen in der Forschungs- und Studienfinanzierung, sowie in arbeitsspezifische Regelungen folgen müssen.
All dies darf nicht an finanziellen Schranken scheitern. Das Wohlergehen aller ist uns teuer und eben deswegen dürfen die Maßnahmen ebenso teuer sein. Zahlen sollen nicht die an den Randgedrängten, sondern jene, welche durch Ausbeutung schon lange und zu Unrecht im Überfluss schwimmen.
Bildungsgerechtigkeit schaffen
Wir unterstützen sämtliche Forderungen des FZS zum Solidarsemester [4]. Unser Streiten für die Umsetzung dieser Forderungen ist gerade um die direkten Folgen der Krise für Studierende und lohnabhängige Mitglieder der Hochschulen abzuwenden dringend notwendig.
In Bezug auf die Studienfinanzierung ist das vom SDS, CampusGrün, DGBJugend, IGMetall, Ver.di, GEW und dem FZS gemsamverfasste “Positionspapier des BAföG-Bündnisses im Vorfeld der Bundestagswahl” [5] aktueller denn je. Nicht eine Forderung ist durch die Corona-Krise hinfällig geworden, ganz im Gegenteil ist die Umsetzung dieser Forderungen dringender geworden. Es zeigt sich, dass der ökonomisch aufgezwungene Dualismus aus Nebenjob und BAföG, der nicht-privilegierte Studierende, also arbeitende Studierende mehr belastet, nicht nur im Widerspruch zu Bildungsgerechtigkeit steht, sondern auch eine unsichere finanzielle Absicherung ist – gerade in Krisenzeiten. Und eines sei hierzu gesagt: Die nächste Krise kommt bestimmt – mindestens solange der Kapitalismus noch nicht überwunden ist.
Hilfszahlungen, wie wir es momentan vom Bildungsministerium fordern, sind richtig und wichtig. [6] Zusätzlich dazu, müssen wir weiterhin dafür sorgen, dass sich massive finanzielle Unsicherheiten während des Studiums gerade für Studierende ohne elterliche Unterstützung nicht in kommenden Krisen widerholen. Hierfür braucht es nach wie vor eine Erhöhung des BAföG-Satzes, um ein Studium bedarfsdeckend zu finanzieren, eine Ausweitung der Förderungsdauer auf eine realistische Studienzeit mit entsprechenden Ausnahmeregelungen, sowie die Vergabe von BAföG als Vollzuschuss, um eine zusätzliche Verschuldung auch durch eine möglicherweise verlängerte Studienzeit durch Krisen zu vermeiden.
Wie schon früher formuliert, ist das jetzige Konzept der sogenannten Regelstudienzeit durch eine realistische,tatsächliche und von Studierenden für die Bereitstellung ihrer Kurse einforderbare Regelstudienzeit mit Verlängerungen für besonders belastete oder ehrenamtlich tätige Studierenden zu ersetzen. Aktuell trifft die mangelhafte Ausgestaltung des BAföG gerade finanziell schlechter abgesicherte Studierende dreifach, zeitlich durch den Zwang, neben dem Studium zu arbeiten, finanziell durch die unzureichende ökonomische Absicherung und die nachgelagerte Abzahlung der Schulden und emotional durch den massiven Druck in Bezug auf die Studienleistungen, sowie die Unsicherheiten, die mit nicht-sozialversicherungspflichtigen Nebenjobs oftmals einhergehen.
Unterstützung internationaler Studierender
“Viele ausländische Studierende sind teilweise doppelt betroffen durch ihre eigene Situation hier in Deutschland und teilweise durch die Situation ihrer Eltern und Verwandten in den Heimatländern, die u.U. noch bedrückender ist.“[7]
Internationale Studierende müssen besondere Unterstützung erhalten. Wir schließen uns dementsprechend dem Schreiben des Bundes ausländischer Studierender an die Innen- und Wissenschaftsminister*innen der Länder, sowie an Bundesbildungsministerin Karliczek und an Bundesinnenminister Seehofer an. Die Forderungen beinhalten:
Zusammenfassend beinhalten diese Forderungen sowohl finanzielle Unterstützung vom Staat als auch Möglichkeiten zum Ausgleich von Nachteilen bezüglich des Studiums und des Aufenthalts in Deutschland, welche aufgrund der Pandemie dringend notwendig sind. Im Zuge des Solidarsemesters wird außerdem die Forderung nach einer unbeschränkten Arbeitserlaubnis während dem Sommersemester 2020 ergänzt. All dies wird auch für folgende Semester relevant sein. [8]
Gute Arbeitsbedingungen
Nicht nur Schwierigkeiten für Studierende, sondern auch für Lohnabhängige an den Hochschulen vermehren sich. Insbesondere sind davon der bereits prekarisierte wissenschaftliche Mittelbau und Lehrbeauftragte betroffen. Sie leiden unter den Unsicherheiten befristeter Anstellung, sowie der zusätzlichen Belastung durch die nun notwendigerweise zu entwickelnden neuen Lehr- und Lernformate.
Um die durch die Krise verstärkten Unsicherheiten abzubauen, ist die Verringerung des massiv hohen Anteil befristeter Stellen an Hochschulen notwendig. Im Jahr 2017 lag dieser mit 75,8% fast um das Zehnfache höher als im öffentlichen Dienst (7,8 %, ohne Wissenschaft) oder in der Privatwirtschaft (6,6 %). [9] Um Befristung abzubauen braucht es eine ausreichende Grundfinanzierung der Hochschulen und hierdurch die Abschaffung der Drittmittelförderung. Christian Drosten stellt beispielsweise im NDR-Podcast fest: „Wir sehen in der jetzigen Wissenschaftstätigkeit an der Epidemie, dass das Einwerben von Drittmitteln in seinem zeitlichen Umfang nicht mehr zu schaffen ist. Wir brauchen da unbedingt andere Mechanismen, wie wir direkt Geld dahin steuern können, wo es auch wirklich gebraucht wird, wo es wirklich eingesetzt werden kann. Und wo nicht denjenigen, die die Patienten behandeln und beforschen, die Zeit gestohlen wird.“[10] Die Aussage zeigt, wie aktuell und dringlich die Forderung nach einer Loslösung von konkurrenzgetriebener Projektförderung ist.
Neben der grundsätzlichen Abkehr von der Drittmittelfinanzierung ist eine Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetz notwendig, um den wissenschaftliche Mittelbau während der Krise und darüber hinaus abzusichern. Wir schließen uns des Weiteren den aktuellen Forderungen “nach einem kollektiven Nachteilsausgleich für Wissenschaftler*innen” der GEW an. [11]
Kapitalinteressen von der Hochschule verdrängen
Vorschläge für die 2. und 3. Phase der Corona-Krise des Arbeitgeberverbands GesamtMetall:
“Corona-bedingte betriebliche Schutzmaßnahmen dürfen nicht über die Corona-Pandemie hinaus im gesetzlichen Arbeitsschutz institutionalisiert werden, denn das Virus ist letztendlich Teil des allgemeinen Lebensrisikos und keine originär arbeitsbedingte Gefährdung.[…] Nicht akzeptabel wäre ein über das bestehende Recht hinausgehender Rechtsanspruch auf Arbeitsverweigerung bei entsprechender Gefährdungslage (siehe Frankreich, Italien).” [12]
Dieses Zitat zeigt, wie der von der GesamtMetall, einem der einflussreichsten deutschen Arbeitgeber*innenverbände, geforderte Weg aus der aktuellen Krise aussehen soll. Nicht nur im Sinne des Arbeitsschutzes, sondern in vielen weiteren Bereichen, beginnend bei der Kurzarbeit bis hin zu den lauten Forderungen nach dem schnellen Ende der Schutzmaßnahmen zugunsten wirtschaftlicher Interessen demonstrieren Unternehmer*innen ihre ignorante und ausbeuterische Haltung gegenüber der Arbeiter*innenklasse. Es gilt diese Kräfte zu bekämpfen – im Betrieb, auf der Straße, im öffentlichen Diskurs und eben auch in der wissenschaftlichen Forschung.
Gerade in Bezug auf die Findung von Behandlungsmethoden von COVID19 und eines potentiellen Impfstoffes gibt es ein massives Forschungsinteresse, das mit enormen wirtschaftlichen Interessen gerade der Pharmaunternehmen verbunden ist. Christian Schröder, stellvertretendes Mitglied der Ethikkommission des Landesamts für Gesundheit und Soziales des Landes Berlin, äußerte in einem Interview Kritik an dem durch Arzneimittelhersteller*innen aufgebauten Druck zur Arzneimittelzulassung im Zusammenhang mit COVID19. Dies kann zu einer unzureichenden Einschätzung der Risiken solcher Arzneimittel führen. [13] Dies kann für die Bevölkerung zur Folge haben, dass das eine Übel durch ein neues ersetzt wird und durch die dabei abgeworfenen Profite eine Umverteilung zu Gunsten der Pharmakonzerne voranschreitet.
Wir müssen an der Hochschule den Einfluss von Profitinteressen massiv zurückdrängen, Forschungsförderung durch Unternehmen unterbinden und die Einhaltung von Mindeststandards absichern. Dies ist gerade für uns ausgesprochen schwierig, da Gremien nicht ausreichend transparent arbeiten und die Rektorate ebenso wie die Unternehmen oftmals kein Interesse an der Öffentlichmachung gekaufter Forschung haben. Hierfür müssen wir die universitären Gremien, wie den Senat, genau beobachten und den Austausch mit den aktiven Gremienmitglieder suchen, um Drittmittel-Finanzierungen öffentlich zu machen, zu skandalisieren und Mehrheiten für eine unabhängige Forschung an den Hochschulen zu schaffen.
Online-Lehre verbessern
Aktuell ist die Online-Lehre für uns alle ein unzureichender Ersatz des gewöhnlichen Unibetriebs, an welchem wir nicht festhalten möchten. Das aktuelle Format der Online-Lehre ist oft unzureichend, wenig interaktiv und unkreativ gestaltet. Der Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden kommt zu kurz. Gleichzeitig sind Lehrende neu in diesem Gebiet, überfordert und ungeschult. Es muss dementsprechend dringend zusätzliche Unterstützung von Expert*innen im Bereich der inklusiven Online-Lehre eingerichtet werden. Wir müssen die Hochschulen dazu drängen, hierfür umfangreiche neue Stellen zu schaffen und den Lehrenden den Raum zu geben, sich neue Kompetenzen anzueignen.
Weiter muss sichergestellt werden, dass bei Onlineangeboten die Datensicherheit von Teilnehmer*innen gegeben ist. Unter anderem deshalb, muss auf unternehmens unabhängige Lösungen hingearbeitet werden, wofür beispielsweise bundesweite Server für die Hochschulen eingerichtet werden sollten.
Dennoch wird es auch in Hinblick auf ein Ende der Pandemie hilfreich sein, die Präsenzlehre durch Onlineangebote zu ergänzen. Studierende mit körperlichen und/oder psychischen Beeinträchtigungen kann es zugutekommen, wenn sie Veranstaltungen zu einem Zeitpunkt wahrnehmen können, an denen es ihnen gesundheitlich möglich ist. Auch Studierenden mit Kindern und/oder Jobs mit unregelmäßigen Arbeitszeiten kann so über das Verpassen einiger Lehrveranstaltungen hinweg geholfen werden. Wir möchten Dozent*innen dazu anhalten, online Angebote auch nach der Pandemie zu ermöglichen. Hauptsächlich kommt hier das Filmen von Vorlesungen in Betracht, welche anschließend den Kursteilnehmenden zur Verfügung gestellt werden können. An einigen Universitäten besteht diese Möglichkeit schon seit einiger Zeit, jedoch wird sie von Dozent*innen kaum genutzt. Wir fordern eine verpflichtende Unterstützung von Studierenden durch digitale Angebote auch nach der Rückkehr zur Präsenzlehre.
Grundsätzlich sollte selbstverständlich die Präsenzlehre inklusiv gestaltet sein, sodass auch in Präsenz die Teilnahme aller Studierenden möglich wird. Beispielsweise aber bei Konzentrationsschwierigkeiten oder in nicht planbaren Schüben verlaufenden Erkrankungen ist ein flexibel abrufbares Onlineangebot eine gute Ergänzung. Keinesfalls bezwecken wir damit die Präsenzlehre zu ersetzen, sondern diese bestmöglich zu erweitern und wollen Menschen, die nicht jede Präsenzveranstaltung wahrnehmen können, ermöglichen, nicht den Anschluss zu verlieren.
Gerade während der Corona-Pandemie fehlt vielen Studierenden die Präsenzlehre. Die Befürchtung, dass mit der Onlineverfügbarkeit von Vorlesungen die Säle leer blieben, scheint also unbegründet.
Weiter muss die demokratische Beteiligung an der Gestaltung und den Inhalten der Lehre und Forschung dringend ausgebaut werden. Denn welche Lehrinhalte für unsere Gesellschaft bedeutsam sind, welche Werte zum Tragen kommen sollen und in welchen Bereichen es an Forschung bedarf, darf nicht allein von Einzelpersonen mit Professor*innentitel entschieden werden. Dies gilt egal, ob in Bezug auf Präsenz- oder Online-Lehre. Wir müssen progressive Standards digitalen Lernens und Lehrens spätestens jetzt diskutieren, erstreiten und für sie kämpfen.
Demokratische Beteiligung stärken
In letzter Zeit war in den Medien oft von “Stunde der Exekutive” zu lesen. Dieser Slogan hat auch an den Hochschulen seit Eintreten der Krise an Bedeutung gewonnen. In Zeiten in denen die ausschließlich professoral besetzen Rektorate der Hochschulen schnell entscheiden und handeln (müssen), wird deutlich, dass nicht nur ein zu gleichen Teilen von allen vier Statusgruppen [14] besetzter Senat notwendig ist, sondern, dass auch im Rektorat Studierende und Vertreter*innen der wissenschaftlich, ebenso wie technischen und in der Verwaltung tätigen Angestellten der Hochschulen notwendig sind. Nur so kann die Hochschule in eine gemeinschaftliche Organisation durch Angestellte, Professor*innen und Studierende überführt werden und eine breite Interessenvertretung gewährleistet werden.
Da dies momentan noch nicht der Fall ist, schlagen wir vor, dass sich SDS Basis-Gruppen mit linken Kräften im Wissenschaftlichen Mittelbau, in Technik und Verwaltung und unter den Professor*innen vernetzen und gemeinsam arbeiten. Es macht hier möglicherweise Sinn, sich als statusgruppenübergreifende Parteigruppe an der Hochschule zu organisieren: Wir gehen nämlich davon aus, dass der Zweck der Hochschulen, die Wissenschaft zu organisieren, nur fernab von Profitmotiv und elitärem Denken durchgesetzt werden kann: gemeinsam als Projekt von wissenschaftlich Arbeitenden.
Das Schöne Leben
“Hearts starve as well as bodies, give us bread, but give us roses” [15]
Die Corona-Krise bringt massive Veränderungen des Alltags mit sich und verschlechtert die Lern- und Arbeitssituation aller Studierender. Ein linker Anspruch ist nicht nur die Abwehr sozialen Elends und das Streben nach Gerechtigkeit, sondern eben auch das Streben nach einem schönen Leben für alle – nach Kunst, Kultur, Wissenschaft, Bildung, Geselligkeit und einem solidarischen Miteinander. Eben auch dieses schönen Leben erfährt durch die Krise und die Kontaktbeschränkungen massive Einschnitte. Manche dieser Einschnitte und Umgestaltungen sind zumindest bis zum heutigen Wissensstand unvermeidbar, trotzdem sollten wir den Anspruch an ein schönes Leben dabei nicht vergessen und uns bemühen, für uns selbst, aber auch für unsere Kommiliton*innen einen Ausgleich zu schaffen. Der erste Schritt ist es, in den Basis-Gruppen das Private dezidierter als politisch zu begreifen, Raum für einen persönlichen und emotionalen Austausch zu bieten, sich Zeit für gemeinsames Lesen oder entspannte Treffen im Park mit Abstand zu nehmen, notwendig isolierte Risikogruppenmitglieder zu entlasten und zu versorgen.
Es ist wichtig, dass wir füreinander da sind und gerade in dieser belastenden Situation aufeinander achten. Ebenso ist es wichtig, dass wir den Kontakt und den Austausch mit unseren Kommiliton*innen suchen. Hier sind sicherlich noch Konzepte auszuarbeiten. Ein spannendes Konzept um der Vereinsamung entgegenzuwirken und ein Gefühl der Geselligkeit zu schaffen sind zum Beispiel Silent Reading Parties. Ein sehr einfaches, auch online abhaltbares Konzept, das nicht mehr bedarf als eines Online-Raumes, entspannender Musik und einige Leute, die Lust haben gemeinsam zu lesen oder zu lernen. Was erstmal befremdlich klingt hat, hat bei der ersten Virtuellen Silent Reading Party zu enorm vielen positiven Rückmeldungen geführt. [16] Dies ist nur eines von vielen möglichen Formaten an deren Ausarbeitung wir sicherlich weiterhin arbeiten sollten.
Praktische Umsetzung
Nach der Ausformulierung verschiedener Forderungen stellt sich nun die Frage nach der praktischen Umsetzung eben dieser. Die Corona-Krise erschwert nicht nur unseren Alltag, sondern auch unsere politische Praxis. Nun stehen wir vor dem Widerspruch, dass unsere politische Arbeit dringender und nötiger denn je ist und wir uns gleichzeitig in der Umsetzung massiv einschränken müssen. In der Konsequenz soll das nicht dazu führen, dass wir unsere Arbeit beiseite legen. Stattdessen müssen alternative Formen der Kontaktaufnahme und der Mobilisierung bzw. des Organizings entwickeln. Hier werden bereits gute und spannende Ansätze verfolgt. Im Zuge der Petition zum Solidarsemester wurde den Unterzeichner*innen angeboten, ein Kontaktformular auszufüllen. Diese Möglichkeit wurde von mehreren hundert Studierenden bundesweit genutzt und somit der Kontakt zu Studierenden geschaffen, welche offensichtlich von unseren politischen Forderungen angesprochen werden, aber teilweise an Hochschulen und in Städten studieren, an und in denen es bisher noch keine SDS-Ortsgruppen gibt.
Eine weitere Option den Kontakt zu den Studierenden zu suchen, die wir nicht mehr in unserem Alltag auf dem Campus antreffen können, sind Online-Veranstaltungen. Diese haben allerdings nur eine begrenzte Reichweite, weswegen es sinnvoll ist, beispielsweise die Briefkästen von Studi-Wohnheimen zu nutzen, um auch Studierende außerhalb der “linken Online-Bubble” zu erreichen.
Sofern an den jeweiligen Hochschulen hochschulweite Studi-Mail-Verteiler bestehen, sollten wir uns unbedingt über den AStA, die Fachschaften, oder auch die Vertretungen studentischer Hilfskräfte Zugang zu diesen verschaffen. Dies ist der einzige und effektivste Weg, wirklich alle Studierenden einer Hochschule zu erreichen.
Die aktuelle Situation der Studierenden ist zum Teil sehr unübersichtlich und uns fehlen verlässliche Daten, mit denen wir unsere Forderungen konkretisieren könnten. Gleichzeitig fallen viele Aktivitäten der ASten aufgrund der aktuellen Einschränkungen weg. Wir sollten dafür wirken, dass die hierdurch frei gewordenen Gelder dafür genutzt werden, valide Daten über die Lage der Studierenden zu sammeln (bspw. in Form von Umfragen). Hier bietet sich eine enge Zusammenarbeit mit den Studierendenwerken an. Im Zuge der Umfragen, sollten wir die Studierenden auffordern, selbst politisch aktiv zu werden und direkt Angebote dafür schaffen.
Die Methode des Organizing lehrt uns, dass gerade der persönliche Kontakt für die Aktivierung und Selbstermächtigung einzelner besonders wichtig ist. Momentan können wir diesen persönlichen Kontakt nur eingeschränkt ausüben, umso wichtiger wird in diesen Tagen die Rolle von Telefonaten. Wir sollten gerade neue Aktive in unseren Gruppen individuell anrufen, uns nach deren politischer Motivation erkundigen und versuchen, so gut es geht Fragen zu klären und zu unterstützen. Des Weiteren bietet es sich an, mit den Ortsverbänden der Partei DIE.LINKE zusammenzuarbeiten und darauf hinzuwirken, sich die Kontaktdaten der studentischen Mitglieder, die bereits Genoss*innen sind, aber noch nicht aktiv politisch arbeiten, geben zu lassen. Eine Telefonaktion ist hier eine gute Möglichkeit den Kontakt und Austausch zu suchen, was hoffentlich auch in neuen Aktiven resultiert.
Für unsere interne Organisation, sollten wir vorerst weiterhin das Medium der Online-Plena nutzen. Hierdurch gehen viele Gespräche, die normalerweise am Rande der Plena außerhalb der Tagesordnung geführt werden verloren. Um das auszugleichen, macht es möglicherweise Sinn, ein weiteres Online-Treffen neben den regulären Plenum auszurichten, in dem es keine Tagesordnung gibt, sondern das dem persönlichen und politischen Austausch untereinander dient.
Der beste Fall
Zu guter letzt besteht immer noch die Möglichkeit, dass der allerbeste Fall eintritt. Es besteht die Möglichkeit, dass unerwartet schnell nun doch eine medizinische Methode zum Umgang mit der Epidemie gefunden, oder neue Erkenntnisse gewonnen werden, welche die aktuellen Einschränkungen unnötig machen. Wir wünschen uns nichts mehr als das. Wenn eben dieser Fall eintreten sollte, treten wir selbstverständlich für eine uneingeschränkte Öffnung der Wissenschaft ein, kehren zu unserem politischen Alltag zurück und kämpfen weiter mit bekannten, erprobten und vielleicht sogar verbesserten Methoden für eine bessere Welt. Wir werden aber die Folgen der Krise und unseren Umgang damit analysieren und Ausbreitung und Diskriminierungen unter veränderten Umständen bekämpfen müssen. Auf dass dieses unsolidarische System, genannt Kapitalismus, ein Ende findet und wir endlich gemeinsam, demokratisch und solidarisch beginnen können, eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, den Sozialismus, zu gestalten.
Auftrag an die Basis-Gruppen und den Bundesvorstand
Sofern dieser Antrag auf dem Bundeskongress angenommen wird, sind die darin ausgearbeiteten Punkte entsprechend der Möglichkeiten in den einzelnen Basis-Gruppen umzusetzen. Aufgrund der sich ständig ändernden Situation und dem Zugewinn neuer Erkenntnisse, soll der Bundesvorstand den Antrag bis zum nächsten Bundeskongress weiter ausarbeiten, wo nötig überarbeiten und noch nicht ausgearbeitete Aspekte ergänzen. Diese aktualisierte Version soll wiederum zur Abstimmung auf dem nächsten Bundeskongress eingebracht werden.
A18. Hoch die intersektionale Solidarität!
Es ist kein neues Phänomen, dass insbesondere konservative und rechtsextreme Regierungen unter dem Deckmantel der Krise ihre insbesondere queerfeindliche Politik umsetzen. So wurde Ende März in Ungarn unter der rechtsextremen Regierung ein Corona-Gesetzespaket verabschiedet, was in einem Artikel die rechtliche Anerkennung zum Personenstandswesen trans*- und intergeschlechtlichen Menschen verweigert. Doch auch im erzkonservativen Polen entstehen seit Ende 2019 in Städten und Kommunen immer mehr sogenannte „LGBT-freie“ Zonen. Trotz dieser offen queerfeindlichen Politik dieser Städte, gab es in Deutschland vergleichsweise wenig Städte, die als Reaktionen ihre Städtepartnerschaften beendeten. Doch auch in Deutschland wurden nicht nur die politischen Diskurse bezüglich LGBTQIA*+-Rechte in einen Tiefschlaf versetzt, sondern erst in einer kürzlich geführten Debatte um die Aufhebung der Restriktionen aufgrund der sexuellen Orientierung bei der Blutspende entschied der Bundestag, trotz Blutspendenknappheit durch die Coronakrise, die Regelung nicht aufzuheben. Eine Regelung, welche sogar im bereits erwähnten rechtskonservativen Ungarn aufgehoben wurde und eine Stigmatisierung von schwulen, bisexuellen Männern und trans*Personen darstellt, die ihre Ursprünge in den USA hat.
Queere Bewegungen als Vorbild für unsere Verbandspraxis
Der Beginn der queeren Bewegungen mit dem Anfängen bei den Stonewall Inn – Aufständen in Rahmen einer Polizeirazzia zeigt, wie essentiell die Vereinigung der Klassenkämpfe im Kapitalismus ist. Das Stonewall Inn liegt auf der Christopher Street im Stadtteil Greenwich Village in New York, ein Stadtteil, was gekennzeichnet war von Armut und Obdachlosigkeit. Viele der obdachlosen Menschen waren jungen Menschen, meist (B-)PoCs und trans*Personen. Das spiegelt sich auch bei der wohl bekanntesten Person wieder, die mit den Stonewall Inn – Aufständen und dem Beginn der queeren Bewegung in Verbindung gebracht wird: Marsha P. Johnson, eine schwarze, damals 24 Jahre alte und obdachlose trans*Frau.
Doch auch die Dekonstruktion von (heteronormativen) Familien- und Erziehungsmodellen bringen neue Erkenntnisse zu Reproduktions- und Produktionsverhältnissen hervor.
Was können wir nun daraus in unsere sozialistische Praxis mitnehmen ?
Die queere Bewegung, die eins sich den antirassistischen, antikriegs und antikapitalistischen Kämpfen anschloss ist heute insbesondere in Deutschland kaum noch sichtbar. Nur vereinzelt gibt es sogenannte „alternativen“ CSDs , wo die politischen Forderungen im Vordergrund stehen und Klassenkämpfe verbinden.
Als sozialistischer Studierendenverband müssen wir dazu beitragen, Wissen und Informationen an die einzelnen Gruppen weiterzutragen. Hierdurch sollen sexistische bzw. queer*feindliche Positionen deutlicher zu erkennen sein und emanzipatorische Ideen und respektvolle Umgangsweisen entwickelt und gefördert werden. Auch soll die Beteiligung an queeren Protestaktionen und Demonstrationen vor Ort erleichtert werden. Diskriminierung und Ausschluss sind noch immer alltäglich. Gerade für uns als Sozialist*innen gilt es, mit den Unterdrückten zusammen gegen die Unterdrücker*innen vorzugehen und so die Ursachen an den Wurzeln des kapitalistischen Systems [zu finden und] zu bekämpfen!
Unsere Forderungen:
Die Wissenslücken vieler Genoss*innen müssen geschlossen werden. Noch immer wird innerhalb de SDS aber auch der LINKEN Queer Politik als reine Identitätspolitk abgestempelt. Dabei ist Queer Politik eine Bündnispolitik, die aus gesellschaftlichen Außenseiter*innen besteht und die in ihren Anfängen aus dem Nichts mit wenigen Ressourcen eine so prägende, starke Bewegung wurde, die die den eins negativ besetzten Ausdruck „queer“ dekonstruierte und heute als positiv besetzte Eigenbezeichnung verwendet und immer wieder ihre Freiräume schafft.
Daher gilt es, diese Wissenslücken mit Veranstaltungen, Bildungsarbeit und Aktionen zu schließen. Durch ein Zusammenwachsen der queeren Community innerhalb des SDS erhoffen wir uns eine stärkere Positionierung und eine vielseitige Agenda, die queere Menschen, die für ihre eigene Befreiung und Gleichberechtigung kämpfen, sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Organisation zu stärken und zu unterstützen versucht.
Als die Linke.SDS verurteilen wir trans*exkludierende Positionen ausdrücklich. Dies betrifft nicht nur den expliziten Ausschluss oder die Hassschürung gegen trans*Frauen, sondern auch das Beharren auf binären Genderidentitäten; z. B. die Vorwürfe gegen nicht-binäre Queers, sie würden durch ihre Existenz und Selbstbehauptung den feministischen Kampf schwächen.
A19. Feminismus in Zeiten von Corona
Die Auswirkungen der Corona-Krise und die damit einhergehende Wirtschaftskrise treffen im noch unvorhersehbaren Ausmaß FINT* (Frauen, inter, nonbinäre und trans* Personen) besonders hart: sie werden durch die Wechselwirkung von Sexismus und dem ganz normalen Wahnsinn, den wir Kapitalismus nennen, im besonderen Maße ausgebeutet.
Viele Feminist*innen betrachten die Corona-Krise daher unter dem Blick einer „Reproduktionskrise“, um die besonderen Auswirkungen auf die Entwicklungen in diesem Bereich zu legen und dortige Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse hervorzuheben. Der Auslöser der aktuellen Krise kommt diesmal nicht vom Finanz- und Bankensektor, sondern wegen einer Pandemie werden Menschen und damit Arbeitskräfte in ausgesprochen hoher Anzahl krank, fallen für mehrere Wochen aus oder sterben sogar. Und genau hier drin liegt der Widerspruch das das Problem für die kapitalistische Ausbeutung: die einzige Möglichkeit eine Ausbreitung des Virus und damit hohe Kranken- und Totenzahlen (und damit das Wegbrechen von Arbeitskraft, als auch unvorhersehbare politische Auswirkungen) zu verhindern, ist genau die Möglichkeit die ebenso zum Fehlen von Arbeitskraft führt und den Produktions- und Ausbeutungsprozess behindert. Nämlich Arbeitskräfte zu isolieren, in Quarantäne zu stecken, teilweise Produktionen herunterzufahren, umzustellen oder ganz zu stoppen. Dieses Dilemma zwischen Aufrechterhaltung der Produktion (der Mehrwertschöpfung) und auf der anderen Seite Schutz der Arbeitskräfte, (vornehmlich die Aufgabe des Staates, des „ideellen Gesamtkapitalisten“) drückt sich in den verschiedenen Debatten und Reaktionen der Regierungen auf die Krise aus.
Wie in jeder Krise bedeutet dies eine Verschärfung der eh schon prekären Lebensverhältnisse. Wie erste Studien zeigen trifft der Virus insbesondere Menschen mit erschwerten Zugang zu Gesundheitsversorgung (Personen mit unsicherem Aufenthaltsstatus oder, die sich die Versicherung nicht leisten können), als auch jene, die aufgrund ihrer Arbeit dem Virus besonders ausgesetzt sind, oft mit unzureichenden hygienischen Schutzmaßnahmen, sei das in prekären Arbeitsverhältnissen in der Fleischfabrik (wo insbesondere Migrant*innen betroffen sind) oder direkt in der Pflege im Krankenhaus oder Pflegeheim (mehrheitlich FINT*).
Diese International zu beobachtenden Tendenzen finden sich auch in spezifischen Ausformungen in Deutschland wieder. Insbesondere wird deutlich, dass bestimmte Sektoren, die nun viel als „Systemrelevant“ bezeichnet wurden und in deren Bereichen mehrheitlich FINT* und Migrant*innen arbeiten, von prekären Arbeitsverhältnissen geprägt sind und oft wenig (monetäre) Anerkennung erfahren. Zudem sind jene Bereiche die zentral für die „Reproduktion unseres Lebens und unserer Arbeitskraft“ wichtig sind, bereits in den letzten Jahren Angriffsziel neoliberaler Umstrukturierungen und Kürzungen geworden. Allen voran das Gesundheitssystem. Das allgemeine kapitalistische Credo der Regierung “Reproduktion und Fürsorge der Arbeitskräfte so viel wie gerade notwendig, dabei so effizient und billig wie möglich zu gewährleisten”, diese Regel trifft auf eine Pandemie, eine Krise der Reproduktion, einen Augenblick wo das “reproduzieren am Limit” sich rächt, weil jeglicher Spielraum weggekürzt wurde.
Mit diesen Zuspitzungen kann aber auch eine Politisierung und neue Macht entstehen: die Anerkennung der Arbeit von Pfleger*innen steigt und die bereits entstandene Politisierung der letzten Jahre im Sektor trifft nun auf diese Sondersituation, wo nochmal deutlich wird, wie wichtig ihre Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal waren und weiterhin sind.
Ebenso scheint sich in Deutschland aber auch International eine neue Generation herauszubilden, die sich nicht nur an einzelnen Fragen organisiert, sondern ein breiteres Verständnis für Ungerechtigkeit und Antikapitalismus entwickelt. Die feministische Bewegung spielte auch hier eine wichtige Rolle in den letzten Jahren und führte unter anderem dazu, dass auch aktuelle Proteste (Klimabewegung, BLM) von vielen Frauen mit angeführt wird.
Diese Erfahrung kann als Initialzündung für eine Politisierung von FINT* wirken: nach der Wirtschaftskrise 2008 bildeten sich neue Protestbewegungen wie zum Beispiel Bloccupy, heute gehen in den USA junge Menschen – darunter viele Schwarze FINT* – auf die Straße, um gegen rassistische Polizeigewalt zu protestieren. Die Wut vieler PoC über Rassismus wurde durch die Krise noch größer: sie beklagen mehr Opfer von Corona und verlieren ihre Arbeit öfter oder können ihr nicht mehr nachgehen.
Who can stay home ? – Care-Arbeit in Krisenzeiten
Auch wenn die anfängliche Euphorie darüber, dass Home Office gleichbedeutend mit mehr Freizeit sei, groß war, wurden insbesondere bei FINT* die Realzustände schnell spürbar. Die Zeit, die für die Kinderbetreuung zu Hause benötigt wird stieg bei Frauen um durchschnittlich 1,6 Stunden an. Das ist dreimal soviel wie bei den Männern.
Die Kombination von Reproduktionsarbeit und Lohnarbeit belastet laut Stepstone mehr Frauen als Männer, sie fühlen sich zum Beispiel öfter von ihr gestresst oder sehen sich häufiger gezwungen, Urlaub zu nehmen, um die Kinder zu betreuen; Alleinerziehende, die Lohnarbeit verrichten müssen und studieren, sind besonders von dieser Doppelbelastung betroffen. Einrichtungen wie KiTas, Schulkinderbetreuung oder Jugendhäuser wurden geschlossen, Ehrenamtliche können nicht mehr arbeiten und Hilfsorganisationen mussten die Arbeit einstellen, Ersatzangebote gibt es nur sehr wenige.
Die Corona-Krise hat vor allem eins gezeigt: Diejenigen, die die Gesellschaft am Laufen halten, sind diejenigen, die in den sogenannten „systemrelevanten Berufen“ arbeiten. Das sind unter anderem Pflegekräfte, Angestellte im Einzelhandel und Reinigungskräfte: schlecht bezahlte und oft befristet beschäftigte FINT*, die in diesen Berufen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko eingehen und unzähligen Menschen das Überleben ermöglichen. Oftmals betrifft dies migrantische oder asylsuchende FINT*, Sinti und Roma, die oft im Niedriglohnsektor mit prekären Arbeitsverhältnissen teils ohne gültige Papiere oder gar einen Arbeitsvertrag arbeiten und somit ohne Anspruch auf Arbeiter*innenrechte haben. Hier existiert sogar eine zusätzliche Belastung, da jene FINT* oft in den Unterkünften auf engsten Raum wohnen, ständig von Menschen umgeben, ohne Privatsphäre und die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Gleichzeitig werden eben diese Unterkünfte, sei es Unterkünfte für geflüchtete Menschen oder in Plattenbauten wohnen, wo hunderte Wohnungen auf kleinen Flächen gebaut sind und dadurch tausende Menschen gezwungenermaßen auf engstem Raum leben, als „Cornona-Hotspots“ stigmatisiert.
Mediale Darstellung von FINT* in der Wissenschaft und Politk
Die Medienlandschaften zeigen während der Corona-Krise vor allem ein Bild: Es gibt scheinbar keine nicht-männlichen Virolog*innen und Expert*innen. Und auch in der Politik sind es scheinbar nur Männer, die die wichtigen Entscheidungen in dieser Krise treffen. Wenn dann mal nicht-männliche Personen zu Wort kommen, dann sind es Ministerinnen wie Karliczek, die maßlos an ihrer eigenen Inkompetenz scheitern. Woran das dann liegen mag, scheint in der breiten Öffentlichkeit niemanden so recht zu interessieren, ebenso wie die geringe Anzahl der dargestellten FINT* selbst. Entweder gibt es einfach keine FINT*, die es schaffen, den Status eine*r Wissenschaftler*in der Virologie zu erreichen oder es gibt kein Interesse seitens nicht-männlicher Studierenden oder Virolog*innen daran, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Vielleicht sucht sich die Presse auch einfach lieber väterliche Heldenfiguren.
Egal in welcher Interpretation der Gründe: das patriarchale Denken der Öffentlichkeit oder der Mehrheitsgesellschaft wird offenbart.
Gewalt gegen FINT*
Ein großer Teil der Zeit wird als Maßnahme zur Eindämmung des Virus zu Hause verbracht. Wenn dort Gewalt gegen FINT* ausgeübt wird, haben viele von ihnen keinen Rückzugsort und keine Pause von Schlägen und Misshandlungen. Das „Hilfetelefon Gewalt Gegen Frauen“ verzeichnete während der Corona-Krise eine erhöhte Anzahl an Anrufen (WDR), doch hier finden nur diejenigen Hilfe, die welche suchen. Oft können Ärzt*innen, KiTa-Mitarbeiter*innen und Freund*innen erkennen, wenn FINT* Gewalt erleben, doch durch Kontakteinschränkungen und KiTa-Schließungen ist dieses Hilfsnetzwerk löchrig geworden. Wenn ein Ausbruch aus der Gewalt gewagt wird, wird die Suche nach einem Platz im Frauenhaus schwierig: nur Sachsen-Anhalt erfüllt die vom Europarat empfohlene Quote von einem Frauenhausplatz pro 7500 Einwohner*innen (Katapult).
Feministische Verbandsarbeit weiterentwickeln
Wir wollen weiter die Arbeit des BAK SozFem (Sozialistischer Feminismus) fortführen und sowohl die sog. Corona-Krise aus feministischer Perspektive begleiten, als auch neue theoretische Grundlagen erarbeiten. Hierzu wird eine weitere Zusammenarbeit mit dem BAK Queer zur Debatte um Queer Theory und Queerfeminismus angestrebt, als auch eine neue Zusammenarbeit mit dem BAK Anitra zur Tradition des Black Feminism und der Intersektionalitätstheorie.
Außerdem prüft der BAK SozFem mit dem vom SDS nominierten Parteivorstandsmitglied und der Abteilung politische Bildung der LINKE eine vertiefte Zusammenarbeit zu einer gemeinsamen feministischen Grundlagenbildung in Partei- und Jugendstrukturen. Ggf. wird hierzu ein Antrag für den Bundesparteitag vorbereitet und eingebracht.
Ebenso wird angestrebt sich im Herbst erneut im SDS Bundesverband und der Partei zu vernetzen, bezüglich der Protestaktionen zum 8.März.
25. Bundeskongress (Dezember 2019)
/in Bundeskongress /von Martin WählerInhaltliche Anträge
A1. Leitantrag des Bundesvorstandes
A6. Delegation zur Konferenz der Links*kanax
A7. Anti-Rassismus und migrantische Organisierung im SDS
A15. Gegen den Ausschlussversuch von Marxist*innen und revolutionär- sozialistischen Positionen in der linksjugend [’solid]
A16. Unblock Cuba – Wirtschaftskrieg gegen Kuba verurteilen!
A17. Anti-Austerity
A19. Vom Telegraphen zum Smartphone: für die Digitalisierung des SDS
A24. Die Freiheit der Wissenschaft zur Realisierung des Grundgesetzes in Gegnerschaft zum Prinzip Lucke
A27. Solidarität mit VVN BdA
Satzungsanträge
S1. Anpassungen der Satzung an die Gruppenpraxis
Inhaltliche Anträge Teil 2
A2. Multiplikator*innenseminar Marx Vermitteln
A4. Hochschulpolitischer Kampagnenplan
A5. Anpassung des Finanzierungstopfes für die Delegation zum Friedensratschlag
A8. Klimabewegung aufbauen, Linke stärken.
A11. Sozialistische Narrative 2020
A12. Medienarbeit im SDS stärken
A13. Sozialismus in Mitteleuropa? – Verbindungen zur Jungen Linken in Österreich stärken
A14. TV-Stud Überall
A18. Hochschul- und wissenschaftspolitische Strategie: Ein Selbstverständnis
A20. Interne Bildung stärken: Eine Sommerakademie 2020 zu „Marxistischen Grundlagen, Staatstheorie, Bildungspolitik und Ökosozialismus“
A22. Aktiv in Frauen*streik
A25. Delegation zur ÖPNV-Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung
A26. Seminar zum Thema migrantische Organisierung & Antirassismus im SDS
A28. Streik als politische Praxis – Seminarwochenende
Einleitende Ergänzung
Beschlussfassung und Wahlen
Beschlussfassung:
In diesem Heft sind sämtliche, auf dem XXV. Bundeskongress von Die Linke.SDS am 14. – 15. Dezember in Berlin, beschlossene Anträge im Beschlusstext veröffentlicht. Redaktionelle Anpassungen bleiben davon unberührt.
Antrag A21 wurde auf den nächsten Bundeskongress verschoben.
Anträge, die vom Bundeskongress an den Bundesvorstand delegiert wurden, sind im Abschnitt Inhaltliche Anträge Teil 2 veröffentlicht.
Antrag A9 wurde vom Bundesvorstand abgelehnt.
Wahlen:
Bei der Wahl zur Bundesgeschäftsführung wurde Martin Wähler gewählt.
Bei den Wahlen zum Bundesvorstand wurden Nilufar Shalah und Megan Zipse auf der Liste zur Erfüllung der Mindestquotierung, sowie Max Schwenn und Christian Ott auf der offenen Liste gewählt.
Bei den Wahlen für die Nominierung für den Parteivorstand von DIE LINKE wurde Bettina Gutperl gewählt.
Anträge:
Inhaltliche Anträge
A1. Leitantrag des Bundesvorstandes
Antragssteller*in: Bundesvorstand
Für eine Zukunft, in der es sich lohnt zu studieren
Der Kapitalismus befindet sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und nach Jahrzehnten des Neoliberalismus in einer Phase des Umbruchs, wo „das Alte stirbt“ und „das Neue noch nicht zur Welt kommen“ kann. Angelehnt an Gramsci, der dieses Phänomen „Interregnum“ nannte, müssen wir erkennen, dass das neoliberale Akkumulationsregime an seine Grenzen stößt. Die stagnierende Produktivkraftentwicklung, die Reproduktionskrise besonders im sozialen Bereich, die ökologische Krise und die steigende Kriegsgefahr sind Ausdruck dieses Krisenphänomens. In der BRD hat die Agenda 2010 die untere Lohngrenze, die zur Reproduktion der Arbeit benötigt wird, aufgelöst und die Löhne werden besonders in der BRD gedrückt, sodass neben Hartz IV auch „Aufstockende“ trotz Arbeit nur das notwendigste vom Staat erhalten. Die Grenzen dieses Akkumulationsregimes münden ebenso in der aktuellen wirtschaftlichen Rezession. Das Akkumulationsregime stößt an seine Grenzen- das zeigt sich auch in zunehmenden (Neu-)Verteilungskämpfen in der multipolaren Weltordnung. Der Kampf um die führende Digitalisierungstechnologie wie 5G, Absatzmärkte sowie Marktanteile und der Kampf um die Ressourcen bestimmen maßgebliche Geschehnisse der Weltpolitik und zeigen Risse innerhalb der imperialistischen Staaten, aber auch zwischen China und der USA. Die globale Rechtsentwicklung ist auch Ausdruck einer protektionistischen und nationalen Strategie im Konkurrenzkampf zu anderen Nationalstaaten und wirtschaftlichen Räumen. Neben diesen ökonomischen Zuspitzungen steigt die Kriegsgefahr um Russland, China, Iran und Lateinamerika, die in Venezuela bislang scheiterten, aber in Bolivien trotz Proteste erfolgreich wurden. Die Aufkündigung des INFVertrags und die damit verbundene „Readiness-Initative“, der sogenannte „Kampf gegen den Terrorismus“, die steigende deutsche Kriegslust sind weitere Ausdrücke der Kapitalismuskrise. Aber es regt sich Widerstand. Die steigenden Streikzahlen der Gewerkschaften insbesondere der IG-Metall, die beispiellosen Bündnisse gegen die Ökonomisierung des Gesundheitssektors, die Bewegung um die Enteignung der Wohnungskonzerne, der weltweite Fridays-For- Future Protest und die Geflüchtetensolidaritätsbewegung erfahren große Unterstützung. Gegen diese Kapitalismuskrise scheint die Strategie des Green New Deals eine Lösung zu bieten. In der BRD ist die Bekämpfung der Austeritätspolitik sowohl von Gewerkschaften als auch vom BDI gefordert. Daraus wäre eine Chance ergreifbar einen progressiven Fortschritt in Richtung einer sozialistischen Wirtschafts- sowie Gesellschaftsordnung zu erkämpfen. Auf der anderen Seite ist die Forderung des BDI auch insofern zu deuten, dass das neoliberale Akkumulationsregime nur mit massiven staatlichen Investitionen in ein neues kapitalistisches Akkumulationsmodell zu transformieren ist. In der Tradition des historischen SDS sehen wir in diesen Entwicklungen eine Chance, den Neoliberalismus und den Kapitalismus an der Wurzel packend zu bekämpfen und Strategien zu erarbeiten.
Die Welt im Zusammenhang sehen
Die Stärke von Sozialist*innen ist es, die Welt im Zusammenhang zu sehen, d.h. die Klimakrise im Verhältnis zum Kapitalismus, Frauenunterdrückung und Bildung im Verhältnis zur kapitalistischen Produktionsweise und Angriffe auf sozialistische Projekte im Verhältnis zum Imperialismus. Das bedeutet nicht, die Übel auf eine einzige Ursache zu reduzieren, oder sie aus einer einfachen Tatsache abzuleiten, sondern sie in ihrer Systematik, in ihrem Gesamtzusammenhang zu erkennen. Dieser Blick auf die Welt hilft uns dabei, die Übel dieser Welt einzuordnen und zu verstehen – und Punkte auszumachen, an denen wir ansetzen können, um sie zu verändern. Auf der Ebene der Praxis ergibt sich daraus, Kämpfe zusammen zu denken: Wenn beispielsweise Beschäftigte und Fahrgäste gemeinsam für kostenlosen ÖPNV und faire Löhne demonstrieren, wird klar, dass diese Gruppen nicht gegeneinanderstehen, sondern ein gemeinsames Interesse haben.
Eine andere Welt kann nur gemeinsam mit den Vielen erkämpft werden
Wir sind der festen Überzeugung, dass eine andere Welt nur gemeinsam mit den Vielen erkämpft werden kann. Wer eine wahrhaft andere, wahrhaft demokratische Welt will, kann diese nicht am Reißbrett entwerfen und ,von oben‘ durchsetzen, sondern muss andere anstecken, überzeugen und in Bewegung bringen. Unser Ziel ist es also niemals, für andere zu kämpfen, oder sie zu belehren, sondern immer, ihre Selbstermächtigung zu unterstützen. Das bedeutet, den SDS als Organisation aufzubauen, in dem Studierende gemeinsam lernen können und Werkzeuge an die Hand bekommen, diese Welt zu begreifen und zu verändern. Diese Organisation muss so gestaltet sein, dass alle, die von dieser Idee überzeugt sind, sich dort organisieren können und wollen – also in jeder Hinsicht inklusiv. Selbstermächtigung zu unterstützen heißt auch, progressive Bewegungen zu unterstützen, in denen Menschen die Erfahrungen machen, was es bedeutet, für die eigenen Interessen einzustehen.
In diesem Geist stehen die folgenden strategischen Leitplanken für das Jahr 2020. Wir bleiben fröhlich im Sturm.
I. Bildung, Hochschule, Gesellschaft
20 Jahre ist es nun her, dass mit Bologna eine radikale Kultur- und Strukturreform Einzug in die Hochschulen erhielt. Gemeinsam mit finanzieller Verknappung (Austerität) und dem Ruf nach Selbstoptimierung sind die Hochschulen kaum noch wieder zu erkennen. Sie sind Lernfabriken geworden. Seit dem Bildungsstreik 2008/2009 hat sich nichts maßgeblich verändert, Tendenzen haben sich nur radikalisiert. Was aber zu tun bleibt, ist eine offene Frage.
Unkultur der Konkurrenz
Die finanzielle Verknappung der Grundausstattung der Hochschulen in den letzten 50 Jahren führte, unter neoliberalen Druck, zur ewigen Tortur der Selbstoptimierung. Das Ergebnis sind interne Qualitätsmanagementkreisläufe, Berichtswesen und Evaluation. Sie verschleiern den wahren Tatbestand: Gute Lehre und gute Beschäftigungsverhältnisse können nicht entstehen, wenn um die finanzielle Existenz gebangt werden muss. Kritische Ideen können nicht entstehen, wenn ein Forschungsvorhaben nur dann gefördert wird, wenn es den vorher, angeblich neutral formulierten, Kriterien „innovativer Wissenschaft“ genügt. Konkurrenz um die beste Note, die nächsten Gelder und die nächste nicht befristete Stelle haben die Universitäten zu Unternehmen mit verschleierten Konkurrenzverhältnissen umgeformt: Hierarchien, die Innovation loben, aber gleichzeitig feuern, wer nicht in das eigene Weltbild passt.
Hochschule in der Gesellschaft
Für Sozialist*innen lassen sich mehrere Widersprüche ausmachen, an denen sie produktiv ansetzen können:
1) Mehr als 50 % eines Jahrgangs finden sich jährlich an den Universitäten und Hochschulen wieder. Sie sind den Einflüssen der dortigen Institutionen und Personen ausgesetzt. Sie multiplizieren das Denken der vorherrschenden Wissenschaftler*innen, ohne dies bewusst zu wollen. Um die neoliberale Hegemonie zu brechen, ist es wichtig solidarische, sozialistische und systemkritische Positionen zu vermitteln. Als Sozialist*innen sind wir an Hochschulen organisiert, um Kritik gegen herrschende Denkmuster zu üben, zu vermitteln und sie mehrheitsfähig zu machen.
2) Universitäten können Themen setzen und Deutungshoheiten vorgeben. In dieser Situation ist eine Wissenschaft notwendig, die erkennt, unter welchen Bedingungen sie produziert wird. Die Unkultur der Universitäten lässt aber aktuell gar keine kritische Wissenschaft zu, sie lässt nur Kritik zu. Kritik ist schließlich eine gute wissenschaftliche Tradition. Im Kapitalismus wurde sie so zugerichtet, dass inzwischen alles und nichts kritisch ist und kritisch sein darf. Dies nimmt der kritischen Wissenschaft ihre Schlagkraft, wird sie doch nur zu einer Kritik neben anderen Formen der Kritik (bspw. liberalen oder konservativen Kritiken). Als Sozialist*innen sind wir an Hochschulen organisiert um die Verhältnisse unter denen Wissen produziert wird deutlich zu machen und ihrer Einhegung zu widersprechen.
3) Wissenschaftler*innen seien keine Politikerinnen. Das produzierte Wissen sei neutral und diene zunächst keinem Zweck, als erforscht zu werden. Gegen diese Auffassung ergreift Die Linke.SDS Opposition. Wir sind als Sozialist*innen an Hochschulen organisiert, um die Verantwortlichkeit der Wissensproduktion hervorzuheben. Wissenschaftliche Aussagen enthalten bestimmte Handlungskonsequenzen, zu denen sich die Wissenschaftler*innen positionieren müssen. Verantwortung in der Wissenschaft verstehen wir als klare Positionierung für Demokratie, Frieden und Sozialismus.
4) Der Sozialismus wird sich nicht von selbst verwirklichen, für ihn muss gestritten werden. Wir sind als Sozialist*innen an Hochschulen organisiert, weil wir als Wissenschaftler*innen verstanden haben, dass noch zu viele Fragen unbeantwortet sind. Die Ressourcen der Wissenschaft wollen wir für emanzipatorische Projekte und Fragestellungen benutzen. Wir überlegen, forschen und streiten noch zu wenig für Planwirtschaft und alternative Konzepte demokratischer Partizipation. Solche Forschungsfelder gilt es, gegen den bürgerlichen Mainstream, zu stärken und für die eigenen Interessen einzustehen. Während der Organisation der bundesweiten Klimastreikwoche hat der SDS eine zentrale Rolle gespielt. Impulse, die wir als SDS lokal, aber auch im bundesweiten Planungsprozess gegeben haben, haben unter anderem dazu geführt, dass die Klimastreikwoche auf der Strategie der Mehrheitsorganisierung durch strukturbasiertes Organizing basierte. Es gelang uns dadurch viele neue Menschen zu politisieren und zu organisieren. Letztendlich haben in über 40 Städten an 80 Hochschulen Public Climate Schools stattgefunden. Im Rahmen der Public Climate School konnten wir linke Inhalte setzen mit antikapitalistischen bis hin zu gewerkschaftsorientiertem Fokus. Wir konnten Netzwerke innerhalb der Hochschulen spannen, auf die wir im weiteren Organisierungsprozess im nächsten Jahr zurückgreifen können. Die Zukunft der Fridays for Future ist offen. Ab Januar werden aller Voraussicht nach keinen wöchentlichen Streiks mehr stattfinden und zwischen den Jahren trifft sich die Bundesebene um Strategien zu diskutieren.
Hochschulpolitik als Gesellschaftspolitik
Als Die Linke.SDS sehen wir uns in der Tradition der „GO-Politik“, die Politik der gewerkschaftlichen Orientierung in den Hochschulen, entwickelt und praktiziert vom Sozialistischen Hochschulbund (SHB) und Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB) in den 70er und 80er Jahren. „Die Orientierung auf das Bündnis zwischen Studenten und Arbeiterklasse basiert auf gleichen oder zumindest gleichberechtigten Interessen beider
Seiten, die vom gemeinsamen Gegner, dem Monopolkapital, angegriffen werden. (…) Eine weitere objektive Gemeinsamkeit besteht im Kampf um die Wissenschafts- und Forschungsinhalte selbst. Uns verbindet die Forderung nach einer Wissenschaft im Interesse der Bevölkerungsmehrheit, die Ablehnung beispielsweise von neuen Techniken zur Arbeitsplatzvernichtung oder des Einsatzes von Wissenschaft zur Vorbereitung von Kriegen. (…) Voraussetzung für das Bündnis mit der Arbeiterklasse und ihren Organisationen ist der eigenständige politische Kampf der Studentenschaft in ihrem eigenen Bereich, der Hochschule, (…). Unsere ,Gewerkschaft‘ ist quasi die Verfaßte Studentenschaft, unsere ,Betriebsräte‘ sind ASten und Fachschaften.“ (vgl. MSB Spartakus Bildungsthema WiSe 83/84: Die Politik der gewerkschaftlichen Orientierung. Entstehung, Theorie, Perspektiven). Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Produktivkräfte und einem massivsteigenden Akademisierungsgrad in der Bevölkerung sind diese Eckpunkte noch wichtiger geworden. In diesem Verständnis betreiben wir Hochschulpolitik als Gesellschaftspolitik.
II. Klimabewegung
Die Klimakrise stellt die zentrale Herausforderung unseres Jahrhunderts dar und es geht dabei um nicht weniger als unsere Zukunft auf diesem Planeten: Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Hungersnöte, Millionen Menschen auf der Flucht. Grund genug, die Klimabewegung mit voller Kraft zu unterstützen.
Als revolutionäre Sozialist*innen sehen wir in der Klimabewegung darüber hinaus das Potential, gesellschaftliche Mehrheiten für radikale Veränderungen zu gewinnen. Am 20.9. waren deutschlandweit 1,4 Mio. Menschen auf der Straße – darunter viele, die jetzt politisch aktiv werden wollen. Die Klimastreikwoche ist der Versuch, uns mit Methoden des strukturbasierten Organizing die Uni zu erschließen und bietet die große Chance, weit über die „üblichen Verdächtigen“ hinaus Studierende zu erreichen. Die Students4future/ FFF-Ortsgruppen erhalten weiterhin großen Zulauf und die Mehrheit der Beteiligten ist jung, weiblich und zum ersten Mal politisch organisiert (weshalb die Bewegung nicht zuletzt aus feministischer Perspektive interessant ist!). Sie organisieren sich, weil sie erkennen, dass es drastische Maßnahmen braucht, um die Klimakrise aufzuhalten – dass es um unsere Zukunft, unser Leben geht. Sie erfahren, was es bedeutet, in Bewegung zu kommen: selbst aktiv zu werden und für die eigenen Interessen einzustehen. Diese Situation stellt uns als revolutionäre Sozialist*innen in der Klimabewegung vor die Herausforderung und die Chance, Impulse zu setzen und die Bewegung von unseren Vorstellungen zu überzeugen, wie es weitergehen soll. Das beinhaltet zweierlei:
Linke Antworten ausbuchstabieren
In dieser Situation ist es unsere Aufgabe, Erklärungsversuche und Lösungsansätze anzubieten: die Verbindung zwischen Klimakrise und Kapitalismus aufzuzeigen, einen ökosozialistischen Gegenentwurf entwickeln und Schritte zu seiner Umsetzung aufzuzeigen. Gerade in den S4F-Hochschulgruppen verstärkt sich die Nachfrage nach Bildungsveranstaltungen rund um das Thema Kapitalismus. Und mit jedem neuen lächerlichen „Klimapaket“, jeder weiteren Enttäuschung steigt das Bewusstsein dafür, dass es grundlegender, radikaler Veränderung bedarf. Es wird immer klarer, dass die Antworten des politischen Mainstreams nicht hinreichend sind. Auch die Bereitschaft zu radikaleren Maßnahmen (z.B. zivilem Ungehorsam) wird größer, wenn die Wut größer wird. Hier ist es unsere Aufgabe, zu intervenieren und den antikapitalistischen Pol innerhalb der Klimabewegung zu stärken. Das ist in Ansätzen schon in vielen Gruppen geschehen, etwa in Form von Vorträgen oder Theoriesonntagen. In den letzten Wochen wurde aber auch deutlich, dass es nicht mehr ausreicht, „system change not climate change“ zu fordern. Stattdessen müssen wir konkreter werden, mittelfristige Perspektiven aufzeigen. Wie könnte Ökosozialismus aussehen? Was sind die nächsten Schritte auf dem Weg dorthin? Mit welcher Strategie kann es uns gelingen, diese Schritte zu gehen? Kostenloser ÖPNV, Abschaffung des motorisierten Individualverkehrs, Vermögenssteuer statt CO2-Steuer etc. Es ist unsere Aufgabe als Verband, (unter Rückgriff auf bereits existente Konzepte, bspw. das neue Verkehrskonzept der Linkspartei) unsere eigene möglichst konkrete ökosozialistische Vision zu entwickeln und diese in die Klimabewegung hineinzutragen und damit deutlich zu machen, dass linke Antworten auf die Klimakrise sich nicht in „Kapitalismus abschaffen“ erschöpfen (auch wenn das natürlich richtig bleibt).
Eine tatsächliche Mehrheitsbewegung aufbauen
Auch wenn die Klimabewegung momentan eine beeindruckend große Zahl von Menschen politisiert und auf die Straße bringt: eine echte Mehrheitsbewegung ist sie noch nicht. Sie findet vor allem an Gymnasien und Universitäten statt, und wird primär von jungen, gut gebildeten, nicht rassistisch diskriminierten Menschen getragen. Tatsächliche Veränderung werden wir aber nur erreichen, wenn wir alle gemeinsam dafür kämpfen – denn erst dann können wir wirklich Druck aufbauen. Wir halten deswegen die Bestrebungen für richtig, die Gewerkschaften in die Klimabewegung miteinzubeziehen. Mit den in der Klimastreikwoche abgehaltenen Betriebsversammlungen wurden bereits richtige Schritte in diese Richtung gegangen, an die wir anknüpfen sollten. Zudem sollten wir auch unsere Arbeit in der Klimabewegung rassismuskritisch reflektieren und versuchen, auch diesbezüglich eine inklusive Bewegung aufzubauen. FFF hat beispielsweise seine Demos auf 15:00 Uhr gelegt, damit sie nicht mit dem muslimischen Mittagsgebet kollidieren. Der Aufbau einer tatsächlichen Mehrheitsbewegung kann nur dann gelingen, wenn wir zeigen, dass Klimafragen und Klassenfragen unteilbar zusammengehören. Konkret könnte das bedeuten, dass wir uns in die Tarifauseinandersetzungen im Öffentlichen Nahverkehr einbringen und faire Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten dort und zugleich kostenlosen ÖPNV für alle einfordern. Die Idee, Streik als Mittel in der Auseinandersetzung um grundlegend andere Lebensbedingungen zu nutzen, also die Idee des politischen Streiks, kann durch diese Auseinandersetzungen stärker in den Fokus rücken. Internationalismus darf sich nicht auf reine Solidaritätsbekundungen beschränken, sondern muss Praxis werden! Daher streben wir eine verstärkte internationale Vernetzung durch Besuche und internationale Partnerschaften an. Internationalismus beginnt lokal: In jeder Stadt gibt es progressive, internationale Gruppierungen, mit denen man sich vernetzen kann.
III. Antirassistische Kämpfe & internationale Solidarität
Wir sind der festen Überzeugung, dass wir eine andere Welt nicht mit einigen wenigen, sondern nur gemeinsam mit den Vielen erkämpfen können. Nur dann wird es eine wirklich demokratische, wirklich andere Welt sein. Gemeinsam mit den Vielen bedeutet für uns als revolutionäre Sozialist*innen: internationale Solidarität, antirassistische und feministische Kämpfe stärken.
Internationale Solidarität
Während die Wachstumserwartungen in den kapitalistischen Zentren sinken, sehen wir die Risse in der internationalen Ordnung deutlich werden. An vergleichsweise kleinen Reformen entfachen sich Kämpfe, die den Status Quo infrage stellen. In Chile demonstrierten die Menschen zuerst gegen eine Fahrpreiserhöhung in Santiago und zeigen nun zunehmend ihre Wut gegen die dramatischen Missstände der neoliberalen Politik seit dem Putsch von Pinochet. Im Libanon entfachte die Ankündigung der „Whatsapp-Steuer“ massive anhaltende Proteste gegen die sich verschlechternde sozioökonomische Lage der arbeitenden Bevölkerung, gegen die korrupte politische Elite und gegen die Ungleichheit im Land. Zugleich sehen wir in diesen Umbruchzeiten, wie autoritäre Herrscherinnen versuchen, ihre Einflusszonen zu erweitern. In Nord-Syrien streiten die Kurd*innen gegen den völkerrechtswidrigen Angriff des türkischen Militärs und um den Erhalt der Autonomie in der demokratisch-progressiven Selbstverwaltung Rojava. Internationale Solidarität scheint in diesen Zeiten nötiger denn je zu sein, denn die Welt ist in Aufruhr. Diese Welt, die es zu gewinnen gilt, können wir letztlich nicht in der nationalen Spaltung gewinnen, sondern nur im internationalistischen Streben von unten gegen oben.
Antirassistische Kämpfe stärken
Tagtäglich werden Menschen aus rassistischen Gründen ausgeschlossen, ausgebeutet, abgewertet, ihrer Rechte beraubt, verletzt oder sogar getötet. Rassismus und Kapitalismus sind eng miteinander verwoben: Menschen, die von Rassismus betroffen sind, werden in besonderem Maße ausgebeutet. Rassismus produziert Spaltung innerhalb der Arbeiter*innenklasse und hat somit eine herrschaftsstabilisierende Funktion. Rassismus dient aber nicht bloß holzschnittartig der Herrschaftsstabilisierung im Kapitalismus, sondern hat eine Eigendynamik – dementsprechend wird er nicht zwangsläufig mit der Überwindung des Kapitalismus verschwinden und es gilt, ihn gezielt zu bekämpfen.
Menschen, die von Rassismus betroffen sind, erfahren demzufolge auch besondere Hürden auf dem Weg zu politischer Beteiligung und Organisierung. Unsere Aufgabe als Sozialist*innen ist es deshalb, ihre Kämpfe zu stärken und es ihnen zu ermöglichen, sich bei uns zu organisieren. Das heißt einerseits _nach außen, gegen strukturellen Rassismus, gegen Abschiebung, Benachteiligung auf Wohnungs- und Arbeitsmarkt, Schranken im Bildungssystem etc. vorzugehen. Dabei gilt es vor allem, an bereits bestehende Kämpfe anzuknüpfen und diese zu stärken, etwa die Vernetzung zu migrantischen und BIPoC-Gruppen vor Ort zu suchen. Antirassistische Kämpfe stärken wird andererseits auch bedeuten, nach innen zu arbeiten und die Strukturen unserer Organisation zu überdenken und zu verändern. Nicht zuletzt haben die Wahlen in Sachsen und Thüringen sowie der rechtsextreme Terroranschlag in Halle gezeigt, dass es ebenso gilt, gegen Rechte auf der Straße, in den Parlamenten und in den Sicherheitsbehörden zu kämpfen.
IV. Feministische Kämpfe
Feministisch. Internationalistisch. Intersektional
Der Feminismus des 21. Jahrhunderts darf keine Grenzen mehr kennen. Ausbeutung, Erniedrigung und Verelendung sind auch geografische Phänomene. Viele Menschen kommen arbeitssuchend nach Deutschland und müssen dann niedrigbezahlte Reproduktionstätigkeiten übernehmen. Das Klassenverhältnis schreibt sich global in die Verhältnisse ein. Wir begreifen Feminismus intersektional, das bedeutet Momente von Migration, Klasse, Geschlecht und sexueller Orientierung in seiner Komplexität und Mehrdimensionalität anzuerkennen. Die daraus resultierenden Herausforderungen sollen produktiv Eingang in unsere Praxis finden.
Die unsichtbare Arbeit
Unbezahlte Reproduktionsarbeit ist oft ein Ergebnis von Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität, von der häufig Frauen betroffen sind. Das bedeutet Erziehungs- und Pflegearbeiten werden unbezahlt übernommen und Diskriminierte sind häufig diejenigen, die im Betrieb, der Hochschule oder auch unseren Gruppen Konflikte lösen oder andere unsichtbare Arbeit übernehmen. Aktuell ist ein Trend der Ökonomisierung dieser Reproduktions- oder Sorgearbeit zu beobachten. Dies führt aber nicht zur Entlastung, sondern häufig zu Doppelbelastung durch Karriere und Sorgearbeit. Auch wird mit Bezahlung nicht das Problem gelöst, dass „sich kümmern“ weiterhin eine weiblich gelesene Aufgabe ist. Ein Kampf gegen das Patriarchat schließt also ebenso ein, dass Carearbeit von allen übernommen wird. Im Verband und in der Gesellschaft!
My Body My Choice
Der weiblich gelesene Körper ist häufig kein Subjekt, sondern nur Objekt, der meist männlichen Begierde. Als solcher hat dieser Körper höchstens Wert, aber keinen Willen. Gegen diese Tendenz der Verdinglichung des Körpers gilt es sich klar zu positionieren. Die Debatten um das Recht auf körperliche Selbstbestimmung (§219a, §218 STGB) spiegeln diesen gesellschaftlichen Widerspruch wider. Es gilt alle in ihrem Recht auf Abtreibung zu unterstützen. Dieselbe Geschichte führt zu Erniedrigung und Gewalt, wenn Menschen sich gegen diese Machtfantasien auflehnen. Es müssen öffentliche und solidarische Strukturen errichtet und unterstützt werden, die einen sicheren Raum bieten, um sich gegen sexuelle Gewalt wehren zu können.
Feminisierung unserer Kämpfe – Feministischer Kampf
Aus den feministischen Streiks der letzten Jahre lässt sich viel über Protest und Widerstand lernen. So zeigt der Kampf für mehr Personal im Krankenhaus oder die Streiks in den Sozialdienstleistungsbereichen, dass es nicht um einzelne Veränderungen geht, sondern dass auch der gesellschaftliche Kontext mitgedacht werden muss. Es müssen nicht nur die Erzieherinnen besser bezahlt werden, um ihre Arbeit anzuerkennen, es gilt Erziehung als gesellschaftliche Praxis höher anzuerkennen. Feminisierung unserer Kämpfe heißt auch andere Strukturen von Solidarität und Kritik zu erlernen. Praxis der kritischen Männlichkeit, wie z.B. Kritik dominanten Redeverhaltens, können uns als Beispiele dienen. Wir möchten eine klare Linie der feministischen Solidarität im Verband leben und damit deutlich machen, dass bei uns alle willkommen sind. Wir lehnen es ab, nur denen Gehör zu schenken, die „am lautesten schreien“, sondern erkennen an, dass Diskriminierungen in der Gesellschaft oft zu Hemmnissen führen, sich bspw. aktiv in Debatten einzumischen oder vor großen Plena zu sprechen. Wir möchten eine Kultur des Empowerments leben, da alle Menschen eine Stimme haben, die es verdient hat, gehört zu werden. Wir unterstützen deshalb die Organsierung von Menschen in Geschlechterplena, Vernetzungstreffen von Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind und den Aufbau von Strukturen zur Motivierung und gegenseitigen Unterstützung.
V. Frieden
Die weltweit steigende Kriegsgefahr hat durchaus ökonomische Ursachen. Der Konkurrenzkampf um Absatzmärkte, Ressourcen und Marktanteile sind kapitalistischen Ursprungs und dienen der Kapitalakkumulation. Die sich schon länger anzeichnende multipolare Weltordnung spitzt sich immer weiter zu. Nach Beschlussfassung des letzten NATO-Gipfels zum 75-jährigen Bestehen wird China wegen ihrer ökonomischen und technologischen Stärke als sicherheitspolitische und somit militärische Bedrohung wahrgenommen. Die Russische Föderation wird weiterhin bekämpft und seit der Aufkündigung des INF- Vertrags nehmen die NATO-Manöver verstärkt zu – sowohl qualitativ als auch quantitativ, was an der erst kürzlich aufgestockten „Readiness-Initiative“ mit engagierter Beteiligung der BRD gipfelt. Trotz der Tendenz zur multipolaren Weltordnung spielt die USA weiterhin eine dominante Rolle. Die völkerrechtswidrigen extraterritorialen Sanktionen seitens der USA haben enorme Auswirkungen auf die Situation der Menschen vor Ort und bilden immer mehr ein Mittel der prä-militärischen Interventionspolitik. In Venezuela haben die Sanktionen laut einem Bericht der Center for Economic and Policy Research bereits 40.000 Menschenleben gekostet. Auch in Syrien richten die Sanktionen erheblichen Schaden an und verhindern den Wiederaufbau. Im Iran schwebt weiterhin die Gefahr durch die Sanktionsstrategie und den dadurch mitverantworteten Protesten militärisch zu intervenieren. Auch in Bolivien wurde die linke Regierung der MAS geputscht, woraufhin faschistische und völkisch-nationalistische Kräfte die Regierungsämter übernommen. Wie schon in Brasilien spielt die BRD in diesen imperialistischen Angriffen keine unwesentliche Rolle. Die Steigerung der nach NATO-Kriterien anrechenbaren deutschen Verteidigungsausgaben beträgt seit dem Gipfel von Wales 2014 bis heute rund 40 Prozent. Für 2020 sind Rüstungsausgaben in Höhe von knapp 45 Mrd. Euro geplant, was dem 2% Ziel der NATO immer näher kommt. Während Ex-Bundespräsident Köhler wegen der Herstellung eines Zusammenhangs von Wirtschaftsinteressen und Militäroperationen zurücktreten musste, verwendet die neue Kriegsministerin Annegret Kramp Karrenbauer unkommentiert die selbige Argumentation. Die gleichzeitige EU-Aufrüstung (PESCO) und die Interventionsdebatte von AKK am Persischen Golf für „sichere Handelswege“ lassen nur erahnen, welche Kriegsgefahr droht und erinnert stark an zu Zeiten des deutschen Imperialismus zum 1. Weltkrieg. Auch die Normalisierung der Bundeswehr im Alltag soll durch Uniformierung bei Bahnfahrten gefördert werden oder durch Schulbesuche sowie Werbung in öffentlichen Räumen. Deshalb unterstützen wir als SDS weiterhin aktiv die Friedenskampagne „Abrüsten statt Aufrüsten“ und stellen uns der starken Militarisierung in der BRD entschieden entgegen und erkennen die Wichtigkeit einer bundesweit durchgesetzten Zivilklausel an Universitäten. Als SDS sehen wir den Bedarf uns stärker in der Friedensbewegung zu verankern. Die andauernden Friedenskämpfe durch Störungen von Aktionär*Innenversammlung z.B. bei Rheinmetall, durch Blockaden von Rüstungskonzernen z.B. bei Krauss- Maffei-Wegmann, durch Anti- Bundeswehrproteste z.B. gegen die bundesweiten öffentlichen Gelöbnisse und durch Medienarbeit wie die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ der DFG-VK. Es kommt Gegenwind auf. Immer mehr Menschen, auch viele junge Menschen, engagieren sich für den Frieden und verbinden dies mit Forderungen nach Umweltschutz (z.B. gegen Umweltbelastung durch Atomwaffen), mit antirassistischen Kämpfen (z.B. gegen Abschiebungen nach Afghanistan u.a.) und Antifaschismus (z.B. gegen Nazis in Bundeswehr und der zunehmend militarisierten Polizei).
Fazit
Entlang dieser Konfliktlinien wollen wir im kommenden Jahr für eine andere Welt streiten: eine Welt, die nicht auf der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und (insbesondere migrantischer und weiblicher) Arbeitskraft beruht, sondern stattdessen an den Bedürfnissen aller Menschen orientiert ist. Für eine feministische, antirassistische und klimagerechte Zukunft! Für eine Zukunft der Solidarität und dem Bruch der neoliberalen Ordnung mit all ihren psychischen und physischen Auswirkungen! Für eine Zukunft des Friedens und des Internationalismus! Wichtig ist uns nicht nur das Ziel, sondern auch die Art, wie wir kämpfen: Als Sozialist*innen kämpfen wir für Selbstermächtigung und sind keine Stellvertreter*innen. Gemeinsam mit den Unterdrückten und Ausgebeuteten streiten wir für eine bessere Welt. Als Sozialist*innen achten wir auf unsere Genossinnen. Überarbeitung und Druck erleben wir viel zu häufig am Arbeitsplatz oder in der Uni, sie sind kein Teil sozialistischer Praxis. Um die Welt zu verändern, ohne dabei in Stress zu ersticken, Kämpfen wir um Zeit, für Veränderung, politisches Engagement und einfach mal Erholung.
Der Schwerpunkt unserer Auseinandersetzungen ist die Hochschule und doch reichen unsere Kämpfe weit darüber hinaus. Wir verstehen die Uni als einen Ort gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung, einen Ort, wo wir antirassistische Hegemonie aufbauen, Teil der Klima- oder feministischen Bewegung sein können, wo wir Solidaritätskampagnen mit den Beschäftigten in Krankenhäusern oder Verkehrsbetrieben entwickeln können.
Wir wollen langfristig eine Gesellschaft, in der jeder Mensch das, was er*sie kann oder will, im Sinne der Gesellschaft tut und wir gemeinsam entscheiden, wofür wir sinnvoll unsere Zeit aufwenden. Nur in einer solchen Gesellschaft kann Carearbeit vergesellschaftet werden, der Klimawandel effektiv bekämpft werden, Demokratie und Miteinander bestärkt werden und eine Hochschule existieren, die Wissen für und nicht gegen die Menschen produziert.
A6. Delegation zur Konferenz der Links*kanax
Es soll eine Delegation zur Konferenz der Links*kanax geben. Dazu wird der Bundesvorstand beauftragt, in Zusammenarbeit mit dem Bundesarbeitskreis Antirassismus ein Finanzierungskonzept und eine Unterbringung der Delegation zu erarbeiten und zu organisieren. Am Rande der Konferenz soll ein Treffen des Bundesarbeitskreises ermöglicht werden.
A7. Anti-Rassismus und migrantische Organisierung im SDS
Rassismus im Kapitalismus – Unterdrückung, Gewalt und Mehrausbeutung
Als Marxistinnen im SDS wissen wir, dass der Rassismus und die strukturellen Ausbeutungsverhältnissen im Kapitalismus in einem engen Zusammenhang stehen. Die systematische Spaltung derjenigen, die das geeinte Interesse daran haben sollten gegen die Herrschaft der Wenigen über die Vielen aufzubegehren zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Rassismus nimmt als Ideologie unterschiedliche Ausprägungen an, schafft Legitimationsmuster für soziale Ungleichheit und muss zur Herrschaftsstabilisierung stetig produziert und reproduziert werden. Rassismus wird deshalb nicht nur von Rechtsaußen geschürt, sondern kommt vor allen Dingen auch aus der sogenannten „Mitte“ der Gesellschaft. Rassismus bleibt aber nicht nur auf der Ebene ideologischer Unterdrückung stehen, sondern manifestiert sich auf sozioökonomi- scher Ebene auch als gesellschaftliches Verhältnis. Es sind nicht nur stereotypische Zuweisungen und Mythen, sondern auch institutionalisierte Gesetze und Handlungen, die Menschen abwerten und rassifizieren. Ob bei der Wohnungssuche, der Ausbeutung von illegalisierten Migrant*innen, dem erhöhten Armutsrisiko oder dem Sterben im
Mittelmeer – Rassismus ist eine gewaltvolle und spürbare Realität von Vielen. Der Rassismus spaltet im Kapitalismus deshalb nicht nur die Solidarität innerhalb der arbeitenden Klasse. Er steigert zusätzlich die Ausbeutungsraten für die Kapitalseite und prägt zugleich ganz konkrete, jedoch oftmals verschleierte Erfahrungen der Unterdrückung, Gewalt und Mehrausbeutung betroffener Menschen. Rassismus als struktureller Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaftsformation äußert sich deshalb zweierlei: „As a material structure and as an ideological presence“ (Stuart Hall). Als „materielle Struktur“ fraktioniert er Klassenverhältnisse auf komplexe Weise. Diese Fraktionierung gilt es mit antirassistischen Kämpfen und sozialistischer Organisierung aufzubrechen.
Sozialistische Organisierung im Kampf gegen Rassismus und Ausbeutung
Langfristig stehen wir vor der Herausforderung die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend, so zu verändern, dass eine Welt ohne Rassismus überhaupt erst möglich werden kann. Marx zufolge kann die Befreiung der Arbeiter*innenklasse nur das Werk der Arbeiterinnen selbst sein. Das gilt natürlich auch für die Teile der Klasse, die Rassismus erfahren. Deshalb müssen wir, um letztendlich erfolgreich zu sein, den Kampf um einen
Sozialismus des 21. Jahrhunderts gemeinsam mit den Menschen führen, die von Rassismus betroffenen sind. Sozialistische Organisationen wie der SDS müssen so gestaltet werden, dass sie wirksame Partnerinnen für den Aufbau antirassistischer Kämpfe und mögliche Organisierungspunkte für von Rassismus betroffener Menschen sein können. Zugleich sollten Sozialist*innen in den Auseinandersetzungen gegen Diskriminierung auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt, in Kämpfen um Bleiberecht und sichere Fluchtwege oder beim Schutz vor rassistischen Übergriffen in unterstützender Weise den Kämpfenden zur Seite stehen. Erst so können gemachte Erfahrungen mit unseren sozialistischen Deutungsvorschlägen (den Zusammenhängen von Profitinteressen, Ausbeutung und institutionellem Rassismus) zusammenkommen, substantiell vertieft und erweitert werden. Anstatt uns in Appellen und Erklärungen zu verlieren können wir in der gemeinsamen Arbeit und den gemeinsamen Kämpfen unsere strategischen Ansätze für den Aufbau von sozialer Macht, die wirkliche etwas verändern will, zur Debatte stellen und gemeinsam weiterentwickeln. Erfolgreiche antirassistische Politik, Politik die Kopftuchverbote verhindert, sichere Häfen schafft und rassistische Ideologie aus Köpfen vertreibt, ist deshalb notwendigerweise auf die verbindende und praktischaktive Tätigkeit von Sozialist*innen angewiesen.
Von der Erfahrung zur Ressource von Gegenmacht
Mit dem zunehmenden Rechtsruck in Deutschland ist auch eine wachsende Gegenbewegung von Aktivist*innen zu beobachten, die dem Rassismus auf Demonstrationen, durch Arbeit in Bündnissen oder durch politische Aufklärung den Kampf ansagen. Darunter sind zwar Migrant*innen selbst vertreten, doch machen diese bisweilen nur einen kleinen Teil aus. Eine starke antirassistische Bewegung braucht deshalb Menschen, die sich solidarisieren, unmittelbar Betroffenen zur Seite stehen und Räume schaffen, in denen sich rassistisch
Diskriminierte sicher fühlen und organisieren können. Dem muss ein Verständnis zugrunde liegen, das den Rassismus nicht nur als Ideologie der Spaltung oder als sekundäres Feld zum Klassenkampf betrachtet, sondern ihn als zusätzliche Ausbeutungsdimension begreift. Diese Anerkennung bricht auch mit der falschen Konfliktlinie zwischen Identitätspolitik auf der einen Seite und sozialer Frage auf der anderen Seite, da der Kampf gegen rassistische Unterdrückung in den Ausprägungen wie oben angeführt, genuine Kämpfe von Teilen der Klasse sind die im besonderen Maße ausgebeutet werden. Deshalb existiert schlicht und ergreifend keine “reine” Klassenpolitik, die im Kampf, von rassistischer Unterdrückung absieht. Teile der Arbeiter*innenklasse erleben ihre Klassenlage eben durch die Dimension von rassistischer Unterdrückung und Mehrausbeutung und organisieren ihren Widerstand deshalb zuvorderst entlang dieser Verhältnisse aufgrund konkreter Erfahrungen von Rassismus. Kämpfe, die diese Zustände auf die Straße tragen und anprangern – können somit zu einer Ressource der Macht für die gesamte Arbeiter*innenklasse werden – sofern der Kampf gegen Rassismus entschieden unterstützt und klassenorientiert mit aufgebaut wird.
Damit diese Kämpfe überhaupt bestritten und auch gewonnen werden können müssen wir die Frage in den Mittelpunkt rücken, worin die Hürden der Beteiligung und Organisierung für Menschen mit Rassismuserfahrung liegen. Allein ein antirassistisches Profil durch Statements oder Veranstaltungen zu dem Thema werden dabei nicht ausreichen. Wir müssen an die unsichtbaren Brocken ran, die der praktischen Organisierung von Rassismus betroffener Menschen im Wege stehen.
Schlussfolgerungen für Theorie und Praxis des SDS
Dieser Antrag soll der Anfang für die Auseinandersetzung um einen klassenorientierten Antirassismus und migrantischer Organisierung im SDS sein. Das Thema Rassismus muss theoretisch in unseren Basisgruppen, wie auch in der Reflexion eigener Gruppenprozesse aufgearbeitet werden. Daraus können dann praktische Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Dies geschieht bislang noch zu wenig bis gar nicht. Wir sind davon überzeugt, dass sich der SDS verstärkt der Aufgabe widmen sollte, migrantische Studierende mit Rassismuserfahrungen zu organisieren. Dafür müssen wir auch die spezifischen Interessen dieser viel stärker in unseren Debatten gewichten und in unserer Öffentlichkeitsarbeit beleuchten. Themen wie das fehlende Wahlrecht vieler Migrant*innen, der unsägliche Zusammenhang von Studienerfolg und Aufenthaltsgenehmigungen oder von Rassismus intensivierter Prekarität, Krieg und imperialistische Ausbeutung als Fluchtursachen müssen erkannt und herausgestellt werden.
Daher fordern wir:
ein Seminar im Laufe des kommenden Jahres, welches sich neben inhaltlichen Auseinandersetzungen zum Thema Rassismus ganz konkret mit der Verbandsstruktur, der Gruppenpraxis und der Verbesserung dieser im Hinblick auf die Organisierung von Menschen mit Rassismuserfahrungen beschäftigen soll. Der Bundesvorstand und die Geschäftsführung werden beauftragt, die Planung und das Erstellen eines Finanzierungskonzeptes zu unterstützen. Auf diesem Seminar soll eine Vortragsreihe erarbeitet werden. Diese soll, ebenfalls mit der Unterstützung des Bundesvorstands und der Geschäftsführung, im Laufe des Jahres stattfinden und möglichst viele Gruppen erreichen. Ziel ist es, mit einem Workshop oder einem anderen interaktiven Konzept die Gruppenpraxen zu reflektieren und auf Hürden zu untersuchen, die Migrant*innen darin hindern, Teil des SDS zu werden.
dass alle kommenden Seminare auf eine rassismuskritische Perspektive untersucht werden. Wir fordern, dass auf der Basis unserer Analyse, Rassismus und der Kampf dagegen eine zentrale Rolle in unserem Verband einnehmen. Kein Thema kann ohne eine Analyse der ihm inhärenten Machtstrukturen vollumfänglich verstanden werden, weshalb eine Analyse der rassistischen Strukturen ein Gewinn für unsere marxistische Praxis ist. Wir fordern darüber hinaus, dass bei Podien oder Workshops immer darauf geachtet wird, ob diese auch mit Menschen mit Rassismuserfahrung besetzt werden können.
Außerdem wollen wir die Vernetzung und gemeinsame Kampagnenarbeit mit der Hilfe von konkreten Erfahrungen migrantischer Genoss*innen vertiefen und verstärken. Wir brauchen eine stärkere Sensibilisierung sowie eine strategische Diskussion um die Frage von migrantischer Organisierung im SDS.
Auch sollte der SDS auf lokaler- und bundesweiter Ebene persönliche und institutionelle Verbindungen zu migrantischen Organisationen knüpfen, ihnen zuhören und ihre Kämpfe gemeinsam mit unseren Kämpfen in Verbindung bringen.
A15. Gegen den Ausschlussversuch von Marxist*innen und revolutionär- sozialistischen Positionen in der linksjugend [’solid]
Der Bundesvorstand unterstützt nach Möglichkeiten eine Beanstandung der Unvereinbarkeitsbeschlüsse vor der Bundesschiedskommission der linksjugend [’solid], auch um einen Präzedenzfall für zukünftige Ausschlüsse zu schaffen, und veröffentlicht über alle verfügbaren Kommunikationskanäle folgende Stellungnahme: Wir verurteilen den undemokratischen Ausschlussversuch von Marxistinnen der linksjugend [’solid] Bayern, der sich einreiht in einen Trend zunehmender Angriffe auf den Meinungspluralismus in der linksjugend [’solid]. Auf der Landesmitgliederversammlung (LMV) der linksjugend [’solid] Bayern, dem höchsten Entscheidungsgremium des Landesverbandes (LV) vom 04.-06.10.2019, wurde der satzungsändernde Antrag S3 „Unvereinbarkeit mit der SAV und Sol“, der die Arbeit von Mitgliedern der „Sozialistische Alternative -SAV“ und „Sozialistische Organisation -Sol“ in der linksjugend [’solid] Bayern unmöglich zu machen versucht, angenommen. Auf dem Bundeskongress 2018 der linksjugend [’solid] wurde ein ähnlicher Antrag wie der jetzige gestellt, der zum Zweck hatte eine Unvereinbarkeit mit der SAV, deren Mitglieder jetzt zu Teilen in der Sol und „Offensiv -Marxistische Organisation“ organisiert sind, zu erzielen. Im Landesverband Sachsen wurde dieser Antrag in veränderter Form im Vorfeld der LMV in Bayern bereits angenommen. Die Entwicklung im bayerischen LV ist also kein Einzelereignis, sondern bettet sich ein in eine Stimmung im Jugendverband, die zwar exemplarisch auf Mitglieder der SAV und Sol schlägt, sich allerdings insgesamt gegen linke Kräfte, also revolutionäre Linke und antiimperialistische Marxistinnen, richtet. Wir halten den Großteil der Vorwürfe, die als Rechtfertigung angebracht werden, für nicht ausreichend belegt und auch wenn man eine kritische Haltung zur SAV und Sol haben mag, so rechtfertigt das nicht einen solch schwerwiegenden Angriff auf die demokratische Verfasstheit des Jugendverbandes. Eine Stellungnahme der (ehemaligen) SAV und die Vorwürfe im Einzelnen findet ihr hier:
https://archiv.sozialismus.info/maschinenraum/2018/03/linksjugend-solid-gegen-denausschluss-von-sav-mitgliedern/fbclid=IwAR0_8uvUC1JA911At5Yijjpf7_n7Eb607j36F5oQDVOw2iJb15XLwiO HWfA
Deshalb verurteilen wir Ausschlussversuche gegen Marxist*innen und Antiimperialist*innen und sprechen unsere Solidarität mit den betroffenen Genoss*innen im bayerischen und sächsischem LV aus. Wir bitten die Mitglieder, die derartige Unvereinbarkeitsbeschlüsse unterstützen, ihre Haltung zu überdenken und mit uns allen gemeinsam für eine sozialistische Zukunft zu kämpfen.
A16. Unblock Cuba – Wirtschaftskrieg gegen Kuba verurteilen!
Die Linke.SDS unterstützt die Kampagne “Unblock Cuba -Wirtschaftskrieg beenden!” und verurteilt in einer öffentlichen Stellungnahme über alle Kommunikationskanäle das USEmbargo sowie die verschärften Wirtschaftssanktionen gegen Kuba, bei dessen Ausformulierung die Antragssteller dem Bundesvorstand gerne beratend zur Seite stehen.
(Link zur Kampagne: https://www.rosa-luxemburg-konferenz.de/de/unblock-cuba)
A17. Anti-Austerity
I. International solidarisch: Schluss mit Austerität!
Die Welt ist im Umbruch. Der Reichtum – von den Vielen erarbeitet und den Wenigen angeeignet – ist so groß und so ungleich verteilt wie nie zuvor. Deswegen steckt der neoliberale Kapitalismus in der tiefsten Krise seiner kurzen Geschichte. Rund um den Globus sind mehr und mehr Menschen in Bewegung, diese Krise human und solidarisch zu lösen. Während aktuell jährlich mehr Menschen an vermeidbaren Ursachen wie Kriegen, Hunger und Epidemien sterben als im gesamten Zweiten Weltkrieg, könnte die Weltbevölkerung laut UN 2,5 mal ernährt werden. In der Misere spiegelt sich die Möglichkeit ihrer Überwindung – wenn wir uns dafür einsetzen. Dagegen richten die Herrschenden Repression nach innen mit Austerität (,Entbehrung‘) und Law & Order sowie Aggression nach außen mit Aufrüstung und Kriegen, um ihre Machtposition zu verteidigen. Die extrem rechten Kräfte intensivieren und brutalisieren ihre menschenfeindliche Hetze gegen Flüchtlinge, Frauen und Linke zur Verteidigung und damit Zuspitzung der konkurrenzhaften Verhältnisse.
Weil zunehmend in Frage gestellt wird, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte sei und die beste aller Welten hervorbringe, wie ab 1989 aggressiv propagiert, wird mit der Erzählung der Alternativlosigkeit, weil der Mensch nun mal konkurrenzhaft sei, herrschenderseits die Hoffnung auf eine soziale und humane Welt versucht einzuschüchtern.
Die Politik der Austerität, in den EU-Verträgen und -Institutionen festgelegt, sowie mit der sog. Schuldenbremse ins Grundgesetz und in fast alle Landesverfassungen geschrieben, ist dafür eines der letzten Instrumente neoliberaler Politik und insofern ihre materiell-ideologische Verdichtung.
Die Austeritätspolitik ist ein System von politischen Entscheidungen und Regularien, das politisches Handeln des Staates einer einzigen Priorität unterordnet: dem Ziel des ausgeglichenen Haushalts (der berüchtigten „Schwarzen Null“). Dafür soll der Staat zuallererst Schulden abbauen, sprich: die Banken bedienen, keine neuen Schulden machen, also die Investitionen drosseln, und die Ausgaben auf dem vorhandenen Niveau möglichst einfrieren oder kürzen, also Sozialstaatsausbau betreiben – und das alles unter Androhung drakonischster Strafen bei Verstoß. Austerität ist also eine gesellschaftspolitische Programmatik: Es geht um die Strangulierung jeglicher Allgemeinwohlentwicklung und den Zwang zur Privatisierung unter Behauptung der totalen Alternativlosigkeit. Dafür wird das Prinzip „Alle gegen alle“ festgeschrieben. International dient die Austeritätspolitik dazu, den Zugriff des Kapitals auf die Länder, Infrastruktur und Bevölkerung erweitert zu ermöglichen.
Der Ausverkauf des Sozialstaats, der Schutz der Banken- und Kapitalmacht sowie die Verschärfung der Konkurrenz bereitet den Nährboden für die extrem rechten Kräfte. Aus der Geschichte können wir dagegen lernen, dass der von der Arbeiterbewegung erkämpfte New Deal in den USA mit erheblicher Reichensteuer von 77 Prozent, massiven Investitionen in die öffentliche Daseinsvorsorge und Infrastruktur und damit Umverteilung von oben nach unten die humane Antwort auf die Weltwirtschaftskrise gewesen ist – im Unterschied zur Austeritätspolitik des Reichskanzler Brüning, die u.a. zu massiver Erwerbslosigkeit führte und den Aufstieg der NSDAP erst ermöglichte.
So erfährt die menschenfeindliche Austeritätspolitik zunehmend engagierten Widerspruch. Im Jahr 2015 stimmten 61,31 % der abstimmenden Griechinnen gegen das Austeritätsprogramm der EU-Troika. Im Jahr 2019 haben 13.400 Hamburger1innen die Volksinitiative „Schuldenbremse streichen!“ unterschrieben, die darauf abzielt, die Schuldenbremse aus der Hamburgischen Verfassung zu streichen. Die „Schwarze Null“ gerät ins Wanken. Für Die Links.SDS, als sozialistische Kraft an den Hochschulen in der BRD, aus welcher im Wesentlichen die Austeritätspolitik exportiert wird, ist der Kampf gegen die Schuldenbremse für massive Investitionen aus öffentlicher Hand, die Aufstockung der Grundfinanzierung der Daseinsvorsorge und gegen die Bankenmacht zentrale solidarische und internationalistische Aufgabe. Der gesellschaftliche Reichtum ist enorm, der Perspektive für Verbesserungen keine Grenzen gesetzt. Mit der Schuldenbremse soll der Bevölkerung eingetrichtert werden, dass es nicht genug Geld gäbe, der So- zialsstaat Schuld an der Krise und der Gürtel nun mal enger zu schnallen sei. Diese Bescheidenheitsverordnung sprengen wir auf: Ein gutes, menschenwürdiges Leben in sozialer Gleichheit, Solidarität, Frieden und ökologischer Nachhaltigkeit für alle ist nötig und möglich – jetzt!
In diesem Sinne zielen zahlreiche Bewegungen auf eine progressive Veränderung der Gesellschaft. Um uns kleinzuhalten, die berechtigten Ansprüche zu schmälern und uns gegeneinander auszuspielen, wird die „Schwarze Null“ ins Feld geführt. Das schadet allen und nützt nur den Reichen und den Rechten. Deswegen wollen wir mit dem Kampf für ein Ende der Austerität eine neue Qualität der Solidarität in den sozialen Auseinandersetzungen mit hervorbringen. Wirkliche Verbesserungen in allen Kämpfen sind nur mit dem Streichen der Schuldenbremse möglich. Für diesen revolutionären Reformschritt müssen wir die Kämpfe verbinden. Als Bevölkerung brauchen wir dringend massive öffentliche Investitionen und dauerhafte Ausgabenerhöhungen:
Für inklusive Bildung und Wissenschaft, die zur Persönlichkeitsentfaltung und humanen Problemlösung beitragen.
Für ein allen zugängliches Gesundheitswesen in öffentlicher Hand, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht der Profit.
Für Sozialeinrichtungen, in denen persönliche und gesellschaftliche Gestaltungsperspektiven solidarisch erarbeitet werden können.
Für lebendige, allen offene Kulturstätten, die zum kritischen Nachdenken und Eingreifen anregen und die Entfaltung kreativer Gestaltungspotentiale ohne Verwertungsdruck ermöglichen.
Für einen öffentlichen Dienst, der durch langfristig gesicherte Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitszeitsverkürzung bei vollem Personal- und Lohnausgleich Maßstab für gute Arbeit überall ist.
Für einen überall gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, der kostengünstig das Recht auf Mobilität für alle und eine ökologisch nachhaltige Verkehrswende ermöglicht.
Für massiven sozialen Wohnungsbau, der allen komfortables und bezahlbares Wohnen ermöglicht.
Für sanktionsfreie solidarische Mindestsicherungen, die in allen Lebenslagen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Für die menschenwürdige Aufnahme von Geflüchteten und international zivile und solidarische Handelsbeziehungen.
Für eine Wirtschafts- und Eigentumsordung, die es ermöglicht, demokratisch über den gesellschaftlich geschaffenen Reichtum zu entscheiden
Ein üppig ausgebauter, emanzipatorischer Sozialstaat ist Verbesserung der Lebens- und Kampfbedingung der 99 Prozent. Wir überlassen die Politik nicht irgendwelchen Technokraten, wir schnallen den Gürtel nicht enger, wir sind nicht Zuschauerinnen des Welt Geschehens – im Gegenteil: Wir nehmen die Geschicke gemeinsam in die Hände.
Die Linke.SDS ruft auf, im Bündnis in den Hochschulen, mit Gewerkschaften, in der LINKEN, mit fortschrittlichen Kräften in anderen Parteien, zivilgesellschaftlichen Organisationen, sozialen Initiativen, friedenspolitischen und antifaschistischen Zusammenschlüssen sowie der Frauen- und Klima-Bewegung, überall in der BRD Kampagnen zur Streichung der Schuldenbremse aus der Landesverfassung, dem Grundgesetz und den EU-Verträgen zu starten, wie in Hamburg (www.schluss-mit-austeritaet.de). International solidarisch: Schluss mit Austerität!
A19. Vom Telegraphen zum Smartphone: für die Digitalisierung des SDS
Ausgehend von einer Initiative des Bundeskongresses in Jena werden die folgenden Punkt bestärkt. Mit der bereits, sich im Test befindenden, Cloud wurde schon wertvolle Arbeit geleistet, auf der nun aufgebaut werden soll:
Es soll die Einführung eines digitalen Antragssystems für den Bundeskongress geprüft werden. Über Erweiterungen, wie Aufgabenorganisationssysteme oder Chatprotokolle, kann nachgedacht werden.
IT-Systeme bedürfen ständiger Wartung. Der Bundesvorstand und die Geschäftsführung werden aufgefordert zu prüfen, inwiefern Ressourcen zur Wartung und Instandhaltung von IT-Systemen zur Verfügung stehen und welcher Bedarf vorhanden ist. Die Ergebnisse sind dem Bundeskongress zu berichten. Insbesondere soll die Homepage einer gründlichen, technischen, Wartung unterzogen werden. Diese soll spätestens bis zum nächsten Bundeskongress abgeschlossen sein.
Die Geschäftsführung wird gebeten in ihrem jährlichen Rechenschaftsbericht über die Entwicklung der digitalen Ressourcen zu berichten.
Die Linke.SDS erarbeitet in Form einer Broschüre oder eines Antrags eine Position zu ,Digitalisie- rung‘ und trägt diese in die Partei. Es soll sich insbesondere mit den Fragen des ‚digitalen Kapitalismus‘, ‚Digitalisierung und Bildung‘ und den Veränderungsbedingungen die ‚digitale Medien‘ für das Verhältnis zwischen einzelnen Individuen bedeutet.
Übergangsweise kann ein BAK gegründet werden, der bestehende digitale Infrastrukturen (z.B. SDS-Cloud) wartet und dem BuVo sowie GeFü bei der Erfüllung dieser Aufgaben beratend zur Seite stehen soll. Der Bundeskongress erlaubt Mitgliedern dieses BAKs auf personenbezogenen Daten Zugriff haben zu dürfen.
A24. Die Freiheit der Wissenschaft zur Realisierung des Grundgesetzes in Gegnerschaft zum Prinzip Lucke
Zu Beginn des Wintersemesters nimmt AfD-Gründer Bernd Lucke seine Lehrtätigkeit als VWL Professor an der Universität Hamburg wieder auf. Er kehrt damit an eine fortschrittliche Universität zurück. Die Mitglieder haben sich der Realisierung der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen verschrieben. Sie engagieren sich für die Überwindung der Schuldenbremsenpolitik in Hochschule und Stadt und darüber hinaus. Die Uni ist vom Salvador-Allende-Platz über das Sozialökonomie-Wandbild und die Gedenkplakette zur Weißen Rose im Audimax bis zu den nach Antifaschist*innen benannten Hörsälen im ESA ein Ort widerständigen tätigen Erinnerns. In Zeiten ökonomischer Rezession, der Klimakrise und politischen Legitimitätsverlustes neoliberaler Parteien, greifen die Hochschulmitglieder gesellschaftsverantwortlich ein. Die Positionen eines Bernd Lucke sind dagegen im engsten Wortsinn reaktionär und verdienen unsere souveräne Zurückweisung.
Mit Solidarität gegen das „Prinzip Lucke“
Bernd Lucke repräsentiert eine ökonomische Glaubenslehre an die heilige Kraft des Marktes und das deutsche Unternehmertum, sowie ein biedermeierliches Menschen- und preußisches Erziehungsbild.
Die Verbindung von klassischen Marktradikalen wie Bernd Lucke und autoritären Rechten in der AfD war und ist kein Zufall, sondern entspringt der gemeinsamen Anbetung von Auslese und Unterwerfung in Form von kulturell determiniertem Rassismus, Leistungsethos, Standortkonkurrenz, Gewerkschafts- und Demokratiefeindlichkeit sowie Autoritarismus.
Außerdem braucht neoliberale Politik dringend ideologische Absicherung: „Die extreme Rechte unternimmt in ihren Programmen, Heimat und Nation mit radikalem Markt und ungehindertem Wettbewerb zu verbinden. Die soziale Sicherheit des Wohlfahrtsstaates soll durch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Volks- und Kulturgemeinschaft ersetzt werden. Faschistische Gemeinschaftsideologie – wenngleich stark geläutert und sprachlich modernisiert – dient also dazu, die materielle Sicherheit durch überhöhte Geborgenheitsgefühle ersetzen zu wollen“ (Schui 1997, S. 16). Die gleiche Funktion nimmt die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ (AfD-Programm) ein. Sie soll als vermeintlicher Rückzugsort die Härten des (entfesselten) Konkurrenzkampfes ausgleichen und uns alle auf die Jagd nach dem privaten Glück statt gesellschaftlichem Wohlergehen schicken.
Die Positionen eines Bernd Lucke sind der zugespitzte Ausdruck der neoliberalen Politik der letzten Jahrzehnte. Damit repräsentiert er ein gesellschaftliches Prinzip, das zur tiefsten Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs und zum Erstarken der extrem Rechten geführt hat. Um die aktuelle gesellschaftliche Großkrise zu überwinden, streiten wir in Gegnerschaft zum Prinzip Lucke für die Verwirklichung einer „Welt des Friedens und der Freiheit“ (Schwur der befreiten KZ-Häftlinge von Buchenwald). Dazu braucht es emanzipatori- sche Sozialstaatlichkeit und eine Demokratisierung der Wirtschaft sowie dafür eingreifende Forschung und die Bildung mündiger Persönlichkeiten an den Hochschulen.
Dies hat Bernd Lucke seit jeher bekämpft, nicht erst mit der Gründung der AfD. Er trat aus Protest gegen Willy Brandts Entspannungspolitik der CDU bei, beteiligte sich als „Treuhand-Experte“ an der Deindustrialisierung der DDR und initiierte 2005 – angesichts millionenfachen Protestes gegen Hartz IV – mit seinen Hamburger Kollegen Michael Funke und Thomas Straubhaar den „Hamburger Appell“. Dieses von über 250 deutschen VWL-Professor*innen unterzeichnete neoliberale Propaganda-Papier richtete sich explizit gegen die Stärkung
gesamtwirtschaftlicher Nachfrage durch Lohnerhöhungen und staatliche Investitionen.
„So gefährdet die Politik mit der Schuldenbremse, dass die Universität ihrer Verantwortung, an einer ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltigen Entwicklung zu arbeiten, nachkommen kann. Damit schadet diese Politik allen. Im Unterschied dazu hatte Prof. Dr. Florian Schui[…] aufgezeigt, dass gerade Phasen hoher Spitzen-, Vermögens- und Gewinnsteuern verbunden mit investiver sozialer Staatstätigkeit die gesellschaftliche bzw. die positive wirtschaftliche Entwicklung begünstigen.“ (Beschluss Akademischer Senat UHH, 28. Juni 2018 in Auswertung des Dies Academicus)
Zur Verteidigung von Unternehmensinteressen schieben Lucke und Co. im Hamburger Appell die Schuld an der Krise den Arbeiterinnen zu: „Die unangenehme Wahrheit besteht deshalb darin, dass eine Verbesserung der Arbeitsmarktlage nur durch niedrigere Entlohnung der ohnehin schon Geringverdienenden, also durch eine verstärkte Lohnspreizung, möglich sein wird. Eine Abfederung dieser Entwicklung ist durch verlängerte Arbeitszeiten, verminderten Urlaubsanspruch oder höhere Leistungsbereitschaft möglich.“ Zur „Konsolidierung der Staatsfinanzen“ seien „weitreichende Einschnitte in allen Bereichen der öffentlichen Ausgaben“ nötig. Die Schuldenbremse lässt grüßen.
Dementgegen muss der gesellschaftlich erarbeitete Reichtum auch allen zugutekommen- Für gute Arbeit, soziale Sicherheit und ökonomische Vernunft. In der VWL bedeutet das vor allem ein Ende der neoklassischen Monokultur. Schluss mit Hayek, her mit Keynes und Marx. Für eine (mindestens) Plurale Ökonomik!
Bildung mündiger Persönlichkeiten statt Erziehung zur Unterwerfung
„Ziel universitärer Lehre ist es, Bildung durch Wissenschaft zu ermöglichen. Das schließt die Aufgabe ein, alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Studierenden hohe wissenschaftliche Kompetenz erwerben, ihre Fähigkeiten selbsttätig entfalten und sich als mündige Mitglieder der Gesellschaft weiterentwickeln können, die bereit und in der Lage sind, an deren sozial und ökologisch nachhaltiger, demokratischer und friedlicher Gestaltung maßgeblich mitzuwirken und für ihre Zukunftsfähigkeit Verantwortung zu übernehmen.“
(Leitbild universitärer Lehre der UHH)
Lucke hingegen, der Bildung und Ausbildung lediglich als „wichtige Standortfaktoren“ begreift, meint im Hamburger Appell, dass Defizite an Hochschulen nicht mit „verbesserter Mittelausstattung im Bildungswesen“ behoben werden können. Es werde übersehen, „dass große Fortschritte allein durch vermehrten Ansporn zu Fleiß, Wissbegier und strenger Leistungsorientierung erzielt werden könnten“.
Mit dem aggressiven Menschenbild wird uns eingeredet, allen gehe es nur um den eigenen Vorteil und Konkurrenz steigere die Produktivität. Weil die Natur des Menschen aber seine Gesellschaftlichkeit ist, wird diese uns im Studium mit großem Aufwand auszutreiben versucht. Mit Einführung und Verknappung von Masterplätzen, Prüfungsmarathon und Modulfristen folgt das Bachelor-Master-System dem Prinzip der Konkurrenz. Im Interesse von Unternehmen soll das Studium ausschließlich dazu dienen, hochqualifizierte Lohnabhängige zu schaffen. Im VWL-Studium bedeutet das u.a. das Verbannen von Keynes, Marx und Co., quasi keine Gestaltungsfreiheit (Luckes Makro-Vorlesung war ein alternativloser Pflichtkurs) und eine Top- Down- „Lernkultur“.
In Gegnerschaft zur Arbeitsmarktorientierung muss es im Studium darum gehen, sich kooperativ den gesellschaftlichen Problemen zu widmen und zu ihrer theoretisch-praktischen Lösung beizutragen.
Antifaschismus, nicht totaler Markt!
„Nie wieder sollen Bildung und Wissenschaft aus Neid, Konkurrenz und Vorurteilen, aus Gleichgültigkeit, Ressentiment und Opportunitätsdenken mitverantwortlich werden an Ausgrenzung, Verfolgung, Mord und Krieg. Frieden, Gerechtigkeit und Humanität sollen Reflexion, Diskurs und gesellschaftliche Praxis der Universität nachhaltig orientieren. Weltoffenheit, Inklusion und Demokratie sollen ihre Kultur prägen. Wir erinnern, für ein besseres Leben.“ (Beschluss des Akademischen Senats der UHH zum Erinnern an die Reichspogromnacht, 13.10.2016) Aufklärung über die neoliberalen Mythen als kollektive Selbstbefreiung, Solidarisierung statt Spaltung und Vereinzelung sowie der Kampf für den Ausbau von Sozialstaatlichkeit (auch als Austrocknung des Nährbodens der Rechten) sind die Alternative zum „Prinzip Lucke“. Luckes Rückkehr an die Uni Hamburg nehmen wir zum Anlass, unser progressives Engagement für eine Hochschule der Nachhaltigkeit auszubauen, der neoliberalen Politik („Schuldenbremse“) den Todesstoß zu versetzen und die Verfasste Studierendenschaft als Ganzes wieder als gesellschaftliche Akteurin zu rekonstruieren.
A27. Solidarität mit VVN BdA
Die Linke.SDS solidarisiert sich mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Wir verurteilen den Entzug der Gemeinnützigkeit der VVN-BdA durch das Finanzamt des Landes Berlin aufs Schärfste und fordern die Wiederanerkennung der Gemeinnützigkeit. Insbesondere in Zeiten, in denen Anschläge auf Synagogen und Moscheen verübt werden, AfD-Politiker den Holocaust relativieren und rechte Terrornetzwerke in Polizei und Sicherheitsbehörden auffliegen, ist der Kampf gegen den Faschismus dringend notwendig. Eine Aberkennung der Gemeinnützigkeit schränkt die Handlungsfähigkeit der VVN-BdA ein und erschwert damit ihre wichtige antifaschistische Arbeit. Zudem reiht sie sich ein in eine Reihe von Versuchen, den finanziellen Handlungsspielraum kritischer zivilgesellschaftlicher Organisationen zu beschränken, zuletzt etwa bei attac, oder dem Demokratischen Zentrum Ludwigsburg. Wir als Linke.SDS werden diese Forderung laut und öffentlicheitswirksam vertreten, unter anderem im Rahmen unserer Mitarbeit im #unteilbar-Bündnis. Darüber hinaus fordern wir die Partei DIE LINKE Berlin auf, sich ebenfalls zu solidarisieren und im Berliner Senat darauf hinzuwirken, dass die Gemeinnützigkeit wieder anerkannt wird.
Satzungsanträge
S1. Anpassungen der Satzung an die Gruppenpraxis
Die Satzung von Die Linke.SDS wird, wie folgt, geändert:
1) Ergänze in § 10 Absatz 6 Satz 2 nach ‚Delegierte‘ ‚sowie zwei Ersatzdelegierte‘.
2) Ersetze in § 10 Absatz 7 Satz 2 ‚Gewählte Delegierte‘ durch ‚Stimmberechtigte Delegierte oder Ersatzdelegierte‘.
Inhaltliche Anträge Teil 2
(weitergereichte Anträge an den Bundesvorstand beschlossen bei der Bundesvorstandssitzung vom 18.- 19. Januar 2020 in Siegen)
A2. Multiplikator*innenseminar Marx Vermitteln
Die Linke.SDS organisiert im Jahr 2020 für Verbandsaktive das Multiplikator*innenseminar „Marx vermitteln“ bzw. „Marx für Alle“.
A4. Hochschulpolitischer Kampagnenplan
Was haben wir vor?
Die Linke.SDS verstärkt ihren dezentralen und bundesweit koordinierten Widerstand gegen Ausbeutung, Unterfinanzierung und Entfremdung im Studium, durch Erarbeitung einer Broschüre mit konkreten Vorschlägen, welche jedoch von den Gruppen am jeweiligen Kampfplatz konkretisiert und erprobt werden müssen..
Die Linke.SDS verstärkt ihre Bemühungen in der Zivilklauselbewegung und für Zivile Wissenschaften, durch u. a. Beteiligung an bundesweiten Treffen und Initiativen sowie Erarbeitung von neuen Stickern und Plakaten (z.B. im Design der Bundeswehr, aber mit kritischem Inhalt der Friedensbewegung). Wir machen uns vor dem Hintergrund des aggressiven Werbens für‘s Sterben der Bundeswehr in Mensen und anderen Einrichtungen des Studierendenwerks auch für Zivilklauseln im Studierendenwerk stark.
– Die Linke.SDS veranstaltet im Februar 2020 ein hochschulpolitisches Treffen, um Erkenntnisse und Fähigkeiten zu multiplizieren, welche dann dezentral zum Einsatz kommen und später reflektiert werden können.
Die Linke.SDS bemüht sich um die Durchführung einer „Kleine(n) hochschulpolitische(n) Kampagne zur Stärkung Kritischer Wissenschaften“, im Rahmen welcher die „Kritik an die Uni#2“-Broschüre popularisiert werden soll und finanzielle und personelle Ressourcen für Gruppenbesuche und Vortragsreisen zum Thema „Kritische Wissenschaften“ zur Verfügung gestellt werden sollen.
Die Linke.SDS organisiert eine Bündniskonferenz zum Thema „Bildungsstreik 2021?“ am Ende des Sommersemesters 2020, lädt hierzu andere kritische hochschulpolitische Akteure sowie Kritische Wissenschaftler*innen ein und versucht darauf aufbauend, im Wintersemester 2020/21 eine „Mittelgroße hochschulpolitische Kampagne zur (Rück-)Eroberung studentischer Freiräume“ auf die Beine zu stellen.
Die Linke.SDS erstrebt eine „Große hochschulpolitische Kampagne zur … (Ausfinanzierung oder Demokratisierung?)“ in den Jahren 2021/2022 .
Die Linke.SDS behält sich eine Modifikation des Vorgehens im Rahmen der BAK-HoPo-Koordination mit Absprache des BuVo, sowie eine förmliche Revidierung auf dem nächsten und übernächsten Bundeskongress vor.
Unsere Argumente
Die Linke.SDS begreift sich als Studierendenverband, der an Hochschulen aktiv ist. Als marxistischer Hochschulverband sind wir die einzigen, die Konsequent die Bedingungen ihrer Organisierung, der Kapitalismus an den Hochschulen, reflektiert und bekämpft. Wir stehen solidarisch an der Seite von Bewegung und Gewerkschaft
Hochschulen bilden den zentralen Kern der gesellschaftlichen Ideologieproduktion. Wer aus der Position der Hochschule spricht, ist scheinbar mit der „Macht des Wissenden“ ausgestattet.
Die Prekarisierung und Neoliberalisierung der deutschen Hochschulen ist im doppelten Sinne zu verstehen: Zum einen gibt es immer weniger Ressourcen, welche häufiger zur Reproduktion der herrschaftsstützenden Denkweisen beitragen, als für kritische Anliegen genutzt werden. Zum anderen hat die Verknappung der Grundlagen des kritischen Denkens eine (re)Produktion einer Unkultur zur Folge, die selber die Grundlagen für kritisches Denken zerbrechen lässt.
Hochschulen verweisen zusehens. Sie werden nicht mehr als Lebensräume, die es gilt zu gestalten, begriffen. Die Lehre wird als Dienstleistung verstanden, Gebäude verfallen und studentisches Engagement als Studierende wird schrittweise weniger denkbar und zuletzt verunmöglicht. Die Hochschule als Lebensraum zurück zu erkämpfen bedeutet auch Anschluss an aktuelle Kämpfe zu entwickeln. Die Zivilklauselbewegung steht im Zeichen einer verantwortlichen Wissenschaft. Die Klimabewegung wird mittelbar das allgemeinpolitische Mandat beschäftigen.
Moderne Hochschulpolitik darf nicht an klassischer Gremienarbeit stehen bleiben. Im Sinne gewerkschaftlich orientierter Hochschulpolitik (GO-Politik) wollen wir die Hochschule als Kampfplatz gesellschaftlicher Konflikte neu aufgreifen. Die Repolitisierung der Campi gelingt nur gemeinsam mit Akteur*innen, welche durch Erfahrung, Wissenstransfer und Vernetzung in die Gesellschaft im Umfeld der Hochschulen ausgestattet sind. So lassen sich Machtressourcen im Konflikt Arbeit/Kapital mobilisieren und nutzbar machen. Somit lässt sich auch die Brücke zu studentischen Hilfskräften und Promotionsstudierenden schlagen, welche unter der Prekarisierung des Wissenschaftsbetriebes leiden müssen.
Unsere Strategie
Die Kompetenzübertragung an einzelne Hochschulen lässt uns glauben, dass wir unsere Kämpfe nur vereinzelt gewinnen können. Wir glauben aber, dass die Probleme gleich sind, nur in unterschiedlicher Gestalt auftauchen. Daher wollen wir konsequent die Vernetzung zwischen hochschulpolitisch Aktiven im SDS, sowie linken Kräften außerhalb des SDS stärken.
Vernetzung im SDS
Mehr als ¼ aller SDS-Gruppen sind im Studierendenparlament oder in anderen Gremien aktiv. Der SDS ist in vier ASten und einem StuRa vertreten, dennoch herrscht kaum Kommunikation zwischen den Akteuren. Die Gründe sind dabei recht offensichtlich:
1) Die Arbeit ist kleinteilig und beansprucht viel Zeit. Sich parallel in anderen Kampagnen oder auf Bundesebene zu engagieren kostet Zeit, die neben Studium, Lohnarbeit und Reproduktion nicht vorhanden ist.
2) Bildungspolitik ist, aus vielen Gründen, nach 1945 dezentralisiert worden. Bildungspolitik ist Ländersache. Sich über Hochschulpolitische Angelegenheiten auszutauschen ergibt häufig nur Sinn im Rahmen einer Landesvernetzung.
Ziel ist es die hochschulpolitisch Aktiven, die vor Ort um der Gestaltung ihrer Hochschule kämpfen für gemeinsame Kampagnenarbeit zu gewinnen und damit hochschulpolitische Arbeit zu verstetigen sowie mit neuen Ressourcen zu stärken. Teilschritte können dabei zentrale und dezentrale Aktionsformen sein, die von den Beteiligten, aus ihren spezifischen Bedürfnissen, entwickelt werden müssen.
Hochschulpolitische Linke stärken
Inhalte und deren Verbreitung müssen gemeinsam, im Sinne einer bündnispolitischen Arbeit entwickelt werden. So wollen wir noch im Februar mit einem Projekt- und Arbeitstreffen starten, das insbesondere o.g. Situation der hochschulpolitisch Aktiven einfängt, als das es explizit Moment von Multiplikation an der Basis beinhalten soll.
Im SoSe 2020 wollen wir mit einer kleinen Auftaktkampagne starten, deren Aufbereitung auch Teil des Verbandswochenende sein kann. Ebenso ist geplant die Broschüre zur Kritischen Wissenschaft dann bereits fertig zu haben und diese, zusammen mit Referent*Innen, durchs Land reisen zu lassen. Am Ende des Sommersemesters soll es eine Bündniskonferenz zum Thema Bildungsstreik geben, die Ausgangspunkt für die Kampagnenarbeit im Wintersemester sein soll. Hierfür werden wir bereits versuchen nicht nur Studierendenorganisationen, die an Universitäten aktiv sind, zu gewinnen. Uns ist bewusst, dass dies auch eine Kritik unseres Habitus und der Art des Sprechens bedeuten muss.
Bildung braucht Zukunft
Um den täglichen Erzählung von Vereinsamung, Konkurrenz und Leistungsdruck etwas entgegenzusetzen, wird es nun Zeit eine Gegenerzählung zu entwickeln. Dem einzelnen, der an seinen Klausuraufgaben verzweifelt, wollen wir das Moment des kollektiven Mogelns als Alternative aufzeigen. Dem positivem Wissenschaftsbegriff, der keine Meinung kennt, gilt es Verantwortung entgegen zu setzen. Bildung geschieht an vielen gesellschaftlichen Orten, diese wollen wir zusammen bringen.
Zeitplanung
Multiplikator*innenseminar und Projektwerkstatt im Februar
Druck und Verteilung der ‚Kritische Wissenschafts‘-Broschüre für den Semesterstart
Arbeitsslot auf dem Verbandswochenende
Durchführung erster zentralen und dezentralen Veranstaltungen im SoSe
Ende Sose: Bildungsstreikkonferenz mit BdWi, fzs, Lernfabriken meutern…! und weiteren Akteuren
Folgeantrag auf dem Winter-BuKo 2020
A5. Anpassung des Finanzierungstopfes für die Delegation zum Friedensratschlag
Der Finanzierungstopf für die jährliche Delegation zum Kasseler Friedensratschlag wird auf 650€ gekürzt.
A8. Klimabewegung aufbauen, Linke stärken.
1. Fridays for Future ist die größte Bewegung seit Bestehen der LINKEN und des SDS. Linke sollten ihr Bestes geben um die Bewegung zu stärken und Vorschläge für die nächsten Schritte zu machen.
Zuletzt gingen 1,4 Millionen Menschen in Deutschland auf die Straße. Angesichts der neuesten Vorwarnungen von 11.000 Forscher*innen, die vor „unsäglichem Leid“ und einem „Klima-Notfall“ warnen, ist das aber auch das Mindeste, was nötig ist. Die Angst vor der Zukunft ist eine alltägliche Erfahrung: Ob im Seminar, auf der WG-Party oder beim Geburtstag vom Onkel – das Klima-Thema ist unglaublich präsent und wird dies auf längere Sicht bleiben. Es politisiert eine ganze Generation und stellt sie vor grundsätzliche Fragen: Wie wollen wir leben? Warum tun die oben nicht das was wir wollen? Auch wenn sich die Suche nach Antworten und Alternativen in verschiedensten Arten und Weisen ausdrückt, so eröffnet sich aktuell ein Zeitfenster, in dem sich Hunderttausende radikalisieren und mehr und mehr Verhältnisse ins Wanken bringen.
2. Eine wirklich ökologische Lebens- und Produktionsweise ist letztlich nur durch einen Bruch mit dem Kapitalismus (und seinen Institutionen und Organisationsformen) denkbar. Selbst den grundlegendsten Maßnahmen und Forderungen stehen Konzerninteressen gegenüber.
„System change not climate change“ ist keine Floskel, sondern reale Herausforderung. In Deutschland sind 30 Unternehmen für 39% der gesamten Emissionen verantwortlich. Der Zwang zum Profit steht in einem nicht-lösbaren Widerspruch zum langfristigen Wohlergehen von Mensch und Natur. Das fühlen viele in der Bewegung. Doch der Weg in eine andere Welt ist trotzdem nur schwer auszumalen. Das liegt auch daran, dass selbst unmittelbar notwendige Maßnahmen gegen die Klimakrise sehr grundlegende Eingriffe des Staates in die wirtschaftlichen Prozesse erfordern. Denn: Laut einer Studie der UNO von 2011 würde ein Umbau der globalen Wirtschaft etwa 1,9 Billionen Dollar kosten – pro Jahr. Woher könnten solche Summen genommen werden? Ein paar Ideen: Die zehn Länder mit den höchsten Militärausgaben kürzen diese um 10 Prozent. 330 Milliarden Dollar würden frei werden. Globale Finanztransaktionssteuer – 650 Milliarden pro Jahr. Ende der Subventionen für fossile Energie weltweit – 400 Milliarden Dollar pro Jahr. 1% Milliardärssteuer – 46 Milliarden pro Jahr. Steueroasen austrocknen – mindestens 600 Milliarden pro Jahr. Diese Reihe zeigt mehr als deutlich, dass alle, die es ernst meinen mit der sozial-ökologischen Wende, in eine harte Auseinandersetzung mit den Reichsten dieser Erde gehen müssen. Weiterhin gilt: Das Geld ist da. Es ist nur ungerecht verteilt. Es gilt, ein breites Bewusstsein für diese Wahrheit zu schaffen und viel wichtiger, Möglichkeiten der Umverteilung populär zu machen.
3. Die Politik der Bundesregierung steht weiterhin in einem krassen Gegensatz zur naturwissenschaftlich nachgewiesenen Dringlichkeit der Situation. Wir müssen leider festhalten: Fridays for Future hat noch keine wirkliche Reform erkämpfen können und droht weiter an Dynamik und Ausstrahlungskraft zu verlieren. Die ganze Bewegung steht daher vor der Frage wie der Druck weiter erhöht werden und tatsächliche Veränderung organisiert werden kann.
Wenig überraschend aber umso dramatischer ist die Tatsache, dass die Große Koalition zu solchen Konflikten nicht bereit ist. Das Klimapaket hat dies eindrücklich bewiesen. Nicht nur, dass die Maßnahmen vorne und hinten nicht reichen. Konzerne werden überhaupt nicht in den Fokus genommen, stattdessen sollen einfache Leute mehr Steuern bezahlen. Zurecht fragen sich deshalb viele Schüler*innen was sie denn noch machen sollen um die Politik zum Handeln zu bringen. 1,4 Millionen Menschen – so viele wie seit 1948 nicht mehr – auf die Straße zu bringen scheint nicht zu reichen. Es gibt mehrere Möglichkeiten auf diese Situation zu reagieren. Ein Weg ist die Resignation, das Einknicken, sich vereinnahmen lassen. Doch das kann natürlich nicht der unsere sein. Ein anderer ist die Radikalität der Minderheit: Mehr ziviler Ungehorsam, spektakuläre Blockaden und Aktionen, Extinction Rebellion. Jedoch verspricht dieser Weg wenig erfolgsversprechende Reaktionen. Ähnliches verhält es sich mit Ende Gelände: Soviel die langjährige und wertvolle Arbeit der Kampagne für eine Diskursverschiebung entlang der Kohlefrage geleistet hat, so sehr sie viele junge Menschen in Aktion gebracht und radikalisiert hat, so birgt sie dennoch keine ausreichende Antwort auf die Frage, wie Veränderung tatsächlich organisiert werden. Wir glauben allerdings, dass der politische Druck nur noch weiter erhöht werden kann, indem einerseits noch mehr Menschen in die Bewegung mit einbezogen werden und andererseits ein weiterer und vermutlich entscheidender Hebel der Veränderung betätigt wird: Der Konflikt in den Betrieben. Klar ist: Die Gefahr der Resignation abzuwehren und Schritte nach vorne zu machen ist eine zentrale Herausforderung der kommenden Monate.
4. Bei dieser großen Herausforderung kann unser kollektives und bewusstes Handeln als Sozialist*innen einen entscheidenden Unterschied machen.
Wir müssen deshalb unsere Energie darauf verwenden in einem Austausch auf Augenhöhe innerhalb der Bewegung „Strategien [zu] entwickeln, wie die aufkommende, kollektive Energie genutzt werden kann, um bestehende politische und ökonomische Strukturen zu untergraben und im Sinne des Fortschrittes zu transformieren“, wie Rosa Luxemburg einst die effektivste Taktik um nachhaltig, und unabweislich nötige Änderungen zu erreichen, beschrieb. Mit den Erfahrungen vergangener Kämpfe im Gedächtnis konnten wir die Richtung und Methoden der Bewegung schon in den vergangen Monaten maßgeblich prägen sowie die Vernetzung der Ortsgruppen voranbringen. Durch die Nutzung unserer bundesweiten Infrastrukturen konnten sich Inhalte und Methoden schnell über ganz Deutschland ausbreiten. Dass diese Entwicklungen die Bewegung und deren Wachstum positiv beeinflusst haben, steht außer Frage. Trotzdem sind linke Inhalte bei Students for Future eher murmelnder Grundtenor, deren Präsenz durch mangelnde inhaltliche Debatten im Plenum leidet. Nach der Klimastreikwoche ist ein richtungsgebender Diskurs jedoch unvermeidlich. Ohne das entsprechende Bewusstsein ihrer Aktivist*innen kann keine Massenbewegung, und sei sie noch so groß, auf Dauer erfolgreich sein. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir uns als Sozialist*innen auf das Schachbrett begeben und strategisch günstig für kommende taktische Überlegungen positionieren. Unsere Intervention lässt sich in drei Bereiche aufteilen. An einigen Stellen sind wir schon sehr weit, an anderen besteht Nachholbedarf.
a) Neue Methoden: Strukturbasierter Machtaufbau als Politikmodell für die Klimabewegung.
Im Unterschied zu vielen Bewegungen und Kampagnen an der Universität in den letzten Jahren arbeitet Students for Future mit Methoden, die von den gewerkschaftlichen Erfahrungen der US-amerikanischen Organizerin Jane MacAlevey inspiriert sind. Die Kernidee: Anstatt durch die üblichen Mobilisierungsaktionen (Infotisch, Flyer verteilen, Plakatieren etc.) mit denen man vor allem Schon-Überzeugte für die Sache gewinnt, gehen die einzelnen Hochschulgruppen systematisch vor. Institut für Institut, Fakultät für Fakultät soll als Struktur erschlossen werden. Sogenannte Commitment Cards und verschiedenste Mappings sind die Werkzeuge um die größtmögliche Zahl von Studierenden in den Prozess miteinzubeziehen. Die ersten Ergebnisse dieser strukturbasierten Arbeitsweise sprechen für sich. Der Leipziger Gruppe gelingt es beispielsweise über 100 Menschen aus allen möglichen Studiengängen in den politischen Prozess einzubinden, die Veranstaltungen der Public Climate School waren überdurchschnittlich gut besucht. Das hat natürlich viele Gründe, dennoch ist festzuhalten: Gelingt es eine solch systematische Arbeitsweise weiter zu entwickeln und flächendeckend an den Hochschulen, aber auch in den Schulen und in der Klimabewegung insgesamt zu etablieren, kann der Druck massiv erhöht werden. Stellen wir uns nur mal vor was los wäre, wenn es den Schüler*innen gelingt, im Frühjahr 2020 hunderte wenn nicht tausende Oberstufen lahm zu legen. Dann wär was los! Gleichzeitig müssen wir aber vielerorts eine signifikante Schwächung der FFF-Bewegung konstatieren. Dass jeden Freitag gestreikt wird ist unterdessen in den wenigstens Ortsgruppen die Regel. Die Klimastreikwoche & Public Climate School war in diesem Sinne der erste Versuch durch strukturbasiertes Organizing an Hochschulen eine Bewegung aufzubauen, die weit über das bisher Dagewesene hinaus geht. Gleichwohl gilt es auch an einigen offenen Fragen weiterzuarbeiten. Wie können mehr Leute in strategische Diskussionen eingebunden werden? Wie schaffen wir es noch besser grundlegende politische Ideen in der Bewegung zu verankern? Eine ausführliche Reflexion der Chancen und Grenzen der angewendeten Methoden wird uns den Antworten auf diese und weitere Fragen näher bringen.
b) Gesellschaftliche Bündnisse: Schulterschluss mit Bus- und Bahnfahrer*innen 2020.
Hochschulstreiks- und Bewegungen können enorme Aufmerksamkeit generieren und den Raum für Austausch bieten, allein jedoch wenig verändern. Nur mit gesellschaftlichen Mehrheiten und den Beschäftigten im Energie- und Verkehrswesen an unserer Seite können wir konkrete Maßnahmen erkämpfen. Für diesen Schulterschluss bietet sich 2020 eine hervorragende Möglichkeit. Verdi verhandelt im Juni in allen 16 Bundesländern die Tarifverträge in den öffentlichen Verkehrsunternehmen neu. Das umfasst zur Zeit 87.900 Beschäftigte: Vor allem Bus- und Bahnfahrer*innen, aber auch Kolleg*innen in Werkstätten, Verwaltung und Service. Die Gewerkschaft setzt auf die Unterstützung der Klimabewegung in dieser Auseinandersetzung. Denn ohne Druck von außen sind wenig Erfolge in Sicht. Im Sommer 2020 könnte also aus den unmittelbaren Interessen von Bus- und Bahnfahrer*innen an besseren Arbeitsbedingungen und den politischen Forderungen nach einer Mobilitäts- und Verkehrswende der Klimabewegung ein mächtiges Bündnis entstehen. Eines, das aus einer tarifpolitischen Auseinandersetzung einen heißen Kampf um das öffentliche Gut ÖPNV macht. Eines, das zeigt was Klassenpolitik konkret bedeuten könnte.
Der Bezug der Klimabewegung zum ÖPNV liegt auf der Hand. Das Auto als Fortbewegungsmittel ist nicht dafür gedacht klimafreundlich zu funktionieren, sondern dient hauptsächlich der Interessenbefriedigung der Automobilkonzerne. Während Herstellung und Betrieb allein unzählige Rohstoffe benötigen (Autos stehen im Durchschnitt 23h pro Tag), stellt der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs eine klimafreundliche und sozial verträgliche Lösungsmöglichkeit für den Großteil der Bevölkerung dar. Trotzdem leben wir nicht zufällig in autogerechten Städten, während Bus- und Bahnlinien zu den umliegenden Dörfern kategorisch abgebaut werden. Statt auf der neuesten Generation E-Autos sollte der Fokus auf einer sozial-gerechten Erweiterung des ÖPNV-Streckennetzes liegen. Die Angst der Beschäftigten, ein Ausbau der Strecke und billigere bis kostenlose Tickets würden mit Lohnkürzungen und schlechteren Arbeitsbedingungen einhergehen, müssen wir ernst nehmen und stetig in unsere Prozesse einfließen lassen.
Auch bei den Students for Future ist das Thema sehr präsent. Den Aufbau von Verbindungen zu den Kolleg*innen müssen aber wir forcieren. Nicht zuletzt an dieser Stelle wird dann auch die Einbeziehung der LINKEN in die Bewegung wichtig. Denn: Einen Kampf um das öffentliche Gut ÖPNV können auch Beschäftige und studentische Klimabewegung zusammen nicht gewinnen. Dafür braucht es ein Solidaritätsbündnis in der Stadt. Hier sollte der SDS als Scharnier zwischen Partei, Bewegung und Gewerkschaft fungieren und ein solches Bündnis frühzeitig mitinitiieren.
c) Progressive Ideen: Ökosozialistische Vision und Erklärungsmuster
Um den Protest zu verbreitern und langfristiges Engagement zu erhalten, um Methoden des Organizings und die strategische Fokussierung auf gewerkschaftliche Kämpfe zu einer Idee von Vielen zu machen, ist es sehr wichtig, möglichst viele derjenigen in die Debatten und Arbeitsprozesse einzubinden, die sich jetzt durch die Klimaproteste politisieren, jedoch noch nicht organisiert sind. Students for Future setzt auf die Erfahrungen, die Menschen in den solidarischen Kämpfen um die Erhaltung unserer Erde als lebenswerten Planeten machen. Niedrigschwellige Angebote, um Wirksamkeit kollektiven Handelns zu erleben und politische Erfahrungen zu sammeln gehört zu den Grundpfeilern der Bewegung. Trotz dieser Einsätze zeichnet sich immer stärker ein Bild der Unverhältnismäßigkeit zwischen Aktion und politischer Reaktion auf und bestärkt somit Aktivist*innen, gegebene Machtstrukturen konsequenter in Frage zu stellen. Doch auch das passiert nicht von alleine: Als Sozialist*innen sind wir hier gefragt Antworten auf die Frage zu geben warum „die da oben“ sich nicht bewegen und alternative Wege zur Veränderung aufzuzeigen. Wir müssen Texte schreiben, Veranstaltungen organisieren, gemeinsam lesen und lernen. Wir müssen deutlich machen, dass wir vom SDS uns aktiv an der Lösungsfindung der Klimakrise beteiligen wollen. Allerdings müssen wir auch ehrlich und selbstbewusst zeigen, dass das auf Dauer nur durch sozialistische Organisierung und den Bruch mit dem Kapitalismus möglich ist.
5. Der SDS hat in den kommenden Monaten die Möglichkeit, die gesellschaftliche Linke bundesweit zu stärken. Diese Chance sollten wir nach bestem Wissen und Gewissen versuchen zu nutzen.
Bereits in den vergangenen Monaten hatte die Leipziger Students for Future-Gruppe – und in kleinerem Maße auch die anderen Gruppen mit SDS-Beteiligung — eine bundesweite Vorreiterrolle inne. Das ist natürlich ein Grund zur Freude, gibt uns aber auch Verantwortung für die kommenden Wochen und Monate. Je nachdem was wir aus unseren Gruppen in die Welt senden, schließen sich entweder noch mehr Städte und Hochschulen der Bewegung an oder verliert der Protest an Dynamik. Je nachdem welche Forderungen wir entwickeln und wie stark unsere Verbindung zu den Kolleg*innen bei lokalen Verkehrsunternehmen ist, desto größer ist die Chance, dass wir andere Orte dazu motivieren uns zu folgen, desto größer die Chance, dass wir wirkliche Veränderungen erkämpfen. Wir sind ein organischer Teil der Klimabewegung. Wir können Vorschläge für das „Wie weiter“ machen und sie mit Hunderten Studis auf Augenhöhe diskutieren. Das war nicht immer so. Lasst uns versuchen das Beste draus zu machen.
A11. Sozialistische Narrative 2020
Die Linke.SDS stößt ein Videoprojekt zusammen mit der LINKEN an, das zielgerichtet Studierende ansprechen soll, um sie zum mitmachen zu motivieren. Die Videos sollen gemeinsam mit Genoss*innen aus dem SDS produziert werden und im nächsten Jahr als zusammenhängendes Projekt veröffentlicht werden.
Die Videos handeln von Protagonist*innen, die ihre persönliche Motivationen darstellen, warum sie links geworden sind.
Dabei sollen verschiedene Kanäle mitberücksichtigt werden und ein Konzept zur Gestaltung und Bespielung erarbeitet werden:
Social Media
Pressemitteilungen/Pressearbeit
Internet-Auftritt
weitere
Dabei prüft der Bundesvorstand Mittel und Geld für Öffentlichkeitsarbeit bereitzustellen.
A12. Medienarbeit im SDS stärken
Die Medienlandschaft befindet sich momentan in einer Phase großer Umstrukturierungen. Immer mehr Menschen beziehen einen großen Teil ihrer (politischen) Informationen über das Internet.
Die Monopolisierung des Medienmarkts schreitet voran und bedroht unabhängige, kritische Positionen. Viele klassische, insbesondere regionale, Tageszeitungen wurden in den letzten Jahren geschlossen. Auch überregionale Blätter haben Probleme. So hat etwa die taz angekündigt zukünftig nur noch online zu erscheinen. Die Junge Welt hingegen hat sich für einen anderen Weg entschieden und ein empathisches Bekenntnis zum Medium Print abgelegt.
I. Podcast – Ein niederschwelliges Medium für unsere Debatten
Diese Veränderungen gehen auch an der medialen Arbeit im SDS nicht spurlos vorbei.
Seit Jahren war es, aufgrund geringer Beteiligung, kaum noch möglich interne Debatten in unserem dafür vorgesehenen Magazin „Praxis“ zu führen. Alternativkonzepte, wie die Einführung eines Verbands-Forums, sind bisher auch allesamt gescheitert.
In diesem Jahr haben wir, in einem neuen Anlauf, damit begonnen einen verbandsinternen Podcast zu erarbeiten. Dieser wird einerseits einen großen Raum für lebendige und aktuelle politische Debatten im Verband bieten und uns alle zugleich auf einem aktuellen Stand über die Projekte und Seminare des Verbandes halten.
Wir als Verband wollen mediale Debattenräume öffnen, Plattformen für Streit bieten und damit auch unsere anderen Organisationsorte (v.a. den BuKo) entlasten.
II. Unsere Verbandszeitung stärken – Critica zu kontroverser Themenzeitung machen
Die Critica leidet innerhalb des Verbandes unter einer Abnahmeschwäche, immer weniger Gruppen begreifen das Verteilen der Hochschulzeitung als inhärenten Teil ihrer Praxis. Lokale Ableger bzw. eigene Zeitungen der Hochschulgruppen sind, wo es sie gab, auch häufig eingegangen.
Als Antwort auf diese Problemstellungen wollen wir jedoch nicht mit einer Reduzierung unserer medialen Arbeit reagieren. Dies würde die Sichtbarkeit der gesellschaftlichen Linken an den Campi in der BRD empfindlich schwächen und uns zudem die Orte nehmen, an welchen sich Genoss*innen für eine linke Intervention in der bürgerlichen Medienlandschaft ermächtigen können.
Wir wollen also vielmehr versuchen die Critica aufzuwerten und für Genoss*innen im Verband, aber auch darüber hinaus wieder verstärkt zu einem attraktiven Medium, über den Campus hinaus, etwa bei thematischen Veranstaltungen oder Demos etc., machen.
Dafür ist es unseres Erachtens notwendig die Critica, noch stärker als bisher, zu einem Themen- und Hintergrundmedium zu machen, welches einzigartige Perspektiven auf spezifische Fragestellungen eröffnet und dies, im besten Falle grafisch gut aufbereitet. Dies würde bedeuten, dass die Critica in der Zukunft versuchen wird ihre Hefte verstärkt auf einzelne Themenkomplexe zu fokussieren, diese wiederum aber tiefgreifender, umfänglicher und kontroverser zu diskutieren als bisher.
Die erfolgreiche Entwicklung von Print-Magazinen, wie „Katapult“ oder „Jacobin“ zeigen, dass diese Art und Weise der Gestaltung auch und gerade heute noch massentaugliche Medien hervorbringen kann, welche über die Blasen des SocialMedia-Zeitalters hinaus wirksam und sichtbar sind.
Wichtig ist dabei, gerade da sich in der Vergangenheit bereits gezeigt hat, dass ein eigener SocialMedia-Auftritt für die Redaktion kaum zu stemmen ist und zudem eine, schon in Ansätzen bestehende, verstärkte Einbettung der Critica-Inhalte in den medialen Außenauftritt des Verbandes besteht, dies zu erweitern, sowie die gute Zusammenarbeit mit unseren Medienpartnern (insb. der Freiheitsliebe) zu verstärken.
Außerdem wollen wir zukünftig verstärkt versuchen die Critica auch über den Verband hinaus, z.B. etwa an Linken-Kreisverbände in Hochschul-Städten ohne SDS-Gruppe, zu vertreiben.
Dieses Vorgehen, und inwieweit die damit verfolgten Ziele eingelöst werden können, möchten wir nach einer ersten Ausgabe auf dem nächsten Bundeskongress, im Sinne einer breiten Evaluation, erneut debattieren und entsprechend anpassen.
III. Schreiben im Verband stärken – Zusammenarbeit mit anderen linken Medien nutzen
Die Critica gibt es nicht nur 2x im Jahr – jederzeit können Genoss*innen Artikelvorschläge an die Redaktion herantragen. Diese können bei unseren Medienpartnern und/oder online veröffentlicht werden. Die Redaktion ist angehalten, dieses Angebot in konkreten Bedarfsfällen zu wiederholen und bei den Medienpartnern zu erfragen. Dafür wollen wir einen thematisch gegliederten Autor*innenpool mit SDS-Genoss*innen anlegen mit welchem wir über die Critica hinaus auch an Medien, wie Junge Welt, Neues Deutschland, Jacobin Deutschland, Z – Zeitschrift für marxistische Erneuerung oder Freiheitsliebe herantreten und es Genoss*innen systematischer und öfter ermöglichen dort zu schreiben.
IV. Medien machen, will gelernt sein – Journalistische Fähigkeiten im Verband stärken
Publizistik ist ein wichtiges politisches Aktionsfeld und (Neben-)Beruf vieler linker Menschen im und nach dem Studium. Die Critica kann durch Lernangebote, Erprobungsort fürs Schreiben und Vermittler zwischen SDS und linken Zeitungen sowohl linke Publizistik stärken als auch Genoss*innen bei ihrer schriftstellerischen Entfaltung helfen. Weiterhin kann die Verbreitung publizistischer Kenntnisse, uns als Verband, aber auch die linke Bewegung als ganzes stärken. Daher entsenden wir als Die Linke.SDS eine Delegation zur Linken Medienakademie vom 17. bis 21. März 2020 in Berlin unter dem Titel „#nixblabla – Medien selber machen“. Die Linke.SDS stellt die finanziellen Mittel bereit, um zumindest die Teilnahmegebühren für eine begrenzte Anzahl an Genoss*innen, sowie, wenn möglich, die Fahrtkosten zu erstatten.
A13. Sozialismus in Mitteleuropa? – Verbindungen zur Jungen Linken in Österreich stärken
Die Linke.SDS organisiert, zusammen mit der Jungen Linken in Österreich, im Laufe des nächsten Jahres (optimalerweise im Mai) ein gemeinsames Seminar.
Dieses soll der gemeinsamen Vernetzung, dem Voneinanderlernen der beiden Organisationen und der Stärkung gemeinsamer politischer Arbeit über die Grenzen hinweg dienen.
Die Teilnehmer*innen sollen gleichermaßen aus der BRD, sowie Österreich kommen.
Das Seminar wird im deutsch-österreichischen Grenzraum, optimalerweise in Salzburg (oder ersatzweise Passau), stattfinden.
Inhaltlich wird das Seminar von Aktiven der beiden Verbände zusammen gestaltet.
Da die Junge Linke nicht über die finanziellen Mittel verfügt, bemüht sich der Bundesvorstand dieses Seminar mit Geldern der Europafraktion, Europäischen Linken oder sonstiger externer Strukturen zu finanzieren. Über Weiteres entscheidet der Bundesvorstand.
Sollte der Kontakt zu den Strukturen der europäischen Linken erfolgreich sein, wird eine weitere Vernetzung mit jungen, europäischen, linken Organisationen (z.B. Italien, Frankreich, England) für das Wintersemester eingeplant werden.
A14. TV-Stud Überall
Wir, Die Linke.SDS, erklären uns solidarisch mit den Initiativen der studentischen Hilfskräfte Tarifverträge für sich Studierende bzw. Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen zu erkämpfen.
Schließlich sind es die Studentischen Hilfskräfte die an den Universitäten den Laden am Laufen halten. Sie unterstützen als Tutor*innen ihre Kommiliton*innen im Studium, schmeißen die Universitätsbibliotheken, arbeiten den Dozent*innen und Professor*innen zu und leisten wichtige Beiträge zur Forschung.
Dabei wird ihnen der Mindeststandard vorenthalten. Man speist sie mit niedrigen Löhnen und miesen Vertragslaufzeiten ab, einer winzig kleinen Perspektive auf Kariere in der Wissenschaft oder dem „guten Gefühl“ den Kommiliton*innen geholfen zu haben. Dies alles nützt ihnen allerdings nichts wenn es darum geht am Anfang des Monats die Miete zu bezahlen oder während der sowieso schon vollen Uniwoche auch noch entgrenzt und ständig abrufbereit arbeiten zu müssen.
Wir überreichen allen TVStud Initiativen eine Solidaritätsfoto und prüfen in Absprache mit Aktiven und dem SAK Team ob es möglich ist ein Vernetzungstreffen bei der kommenden SAK zu organisieren um uns dort über unsere Strategien und Organizing-Methoden auszutauschen.
A18. Hochschul- und wissenschaftspolitische Strategie: Ein Selbstverständnis
1.) Die Krise der unternehmerischen Hochschule
„Es herrscht in der Kommunikation über die Exzellenzinitiative systematischer doublespeak. Ironische, distanzierte, mitunter gar verächtliche Reden über den Antragsprosastil / über Kollegen, die nur noch mit Antragsstellung und Mitteleinwerbung beschäftigt sind / über die, die als akademische Lehrer scheitern und deshalb Wissenschaftsmanager werden wollen / über die groteske Zeitverschwendung, die die Antragstellung erfordert / über glatte Fehlinvestitionen an Ressourcen und Zeit, wenn ein Antrag scheitert (was ja der statistische Standardfall ist) / über inkompetente und von Eigeninteressen geleitete Gutachter / über die Nötigung, schon bei frisch angelaufenen Projekten an den Verlängerungsantrag zu denken / über die ausbleibende Resonanz auf die allfälligen S(t)ammelbände / über die Reklamesprache der Projekte und die Lancierung neuer turns und keywords / über den Egoismus der jeweiligen Teilprojekte etc. pp. – lästerliche Reden sind der Normalfall.“
Prof. Dr. Jochen Hörisch, „Exzellenzinitiative – Privat ein Laster, öffentlich eine Tugend“, FAZ, 29.05.2016
Die unternehmerische Hochschule ist ideologisch am Ende. Gestartet als Versuch, den sozialistischen, antiimperialistischen, demokratischen und sozialen Geist der 68er-Bewegung zurück in die Flasche zu bekommen, hat die Humankapital- und Verwertungsorientierung der Hochschulen nach dem Ende des Endes der Geschichte in den organisationalen Burnout geführt.
Studiengebühren sind bundesweit wieder abgeschafft, der wissenschaftliche Mittelbau macht sich – in vorsichtiger Anlehnung an die Bundesassistentenkonferenz rund um 1968 – auf für gute Arbeit in der Wissenschaft, studentische Hilfskräfte kämpfen für Tarifverträge, tausende Akademiker*innen sprechen sich öffentlich gegen die Fortführung der Exzellenz-Show aus, über 60 Hochschulen bundesweit verpflichten sich einer Zivilklausel, das BAFöG musste – völlig unzureichend, aber doch immerhin – in Richtung Realität angepasst werden, das Bachelor-Master-System wird mehrheitlich als Gegenbegriff zu Bildung erkannt und die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft wird von ScientistsForFuture über Plurale Ökonomik bis zur Realisierung der UN-Nachhaltigkeitsziele stärker unternommen.
Gegen diese antineoliberale Tendenzwende wallen rechte Kräfte auf. Die Schuldenbremsen-Politik soll die Kommerzialisierung und Unterwürfigkeitsproduktion der Hochschulen retten, zarte Demokratisierungen und Zivilklauseln in Hochschulgesetzen werden – ihre Gefährlichkeit für die Herrschenden offenlegend – neu in Frage gestellt, der Exzellenz-Zirkus soll mit lächerlich kleiner Karotte kritisches Potential zur Konformität dressieren und die Unterfinanzierung legitimieren, die AfD versucht die Spießbürger(lichkeit) gegen „langhaarige Bombenleger“
Wissenschaft und Bildung für Frieden, soziale Gleichheit, kulturelle Befreiung und ökologische Nachhaltigkeit stehen global mit drängender Aktualität auf der Tagesordnung. Von Chile bis Sudan, Südafrika bis Griechenland, USA bis Großbritannien, Kolumbien bis Frankreich, Tunesien bis Japan. Wir befinden uns mitten im Ende des Neoliberalismus. Wir kämpfen um Bildung und Wissenschaft als Geburtshelfer für eine progressive Wende – in freudiger Gegnerschaft zur drohenden Barbarei.
„zur Revolution ist es notwendig, daß die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die ‚Unterschichten‘ das Alte nicht mehr wollen und die „Oberschichten“ in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen.“
W.I. Lenin, Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus
2.) Die Hochschulen
„Einerseits wächst mit den Produktivkräften auch der Bedarf an wissenschaftlich qualifizierten Arbeitskräften, die neue Technologien entwickeln und bedienen können, an Sozialtechnologen, die die aus dem verschärften Widerspruch zwischen der Vergesellschaftung der Produktion und den privaten Formen der Aneignung und Verfügung entstehenden neuen sozialen Spannungen bewältigen helfen, usw. Andererseits aber wächst mit der im Kapitalinteresse notwendigen Verbesserung der Ausbildung zur Höherqualifikation von Arbeitskräften in verschiedenen Ebenen und Bereichen gleichzeitig das kritische Potential; Denken und Urteilskraft haben in sich die Tendenz zum Hinterfragen immer weiterer Voraussetzungen, und wachsendes Wissen ist immer auch die wachsende Einsicht in die Notwendigkeit von noch mehr und noch genauerem Wissen und fördert die Erkenntnis des Zusammenhangs von Wissen und Macht zur Bestimmung über die eigenen Lebensverhältnisse.“
Klaus Holzkamp, „Die Situation an den Hochschulen und die Notwendigkeit einer Wende“, 1977
Den zivilgesellschaftlichen Institutionen der Bildung und Wissenschaft kommt direkte Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt zu, da in ihnen die allgemeine Tendenz der wissenschaftlichen Vergesellschaftung realisiert wird. Der hochqualifizierte Mensch selbst wird zur entscheidenden Produktivkraft, Wissenschaft und Gesellschaft rücken immer näher zusammen. Dadurch gewinnen die je einzelnen einen hohen Grad allgemeiner Wirkung und subjektiver Entfaltung, so dass die Subjekte zunehmend planend und organisierend neben die unmittelbare Produktion treten könnten. Das macht erforderlich, dass die unmittelbaren Produzenten wissenschaftlich und künstlerisch qualifiziert und gemeinsam den Arbeitsprozess bestimmen, womit die Arbeiterklasse tendenziell zur Intelligenz wird.
Über die Höherqualifizierung kommt somit den zivilgesellschaftlichen Institutionen tendenziell eine höhere Bedeutung im Verhältnis zum Staat zu. Als fortschrittliche Notwendigkeit beinhaltet diese Entwicklung die Möglichkeit der allgemeinen Bestimmung und Verfügung Aller über die menschlichen Belange im gesellschaftlichen Prozess. Kapitalistisch deformiert führt die Entwicklung zur „Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“ zur Aufrechterhaltung und Zuspitzung von Ausbeutung und Entfremdung.
Die gesellschaftliche Widersprüchlichkeit ist somit in den Wissenschaften repräsentiert und wird dort entwickelt und reproduziert. Im Streit um die Ausrichtung von Bildung und Wissenschaft treten die gesellschaftlichen Widersprüche deutlich zu Tage, da sich antagonistische Entwicklungsoptionen gegenüberstehen.
Der Grundwiderspruch – die Individuen sollen unter kapitalistischen Verhältnissen höhere Qualifikation und Einsicht unter Absehung ihres eigenen als verallgemeinerbaren Interesses realisieren, statt über Art, Inhalt und Methode gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion qualifiziert und kooperativ bestimmen zu können – verschärft sich im Zuge der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, da wissenschaftliche Erkenntnisse immer unmittelbarer gesellschaftliche Anwendung finden und das Kapital die Ergebnisse direkt zur Sicherung und Maximierung eigener Profite abfordert. Inhalt, Methode und Ergebnis menschlicher Qualifikation sollen dementsprechend durch das Profitinteresse bestimmt sein. Die Widersprüchlichkeit spitzt sich also in der Grundfrage nach Tausch – oder Gebrauchswertorientierung menschlicher Qualifikation – d.h. nach Privatisierung oder Demokratisierung der Bildungsinstitutionen – zu.
3. Erweiterte Politik der gewerkschaftlichen Orientierung
„Galilei: […] Ich halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein.“
Bertolt Brecht, „Leben des Galilei“, 1939 (1948)
Seit Anfang der 1970er Jahre bis 1989 war das von den prosozialistischen Hochschulgruppen entwickelte Konzept der gewerkschaftlichen Orientierung (GO) hegemonial in den Studierendenschaften. Die entscheidende Errungenschaft der GO-Politik bestand in der Erkenntnis, dass sich die sozialen und kulturellen Interessen der Studierenden nicht von denen der großen Mehrheit der Bevölkerung unterscheiden. Somit wurde im Bündnis mit der Arbeiterklasse, mit sozialen Bewegungen, Friedensbewegung und den Gewerkschaften versucht die gemeinsamen materiellen und sozialen Interessen gesellschaftlich durchzusetzen.
Diese GO-Politik ist heute neu aufzugreifen. Ihre notwendige aktuelle Weiterentwicklung besteht in der stärkeren Einheit von Hochschulpolitik als soziale Interessenvertretung und Wissenschaftspolitik als Kampf um verstärkt sozialistisch Inhaltlichkeit. Erforderlich ist ein Ansatz politischen Wirkens, der die Inhalte und Methoden von Wissenschaft, ihre gesellschaftliche Praxisrelevanz sowie entsprechend begründeter Forderungen nach materieller Ausstattung und sozialer Absicherung der in diesem Bereich Tätigen umfasst.
Daraus ergeben sich die folgenden zentralen Konfliktfelder:
a) Überwindung des restriktiven Ba/Ma-Systems
Die strikt formalisierten und restriktiven Bachelor/Master-Studiengänge sind eine Würgeschlinge für kritische Reflexion und emanzipatorische Ansprüche. Seit der den 1960er Jahren wird von Kapitalseite versucht, die notwendige soziale Öffnung der Hochschulen mit der Etablierung einer Trennung von Masse und Elite zu verbinden. Hier wird der paradoxe Versuch unternommen, die Notwendigkeit allgemeiner Höherqualifikation mit der Unterbindung erweiterter emanzipatorischer Ansprüche durch Bildung zu Verbinden. Schlau-dumm geht aber nicht, entweder oder.
Der Creditpoint-Fordismus, die Fertigwaren- Module, der technokratische Fristen-Dogmatismus, die Selektionsstufe des Ba/Ma-Übergangs und der überwachungsstaatliche Kontrollzwang im Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden sowie die Scheinidentität des realen Widerspruchs von Prüfung und Lernen müssen aus dem Studium eliminiert werden. Dies ist gleichbedeutend mit der Abschaffung des Ba/Ma-Systems.
Statt dessen muss eine Studienreform durchgesetzt werden, die neu die Möglichkeit für vertieftes Lernen, eine solidarische Lernkultur der gegenseitigen Begeisterung, für den kritischen Gesellschaftsbezug der Wissenschaften (gegen Verwertungsdogma und gegen Krieg) und mehr Muße für das politische Engagement in Hochschule und Gesellschaft schafft.
b) Soziale Öffnung der Hochschulen
Der Hauptzweck sozialer Prekarität durch Wohnungsnot, lächerliches BAföG, „verdeckte“ Studiengebühren, Lohnsklaverei etc. ist die Lenkungsfunktion. Unter diesem sozialen und ideologischen Druck soll von den Studierenden in kürzester Zeit nur noch gelernt werden, womit man sich ’just in time’ auf dem Arbeitsmarkt verkaufen soll. Nicht nur die Bildung, sondern vor allem der Mensch selber soll nur noch als Ware begriffen werden. Für diese Funktion ist der soziale Druck entscheidend, schon deshalb können Gebührenmodelle aller Art niemals nicht sozial selektiv sein.
In allen Bundesländern sind daher Studiengebühren für Ausländer*innen und „Langzeitstudierende“ sowie „Verwaltungs“gebühren (wieder) abzuschaffen. Die soziale Unbedrängtheit ist entscheidend dafür, dass die Bildungssubjekte die Muße haben, sich als mündige Bürger durch einen kritischen Gesellschaftsbezug in Studium und Lehre zu qualifizieren.
Für diese Muße sowie eine neue soziale Öffnung der Hochschulen muss für die Erweiterung das BAföG zu einem elternunabhängigen zinslosen Vollzuschuss gekämpft werden.
c) Demokratisierung der Wissenschaftsinstitutionen
Mit der Orientierung auf die „employability“ und der Ausbildung von „Humankapital“ war eine Entdemokratisierung der Hochschulen und ihre managementmäßige Umstrukturierung nach dem Vorbild von Unternehmen verbunden. Insbesondere die Studierenden sollten sich nicht mehr als Mitglieder der Hochschule sondern als Kunden begreifen. Was jedoch dort (Unternehmen) nicht funktioniert, kann in Bildung und Wissenschaft erst recht nicht aufgehen: die Etablierung von Marktanarchie und z.B. technokratischer Verwaltung der Studierenden führt zu Chaos, Mehrarbeit und wenig funktionierenden Abläufen (z.B. Studienplatzvergabe).
Es muss daher eine massive (Re)Demokratisierung der Institutionen geben, die von dem Verständnis der Hochschulen als öffentliche Angelegenheit (res publica) ausgeht in der die Mitglieder gleichberechtigt über die Entwicklung beraten und entscheiden.
Die Abschaffung von Hochschulräten, die Reinstallation von akademischen Gruppengremien, die Zuweisung der wesentlichen Entscheidungskompetenzen an diese Gremien, insbesondere die Konstituierung von gesamtinstitutionellen Grundsatzgremien, die Einführung von Viertelparitäten, die Reduktion von Leitungspersonen auf Sprecherfunktionen und ihre demokratische Wahl von unten sind Eckpunkte einer solchen Demokratisierung.
d) Bedarfsdeckende öffentliche Finanzierung
Die dauerhaften finanziellen Kürzungen für die Wissenschaftseinrichtungen sind kein Sachzwang, sondern politisch gewollt. Unter dem Druck knapper Finanzen steigt die Abhängigkeit von Drittmittelgebern und damit auch der Druck inhaltlicher Unterwerfung. Verlängert wird dies innerhalb der Hochschulen mit Ziel- und Leistungsvereinbarungen, Kennziffern und ähnlichen kommerziellen Instrumenten. Dies ist gegen die kritische Inhaltlichkeit gerichtet und die forcierte Konkurrenz zerstört die für Bildung und Wissenschaft notwendige Kooperation.
Dagegen ist für eine bedarfsdeckende öffentliche Finanzierung der Hochschulen einschließlich ihrer inhaltlichen Weiterentwicklung, sozialen Öffnung und Überwindung der Ba/Ma-Selektivität zu kämpfen.
Gemeinsam mit anderen öffentlichen Einrichtungen für Soziales, Bildung, Kultur und Gesundheit ist deshalb nachdrücklich für die Abschaffung der „Schuldenbremse“ zu kämpfen.
e) Wirksam gegen Rechts
Die wirksamste Waffe gegen Rechts ist und bleibt Solidarität und die Entwicklung gemeinsamer Handlungsfähigkeit. Wir müssen die menschenfeindliche Politik der AfD entlarven, ihren defensiven Zusammenhang mit der Krise des Neoliberalismus verdeutlichen und unsere friedens-, wissenschafts- und sozialpolitische Arbeit in den Hochschulen verstärken. Soziale Ungleichheit und kulturelle Verzweiflung sind die überwindbaren Quellen gesellschaftlicher Verrohung; sie waren es in der Geschichte – woraus für die Gegenwart mit Nachdruck zu lernen ist. Gedenklesungen zur Hebung des kulturellen Erbes pazifistischer, humanistischer, sozialistischer, kommunistischer, jüdischer Vorkämpfer*innen, deren Bücher 1933 verbrannt wurden, Mahnwachen zum tätigen Erinnern an die Reichspogromnacht und Aufklärung über den faschistischen und damals wie heute kompensatorischen Gehalt des Filmes „Die Feuerzangenbowle“ sind wesentliche Säulen der Herausbildung einer nach vorne weisenden antifaschistischen Kultur an den Hochschulen und über sie hinaus.
4. Engagement in den Gremien
a) Fachschaftsräte (FSRe)
Die Fachschaftsräte sind die Basisorganisationen der Verfassten Studierendenschaften. Sie sind neben den politischen Hochschulgruppen der erste Ort studentischer Organisiertheit. Sie können von zentraler Bedeutung dafür sein, die Vereinzelung in der Bewältigung des Studienalltags zu überwinden, so dass sich die Studierenden zusammenschließen, um die Hochschule und ihr Studium humanistisch zu verändern.
Der Studierendenverband wird daher einen Schwerpunkt seines Engagements in den FSRen setzen. Dabei wird es darauf ankommen, gegen die Vorstellung der FSRe als Organisatoren von Partys und Pokerturnieren für ihre Politisierung zu kämpfen. Mit Vollversammlungen, Flugblättern, Infotischen und Aktionen können die FSRe dazu beitragen, sich mit den wesentlichen hochschulpolitischen Themen und insbesondere mit Fragen der Wissenschaftskritik in der Spezifik des je eigenen Faches zu befassen.
b) Parlamente und Asten
Das Engagement in den studentischen Parlamenten und in den Allgemeinen Studierendenausschüssen kann von großer Bedeutung für die Politisierung des jeweiligen Campus sein.
In den Parlamenten unternimmt der Studierendenverband vor allem Initiativen zur stärkeren Verknüpfung hochschul- und wissenschaftspolitischer Fragen mit dem gesellschaftlichen Kontext (Frieden, AntiFa, gegen Schuldenbremse, etc.).
Die Beteiligung in einem AStA ist ganz wesentlich davon abhängig, inwieweit die Stärke der jeweiligen Gruppe und die Konstellation vor Ort die Möglichkeit eröffnet, die sozialistischen Positionen des Studierendenverbandes stärker zu verallgemeinern.
c) Akademische Selbstverwaltung
Für die akademischen Gremien sucht der Studierendenverband die Kooperation mit Fachschaftsaktiven und anderen linken Hochschulgruppen. Wir tun dies in dem Selbstbewusstsein, eine Entwicklungsperspektive für die Hochschule in der Gesellschaft zu haben, die insbesondere viele Personen in den Leitungsfunktionen, die im neoliberalen Mainstream auf ihre Posten gespült wurden, nicht haben. Wir übernehmen Gesamtverantwortung.
In den Gremien wird die Zusammenarbeit mit Vertreter*innen aller Mitgliedergruppen gesucht und insbesondere auch ein anti-neoliberales Bündnis mit bürgerlichen Humanist*innen in Stellung zu bringen.
A20. Interne Bildung stärken: Eine Sommerakademie 2020 zu „Marxistischen Grundlagen, Staatstheorie, Bildungspolitik und Ökosozialismus“
Der Verband hat mittlerweile über 60 Hochschulgruppen über das gesamte Bundesgebiet verteilt und wächst beständig weiter. Das ist kein Wunder, denn neben dem Aktivismus zahlreicher Genoss*innen in beispielsweise der Klimagerechtigkeitsbewegung oder der lokalen Hochschulpolitik sorgen doch stetig neoliberale Bildungsreformen dafür, dass außerhalb von Strukturen wie dem SDS kaum noch kritische Bildung stattfindet. Besonders in solchen Zeiten ist es wichtig zusammen zu kommen und uns kollektives Wissen zu wichtigen Kernthemen unserer politischen Praxis anzueignen. Der verbandsinterne zentrale Ort dafür ist die, schon seit vielen Jahren stattfindende, Sommerakademie (SAK). Auch dieses Jahr wollen wir uns gemeinsam innerhalb dreier inhaltlichen Schienen weiterbilden und unsere verbandsinternen Positionierung schärfen. Die einzelnen Schienen sollen so gestaltet sein, dass ein Einstieg auch ohne Vorwissen möglich ist, um sicherzustellen, dass die Akademie auch weiterhin für Neumitglieder und neue Gruppen attraktiv ist. Dabei soll eines der Kernthemen die Auseinandersetzung mit Grundlagen der sozialistischen bzw. marxistischen Theorie bilden. Bei der Gestaltung der einzelnen Schienen soll versucht werden, die inhaltlichen Wünsche der Basis zu berücksichtigen. Das Orgateam hat entsprechend Sorge zu tragen, dass in den Schienen ein Mechanismus der Basisorientierung gegeben ist. Trotz der Festlegung der Schienen auf zwei spezifische Themen soll sowohl der Praxisbezug als auch die Verschrränkung mit anderen wichtigen Kernfeldern des Verbandes gewahrt werden. Das bisherige SAK-Team soll zeitnahe versuchen eine Telefonkonferenz durchzuführen, in der Interessierte sich dem Orga-Team anschließen können. Zudem soll den Gruppen eine Auswahl von Texten zur Verfügung gestellt werden, die sie bis zur SAK lesen und gemeinsam diskutieren können. Die so gelesenen Inhalte können als Inspiration für Debatten auf der SAK dienen. So kann die SAK nicht „nur“ als einmaliges Bildungsangebot genutzt werden, sondern auch als Ort, an denen wir die Ergebnisse von Diskussionen zusammentragen, die in unseren Gruppen in inhaltlichen Plena, Lesekreisen o.ä. bereits im Vorhinein geführt wurden.
Die Orientierung auf ein Angebot, welches dem Bedürfnis der Genossen*innen entspricht, erscheint uns als absolut notwendig, dennoch wollen wir im Folgenden ein paar Rahmenvorschläge machen, an denen sich die Sommerakademie als Leitthemen orientieren soll:
1. Marxistische/ Materialistische Staatstheorie: Staat, Partei und Bewegung
Welche Form und Funktion hat der Staat in einer kapitalistischen Gesellschaft? Handelt der Staat immer imperialistisch, patriarchal, rassistisch und kapitalistisch im Sinne der nationalen Bourgoisie? Selbst Marxist*innen sind sich in dieser Frage nicht einig. Die einen sehen den Staat als bloßen Agenten der bürgerlichen Klassen, andere sehen in ihm eine Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Einig sind sie sich jedoch alle darin, dass die Analyse des Staates zentral für die Veränderung unserer Gesellschaft ist. Um zu verändern und politisch handlungsfähig zu werden, brauchen wir ein Bewusstsein davon welche Handlungsmöglichkeiten und Handlungsrahmen es für die verschiedene Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften und Bewegungen gibt. Sind Akteure wie Parteien und Bewegungen auf den Staat angewiesen oder sollten sie diesen vielmehr bekämpfen? Reicht es die Regierung zu erobern um den Staat zu lenken und damit die Gesellschaft zu verändern?
(Ein paar Workshops dieser Schiene sollen auch in der „Marxistischen Grundlagenschiene“ angeboten werden. Insbesondere da im Verband noch nicht so viel Wissen zu Staatstheorie vorhanden ist bzw. noch nicht so viel Austausch dazu stattgefunden hat.)
2. Bildungspolitik/ Hochschulpolitik
Bildung und Wissenschaft sowie die Orte ihrer Vermittlung, die Schulen und Hochschule, sind politische Kampffelder um Hegemonie. Gerungen wird um die Köpfe und Herzen der Menschen und um wissenschaftlichen Fortschritt, der den Vielen nutzt und nicht nur Wenigen. Werden zum Beispiel Energiequellen erforscht, die zur Klimagerechtigkeit beitragen oder nur solche, die den größten Gewinn abwerfen? Werden neue Rüstungsgüter entwickelt oder bessere Medikamente gegen Krebs und HIV entwickelt?
Die Hochschule ist immer auch Abbild der Gesellschaft und reproduziert Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse: Wer hat Zugang zu Hochschulen und wer nicht?; Wer schafft einen Bachlorabschluss und wer dann noch einen Master oder gar höheren Abschluss?; Wer muss neben dem Studim lohnarbeiten?; Unter welchen Bedingungen wird an der Hochschule gearbeitet?; Wer lehrt was an der Hochschule und wie wird gelehrt und gelernt?; Für wen wird überhaupt geforscht? Als linker Hochschulverband wollen wir unsere sozialistische Vorstellung einer Hochschule für Alle von Allen entwickeln, die Raum für Entfaltung und Weiterentwicklung, abseits von Leistungsterror bietet und im Dienste aller Menschen steht.
An der Universität können wir prägende Erfahrungen durch die Artikulation unserer Interessen und der Notwendigkeit sich Einzumischen und sich zu Organisieren sammeln. Diese kollektiven Erfahrungen in der Studizeit können uns helfen und ermutigen uns auch in Kämpfen in den Betrieben oder auf anderen gesellschaftlichen Kampffeldern aktiv einzusetzen.
3. Ökosozialismus
Im letzten Jahr ist die Klimabewegung in Deutschland und auch global mit Fridays For Future rasant gewachsen. Im ganzen Bundesgebiet haben sich in den vergangen Monaten an den Hochschulen Students for Future-Gruppen gegründet, an welchen sich einige Mitglieder des SDS stark beteiligen. Nach der bundesweiten Klimastreikwoche und den public climate schools stellt sich nun die Frage nach weiteren Strategien und den nächsten Schritten, sowohl bei Students for Future, als auch in den Strukturen von Fridays for Future. Die Studierenden (des SDS) haben jetzt die Möglichkeit, diese Bewegung zu prägen. Unter anderem die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, die hier initiiert wurde, soll noch weiter gestärkt werden.
Wir müssen uns jetzt mit den Strukturfragen, aber als Verband auch mit den politischen Ausrichtungen der Klimabewegung befassen. In welche politische Richtung bewegt sich Fridays for Future? Was ist unsere Aufgabe als Sozialist*innen in dieser Bewegung?
4. Antirassismus und migrantische Organisierung
Rassismus bleibt nicht nur auf der Ebene ideologischer Unterdrückung stehen, sondern manifestiert sich auf sozioökonomischer Ebene auch als gesellschaftliches Verhältnis. Deshalb müssen wir, um letztendlich erfolgreich zu sein, den Kampf um einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts gemeinsam mit den Menschen führen, die von Rassismus betroffen sind. Sozialistische Organisationen wie der SDS müssen so gestaltet werden, dass sie wirksame Partner*innen für den Aufbau antirassistischer Kämpfe und mögliche Organisierungspunkte für von Rassismus betroffener Menschen sein können. Ziel des Leitthemas ist es, Seminare und Workshops anzubieten, die Hürden für migrantische Organisierung im SDS zu thematisieren, uns für (eigene) Rassismen zu sensibilisieren und zu diskutieren, wie wir Menschen mit Rassismuserfahrung und ihre Kämpfe bestmöglich stärken können. Inhaltlich schwebt uns ein Fokus auf die Unterthemen Dimensionen des Rassismus (insbesondere Rassismus als gesellschaftliches Phänomen/ Alltagsrassismus/Reflexion über Privilegien), migrantische Organisierung, Intersektionalität und Antikolonialismus vor.
Zusammenfassend schlagen wir vor die Sommerakademie 2020 unter dem Themenkreis „Kritische Bildung bewahren: Marxistische Grundlagen, Staatstheorie, Bildungspolitik und Ökosozialismus“ durchzuführen. Wir schlagen weiterhin vor, dass sich bemüht wird Aktivist*Innen aus den verschiedensten Kämpfen einzuladen, um eine Betonung der Verschränkung verschiedenster sozialistischer Themenfelder zu gewährleisten.
Wir orientieren uns bei der Beschlussfassung zur Sommerakademie auch an den anderen Inhalten unserer Politischen Bildung/ Seminare, die für 2020 geplant/ beschlossen werden.
A22. Aktiv in Frauen*streik
Die Linke.SDS unterstützt aktiv den Frauen*streik 2020. Die Linke.SDS führt eine zentral koordinierte, dezentrale, niedrigschwellige Aktion durch. Die Linke.SDS bemüht sich das Thema Frauen*streik stärker im Hochschulbetrieb sichtbarer zu machen.
A25. Delegation zur ÖPNV-Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung
Die Linke.SDS entsendet eine Delegation zu der ÖPNV-Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die voraussichtlich Anfang Mai in Leipzig stattfinden wird. Sobald es Informationen zum Programm und zur genauen Planung der Konferenz gibt, soll der Bundesvorstand oder die Geschäftsführung der Verband darüber informieren. Ein finanzieller Rahmen soll in Abstimmung mit Bundesvorstand und Geschäftsführung erarbeitet werden.
A26. Seminar zum Thema migrantische Organisierung & Antirassismus im SDS
Im Jahr 2020 soll es ein Seminar des Bundesverbandes zum Thema migrantische Organisierung & Antirassismus geben. Für dieses werden finanzielle Mittel beantragt, sowie organisatorische Unterstützung aus dem Bundesvorstand beantragt. Die Ziele des Seminars sind Hürden für migrantische Organisierung im SDS zu erkennen und abzubauen, uns für (eigene) Rassismen zu sensibilisieren und zu diskutieren, wie wir Menschen mit Rassismuserfahrung und ihre Kämpfe bestmöglich stärken können. Dabei sollen auch bereits gemachte Erfahrungen reflektiert werden (z. B. aus Bündnisarbeit), um in Zukunft Fehler zu vermeiden und an positive Beispiele anzuknüpfen. Als Resultat aus dem Seminar soll möglichst ein Format entstehen, mit dem SDS-Basisgruppen diesbezüglich sensibilisiert und gebildet werden (z. B. ein Vortrag oder eine Broschüre).
A28. Streik als politische Praxis – Seminarwochenende
Im kommenden Jahr soll ein Seminar zum Thema “Streik als politische Praxis” stattfinden. Der Bundesvorstand und die Geschäftsführung werden mit der Unterstützung bei der Umsetzung und der Erstellung eines Finanzierungskonzeptes beauftragt.
24. Bundeskongress (Juni 2019)
/in Bundeskongress /von Martin WählerDer 24. SDS-Bundeskongress fand vom 28. bis 30. Juni 2019 in Münster statt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitende Ergänzungen
Beschlussfassung und Wahlen
Inhaltliche Anträge Teil I
A1. Leitantrag des Bundesvorstandes
A3. Internationale Solidarität stärken – Junge Linke unterstützen
A4. Nachhaltigkeit haben wir zum Fressen gern
A7. Bildungstour in Bayern
A8. Mehr Demokratie organisieren: Ein Verbandswochenende von Die Linke.SDS 2020
A9. Fridays for Future
Dringlichkeitsanträge
D1. Solidarität mit Carola Rackete und Sea-Watch 3
D2. Soziale Bewegung statt Regierung: Kein Rot-Grün-Rot in Bremen
Inhaltliche Anträge Teil II
A2. Bildungsreise Ostdeutschland
A5. Links blinken, rechts abbiegen. Keine Strategie für die Linke!
A6. Schluss mit Kriegstreiberei gegen den Iran!
A10. Wissenschaft für Frieden und Abrüstung
A12. Verbesserungen beginnen mit Opposition
A13. Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung verteidigen – der feministische Kampf geht weiter!
A14. Kampf gegen Rechts langfristig anlegen – sozialistische Alternative statt Bündnissen mit der CDU
Einleitende Ergänzung
Beschlussfassung und Wahlen
Beschlussfassung:
In diesem Heft sind sämtliche, auf dem XXIV. Bundeskongress von Die Linke.SDS am 28. – 30. Juni in Münster, beschlossene Anträge im Beschlusstext veröffentlicht. Redaktionelle Anpassungen bleiben davon unberührt. Dringlichkeitsanträge sind mit einem D gekennzeichnet.
Anträge, die vom Bundeskongress an den Bundesvorstand delegiert wurden, sind im Abschnitt Inhaltliche Anträge Teil 2 veröffentlicht.
Antrag A2 wurde vom Bundesvorstand mit Änderungen angenommen, A10 wurde angenommen, A12 wurde mit Änderungen angenommen, A13 wurde angenommen, A14 wurde mit Änderungen angenommen.
Antrag A11 und A15 wurden zurückgezogen.
Bei der Wahl zur Bundesgeschäftsführung wurde Kenja Felger gewählt.
Bei den Wahlen zum Bundesvorstand wurde Jeremiah Nollenberger zum Schatzmeister, Franziska Kasüske, Charlotte Papke und Margarita Kavali auf der Liste zur Erfüllung der Mindestquotierung, sowie Roberto del Aurel und Fabian Korner auf der offenen Liste gewählt
Für die Delegation zum Bundesparteitag der Partei DIE LINKE wurden auf der Liste zur Erfüllung der Mindestquotierung Laura Mons (Die Linke.SDS TU/UdK Berlin), Daphne Weber und Nina Papenfuß gewählt. Auf der offenen Liste wurden Jeremiah Nollenberger, Jonas Bradl (Die Linke.SDS TU/UdK Berlin) und Dorian Tigges gewählt.
Inhaltliche Anträge
A1. Leitantrag des Bundesvorstandes
Antragssteller*in: Bundesvorstand
Politische Lage
Im Fokus unseres letzten Leitantrages stand die EU-Wahl. Heute, ein halbes Jahr später, können wir den Ausgang dieser Wahl nur als dramatischen Weckruf für die europäische Linke interpretieren. Die GUE/NGL verlor fast ein Viertel ihrer Sitze. In Deutschland verlor Die Linke fast zwei Prozent der Stimmen und kann damit, neben der Union und der SPD, als Verliererin der Wahl gelten – zumindest in Ostdeutschland, wo es auch, angesichts der stark gestiegenen Wahlbeteiligung, zu einem realen Stimmenverlust gekommen ist. Zurückzuführen sind die Verluste auf verschiedene Faktoren. Allgemein hat DIE LINKE in europaweiten Wahlen einen schwereren Stand als in nationalen Wahlen. Das zeigte sich etwa bei der Kommunalwahl in Hamburg, oder in Bremen, wo wir bei der Bürgerschaftswahl über 11 %, in der Europawahl dagegen 8 % holten.
Gegenüber der EU muss sich DIE LINKE aber auch Strategiefehler eingestehen. Das Verhältnis der Partei zur EU ist uneinheitlich und umkämpft. Die Partei hat es nicht geschafft, das vorherrschende Narrativ „EU oder Nationalismus“ zu durchbrechen, und eine Kritik an der asozialen Politik der EU mitsamt einer überzeugenden Alternative eines solidarischen Internationalismus greifbar zu machen. Zudem konnte DIE LINKE nicht von der gesteigerten Aufmerksamkeit für den Kampf gegen die Klimakrise profitieren, welche den Grünen beinahe eine Verdoppelung ihres Stimmenanteils bescherte. Trotz einer wesentlich konsequenteren Klima-Programmatik wird DIE LINKE nicht als „Klima-Partei“ wahrgenommen. Ähnlich verhält es sich mit den antirassistischen Bewegungen. Auch hier konnte DIE LINKE nicht punkten, was unter Anderem auch an dem zähen Fraktionskonflikt der letzten Jahre lag. Mit den starken Zugewinnen der Rechten, der Grünen und der Liberalen im Parlament ist also kein Ende der europäischen Austeritätspolitik, dem massenhaften Sterben im Mittelmeer und der Aufrüstung im Rahmen von PESCO zu erwarten. Die EU war, ist und bleibt ein Instrument der rücksichtslosen Profitmaximierung insbesondere deutscher Unternehmen, auf das die europäische Linke nach wie vor keine kohärente Antwort gefunden hat.
Die neuen Entwicklungen in der EU spielen sich vor dem Hintergrund zunehmender globaler Konflikte zwischen imperialistischen Großmächten ab. Neben dem Dauerkonflikt in Syrien, dessen Brutalität im Gegensatz zur Aufmerksamkeit der Medien in keinster Weise abgenommen hat, mussten wir dies insbesondere in Venezuela beobachten. Die schamlose Offenheit, mit der die USA und andere den Putschversuch Guaidós unterstützten, um sich Kontrolle über die großen Erdölreserven des Landes zu sichern, beweist die Aktualität des Imperialismus ebenso wie der anhaltende Handelskonflikt zwischen den USA und China. Während sich überdies die Anzeichen für eine neuerliche Rezession der Weltwirtschaft häufen, wird immer offensichtlicher, dass die Zukunft kaum stabiler und friedlicher als die Gegenwart sein wird.
Die EU-Wahl hatte, wenige Monate vor den Landtagswahlen im Osten, auch Konsequenzen auf Bundesebene. Durch den Rücktritt Andrea Nahles ist die Große Koalition in eine tiefe Krise geraten. Zum Zeitpunkt, zu dem wir diesen Text schreiben, stehen Neuwahlen zur Debatte. Die sogenannten „Volksparteien“ sehen sich zwischen dem rapiden Aufstieg der Grünen und der AfD aufgerieben. Die AfD ist, nachdem ihre Themen weitestgehend aus den Medien verschwunden sind, zwar in eine Phase der Wähler*innenstagnation eingetreten, baut aber weiterhin ihre Stellung in den (insbesondere ostdeutschen) Hochburgen aus und kratzt dort an den Mehrheiten der Union.
Derweil kann DIE LINKE, anders als die Grünen, weder einen signifikanten Mitgliederanstieg, noch Stimmenzuwachs verzeichnen. Vor dem anstehenden Rücktritt Sahra Wagenknechts befindet sich die Partei in der Neuorientierung. Ansatzpunkte für eine Verschiebung der öffentlichen Debatte nach links finden sich hingegen genug. So zum Beispiel in der jüngsten Enteignungsdebatte, welche angetrieben von Initiativen wie Deutsche Wohnen enteignen, den Raum des politisch Denkbaren und Möglichen spürbar nach links veschiebt. Demokratischer Sozialismus und radikale Reformen werden Schritt für Schritt wieder diskursfähig. Seine Wurzeln hat dies auch in der Erschütterung der neoliberalen Diskurshegemonie innerhalb des letzten Jahrzehnts. Auch die Debatte um Klimaschutz wirft, zumindest in ihrer Konsequenz, die Systemfrage auf. Als Folge können wir die Politisierung vieler junger Menschen beobachten, die durch die Bewegungen um Klimagerechtigkeit aktiv werden. Die Aufgabe einer sozialistischen Linken dabei ist, jeder der wichtigen Fragen unserer Zeit innerhalb des kapitalistischen Gesellschaftssystems zu betrachten. Als sozialistischer Studierendenverband und als kritische Wissenschaftler müssen wir dieses nutzen, um Kämpfe zu führen und zu verbinden und Solidarität mit allen Geknechteten dieses Systems zu üben. Der Linken werden also vielfältige Möglichkeiten geboten, sich als glaubhafte Alternative zum Sozialabbau, zu Nationalismus und Rassismus, zur seit der Agenda 2010 anhaltenden Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes, zu Mietenwahnsinn und der Priorisierung von Kapitalinteressen über die Gesundheit unseres Heimatplaneten zu etablieren.
Kämpfe verbinden: Klima, der Frieden und der Kampf gegen Rechts
Wie das konkret aussehen kann, macht nicht zuletzt der SDS vor. Als Verband haben wir
maßgeblichen Anteil an den Bewegungen, die das bisherige Jahr geprägt haben. Im Folgenden wollenwir rekapitulieren, warum und wie wir bei Fridays for Future, im Kampf für den Frieden und im Kampf gegen Rechts mitgearbeitet haben, und jeweils Vorschläge formulieren, warum diese Kämpfe zentral sind und wie wir diese Bewegungen weiter voranbringen können. Natürlich beschränken wir uns nicht auf diese drei Kämpfe, da sie nicht die einzigen sind, an denen SDS-Genoss*innen beteiligt sind. Im Kampf gegen hohe Mieten, gegen die neuen Polizeiaufgabengesetze und Austeritätspolitik an den Unis, bei der Organisation des 8. März und vielen weiteren Auseinandersetzungen sind unsere Genoss*innen aktiv und leisten großartige Arbeit.
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1. Kurz vor 12: Die Klimabewegung und Fridays for Future
Die Klimakrise ist Resultat der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Der massive Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre begann mit der Industrialisierung, als fossile Brennstoffe zum Treibstoff einer Wirtschaftsordnung wurden, die Profite über die Interessen von Umwelt und Menschen stellt. Seitdem hat die Nutzung dieser Brennstoffe immer weiter zugenommen: gigantische Wälder wurden gerodet, Industrien pumpen Müll und Giftstoffe in die Ozeane und Natur, es werden gigantische Mengen von Waren vernichtet, weil sie keine Käufer*innen finden – alles auf Kosten der Mehrheit, für die Profite der Wenigen. Seit den 80ern gibt es stichhaltige, wissenschaftliche Beweise für eine menschengemacht Klimakrise, doch ernsthafte Gegenmaßnahmen hat es nicht gegeben. Denn jede noch so kleine Einschränkung der ungehinderten Kapitalakkumulation, dem Herzschlag des Kapitalismus, wird von internationalen Großkonzernen und den ihnen hörigen Staaten verhindert, um, so das Argument, nicht in einen Wettbewerbsnachteil zu geraten. Solange wir im Kapitalismus leben, werden die kurzfristigen Profitinteressen einiger weniger Menschen über die langfristige Erhaltung unser aller Überlebensgrundlagen gestellt werden. Die Wurzeln des Problems sind aber nicht mehr nur in der (Über-)Produktion, sondern auch in anderen Bereichen der Gesellschaft zu finden. Beispielsweise fließen europaweit geschätzt 55 Milliarden Euro staatlicher Gelder in die Subventionierung fossiler Brennstoffe, während gleichzeitig immer mehr Menschen durch Verteuerung, Abbau und Privatisierung öffentlicher Verkehrsmittel in den Individualverkehr gedrängt werden. Die Bedürfnisse des Marktes lassen es nicht zu, dass wir rational und demokratisch darüber entscheiden, woher unsere Energie kommen soll, was auf welche Weise produziert werden soll, wie wir Transport und Mobilität umweltverträglich und für alle zugänglich gestalten wollen. Die Auswirkungen dessen – steigende Meeresspiegel, Verdorrung riesiger Landstriche, Artensterben, Hungersnöte etc. – treffen als erstes und am härtesten die Länder des Trikonts, Arme, Frauen* usw. Es sind gerade solche Länder, die über Jahrzehnte hinweg keine eigenständige Entwicklung einschlagen konnten und von den imperialistischen Staaten als bloße Rohstofflieferanten ausgebeutet und falls notwendig mit Kriegen überzogen wurden. Den Zustand der permanenten Zerstörung von Lebensgrundlagen kann nur die Arbeiter*innenklasse beenden, indem sie sich gegen das Gesamtsystem der kapitalistischen Ausbeutung zur Wehr setzt, und dadurch die bewusste Kontrolle über die Produktion der gesellschaftlichen Reichtümer erlangt.
Eine plurale Bewegung auf der Suche nach einer Strategie
Die Klimabewegung, die dieses Jahr die Schlagzeilen bestimmt und Tausende politisiert hat, basiert dagegen noch auf einem breiteren Selbstverständnis. In Fridays for Future (FFF) etc. vermischt sich ein mehr oder weniger expliziter Antikapitalismus mit einem starken Fokus auf individuelle Konsumkritik und große Hoffnungen in die Entscheidungsmacht von Parlamenten. Das erklärt sich natürlich aus der Pluralität der Bewegung und der Tatsache, dass viele der Aktivist*innen noch sehr jung und oft erstmals politisch aktiv sind. Diese Pluralität ist einerseits eine Stärke der Bewegung, weil sie ermöglicht, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung hinter diese stellt, wie Umfragen gezeigt haben. Flankiert vom zivilen Ungehorsam der Gruppen Extinction Rebellion und Ende Gelände hat FFF in den letzten Monaten tausende junge Menschen politisiert, sämtliche Parteien vor sich hergetrieben und gezeigt, wie viel Macht außerparlamentarische Bewegungen mit massenhafter Rückendeckung entfalten können. Andererseits darf ihre Pluralität nicht in strategischer Beliebigkeit enden, wenn die Klimabewegung reale Erfolge erzielen und nicht in den Ermüdungserscheinungen versanden soll, denen sich früher oder später jede Bewegung stellen muss. Mittelfristig braucht die Klimabewegung zudem eine gesellschaftliche Basis, die über Schüler*innen und Studierende hinausgeht und eine Strategie, wie sie ihre Forderungen auch umsetzen kann. Letztlich braucht sie diese Strategie auch, um sich vor der Einbindung in die Interessen der Regierenden zu schützen.
Entlang dieser Lageeinschätzung der Klimabewegung schlagen wir vor, als SDS die folgenden Ansätze weiter zu stärken, die wir bereits in den vergangenen Monaten verfolgt haben.
Erstens: Eine Mehrheitsbewegung aufbauen
Erstens wollen wir als genuiner Teil der Bewegung weiter zu ihrem Wachstum und Erfolg beitragen. Denn einen antikapitalistischen Kampf für Klimagerechtigkeit aufzunehmen heißt, eine Mehrheitsbewegung aufzubauen – einer Mehrheit an den Hochschulen und dann in der Gesellschaft. Im Laufe der vergangenen Monate haben wir durch systematischen Aufbau und Mobilisierung maßgeblich zur Verankerung von FFF an unseren Hochschulen beigetragen. Dabei haben wir einerseits Methoden angewandt, die wir bereits bei der Vorbereitung des 68/18-Kongresses erprobt haben. Beispielsweise haben wir in einer Telefonaktion zusammen mit FFF-Aktiven über hundert ASten und Klima-Aktivist*innen mobilisiert. In mehreren Städten haben wir tausende Unterschriften für Solidaritäts-Petitionen gesammelt und große Vollversammlungen organisiert. Dies waren wichtige Schritte, um die Klimabewegung an den Hochschulen weg von den ohnehin schon überzeugten Aktivist*innen aus dem linken und grünen Milieu hin zu einer Bewegung der Mehrheit der Studierenden zu entwickeln. Über diese und andere Aktionsformen sollten wir uns z.B. im BAK Klimagerechtigkeit intensiv austauschen und mit ihnen FFF weiter stärken.
Zweitens: Vernetzung mit Gewerkschaften vorantreiben
Zweitens wollen wir an den ersten Kontakten zwischen Bewegung und Gewerkschaften anknüpfen und diese zu einer organischen Zusammenarbeit ausbauen. FFF und Co. haben eine beispiellose Dynamik entwickelt, aber noch keine substanziellen Forderungen umgesetzt. Die Gewerkschaften würden den Aktionsformen Schüler*innenstreiks und zivilem Ungehorsam das mächtigste Druckmittel der Arbeiter*innenklasse hinzufügen, den Entzug der Arbeitskraft im Streik. Die Möglichkeit für gemeinsame Forderungen sind groß, das sehen auch große Teile der Gewerkschaften so: Ein massiv ausgebauter und kostenloser öffentlicher Nahverkehr, die Reduktion der Arbeitszeit (laut Studien einer der zentralen potenziellen Hebel zur Senkung des CO2-Ausstoßes), demokratische Entscheidungsfindungen in der Energie- und Automobilindustrie usw. Durch eine Zusammenarbeit, etwa während Tarifrunden der Beschäftigten im öffentlichen Nahverkehr, könnten wir die Gewerkschaften neben Schüler*innen und Studis zu einem zweiten Standbein der Klimabewegung machen. Wir sollten daher weiter für die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften argumentieren und diese, wo möglich, praktisch unterstützen.
Drittens: Vernetzung mit der LINKEN
Drittens und damit zusammenhängend sollten wir unsere Position als Studierendenverband der LINKEN nutzen, um unsere Partei in die Pflicht zu nehmen und auch über sie die Klimabewegung auf eine breitere gesellschaftliche Grundlage zu stellen. DIE LINKE hat gute programmatische Grundlagen zum Thema Klimagerechtigkeit, begnügt sich aber bisher zum größten Teil mit derselben Rolle wie andere Parteien: Man hat warme Worte für die Bewegung, ist aber kein Teil von ihr. Als SDS haben wir in den letzten Monaten vorgemacht, wie DIE LINKE ein strategischer Akteur in FFF sein kann. Diese Ansätze gilt es zu verbreitern und andere Strukturen der Linken mit in die Bewegung zu ziehen.
Viertens: Politische Bildung gegen grünen Kapitalismus
Zuletzt dürfen wir die politische Bildung nicht vergessen. Die Hochschulen sind zentrale Orte von Ideologieproduktion, und die Themen Klimakrise und -gerechtigkeit sind in den Lehrplänen noch immer sträflich unterrepräsentiert. Hier sind wir gefragt, sowohl auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Klimakrise als auch auf eine klassenkämpferische Ausrichtung im Kampf für Klimagerechtigkeit und wie eine just Transition auch in Kohle und Industrieregionen gelingen kann hinzuweisen. Gleichzeitig sind wir als politischer und friedensschaffender Akteur in der Rolle auf die Verbindungen wichtiger Fragen hinzuweisen, die im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert sind, wie die, angesichts der Aufkündigung des INF – Vertrages, erhöhte Gefahr eines Atomkrieges, die eine auf Jahrzehnte irreversible Zerstörung von Lebensräumen und Umwelt bedeuten würde. Hier zeigt sich exemplarisch welche Folgen nicht nur die Industriepolitik, sondern auch Kriegspolitik auf Klima und Menschen hat. Daher ist es einerseits wichtig, dass wir uns im Verband weiter mit linken Theorien zur Klimafrage beschäftigen und die Ergebnisse allen zur Verfügung stellen – der im Verband bereits verbreitete und an vielen Orten referierte Input zur Kritik des Grünen Kapitalismus kann dabei als Vorbild dienen. Die entsprechenden Veranstaltungen auf der Sommerakademie sind ein weiterer Ort, unsere inhaltliche Position zu schärfen. Mit dieser müssen wir andererseits nach außen treten und auf dem Campus intervenieren. In Veranstaltungen oder Kongressen wie dem eintägigen “Klimakongress”, der im Mai in Berlin von der LINKEN und dem SDS organisiert wurde, können wir dabei etwa die Scientists for Future oder Aktivist*innen anderer Klimabewegungen einbinden. Diskussionen dieser Art können auch ein wichtiges Mittel sein, unsere Mitstreiter*innen in FFF und Co. von einer antikapitalistischen Strategie zu überzeugen.
2. Kurz vor Schwarz-Blau: Der Kampf gegen Rechts
Wie die Klimakrise stellen auch die Erfolge, die Rechte weltweit erzielt haben, unsere Gesellschaft vor existenzielle Bedrohungen. Unter dem dünnen sozialen Anstrich, den sich die angeblichen „Vertreter des kleinen Mannes (!)“ von Trump bis Höcke gerne geben, verbergen sich asoziale Gesellschaftsvorstellungen, die mal neoliberale, mal schlichtweg faschistische Formen annehmen. In der Konsequenz stabilisieren und verstärken sie den kapitalistischen, sexistischen und rassistischen Status Quo, gegen den wir kämpfen. Von dem von ihnen geschürten Hass gegenüber allen, die sie als „fremd“ begreifen, führt die Spur unverkennbar zu den tausenden Toten, die die Grenzen Europas gefordert haben, und auf die der gesellschaftliche Aufschrei ausblieb. Zu Anschlägen auf Geflüchtetenunterkünfte und Attacken auf Frauen mit Kopftuch. Zur Spaltung der Belegschaft in Betrieben. Ihre geschlechtlichen Rollenbilder stammen im besten Fall aus den 50ern und sehen reproduktive Selbstbestimmung, die Rechte von LGBTIQ-Menschen und andere Errungenschaften der gesellschaftlichen Linken als Verirrungen einer “links-grün versifften 68-Kultur”, mit denen es schnellstens Schluss zu machen gilt. Nicht zuletzt tragen sie so entscheidend zur Schwächung der Arbeiter*innenklasse bei, deren potenzielle Stärke gerade in ihrer ethnischen, religiösen, sexuellen und geschlechtlichen Vielseitigkeit liegt. Entscheidend ist dabei auch, dass insbesondere die CDU/CSU das Spiel der organisierten Rechten mitspielt. Indem sie deren Forderungen kopieren, treiben sie nur noch mehr Menschen in die Hände des “Originals”, der AfD, und stärken sie damit, statt sie zu schwächen.
Der Nährboden von AfD und Co. ist die Individualisierung und Spaltung, die der Neoliberalismus mit sich bringt, und von der er profitiert. Ihr Nährboden ist die Sparpolitik und die Auswirkungen der kapitalistischen Krise des Jahres 2008, deren Auswirkungen wir noch immer spüren. Zuletzt gehen die Rechten gestärkt aus jeder dieser Krisen heraus, da diese Krise als Krise der Moderne, der Globalisierung oder der Komplexität der Welt verstanden wird. Das Versprechen auf vermeintlich einfache Verhältnisse, zurück zur Heimat und zu den Wurzeln erzeugt ein Gefühl des Vertrauten, gegen das sich die aufklärerischen Kräfte stellen müssen. Doch der Aufstieg der Rechten aus der Krise und sozialer Verwahrlosung ist kein Automatismus: Wirtschaftlich-soziale Krisen, so Antonio Gramsci, “können nur einen günstigeren Boden für die Verbreitung bestimmter Weisen bereiten, die für die ganze weitere Entwicklung des staatlichen Lebens entscheidenden Fragen zu denken, zu stellen und zu lösen”. Ob sich letztlich eine rechte oder eine linke Antwort auf eine Krise durchsetzt, ist also eine Frage der Kräfteverhältnisse, der gesellschaftlichen Macht, das heißt: der Stärke unserer Organisationen. Die einzige Antwort auf den Vormarsch der Rechten ist daher der Aufbau antifaschistischer Gegenmacht, die dem Hass die Solidarität der Vielen entgegenhält, d.h. langfristiger Strukturen, für die Demonstrationen Ausdruck ihrer Stärke, aber nicht letzter Zweck ist.
Antifaschist*innen vor neuen Herausforderungen
In den letzten Jahren wurden erste Schritte auf dem Weg zu einer solchen Gegenmacht getan. Kein Thema hat in den letzten Jahren in Deutschland so viele Menschen auf die Straße getrieben wie der Kampf gegen Rechts. #Unteilbar oder die Proteste in Chemnitz haben gezeigt, dass es eine gesellschaftliche Mehrheit in Deutschland gibt, die sich gegen die plumpe Hetze der AfD stellt und bereit ist, dafür auf die Straße zu gehen. #Unteilbar hat auch gezeigt, dass die Bedrohung der AfD nicht als isoliertes Problem wahrgenommen wird: Von ihr werden Verbindungen zur Abschottung im Mittelmeer, globaler Ungerechtigkeit, sozialen Problemen in Deutschland selbst, zu feministischen Kämpfen usw. gezogen. Das ist nicht unbedingt antikapitalistisch, aber ein gutes Zeichen und entspricht unserer Analyse der Rechten. Allerdings wird sich die Bewegung gegen Rechts wohl bald vor neue Herausforderungen gestellt sehen: Trotz massenhafter Proteste ist die AfD in Umfragen weiterhin recht stabil und versteht es bisher ihr Anti-Establishment-Image aufrecht zu erhalten, oder aber wie in Sachsen sich gesellschaftlich zu verankern. Im Herbst könnten wir in Sachsen sogar die erste schwarz-blaue und damit u.a. von Faschisten gestellte Landesregierung sehen. Trotz der bereits vorhandenen hohen Dichte an rechten und faschistischen Strukturen innerhalb der Polizei, des Verfassungsschutzes und in anderen öffentlichen Apparaten, würde eine solche rechte Regierung eine weitere Verschlimmerung herbeiführen. Die bisherigen Erfahrungen der NSU-Morde, des Hannibal Netzwerks, der Fall Franco A., die rechten Strukturen in der Polizei wie z.B. NSU 2.0 und nicht zuletzt der Mordfall Lübcke zeigen, dass die rechten Strukturen innerhalb des Sicherheitsapparats bereits tief verwurzelt sind. Diese Institutionen besitzen keinerlei Interesse daran die faschistische Organisation in den Sicherheitsapparaten aufzudecken und geschweige denn diese zu bekämpfen. Antifaschistische Organisationen wie der SDS tragen durch ihre Arbeit mehr zur Aufklärung und Bekämpfung rechter Strukturen bei, als die Polizei oder gar der Verfassungsschutz. Diese unterstützen und schützen rechtsextreme und faschistische Organisationen systematisch. Diese empirische Feststellung manifestiert sich zuletzt im Mordfall Lübcke, wo bereits beim NSU-Untersuchungsausschuss jedwedige Warnungen z.B. der hessischen Linksfraktion um den faschistisch organisierten Stephan Ernst ignoriert wurden. Welche Konsequenzen das für linke Organisation, die Aufklärung von rechten Gewalttaten etc. haben wird, können wir uns an einer Hand abzählen. Gleichzeitig verschwinden auch die rechten Straßenmobilisierungen nicht und werden sich durch weitere Wahlerfolge der AfD nur noch bestärkt sehen. Die antifaschistische Bewegung wird früher oder später neue Strategien und Aktionsformen brauchen, um sich dieser neuen Situation stellen zu können.
Als SDS haben wir die Proteste gegen die AfD und Co. in den letzten Jahren immer wieder unterstützt und organisieren auch die nächsten #Unteilbar-Demos vor, die im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen stattfinden werden. Um in Zukunft noch effektiver gegen Rechts zu kämpfen, schlagen wir Folgendes vor:
Erstens: Mobilisierung zu Unteilbar-Demos
Erstens wollen wir weiter die Verbindungen zwischen antifaschistischen, antirassistischen, feministischen und antikapitalistischen Kämpfen stärken, deren Teil wir ja häufig sind. Auf bisher unerreichte Weise hat das die #Unteilbar-Demonstration im vergangenen Jahr geschafft, wo sich Geflüchtete mit streikenden Ryanair-Beschäftigten, feministischen Organisationen und Mieter*innen-Initativen die Bühne teilten und zusammen mit 250.000 Menschen ein klares Zeichen gegen Höcke, Seehofer und Gauland setzten. Dieses Jahr bekommt das Bündnis eine noch größere Bedeutung: Kurz vor den Landtagswahlen sollen zwei #Unteilbar-Demos in Dresden und Leipzig noch einmal zeigen, wie groß der zivilgesellschaftliche Widerstand gegen die AfD ist, und den politischen Preis, den die CDU für eine Koalition mit der AfD zahlen müsste, in die Höhe treiben. Neben der Arbeit unserer Genoss*innen im #Unteilbar-Bündnis bedeutet das für uns, die bundesweite Mobilisierung zu unterstützten und mit so vielen Genoss*innen im Gepäck aus allen Teilen Deutschlands nach Sachsen zu kommen. Wir schlagen außerdem vor, in den FFF-Strukturen für einen Klima-Block auf den #Unteilbar-Demos zu argumentieren. Denn mit einer Regierungspartei, die sich nicht einmal eingestehen kann, dass die Klimakrise menschengemacht ist, wird auch jedem Kampf für Klimagerechtigkeit über Jahre ein Riegel vorgeschoben.
Zweitens: Bildungsstreik gegen Schwarz-Blau
Zweitens ist uns bewusst, dass wir durch Mobilisierungen vor den Landtagswahlen die Dominanz der Rechten in vielen Regionen Ostdeutschlands nicht brechen können. Da ein Regierungseintritt der AfD trotzdem unbedingt zu verhindern ist, wollen wir auch in der Zeit direkt nach der Wahl den öffentlichen Druck aufrecht erhalten. Darum bereiten die Hochschulgruppen schon jetzt unter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten Aktionen gegen die Bildung Schwarz-Blauer Regierungen vor. Die ostdeutschen Hochschulgruppen bereiten sich auf einen Bildungsstreik gegen Schwarz-Blau vor. Der Bildungsstreik thematisiert die zahlreichen programmatische Schnittpunkte zwischen CDU und AfD im Bildungsbereich, sucht die Verbindung zu den von Schüler*innen geprägten Klimastreiks und ist Teil einer breiteren gesellschaftlichen Gegenmobilisierung gegen Schwarz-Blau.
Drittens: Antimuslimischen Rassismus anprangern
Zweitens wollen wir ein besonderes Augenmerk auf den antimuslimischen Rassismus lenken, der zum Merkmal fast aller westlichen Rechten auf der Welt geworden ist. Dieser antimuslimische Rassismus reicht nicht zuletzt weit in ein bürgerliches Lager hinein, das sich selbst vielleicht sogar als antirassistisch verstehen würde – doch Vorurteile gegen Muslime und Muslima sitzen tief und werden von Medien konstant geschürt. Nicht nur die AfD hat muslimische Menschen (oder die, die sie dafür halten) zur Hauptzielscheibe ihres Hasses gemacht, von der Bild über die FAZ bis zum Spiegel wird das Bild des vormodernen, unweigerlich patriarchalen, gewaltverherrlichenden Islams verbreitet. Hier müssen wir uns klar positionieren und betonen, dass Gewalt gegen Frauen etc. keine Frage von Religion, sondern von Unterdrückung in Klassengesellschaften ist. Auch müssen wir uns klar dagegen aussprechen, die Kämpfe gegen antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus gegeneinander auszuspielen – es sind nicht Geflüchtete aus der arabischen Welt, sondern Rechtsradikale, die die große Mehrheit an antisemitischen Gewaltverbrechen begehen.
Viertens: Für einen migrantischen SDS
Drittens muss die Linke und der SDS zu einem Ort werden, an dem sich Migrant*innen als von den Rechten am meisten bedrohte und angefeindete Gruppe organisieren können und wollen. Das wird uns und der gesellschaftlichen Linken abverlangen, sehr grundlegend über unsere Organisationsstruktur, Sprache und Umgangsform zu reflektieren. An dieser Stelle wollen wir aber nur auf den entsprechenden Antrag verweisen und dessen Vorschläge bekräftigen.
3. Ohne Kompromisse – Für eine friedliche Welt
Die Friedensfrage ist eine der zentralsten unserer Zeit. Während in Deutschland darüber geredet wird, dass die EU die Antwort auf alle Fragen ist, haben die Herrschenden schon längst die Antwort auf Vielfachkrisen gefunden, die die letzten Jahre auftraten: Die Vorbereitung eines weiteren imperialistischen Krieges. Die ständigen Kriegsgebärden in Richtung des Irans oder die Einkreisungspolitik gegen Russland und China sind dabei die großen Linien der transatlantischen Kriegstreiber. Die wichtige Rolle der Europäische Union zeigt sich dabei nicht zuletzt in den PESCO Verträgen, die die Mitgliedsländer verpflichtet jedes Jahr real aufzurüsten, um so früher oder später 2 % Ziel der NATO Ziel zu erfüllen. Leider hat das in diesem EU – Wahlkampf, der oftmals nicht über Bejahung oder Verneinung einer scheinbar irgendwie gearteten EU – kaum eine Rolle gespielt. So muss es die Aufgabe einer sozialistischen Linken sein, alle Formen kriegerischer Politik offenzulegen.
Erstens: Neue-alte Kolonialpolitik – das Mittel der Sanktionen.
Nicht zuletzt in Venezuela sehen wir, wie Krieg auf allen Ebenen geführt werden kann: Während die Regime-Change-Strategie der USA als gescheitert betrachtet werden kann, zeigt sich ein beachtlicher Erfolg in der Sanktions-Strategie. Die Einfrierung internationaler Konten und die miserable Devisensituation führt dazu, dass ein großer Teil der venezolanischen Bevölkerung sich durch staatliche Ernährungspakete ernähren muss. Die USA sanktionieren die Lebensmittelkonzerne, welche Hilfspakete liefern und eskalieren damit die Lage weiter. Wie weitreichend Sanktionen sein können und dass sie die den Großteil der Bevölkerung treffen, kann dabei nicht genug betont werden! Allein von 2017 bis 2018 soll es nach einer Studie des CEPR (Center for Economic and Policy Research) 40,000 Tote durch Sanktionen gegeben haben. Es muss Schluss gemacht werden mit den Sanktionen! Deutschland spielt dabei keine zu unterschätzende Rolle, so fühlt sich die Deutsche Bank dazu berufen, rund 20 Tonnen venezolanischem Gold zu verpfänden (wegen angeblich fehlender Kredittilgungen), wenige Monate nachdem Deutschland den Oppositionspolitiker Juan Guaidó als Interimspräsidenten Venezuelas anerkannt hat. Um mehr „Verantwortung“ zu übernehmen, scheut die Bundesregierung also nicht davor zurück das Völkerrecht zu brechen, wie eine Studie des
wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages belegte. Aber um als militärische, imperialistische Kraft zu neuer Größe zu gelangen bedarf es noch einigem Mehr.
Zweitens: Nie wieder Krieg! Militarisierung der Gesellschaft entgegentreten!
Im Mittelpunkt der deutschen Bemühungen, zu einer imperialistischen Großmacht zu werden ,liegt neben dem Rüstungsetat die Mobilmachung der Bundeswehr. Diese hat aktuell 12 Auslandseinsätze, zwei davon im Mittelmeer und rund 3.100 Bundeswehrsoldaten, die sich derzeit an Auslandseinsätzen beteiligen. Um neues Menschenmaterial zu rekrutieren, versucht die Bundeswehr in teuren Kampagnen die gesellschaftlichen Missstände für sich zu nutzen. Während ein bezahltes Studium und Aufstiegsmöglichkeiten in den meisten Branchen als kaum zu realisieren scheinen, kriegt man bei der Bundeswehr eine Garantie dafür: ein vollfinanziertes Studium, eine gute medizinische und technische Ausbildung sowie hohe Gehälter im Vergleich zu ziviler Arbeit. Dabei gibt sie sich einen fortschrittlichen Anstrich, sogar Frauen erhalten die Möglichkeit bei der Bundeswehr Karriere machen zu können. Um für sich zu werben nutzt sie Berufs- und Studienmessen und zieht viele junge Leute an sich, inzwischen dürfen sogar schon 17-Jährige mit Zustimmung der Eltern eine Ausbildung bei der Bundeswehr anfangen. Dabei trügt der Schein: Die Arbeitsbelastung bei der Bundeswehr ist unverhältnismäßig und arbeitsrechtlich zweifelhaft, vor allem Frauen und Rekruten werden schikaniert, manchmal auch misshandelt.
Dagegen regt sich Widerstand: Dass die Bundeswehr auf Messen und inzwischen den meisten Volksfesten anwesend sind, wird von vielen Menschen nicht mehr akzeptiert, die Störaktionen gegen die Bundeswehr haben sich in den letzten Jahren massiv gehäuft. Und nicht nur da bewegt sich was: die Kritischen Aktionäre Rhein Metall haben eine Störaktion durchgeführt, die medial für Furore gesorgt hat, in der sie auf Rüstungsexporte in Krisengebiete hingewiesen haben. Nicht zu vergessen sind der ständige Kampf gegen die Atomwaffen im Militärstützpunkt und logistischen Zentrum der USA in Europa Rammstein, Abrüsten statt Aufrüsten und viele mehr.
Drittens: Für uns Die Linke.SDS bedeutet das:
– Verstärkt gegen die Propaganda und Rekrutierung der Bundeswehr auf Berufsbildungsmessen und am Campus vorzugehen.
– Die Zivilklausel an unseren Universitäten zu verankern.
– In lokalen Bündnissen für den Frieden aktiv zu sein oder diese zu gründen.
4. Warum wir eine Organisation brauchen
Neben unserer Arbeit in sozialen Bewegungen sind wir aber nicht „nur“ Klimabewegte, Antifaschist*innen usw., sondern klimabewegte, antifaschistische (feministische, antirassistische…) Sozialist*innen. Soziale Bewegungen (wie andere Kämpfe) sind wichtige Faktoren gesellschaftlicher Veränderung. Kaum ein Gesetz oder Reform ist ohne gesellschaftlichen Druck von der Straße oder aus dem Betrieb erkämpft worden. Aber soziale Bewegungen sind nicht an sich gut oder schlecht, sie versammeln Menschen mit unterschiedlichen Einstellung zur Veränderung der Welt. Jede Bewegung sieht sich den Gefahren ausgesetzt, von den Herrschenden vereinnahmt zu werden, aus sozialistischer Sicht kontraproduktive Forderungen zu stellen, oder nach ihrem Abflauen die Aktivist*innen individualisiert zurückzulassen. Um die Welt radikal zu verändern, bedarf es deshalb dem Aufbau von Organisationen.
Im SDS organisieren wir Menschen vor dem Hintergrund sozialistischer Traditionen. Wir diskutieren und streiten um politische Grundsätze wie Richtungsentscheidungen. D.h. anders als Bewegungen, die oft von einer gewissen Pluralität leben, haben wir als Organisation den Anspruch, kollektiv eine Weltanschauung zu teilen um gemeinsam die Welt zu verändern. Sozialistische Grundsätze sind Kompass unserer Praxis. Sich gemeinsam eine kohärente Weltanschauung anzueignen und für diese zu streiten ist eine besondere Herausforderung, schließlich sind wir als Individuen im Kapitalismus vielen unterschiedlichen Vorstellungen und Ideologien ausgesetzt. Eine wichtige Funktion von Organisationen ist es deshalb, Raum für Austausch und Diskussion bereitzustellen, in dem wir uns auf eine gemeinsame Auffassung der Welt und auf Strategien zu ihrer Umwälzung verständigen können.
Gramsci sieht als Aufgabe organisierter Sozialist*innen, theoretisches und praktisches Bewusstsein zusammenzubringen: “Man kann beinahe sagen, er habe ein zweifaches theoretisches Bewußtsein (oder ein widersprüchliches Bewußtsein): ein seinem Handeln implizites Bewußtsein, das ihn real mit allen seinen Mitarbeitern in der praktischen Veränderung der Wirklichkeit vereint, und ein oberflächlich explizites oder verbales, aus der Vergangenheit übernommenes, kritiklos akzeptiertes Bewußtsein”. Das heißt, im SDS haben wir nicht nur den Anspruch, eine revolutionäre Praxis umzusetzen und uns ein kohärentes Verständnis der Welt anzueignen, sondern auch, die beiden Seiten ständig aufeinander abzustimmen. Ohne ein Verständnis der Welt bleibt unsere Praxis orientierungslos, ohne die Praxis bleibt unser Verständnis der Welt abstrakt und interpretiert nur, statt zu verändern. Ziel unserer Organisation muss daher auch sein, unseren Kompass stets neu zu justieren und ihn weiterzugeben. Im SDS bedeutet Bildungsarbeit immer zweierlei: möglichst mit allen ein ähnliches Wissensniveau zu erlangen und gleichzeitig das eigene Wissen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Marxismus ist für uns, wie Ernst Bloch es formuliert, eine “Zukunftswissenschaft” die die Wirklichkeit analysiert, in ihr die “objektiv-realen Möglichkeiten” von gesellschaftlicher Veränderung ausfindig machen will und “all das zum Zweck der Handlung”.
5. Für ein strategisches Umdenken – von Mobilisierung zu Organisierung
Im Zentrum der Mobilisierungspraxis von Bewegungen stehen häufig Demonstrationen, deren gewünschtes Ziel massenmediale Aufmerksamkeit ist. Mediale Aufmerksamkeit kann durch Regierungen ignoriert werden, da sie keinen Schaden hinterlässt – den politischen Feind nichts ‚kostet‘. Mobilisierung zu einzelnen Veranstaltungen, bei denen lediglich das Moment der quantitativen Teilnehmerzahl über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, empfinden wir als ein instrumentelles Verhältnis zu Menschen.
Mit den folgenden vier Punkten fordern wir eine Weiterentwicklung unser politischen Methoden. Wir erkennen die Arbeit von Genoss*Innen in Demo-Bündnissen an, sie leisten wichtige Arbeit, um linke Positionen zu verbreiten und linke Hegemonie herzustellen. Als Verband aber sollten wir in der Lage sein Strategien zu entwickeln, deren zentraler Fokus nicht nur Demonstrationen sind:
1) Linke Gegenmacht beruht auf Solidarität. Solidarität entsteht im direkten Gespräch und der Interaktion mit den Betroffenen. Solidarität ist keine Bekundung, die einmal ausgedrückt wird, sondern eine Form der zwischenmenschlichen Interaktion. Linke Gegenmacht entsteht, indem diese Räume und Netzwerke der Solidarität real entstehen und wachsen. Menschen werden dabei als lebendige Wesen begriffen, die reale Bedürfnisse haben.
2) Wir brauchen eine gegnerorientierte Strategieanalyse: Wer sind unsere Gegner? Wo sind ihre Schwachstellen? Wie kann Druck auf sie ausgeübt werden, damit sie reagieren müssen? Wir brauchen politische Bildung, die Erfahrungen und Erkenntnissen zu bestimmten Gegnern und zur Strategieentwicklung vertieft und weitergibt
3) Druck entsteht dadurch, dass dem Gegner zeitliche, materielle oder Anerkennungs- Kosten entstehen. Materielle Kosten entstehen durch die Unterbrechung von Produktionsprozessen (z.B. Streik oder friedlicher, ziviler Ungehorsam). Zeitliche Kosten drücken sich in Mehraufwand für Routinehandlungen aus. Anerkennungskosten entstehen dadurch, dass das soziale Kapital eines Akteurs geschädigt wird. Verliert ein Akteur Anerkennung und damit Kooperationspartner*Innen, so schränkt das seine Handlungsmacht ein.
Politische Veränderung entsteht nur aufgrund von Druck. Unser Verband sollte Strategien der Druckerzeugung und Gegenmacht entwickeln, prüfen und als parteinaher Verband Menschen selber dazu befähigen, diese Strategien durchzuführen.
A3. Internationale Solidarität stärken – Junge Linke unterstützen
Die Linke.SDS ruft seine Aktivist*innen, die Linksjugend [’solid], sowie die Partei DIE LINKE dazu auf im Rahmen der voraussichtlich im September anstehenden Nationalratswahlen in Österreich die Akteure der Jungen Linke bzw. KPÖ+, sofern dieses Bündnis erneut antritt, aktiv zu unterstützen. In Absprache mit den Jungen Linken wollen wir eine Delegation zusammenstellen, die sie, im Rahmen unserer Möglichkeiten, bestmöglich vor Ort im Wahlkampf unterstützt. Wir bemühen uns bei diesem Vorhaben um finanzielle Unterstützung der LINKEN.
A4. Nachhaltigkeit haben wir zum Fressen gern
Der Bundesverband DieLinke.SDS bietet bei seinen Veranstaltungen ausschließlich vegane Verpflegung an. Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten achtet der Bundesverband Die Linke.SDS auf auf eine regionale, ökologisch-nachhaltige und saisonale Verpflegung. Freegane (also nicht notwendigerweise vegane bzw. vegetarische Lebensmittel, die vor ihrer Vernichtung, z.B. durch Containern oder Foodsaving, gerettet wurden) Produkte können bei entsprechender Kennzeichnung zu einer Erweiterung des Angebot genutzt werden. Bei Produkten, die nicht regional gekauft werden, wie Kaffee, Bananen oder Schokolade, werden Produkte aus fairem Handel bevorzugt gekauft, wenn diese verfügbar und finanzierbar sind. Auch versucht der Bundesverband SDS auf die Nutzung von Einwegplastik zu verzichten. Eventuelle Mehrkosten dürfen keine Auswirkung auf die Teilnahmebeiträge (bspw. der Teilnahmebeitrag für den BuKo) haben.
A7. Bildungstour in Bayern
Die Basisgruppe Nürnberg setzt mit diesem Antrag den Beschluss des Landesvernetzungstreffen Bayern (LVB) um und fordert den Bundeskongress im Namen des LVB auf, finanzielle Mittel nach Absprache mit dem Bundesvorstand und der Bundesgeschäftsführung für gegebenenfalls neue Basisgruppen für eine Bildungs-Tour im Land Bayern bereit zu stellen. Die Antragssteller*innen und der Bundesvorstand bemühen sich bei diesem Vorhaben um eine weitere finanzielle Unterstützung. Unter Bildungstour wird eine mehrwöchige Kampagne verstanden, dessen Ziel es ist in Universitätsstädten Bayerns Agitation und Propaganda zu betreiben. Zu diesem Zweck sind finanzielle Mittel für Fahrtkosten, Material, Unterkunft und ggf. eine Aufwandsentschädigung für die durchführende Person zu stellen. Zusätzlich soll bewirkt werden, dass vorhandene Gruppen gestärkt, die Vernetzung untereinander gefestigt und gegebenenfalls neue Basisgruppen gegründet werden.
A8. Mehr Demokratie organisieren: Ein Verbandswochenende von die Linke.SDS 2020
Die Linke.SDS organisiert im Frühjahr nächsten Jahres ein Verbandswochenende, das den Bundesarbeitskreisen und anderen Projektgruppen als Raum gemeinsamer Debatte dienen soll, sowie die einzelnen Bundesarbeitskreise und alle anderen in einen Dialog zu einem gemeinsamen Jahresplan 2020 setzt.
Das genaue Datum der Ausrichtung muss in enger Absprache mit der Critica-Erstellung festgelegt werden.
Das Verbandswochenende soll als eigenständiger Kostenpunkt in den Haushalt aufgenommen werden. Die Ausrichtung sollte maximal 3000 Euro kosten.
Zur Vorbereitung des Wochenendes wird eine verbandsöffentliche Vorbereitungsgruppe einberufen.
A9. Fridays for Future
Die Linke.SDS bringt sich aktiv in die Fridays For Future Aktivitäten ein. Insbesondere versuchen wir, lokale FFF Studierenden- Gruppen (mit-)zugründen und setzten auf eine breite Mobilisierung an den Hochschulen, die ihre sichtbare Zuspitzung beispielsweise auf einer Vollversammlung zur Klimakrise erfährt. Wir treiben weiterhin die bundesweite Vernetzung der FFF Studierenden voran, und streben eine Fortsetzung der FFF Protest im nächsten Semester an. Im Rahmen seines Vorhabens auch Promovierende und junge Akademiker zu politisieren wird auch angestrebt diese in den Kampf für Klimagerechtigkeit einzubeziehen und sich mit Scientists for Future zu vernetzen.
Dringlichkeitsanträge
D1. Solidarität mit Carola Rackete und Sea-Watch 3
Samstagnacht hat die Kapitänin der Sea Watch, Carola Rackete sich dazu entschlossen, nach mehr als zwei Wochen auf offener See, die restriktiven Anlegebeschränkungen der italienischen Regierung nicht zu akzeptieren und in Lampedusa anzulegen. Kurz danach wurde sie von der italienischen Polizei festgenommen – Ihr drohen bis zu 10 Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 20.000 Euro.
Wir kritisieren dies als Teil der menschenverachtenden Migrationspolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten und solidarisieren uns mit den humanitären Flüchtlingsrettungsorganisationen und mit allen engagierten Aktivist*innen, die Opfer einer europäischen Justiz werden, die Personen dafür bestraft, Menschen vor dem Tod zu retten.
Wir halten fest an unseren Forderungen:
-Sichere Fluchtwege
-Entkriminalisierung der zivilen Seenotrettung
-Humanitärer Umgang mit Schutzsuchenden
-Fluchtursachen bekämpfen! Nicht Geflüchtete! Krieg, Klimawandel und Neokolonialismus bekämpfen!
Aufklärung darüber bleibt weiterhin fester Bestandteil der politischen Arbeit des SDS. Im Bundesverband und in den Ortsgruppen!
D2. Soziale Bewegung statt Regierung: Kein Rot-Grün-Rot in Bremen
Zu den Presseberichten, dass die Koalitionsverhandlungen in Bremen zwischen der SPD, den GRÜNEN und der LINKEN heute, Sonntag, den 30.6.19, zu Ende gebracht werden sollen und es so scheint, dass DIE LINKE seit gestern, den 29.6.19, die Bedingungen der Schuldenbremse akzeptiere, bekräftigt DIE LINKE.SDS:
DIE LINKE ist die einzige solidarische, antifaschistische, friedenspolitische und klimapolitische
Alternative zum kapitalistischen status quo in der BRD. Als diese außerparlamentarische wie
parlamentarische Kraft haben wir in Bündnis mit Initiative, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften in den zurückliegenden Jahren aus der Opposition zu den neoliberalen Verhältnissen und den bürgerlichen Parlamentsbetrieb Verbesserungen erkämpfen können, wie die Abschaffung der allgemeinen Studiengebühren, zahlreiche Zivilklauseln für rein zivile Wissenschaft, teilweise im Hochschulgesetz und den Mindestlohn.
Die Akzeptanz der Schuldenbremse, des Verfassungsschutzes und der Abschiebepolitik des Bundes im angestrebten Koalitionsvertrag in Bremen sendet ein negatives und entmutigendes Signal an alle Genoss*Innen und LINKE-Wähler*Innen, die mit der LINKEN und ihrer Wahl darauf gesetzt haben, dass DIE LINKE für einen grundlegenden Politikwechsel steht.
DIE LINKE.SDS verstehen uns Teil der sozialen Bewegung in Opposition. Wir fordern DIE LINKE in Bremen auf, weiterhin an der Seite der Bevölkerung gegen die neoliberale Politik zu kämpfen statt sie zu verwalten.
Inhaltliche Anträge Teil 2
(weitergereichte Anträge an den Bundesvorstand beschlossen bei der Bundesvorstandssitzung vom 2.-3. August)
A2. Bildungsreise Ostdeutschland
Der BuKo möge beschließen, dass der Bundesverband im WiSe 19/20 eine mehrtägige Bildungsreise Ostdeutschland organisiert. An der Organisation sollen sich sowohl im Osten, als auch im Westen lebende Genoss*innen beteiligen. Die Antragsstellenden erarbeiten in Absprache mit der Geschäftsführung und der Schatzmeister*in ein Finanzierungskonzept.
A5. Links blinken, rechts abbiegen. Keine Strategie für die Linke!
Wo steht die Partei?
Angesichts der zugespitzten gesellschaftlichen Widersprüche (kapitalistische Verwertungskrise/Kriegsgefahr/autoritärer Neoliberalismus/ökologische Krise) muss sich die Linke fragen, ob ihre Strategie der letzten Jahre aufgegangen ist. Vom wahlpolitischen Standpunkt aus sind eher Stagnation (bzw. minimaler Zuwachs) oder Verlust zu verzeichnen. Auch die Mitgliederzahl liegt heute weit unter dem Niveau zur Parteigründung. Relevanter ist jedoch der Charakter der Partei, der sich immer stärker zum Mehrheitsbeschaffer für den neoliberalen Block (CDU, FDP, SPD, Grüne) verändert. Gerade die zahlreichen Beteiligungen an Landesregierungen, die Austeritätspolitik exekutieren, Abschiebungen durchführen, Privatisierung mittragen und den Überwachungsstaat vorantreiben, verändern abseits von Programmdebatten die Partei nachhaltig. Diese innerparteiliche Rechtsverschiebung ist das Gegenteil einer sozial verankerten, sozialistischen, friedenspolitisch aktiven und ökologischen Partei.
Hieran angeschlossen ist ebenfalls zu konstatieren, dass es der Partei nicht gelingt als dritter Pol zwischen altem neoliberalen Block (SPD, CDU, Grüne, FDP) und autoritären, reaktionären Neoliberalen (AfD) eigenständig sichtbar zu bleiben. In vielen Fragen unterwirft sich die Partei öffentlich einer binären Logik, statt als selbstbewusste Mitgliederpartei sozialistische Forderungen zu vertreten und sich mit den Herrschenden anzulegen (pro EU vs. Nationalismus/Kriegsbefürworter vs. Diktatorenversteher/Willkommenskultur vs. geschlossene Grenzen etc.). Vorbild an marxistischen Parteien auch weltweit nehmen (bspw. PCP in Portugal)
Mit Blick auf die Wahrnehmung der Partei fällt auch das zunehmende Gewicht des Parteiapparats und Mandatsträgern auf. Deren materielle Abhängigkeit von Wahlerfolgen und ihre Einbindung in die Strukturen des bürgerlichen Parlamentarismus hinterlassen Spuren in der Partei. Symptomatisch hierfür steht nicht nur die medientaugliche Inszenierung von Parteitagen, sondern auch die teils schwache Zusammenarbeit und Unterstützung von Initiativen und Bewegungen oder das betont staatstragende Auftreten von einigen Abgeordneten. Der Parlamentarismus wird hier immer stärker zum Selbstzweck statt Bühne für die Anprangerung des Klassengegners und den unhaltbaren Zuständen der Kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu sein. Protest und Widerstand sind eher die Ausnahme als die Regel.
Wohin geht die Partei?
In dieser Gemengelage drängt sich auch uns als Studierendenverband die Frage nach dem Fortgang der Partei die Linke auf. Mahnend können wir aus der jüngeren Geschichte lernen, dass Parteien links der sozialdemokratischen Mitte ohne klare inhaltliche Zuspitzung und Klassenstandpunkt verkümmern oder ganz im herrschenden neoliberalen Block aufgehen. Dieser Gefahr gilt es entgegenzutreten und mit Hilfe der Partei die Linke eine Kraft zu erhalten, die gesellschaftlichen Protest aufnimmt, klassenkämpferisch zuspitzt und zu einer Politik formiert, die über die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinausweist.
Welche Rolle kann der SDS dabei spielen?
Der Bundesvorstand organisiert in Zusammenarbeit mit einer Vorbereitungsgruppe ein weiteres Vernetzungstreffen für SDS-Mitglieder, um sich zu Fragen der Partei auszutauschen. Das Treffen wird im Nachgang verbandsöffentlich ausgewertet.
Vorschlag Inhalt:
Lage der Partei (Analyse: inhaltliche Konfliktlinien/Strategie/Taktik/Kräfteverhältnisse/Zusammensetzung der Parteibasis)
Inhaltliche Bildung: Risiken des Parlamentarismus/Entdemokratisierung/Opposition statt Barbarei
Strategiewerkstatt:
Erfahrungsberichte Parteiarbeit
Erstellung „Leitfaden“: tätiger Eingriff in Parteistruktur vor Ort (z.B. zu Demokratisierung, gemeinsame Projekte, Strategiedebatte vor Ort)
Formulierung Gesamtstrategie des Verbandes in Bezug auf die die Linke
A6. Schluss mit Kriegstreiberei gegen den Iran!
Die Linke. SDS möge beschließen:
Wir lehnen die militärische Eskalation seitens der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Israels und Saudi-Arabiens gegen den Iran ab. Die Explosionen auf Öl- und Chemikalientankern im persischen Golf vom 12 Mai und 13. Juni 2019 werden seitens der USA und Saudi-Arabiens als Angriff des Irans deklariert, was jedoch nicht bewiesen ist. Wir fordern eine unabhängige Überprüfung der Vorfälle durch ein paritätisch besetztes Expertenteam des UN-Sicherheitsrats, wie dies bereits Andrej Hunko (MdB, Die LINKE) und Sevim Dagdelen (MdB, Die LINKE) gefordert haben. Der Iran bezieht keinen Nutzen aus einer weiteren militärischen Eskalation. Im Kriegsfall würde nicht nur der Iran, sondern die gesamte Nahost-Region massiv destabilisiert. Zudem könnte ein Konflikt zwischen dem Iran und den genannten Konfliktparteien eine weltweite militärische Eskalation befördern.
Angriffe auf Öl- und Chemikalientanker im persischen Golf, ob als Provokationen oder als False-Flag-Aktionen, zeigen auch, dass Krieg und Umweltzerstörung Hand in Hand gehen.
Wir lehnen ferner die Aufkündigung des Wiener Abkommens zwischen Iran, den permanenten UN-Sicherheitsratsmitgliedern und der BRD durch die USA ab. Das Abkommen war gut genug, um die Gefahr eines Atomkrieges im Nahen Osten mindestens bis 2030 zu bannen. Die Aufkündigung des Abkommens durch die Vereinigten Staaten ist gefährlich – die Versuche der BRD und der EU, den Iran einseitig zu weiteren Zugeständnissen zu drängen, sind momentan eher perfide als nützlich, solange nicht auch die Vereinigten Staaten zur Einhaltung der Bedingungen ermahnt werden..
Die Vereinigten Staaten haben ihren Teil des Abkommens nicht eingehalten und verhängen schwere wirtschaftliche Sanktionen gegen den Iran. Wir lehnen diese Sanktionen ab, mit welchen Stimmung für einen Regimechange geschaffen werden soll. Sie sind völkerrechtswidrig, treffen die Allerschwächsten und befördern weder Sozialismus noch Demokratie im Iran. Ein Regimechange auf diese Art und Weise würde eher Faschisierung und/oder Staatsversagen bedeuten – mit der Folge, dass terroristisches Potenzial freigesetzt würde. Innergesellschaftlicher Fortschritt kann nicht durch externe Bedrohung und Erpressung befördert werden.
A10. Wissenschaft für Frieden und Abrüstung
Wissenschaft für Frieden und Abrüstung
Zivilklauseln für Hochschulen und Gesellschaft – Atomwaffen ächten!
Die Welt ist zum Bersten gespannt: Weltweit setzen sich Menschen für Frieden und Abrüstung ein. Aktiven um das internationale Bündnis ICAN ist es nicht nur gelungen, dass die UN-Vollversammlung mit großer Mehrheit den Atomwaffenverbotsvertrag beschlossen hat; binnen kürzester Zeit haben über 20 Staaten diesen bereits ratifiziert und verfolgen sie in anderen Ländern intensiv weiter. Gewerkschafter*innen wenden sich wieder verstärkt Fragen der Abrüstung und Rüstungskonversion zu. Dagegen und zum Erhalt ihres obszönen Besitzes und der abgeleiteten Macht unternehmen eine kleine Minderheit und ihre Vasallen erhebliche Aufrüstungsbestrebungen in den NATO-Staaten. Wirtschaftliche und militärische Aggressionen insbesondere Richtung Iran, Russland und China sind ein tödliches Spiel mit dem Feuer. Weiterhin werden Wahnsinn und Brutalität des Krieges für die Durchsetzung ökonomischer und machtpolitischer Interessen im Nahen Osten, in Südamerika und Afrika betrieben sowie mit der Ukraine nach Jugoslawien auch wieder im Europa.
Während in Paris die Verteidigungsministerinnen von Frankreich, Spanien und Deutschland samt erheblichem Medienrummel mit einem weiteren internationalen Rüstungsgroßprojekt weiter zündeln, lehnt die Mehrheit der Bevölkerungen nicht nur in diesen Ländern weiterhin Kriege ab. Weltweit setzen sich wieder zunehmend Menschen gegen den Rüstungswahn für friedliche Verhältnisse ein. So haben sich – in den Medien weitgehend verschwiegen – Hafenarbeiter im Bündnis mit Gewerkschaften und Organisierten der Friedensbewegung in Italien, Frankreich und Spanien in den letzten Wochen geweigert Waffen für Saudi-Arabien auf Schiffe zu verladen. Die saudischen Frachter mussten die Häfen mehrfach unverrichteter Dinge wieder verlassen. Bremen wurde angesichts des angekündigten Widerstands gar nicht erst angelaufen.
Auch an den Hochschulen streitet der SDS für Frieden, Abrüstung, internationale Solidarität und die Schaffung humaner Lebensbedingungen für Alle. Zivilklauseln in diesem Sinne wurden in einigen Hochschulgesetzen – gegen heftige Gegenwehr seitens der (Rüstungs-)Wirtschaft und Konservativer in Politik und Hochschulen – durchgesetzt. So war das kontinuierliche Engagement friedensaktiver Mitstreiter*innen so wirksam, dass im Jahr 2014 eine sogenannte „Zivilklausel“ im NRW-Hochschulgesetz verankert wurde.
Dort wurde unter „Aufgaben der Hochschulen“ festgeschrieben:
„(6) Die Hochschulen entwickeln ihren Beitrag zu einer nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt. Sie sind friedlichen Zielen verpflichtet und kommen ihrer besonderen Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung nach innen und außen nach. Das Nähere zur Umsetzung dieses Auftrags regelt die Grundordnung.“
Alle Universitäten und Fachhochschulen in NRW haben sich diesen positiven Maßstäben mittlerweile verpflichtet und mit eigenen Formulierungen in ihre Grundordnungen festgeschrieben.
Die Friedensaktivitäten wirken: Wissenschaffende sind durch die Zivilklausel ermutigt, Rüstungsvorhaben abzulehnen und öffentlich zu machen. Der lange Zeit vorwiegend im kleinen stattfindende Diskurs, für den Bildung und Forschung im Sinne der Menschen unternommen werden, bildet mit seiner sinnstiftenden Perspektive die lebendige Alternative zu Vereinzelung an Hochschulen, die es dem Kapital so leicht gemacht haben, für ihre hässlichen Geschäfte mit dem Tod auch die Hochschulen zu vereinnahmen.
Kein Wunder also, dass die Rüstungsindustrie, CDU und FDP die Zivilklausel ablehnen und wieder aus dem Gesetz streichen wollen. Nicht zuletzt sollen dadurch die Hochschulen in NRW mit den Aufrüstungsplänen der Bundesregierung kompatibel gemacht werden.
Doch sie haben ihre Rechnung ohne uns gemacht! Mehr als 90 Persönlichkeiten und Organisationen aus Umweltbewegung, Friedensbewegung, Gewerkschaft, Kultur und Wissenschaft fordern aktuell die schwarz-gelbe Landesregierung auf, die Zivilklausel zu erhalten. Ihre Petition wurde bisher von über 5.000 Menschen unterzeichnet, wächst stetig und erfährt bundesweit Solidarität.
Als SDS rufen wir dazu auf, die Petition „Wissenschaft für Nachhaltigkeit, Frieden und Demokratie – Die Zivilklausel in NRW erhalten!“ zu unterzeichnen, weiter zu verbreiten und darüber zu diskutieren, wie wir an allen Hochschulen in Wissenschaft, Lehre und Forschung unseren spezifischen Beitrag zur Mehrung des Friedens und internationaler Solidarität weiter ausbauen können. Dazu zählt auch die finanzielle Unabhängigkeit von Drittmitteln, die durch künstliche Prekarität an den Hochschulen erst empfänglich für menschenwidrige Vorhaben macht.
Wir arbeiten mit außerhochschulischen Zivilklauselbewegungen zusammen, die z.B. in der „Friedensstadt Augsburg“ seit Jahren nicht nur für eine Politisierung und Aktualbezug der dortigen Friedensfeierlichkeiten sondern auch für eine konsequente Rüstungskonversion streiten, oder die Hamburger Initiative gegen Rüstunsexporte, die für eine Zivilklausel im Hamburger Hafen, also für die ausschließlich zivile Nutzung und den Umschlag ausschließlich ziviler Güter dort kämpft.
Insbesondere setzen wir uns dafür ein, dass die von Friedensnobelpreisträger ICAN initiierte ‚Erklärung für Abgeordnete zur Unterstützung des UN-Atomwaffenverbotsvertrags‘ auch in den Hochschulgremien und lokalen Parlamenten unterstützt werden. Ziel ist es parlamentarische Initiativen zu initiieren, die in Richtung Landesparlamente und Bundesrat gerichtet sind, damit die Bundesrepublik dem UN-Vertrag zum Verbot der Atomwaffen beitritt und die US-Atomwaffen von deutschem Boden abgezogen werden.“
———-Dokumentiert———-
I. Der Petitionstext aus NRW:
Wissenschaft für Nachhaltigkeit, Frieden und Demokratie – Die Zivilklausel in NRW erhalten!
„Wie gelingt es, dass kein Mensch mehr an Hunger sterben muss und Solidarität und demokratische Teilhabe gesellschaftlich umfassend verwirklicht werden? Was sind Ursachen für Krieg und Gewalt und was Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes, friedliches Zusammenleben? Wie kann die globale Aufrüstung gestoppt, wie zivile Konfliktlösung und das Völkerrecht gestärkt werden? Welche ökonomischen Interessen stehen einer nachhaltigen Entwicklung entgegen, wie können natürliche Ressourcen geschont und produktiv gemacht statt verschwendet werden? Die gesellschaftliche Beantwortung dieser Fragen duldet keinen Aufschub, die Wissenschaft spielt hierfür eine zentrale Rolle.
In diesem Sinne wurde auf Grund des jahrelangen Engagements von kritischen Hochschulmitgliedern 2014 eine sogenannte „Zivilklausel“ ins NRW-Hochschulgesetz aufgenommen:
„Die Hochschulen entwickeln ihren Beitrag zu einer nachhaltigen, friedlichen und demokratischen Welt. Sie sind friedlichen Zielen verpflichtet und kommen ihrer besonderen Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung nach innen und außen nach. Das Nähere zur Umsetzung dieses Auftrags regelt die Grundordnung.“
Eine gesetzliche Zivilklausel bedeutet eine Bekräftigung der Hochschulen und ihrer Mitglieder, die Wissenschaft am Allgemeinwohl auszurichten. Sie bringt zudem den Gesetzgeber in die Verantwortung, zur Verwirklichung dieses Auftrags entsprechende Studien- und Arbeitsbedingungen zu schaffen.
Die Streichung der Zivilklausel aus dem NRW-Hochschulgesetz, wie sie die aktuelle Landesregierung beabsichtigt, wäre geschichtsvergessen und ein Schritt in die falsche Richtung.
Die Zivilklausel muss erhalten bleiben! Dafür treten wir ein.“
Die Petition findet ihr hier:
https://weact.campact.de/petitions/wissenschaft-fur-nachhaltigkeit-frieden-und-demokratie-die-zivilklausel-in-nrw-erhalten
II. ICAN-Erklärung für Abgeordnete zur Unterstützung des UN-Atomwaffenverbotsvertrags:
„Wir, die unterzeichnenden Abgeordneten, begrüßen die Annahme des Vertrages für ein Verbot von Atomwaffen am 7. Juli 2017 in den Vereinten Nationen ausdrücklich als einen entscheidenden Schritt zur Verwirklichung einer atomwaffenfreien Welt.
Wir teilen die in der Präambel ausgedrückte, tiefe Sorge über die katastrophalen humanitären Auswirkungen jeglichen Gebrauchs von Atomwaffen und erkennen die dringende Notwendigkeit an, diese unmenschlichen und abscheulichen Waffen zu vernichten.
Als Abgeordnete geloben wir, auf die Unterzeichnung und die Ratifizierung dieses bahnbrechenden Vertrages durch unsere jeweiligen Staaten hinzuwirken, da wir die Abschaffung von Atomwaffen als hohes, globales öffentliches Gut begreifen und als einen wesentlichen Schritt zur Förderung der Sicherheit und des Wohls aller Völker.“
Zu finden hier:
https://www.icanw.de/abgeordnetenerklaerung/
A12. Verbesserungen beginnen mit Opposition
I. Verbesserungen beginnen mit Opposition
DIE LINKE ist die sozialistische, friedenspolitische und antifaschistische Kraft in der BRD. Sie hat eine hohe Verantwortung, den gemeinsamen Aufbruch für eine soziale Politikwende aus verordneter Konkurrenz und Passivität zu ermuntern, zu fundieren, zu organisieren – für eine sozialistische Perspektive. Dafür müssen wir uns positiv unterscheiden zum neoliberal-verhetzten Alltag. Denn der neoliberale Kapitalismus ist tief in der Krise. Die Lüge, dass es allen gut ginge, wenn es dem Markt gut gehe, ist aufgeflogen. Rund um den Globus formieren sich soziale Bewegungen für den grundlegenden Politikwechsel. DIE LINKE ist Teil dieser sozialen Bewegung.
In den zurückliegenden Jahren haben wir als DIE LINKE.SDS in Zusammenarbeit mit der LINKEN aus der gesellschaftlichen Opposition heraus mit Initiativen, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften einiges erreicht: Die allgemeinen Studiengebühren wurden abgeschafft, zahlreiche Zivilklauseln für rein zivile Wissenschaft wurden eingeführt, das Bachelor-Master-System steht erheblich in Kritik, Hochschulgesetze wurden zaghaft demokratisiert, anlässlich der sog. Exzellenzstrategie haben sich tausende Kolleg*innen für gemeinwohlorientierte Wissenschaft eingesetzt, aus den Hochschulen werden Grundfeste der neoliberalen Politik infrage gestellt: für eine soziale Klimapolitik, für ein Ende der Austerität, für die menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen, für Demokratisierung statt rechter Hetze, für Abrüsten statt Aufrüsten, und vieles mehr… Opposition wirkt. Überall!
Die Verteidigung des neoliberalen Kapitalismus wird in Gegnerschaft zu dem zahlreichen Protest aus der Bevölkerung aggressiver und destruktiver, und auch verzweifelter: Es wird die Politik der Austerität betrieben, mit Säbeln gerasselt und gegen Flüchtlinge gehetzt. Das ist kein Konzept zur Lösung der Krise. In diesen Zeiten tut die LINKE gut daran, die Ambition für eine solidarische Gesellschaft zu weiten und zu vertreten. Auch um den extrem rechten Kräften das Wasser abzugraben. Denn je offensiver und souveräner die LINKE, desto kleiner die extrem rechten Kräfte. Dafür muss DIE LINKE engagiert eingreifen:
Als Partei DIE LINKE sind wir gesellschaftliche Kraft für Frieden, soziale Progression, gegen Rechts; mit einem parlamentarischen Arm, nicht umgekehrt. Wir wissen, dass sich grundlegende politische Veränderungen nur durch eine Veränderung der gesellschaftlichen Kräfte und Ideen, durch Menschen in Bewegung, durch massenhaft politisierte Alltagspraxis gegen die Profitinteressen der Konzerne durchsetzen lassen.
Aus diesem Grund muss die LINKE parteilich oppositionell in den gesellschaftlichen Konflikten sein und bleiben. Weil wir für unsere Überzeugungen und unser Engagement für grundlegenden Wandel in der Opposition Verantwortung übernehmen und uns nicht für Senator*innenposten, faule Kompromisse oder einen besser verwalteten Kapitalismus hergeben.
Wir fordern die LINKE in Bremen, und auch in Brandenburg, Thüringen und Berlin auf, diese gesellschaftliche Verantwortung ernstzunehmen, und mit uns engagierte soziale, friedenspolitische, antifaschistische und ökologische Politik zu betreiben und sich für die Seenotrettung zu engagieren. Die Linke muss die Eigentumsfrage energischer als bisher stellen, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel fordern und dies in die Öffentlichkeit tragen: Verbesserungen beginnen mit Opposition!
Die aufgelisteten Punkte sehen wir als Grundlage unserer Haltung gegenüber Regierungsbeteiligungen und der Unterstützung in den Basisgruppen in den betroffenen Landesverbänden. Im Rahmen der Debatte um Regierungsbeteiligungen in der Partei werden die aufgezählten punkte Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverbandes.
A13. Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung verteidigen – der feministische Kampf geht weiter!
Die Linke.SDS erklärt sich mit den Bemühungen um eine Abschaffung des Paragraphen 219a und 218 StGB solidarisch und bringt sich aktiv in die Kampagne zur Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ein.
Wo wir vor Ort oder in der Nähe Strukturen haben, mobilisieren wir zu und beteiligen uns bundesweit an den lokalen Protesten gegen Aufmärsche christlich-fundamentalistischer „Lebensschützer“ – wie in Berlin am 21. September 2019 oder in Münster, München, Fulda oder Annaberg-Buchholz.
Wir beteiligen uns an den Aktivitäten für den dezentralen, bundesweiten Aktionstag am 28. September 2019, dem Internationalen Aktionstag für den Zugang zu sicherer und legaler Abtreibung gemeinsam mit Pro Choice Bündnissen, Bündnissen für sexuelle Selbstbestimmung, Frauen*streik/feministischer Streik Strukturen oder anderen Aktivengruppen, die vor Ort bereit sind für die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Straße zu gehen.
A14. Kampf gegen Rechts langfristig anlegen – sozialistische Alternative statt Bündnissen mit der CDU
Die kommenden Landtagswahlen werden die AfD-Ergebnisse in den ostdeutschen Bundesländern wahrscheinlich verfestigen. Die jetzigen Wahlergebnisse der AfD sind kein Rechtsruck, denn die aktuellen Verhältnisse und damit verbunden rechtes Denken sind über die Jahre entstanden und waren lange vor der AfD da.
Rechte Hegemonie, rechte Regierung?
Die rechte Hegemonie in Ostdeutschland ist lange gewachsen und wird – das zeigen die europaweiten Vergleiche – nicht einfach verschwinden. Die Auseinandersetzung mit der AfD und anderen Rechten von Teilen der CDU bis zum Dritten Weg ist eine Generationenfrage!
Das macht die Auseinandersetzung um Wahlergebnisse an der Uni, dem Landtag oder den Betriebswahlen nicht weniger drängend, ordnet sie aber in eine lange Reihe von Auseinandersetzungen ein: eine verlorene Schlacht ist noch lange kein verlorener Krieg! Jeder Sitz im Parlament bedeutet mehr Personal und Ressourcen für die AfD. Das wollen und müssen wir verhindern. Eine Regierungsbeteiligung der AfD mit ihrer unmenschlichen Politik wollen und müssen wir verhindern. Die Machtmittel des Staates dürfen nicht in die Hand der AfD fallen!
Keine falschen Schlüsse
Natürlich gibt es deshalb Druck aus Initiativen und von Teilen der Partei um eine Regierungsbeteiligung der AfD um jeden Preis zu verhindern. Führende Politiker*innen von LINKE und CDU werben daher offen oder verdeckt für Koalitionen oder Tolerierungen, um die AfD außen vor zu halten. So sehr wir die Sorge vor einer AfD-Regierung verstehen, ist das aber die falsche Antwort. Die bürgerliche „Mitte“ und auch Teile der Regierungslinken beschwören die wehrhafte Demokratie: Aufrüstung der Polizei oder des Verfassungsschutzes im Kampf gegen Rechts sind die Folge. Das ist ein Irrweg. Mehr Repression und Aufrüstung nach innen führen nicht zu weniger, sondern mehr Unsicherheit. Der Verfassungsschutz ist ein gutes Beispiel dafür: Er ist von Altnazis gegen die KPD gegründet worden.
Ebenso gefährlich wie die radikale Rechte selbst, ist die Übernahme rechter Politiken durch CDU, CSU, Grüne und SPD. Es nützt nichts, wenn die AfD verschwindet, die CDU/CSU aber ihre Politik exekutiert. Die AfD muss nicht in der Regierung sein, um die Politik zu bestimmen. Die AfD ist in weiten Teilen Fortführung bürgerlicher Politik mit anderen Mitteln. Natürlich hat die AfD faschistische Elemente – gerade in Sachsen, Brandenburg und Thüringen – doch sie ist keine faschistische Kraft. Bis heute hat sie keine paramilitärischen Strukturen ausgebildet. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn der letzte Faschismus hat fast zur Auslöschung der deutschen Linken geführt.
Keine Bündnisse mit der CDU
Eine ganz große Koalition von der LINKEN bis zur CDU gegen Rechts würde CDU-AfD-Koalitionen kurzfristig, aber sicher nicht langfristig verhindern. In einer Koalition mit der CDU ist keine progressive Politik umzusetzen. Sie wäre maximal eine Fortsetzung des Status Quo, der die Rechte gestärkt hat. Wahrscheinlicher produziert eine Koalition mit der CDU oder eine Tolerierung ständige innere Querelen – auf der Ebene mit der CDU, aber vor allem auch in DIE LINKE selbst. Gesellschaftlich würden solche Bündnisse oder Tolerierungen die AfD als „einzige politische Alternative“ – die sie nicht ist – bestärken. So sehr wir die Intentionen der Genoss*innen und der vielen Antifaschist*innen verstehen, „hilfloser Antifaschismus“, der nicht die Ursachen der rechten Hegemonie angreift, ist zu wenig. Gerade im Osten muss DIE LINKE wieder zur widerständigen Kraft werden. Statt politischer Kurzschlüsse und absehbarer Fehler sollte DIE LINKE den politischen Kampf mit der Rechten auf Jahrzehnte anlegen! Die liberale Linke, ob Grün oder SPD, erreichen viele Menschen nicht mehr. Hier muss DIE LINKE auf der Alltagsebene, kulturell, sozial und kämpferisch eine politische Alternative zu den Rechten (wieder-)bilden!
Statt über Koalitionen/Tolerierungen mit der CDU nachzudenken, brauchen wir einen praktischen Antifaschismus des 21. Jahrhunderts, eine stärkere Verankerung vor Ort, gelebte Alternativen und praktische Reformen, die den Blick auf die Zukunft richten und uns nützen statt (implizit) nur über die Abwehr von Gefahren zu reden. Der beste und praktischste Antifaschismus ist eine starke, verankerte, schlagkräftige Linke!
Als SDS setzen wir uns daher auf möglichen Ebenen gegen die Rechte und unsinnige Bündnisse/ Tolerierungen mit der CDU ein! Statt taktischen Bündnissen setzen wir auf eine sozialistische Alternative im Kampf gegen Rechts!
Wir fordern die Landesverbände der LINKEN auf Koalitionen und Tolerierungen von CDU-Regierungen von vornerein auszuschließen!